Vierzehnte Scene.

Die Vorigen. Famussoff (kommt mit mehreren Dienern, die Fackeln, Lichte und Laternen tragen).

Famussoff.

Hierher! Mir nach! Geschwind, geschwind!

Mehr Licht! Laternen! Nun, wo sind

Denn die Gespenster? Wie? Was seh’ ich da?

Wie? meine Tochter? Ha!

Verworfne Dirne, ohne Scham!

Und wo? Und sag’ mit wem? Infam!

Ja! Topp auf Topp! Ganz auf ein Haar

Wie meine sel’ge Frau, wie ihre Mutter war.

Kehrt’ ich den Rücken nur, so wußt’ ich’s schon’

Gleich steckt’ sie irgendwo mit einer Mannsperson.

Du! fürchte Gott!

Wie hat Dich dieser Mensch denn so berückt?

Du selbst erklärtest ihn ja für verrückt;

Ja so!! — Ich war ja blind und dumm!

Erfunden war’s und alle wußten drum.

Er selbst war im Complott

Mit allen meinen Gästen.

Wodurch verdient’ ich, lieber Gott,

Daß man mich also hält zum Besten!

Tschatzki (zu Sophie).

Das Mährchen also haben Sie erdacht?

Famussoff.

Schatz, keine Finten hier gemacht!

Ich lass’ mich länger nicht betrügen

Und würdet ihr euch hier gleich in den Haaren liegen.

(Zum Portier.)

Du, Philipp, bist ein Klotz, wie ich nun deutlich seh’ —

Ein Rindvieh macht’ ich zum Portier.

Er hört und sieht nicht; — sag’ — wo hast Du denn gesteckt?

Wie hast Du denn nicht alles gleich entdeckt?

Warum verschlosst Du nicht die Thüre jetzt?

Und warum passest Du nicht auf bis ganz zuletzt?

(Zu den übrigen Dienern.)

Wo war’t ihr alle hingelaufen? —

Zur Arbeit — nach Sibirien mit euch!

Für einen Groschen wär’t ihr fertig gleich

Mich zu verrathen und mich zu verkaufen.

(Zu Lisette.)

Und das, Du Falkenaug’, sind deine Schelmenstücke!

Da haben wir die Schmiedebrücke

Und Putz und Modennarrethei.

Da hast Du es gelernt

Wie man den Seladon läßt ein

Und wieder ihn entfernt.

Wart’ nur, Dir leg’ ich Deine Suiten,

Auf’s Dorf mit Dir, da kannst Du Gänse hüten!

(Zu Sophie.)

Auch Du, Mamsell, Du bleibst nicht länger hier.

Zwei Tage Zeit noch geb’ ich Dir,

Dann wirst Du fort aus Moskau gehn

Und nicht mehr Menschen sehn.

Ich halte Dich schon fern

Von solchen abgefeimten Herrn.

Zur Muhme, nach Saratow — in die Wüste hin,

Das wird kuriren Deinen Sinn.

Da kannst Du seufzen in der Oede,

Von Liebelein ist dort nicht mehr die Rede;

Da kannst Du Dich am Rahmen dehnen

Und hinter der Postille gähnen.

(Zu Tschatzki.)

Erlauben Sie, mein Herr, daß ich Sie ernstlich bitte

Zu unterlassen alle weitern Schritte,

In jeder Art, nicht grad’, nicht krumm —

Sie werden schon für Ihre Streiche büßen,

Und hier im ganzen Publikum

Wird jede Thür vor Ihnen sich verschließen —

Denn ich versprech’s — ich werde Lärmen schlagen,

Ich werde jedermann in Moskau fragen

Wie solch Betragen ihm gefällt.

Erfahren soll es alle Welt,

Ich schrei’ es aus in alle Häuser,

Ich reich’ es ein in den Senat,

Ich klag’ es dem Ministerrath,

Ich gehe bis zum Kaiser!

Tschatzki.

Ich fass’ es nicht, ich muß gestehn,

Ich hör’ es zwar, doch kann ich’s nicht begreifen.

Betäubt davon was hier geschehn

Steh’ ich noch da und die Gedanken schweifen.

Ich Thor! Wo suchte ich den Preis für meine Leiden?

Ich eilte, flog, ich zitterte vor Freuden,

Dem Glück schon nah mich wähnend;

Nur Eines wünschend, Eins nur sehnend

Verschwendet’ ich der Liebe heißes Flehn,

Und Sie — Sie wählten — wen?! —

Und wollten Sie mich denn verschmäh’n —

Warum denn heucheln

Und mir mit Hoffnung schmeicheln?

Warum mir denn nicht deutlich sagen:

Hin sei der Traum aus jenen Jugendtagen,

Und nur noch Gegenstand für Ihren Spott!

Warum mir denn nicht sagen,

Daß lau geworden die Erinnerung sogar

An die Gefühle, die wir theilten,

Und die in mir nicht Trennung, nicht die Zeit,

Zerstreuung nicht und weite Reisen heilten;

Die jedem Athemzug verwebt —

Mit denen ich gelitten — mit denen ich gelebt!

Ach hätten Sie die Wahrheit nicht gescheut,

Daß meine schnelle Rückkehr, mein Betragen,

Mein Anblick, meine Worte Ihnen nicht behagen,

Ich hätte Sie sogleich von mir befreit.

Ich hätte nicht in meinem blinden Wähnen

Nach dem gestrebt, was er, Ihr Liebling da —

(Er lacht.)

Haha!

Sie werden sich versöhnen!

Wenn reiflich Sie’s bedenken,

Wozu sich selber kränken?

Und dann — Sie können windeln ihn und plagen

Und in Geschäften aus dem Hause jagen,

Solch Ehejüngelchen, solch einen Eheknecht —

Zum Pagen wie geschaffen

Für’s ganze weibliche Geschlecht,

Der Eheherren hohes Ideal

In Moskau — o — ein sauberer Gemahl.

Genug! Es ist mein Stolz Sie zu vergessen.

(Zu Famussoff.)

Sie, alter Herr, auf Rang stets so versessen,

O träumen Sie unwissend — glücklich fort!

Ich gebe Ihnen hier mein Ehrenwort:

Ich werbe nie um Ihrer Tochter Hand,

Weil sich ein andrer Ritter fand.

Ein Männlein sehr erfahren und geschickt,

Ein Speichellecker, der sich ewig bückt,

Und der auch ganz, so wie mir däucht,

Dem künft’gen Schwiegervater gleicht.

Die Schuppen ha, sind mir vom Aug’ gefallen,

Die Binde sank — die Täuschung hörte auf!

Jetzt thäte es mir wohl, zu gießen meine Galle

Und meinen Hohn

Auf Vater, Tochter, Schwiegersohn,

Mit einem Wort — auf Alle!

Zu welchen Menschen führte mich

Das Schicksal doch so wunderlich!

Verfolgung, Spott, des Hohnes Klänge

Erfuhr ich nur von dieser blinden Menge;

Verräther an der Treu und Liebe,

Und unersättlich in des Hasses Triebe.

Unbänd’ge Schwätzer, boshaft alte Weiber,

Dummkluge Weise,

Verschmitzte tück’sche Pinsel, matte Greise,

Die zum Kind

Herabgesunken unter Possen sind! —

Ihr habt posaunt in vollem Chor,

Daß ich Verstand und Sinn verlor!

Und Ihr habt Recht! — Wenn ein verständ’ger Mann

Nur einen Tag mit Euch durchleben kann

Und es gelingt Euch nicht den Kopf ihm zu verdreh’n

So kann er dreist durch’s Feuer gehn.

Aus Moskau fort!

Nein, Moskau ist nicht mehr das Ziel von meinen Reisen.

Ich suche nichts als einen stillen Ort

Um hin mein wundes Herz zu tragen.

Mein Wagen, schnell, wo ist mein Wagen!

(Schnell ab.)

Fünfzehnte Scene.

Die Vorigen (ohne Tschatzki).

Famussoff.

Nun siehst Du! Ist’s nicht sonnenklar,

Daß niemand je verrückter war?

Sag’ selbst, im Ernst, — was sprach er gleich

Für tolles abgeschmacktes Zeug!

Von Speichelleckern fing er an

Von einem Schwiegervater dann;

Und das war sonderbar,

Was er auf Moskau böse war.

Doch Du — Du bringst mich um — ja Du!

Bin ich nicht so schon zu beklagen?

Ach großer Gott, was wird dazu

Nun unsre alte Fürstin sagen!!

(Gruppe. Der Vorhang fällt.)

Ende des vierten und letzten Akts.

Bemerkungen
über das vorliegende Stück.

Über jedem ächten Kunstwerke liegt der Hauch der Ursprünglichkeit gebreitet, den der Mechanismus des Copirens, der Nachbildung abstreift. — Aber wer eine Statue, ein Bild copirt, arbeitet wenigstens in dem nämlichen Stoff; — der Übersetzer dagegen soll den geistigen Stoff in einem ganz anderen Material, in einer anderen Sprache wiedergeben, und Übersetzungen gleichen daher, wie der sonst verständige, tolle Junker von la Mancha sagt, — verkehrten Tapeten. Am schwierigsten erscheint nun die Übersetzung eines dramatischen Stückes, wenn die Sprache je nach den Characteren eine ganz verschiedene ist, und wenn verschiedene Bildungsstufen und Zustände eigenthümlicher, ja lokaler Art dargestellt sind. Und dieses ist der Fall mit dem vorliegenden Drama Gribojädoff’s. Es ist nicht schwer die Sprache von Sophie oder Tschatzki wiederzugeben: sie sprechen die Sprache aller gebildeten Menschen; wer aber vermöchte in einer andern Sprache solche eigenthümliche Erscheinungen wiederzugeben, wie einen Famussoff, einen Scalosúb, einen Repetíloff. Jeder von ihnen führt eine verschiedene Sprache, welche die verschiedenen Bildungsstufen bezeichnet, auf der jeder sich befindet.

Noch einer andern Schwierigkeit muß ich erwähnen: Oft ruft der Gegensatz von Fremdwörtern mit der familiären Sprache eine unwiderstehliche Komik hervor, die also nicht sowohl im Sinne als in der Wortstellung liegt. Von solchen Stellen wimmeln die Reden Famussoff’s, und wie selten kann die treue Übersetzung zugleich mit einer ähnlichen Wortstellung verbunden werden!

Nach diesen Ansichten von Übersetzungen, nach diesem Bekenntniß des Unvermögens wird man mir hoffentlich nicht die Absicht unterschieben wollen, als ob ich diese Übersetzung unternommen hätte, um solchen, die nicht russisch verstehen, das Original zu ersetzen.

Mein Endzweck war ein ganz anderer. Ich schrieb diese Übersetzung nicht sowohl für Deutsche oder solche die deutsch und nicht russisch verstehen, sondern vor allen Dingen für — Russen. Man verstehe mich nicht unrecht. Jeder wird mir zugeben, daß es angenehm wäre eine Sprache zu erlernen ohne das Lexicon immerfort aufschlagen zu müssen. Wenn nun ein Russe z. B. deutsch lernen wollte, so würde er, glaube ich, dieses am bequemsten aus getreuen Übersetzungen derjenigen russischen Meisterwerke, die er bereits im Original auswendig kennt. Hierzu rechne ich Kryloff’s Fabeln, Puschkin’s Onägin und das vorliegende Drama. In meiner Übersetzung habe ich, dem Original Vers für Vers folgend, die Redeweisen durch ähnliche deutsche wiederzugeben versucht. Hierbei ist nicht zu vergessen, daß die Sprache des Stücks die gewöhnliche Umgangssprache ist, und ich hoffe, daß man mir nicht den Vorwurf machen wird, eine andere als die bürgerliche Conversationssprache in der Übersetzung gebraucht zu haben. Der Russe wird also aus ihr deutsch sprechen lernen und zwar mit den eigentlichsten Redeweisen an ihrem Ort.

Aber auch demjenigen, der russisch erlernen will kann ich keinen besseren Rath ertheilen, als Gore ot uma zu lesen, denn die Sprache ist, wie gesagt, die Umgangssprache und durch die gebundene Rede ist der Werth der Sylben, die Betonung, der Accent sogleich gegeben. Solchen würde denn meine Übersetzung eine willkommene Beihülfe werden zum Verständniß des Originals, da die dunkelsten Stellen nach sorgfältiger Kritik der verschiedenen Auslegungen übersetzt sind.

Die Idee, die diesem Stücke zu Grunde liegt, ist eine schon bekannte. Sie ist in einer Gellert’schen Fabel anmuthig und bündig gegeben.

„Du Narr willst klüger sein als wir?

„Man zwang den Pez davon zu laufen.“

Goethe hat den nämlichen Gedanken in den schönen Versen im Faust ausgedrückt:

„Die Wenigen, die ihr Gefühl, ihr Schaun

„Dem Pöbel offenbarten

„Hat man von je gekreuzigt und verbrannt!“

Wir sehen im Gore ot uma einen strebenden, mit glühender Vaterlandsliebe begabten, jungen Mann von seinen Reisen zurückkehren; auf diesen hat er mit Verdruß erkannt, daß die Gesellschaft seiner Zeit in Rußland eine Copie darstellt, und dieser Gedanke erfüllt ihn auf’s schmerzlichste. Mit diesem Unfrieden im Herzen kehrt er ins Vaterland zurück, und findet zum Unglück noch seine Jugendgeliebte kalt und abgewendet. Seine Mißstimmung steigert sich dadurch, sein Mund geht über wovon sein Herz voll ist, er macht sich aller Welt verhaßt, und durch ein Mißverständniß, das jeder befördert, sieht er sich für verrückt erklärt und steht einsam da.

Der Dichter schwingt die unbarmherzigste Geissel des Spottes über die verderbten sozialen Zustände in einer Hauptstadt; alle Charactere sind aus dem Leben gegriffen und von einer solchen inneren, menschlichen Wahrheit, daß wir immer glauben bekannten Erscheinungen und Personen zu begegnen, und dem Verfasser daher immer von Herzen Recht und Beifall geben.

Ich theile übrigens nicht die Ansicht Vieler, als ob Gribojädoff geglaubt habe Russen zu schildern; wenn er diese Ansicht hatte, so ist es ihm ergangen wie Wilhelm Meister, der nur Schauspieler kannte, sich über sie bitter beschwerte und in ihrer Beschreibung auf’s treffendste, ohne es zu wissen, — Menschen schilderte. Ich glaube in jedem Lande in Europa und besonders in den größeren Provinzialstädten wird man ähnliche Erscheinungen mit geringer Modification, durch Nationalität bedingt, wiederfinden, und eine freie und gehörig modificirte Übersetzung würde daher gewiß in jedem Lande Beifall finden. Über den Werth des Stücks hat die Zeit bereits entschieden, die strengste Kritik muß entwaffnet werden durch die Thatsache, daß jedermann, ehe das Stück gedruckt wurde — es bereits in der Abschrift besaß und fast auswendig wußte, so daß nach Polewoi’s Ausdruck die Buchdruckerkunst für Gribojädoff nicht erfunden zu sein brauchte.

Die in den Namen der Personen in dem Wortlaut involvirte Bezeichnung der Charactere wäre etwa folgende:

Famussoff dürfte von famose abzuleiten sein, in ironischem Sinne, wie man z. B. sagt — ein famoses Subject oder ein sauberes Subject. Famussoff ist ein selbstzufriedener, geld- und titelsüchtiger gemeiner Büreaucrat.

Tschatzki (von чадъ — Dunst?), der einzige würdige Character im ganzen Stück. Sein Schicksal ist in dem Titel des Stücks ausgesprochen. Wollte der Dichter durch seinen Namen bezeichnen, daß er ein Träumer war? Tschatzki macht sich freilich Luftschlösser, er schwärmt — aber er ist ein edler Schwärmer.

Moltschálin (von молчать — stille sein, schweigen) ist ein armseliger Character; ein Mensch von niederer Herkunft und Gesinnung. Er spielt die Flöte und schreibt eine gute Hand.

Scalosúb (Zähneblecker, Spottvogel), ein bornirter Kamaschenheld, der keine Ahnung von der wahren Bedeutung eines Kriegers hat. — Bezeichnend ist es, daß er als Formenmensch nur immer Zahlen im Munde hat.

Goritscheff (von горесть — Herzeleid), ehemals ein tüchtiger Mensch, ist er durch eine sinnliche und herrschsüchtige Frau ganz verweichlicht; er fühlt das und ist daher verdrüßlich und melancholisch.

Repetíloff (von répéter), ein leerer, verlebter Wüstling, der selbst ohne Bedeutung sich an bedeutendere Naturen anhängt und repetirt was andere sagen. Er ist das Bild eines Mannes, der schon im vorgerückten Alter noch nicht zur Besinnung gekommen ist und der jung zu bleiben glaubt, wenn er die Thorheiten und Ausschweifungen der Jugend in sein Alter hinübernimmt.

Sagorétzki (von загорѣть — durch Brennen schwarz werden?), ein berüchtigter (gebrandmarkter) Spieler, Lügner und Dieb, der aber durch allerlei Gefälligkeiten, die ihm nichts kosten, in der Gesellschaft sich zu erhalten weiß. Ein Beweis von dem Mangel einer öffentlichen Meinung, von der laxen Moral großer Städte.

Mad. Chlestow (von хлесть — Spießruthe), eine alte, brutale zänkische Dame.

Chrumin (von хромѣть — lahm werden), eine abgelebte Dame, die sich von dem schaalen Treiben der Bälle nicht losmachen kann.

Tugoúchoffski (von туго und ухо — Steifohr), ein stocktauber und armer Fürst.

Analyse des ersten Akts.

Die Personen dieses Aktes sind: Fámussoff, Sophie, Tschatzki, Moltschálin, Lisa und ein Diener. Wir sehen in ein unheilvolles Innere. Die Frau vom Hause ist längst verstorben, und die Erziehung ihres einzigen hinterbliebenen Kindes hatte der vielbeschäftigte Vater, ein Mann von laxer Moral, Miethlingen überlassen. Sehen wir nun, daß Sophie mit einer lebhaften Sinnlichkeit, dem Erbtheil ihrer Eltern begabt und mit einer listigen und leichtfertigen Soubrette wie Lisa zur Vertrauten, in ihrem siebzehnten Jahre schon den zweiten Roman ihres Lebens spielt — bedenken wir, daß diese Natur auf dem üppigen Boden einer großen Stadt emporwuchs, so erscheint diese Frühreife ganz motivirt. Der Held ihres ersten Romanes war ihr Vetter und Spielgefährte Tschatzki, der Held auch des Stückes. Mit einer feurigen Einbildungs- und Urtheilskraft und mit einem rechtlichen Sinne begabt, waren ihm seine Dienstverhältnisse und dann besonders das ganze Wesen im Hause Fámussoff’s unerträglich geworden; drei Jahr vor Beginn des Stückes hatte er Moskau plötzlich verlassen. Wie aus der zweiten Scene im dritten Akt hervorgeht, hatte er sein Glück in Petersburg versucht, und auch die Gunst eines Ministers gewonnen, aber er verlor sie ebenso bald durch eine Lebhaftigkeit, die hochgebildeten, edlen Seelen nie gestattet zu schweigen wo die Klugheit es auch gebietet. So hatte er durch seine Reise nichts gewonnen, in seiner Abwesenheit aber das Herz Sophiens verloren; denn das Sprichwort: les absents ont tort bewahrheitet sich wieder hier vor uns. Theils aus Langerweile — denn aus einer unerklärlichen Bizarrerie hat Tschatzki in den drei Jahren nichts von sich hören lassen, — theils aus Herzensbedürfniß hat Sophie sich einen andern Helden gewählt, und dieser, der stärkste Gegensatz von Tschatzki, der geistlose, geschniegelte Allerweltsdiener Moltschálin, mit einem leidlichen Äußeren und einer hündischen Geduld ausgestattet — erheuchelt Gegenliebe, aus Furcht, die Tochter seines Chefs zu beleidigen. Es folgt daraus eine ganz schiefe Stellung; — das Verhältniß muß vor dem ehrgeizigen Vater streng verheimlicht werden, und Moltschálin, der die früheren Gefühle Sophiens für Tschatzki kennt, betrachtet sich nur als Spielzeug ihrer Laune, und denkt nicht an die Möglichkeit einer festen Verbindung. Ebenso unheimlich ist der Soubrette zu Muthe, weil Moltschálin arm ist und bei Entdeckung des Verhältnisses sie vorzüglich als die Vertraute gestraft werden würde. — Indeß muß sie, von ihrer jungen Herrin gezwungen, die heimlichen Zusammenkünfte bewachen, bei denen es übrigens durch Moltschálins Disposition nur auf viel Musik und frostige Liebeleien herausläuft. — Diese Beziehungen der Hauptpersonen zu einander glaubte ich zu einem besseren Verständniß der nun folgenden Scenen voranschicken zu müssen.

Mit einer Nachtwache Lisa’s und einer heimlichen musikalischen Soirée die bis zum dämmernden Morgen gedauert hat, beginnt das Stück. — Lisa erwacht erschreckt, klopft an die Thür des Zimmers und sucht die Liebenden zu trennen. Da nichts hilft, so will sie sie dadurch auseinanderjagen, daß sie die Spieluhr in Bewegung setzt; darüber kommt der Alte hinzu, der auf der andern Seite des Hauses wohnt, zu dem aber auch allerlei Töne hinübergeklungen sind; die Spieluhr erklärt ihm dieses so ziemlich, aber er traut doch dem listigen Kammermädchen nicht recht und gestattet sich bei der Gelegenheit allerlei Freiheiten. — Indem hört man Sophiens Stimme und das böse Gewissen treibt den Alten von der Scene; die jungen Leute treten nun auf und nehmen Abschied, aber der Alte erscheint in dem Augenblick wieder und ist nicht wenig erstaunt, sie schon so früh am Tage zusammenzufinden. Sein erster Gedanke ist, daß es ein Rendez-vous sei; es wäre ihm nichts verhaßter, als wenn seine Tochter einen blutarmen Menschen zu lieben sich in den Kopf gesetzt hätte, und in ärgerlicher Stimmung ergießt er in dieser Scene seine Galle über die jungen Damen in Moskau, sowie über das Unterrichtswesen und schiebt die Schuld alles Unheils schließlich auf die Franzosen und ihre moralischen und physischen Leckereien. — Er geht, nur halb beruhigt, mit Moltschálin fort, und in dem Zwiegespräch der beiden Mädchen erfahren wir nun, daß der Alte sich den reichen Oberst Scalosúb zum Schwiegersohne wünscht, daß dieser aber durchaus nicht Sophiens Beifall hat. Lisa horcht nun ihre Herrin in Bezug auf Tschatzki aus, aber es ergiebt sich, daß ihre frühere Neigung zu ihm einer vollkommenen Kälte Platz gemacht hat — indessen hegt sie noch große Achtung vor seinem gebildeten Geiste. In diesem Augenblick wird die Ankunft Tschatzki’s gemeldet. Sein Auftreten ist stürmisch und feurig, Sophie ist kalt und einsylbig; Tschatzki erscheint ihr wie ein Gespenst, wie ein lästiger Gläubiger, und sie ist nicht willens seine Forderungen anzuerkennen. Tschatzki ist hier sowohl, als das ganze Stück hindurch so verblendet wie ein wahrhaft Liebender. Es ist vergeblich, daß Sophie sich voll des lebhaftesten Gefühls für Moltschálin zeigt und gegen Tschatzki kalt, spitz, unbarmherzig, ja endlich im dritten Akt ganz aufrichtig ist. — Tschatzki hält es wohl für möglich, daß er ihr Herz verloren habe, daß sie es aber an Moltschálin habe schenken können, begreift er nicht, und sein ganzes Bestreben geht nun dahin, den Nebenbuhler zu finden, der an dem kalten Empfang Schuld sein muß. — Tschatzki’s Character, auf den wir durch Sophiens Schilderung schon vorbereitet wurden, zeichnet sich in dieser Scene aufs trefflichste; seine Bildung und ein tiefes Gefühl hebt ihn hoch über seine Zeitgenossen und seine Umgebung, aber er handelt unrecht es merken zu lassen, er lacht laut wo er lächerliche sieht und hieraus erfolgen tausend Unannehmlichkeiten und jene Leiden, die der Dichter die Leiden des Gebildeten nennt. Sophie, obgleich durch Tschatzki’s Erscheinung beunruhigt, nimmt doch einen gewissen Antheil an seinen witzigen Schilderungen lächerlicher Charactere von Moskau, wie er aber unglücklicherweise auch Moltschálins erwähnt und ihn unbarmherzig kritisirt, so verwandelt sich ihr Rest von Achtung in bittern Haß. Nun tritt Fámussoff herein, abermals erschreckend über den neuen mißliebigen Prätendenten; denn Tschatzki’s Grundsätze, sowie sein sehr mittelmäßiges Vermögen, lassen ihn als solchen durchaus nicht erwünscht erscheinen. Sophie durchschaut alles schnell und mit ächt-weiblicher List wälzt sie den Verdacht des Vaters von Moltschálin ab auf Tschatzki; — der Stoßseufzer Fámussoff’s, der nun in Zweifeln zwischen zwei unerwünschten Schwiegersöhnen über die Plage mit erwachsenen Töchtern klagt, schließt den Akt ganz vorzüglich ab.