Zwölfte Scene.

Tschatzki (verborgen). Lisette. Moltschálin (gähnt und dehnt sich). Bald darauf erscheint Sophie oben unbemerkt.

Lisette.

Sind Sie von Eis heut’ oder Stein?

Moltschálin.

Ach, Lieschen mein,

Kamst Du aus eignem Antrieb? Sprich!

Lisette.

O nein, das Fräulein schickte mich.

Moltschálin.

Wer sollte glauben, daß in diesen Zügen,

In diesen Aederchen

Der Liebe sanft Erröthen nie gespielt! —

Kann Dir das Botenlaufen denn genügen,

Hast Du denn selber Liebe nie gefühlt?

Lisette.

Da Sie auf Freiersfüßen gehn

Kann ich Ihr Gähnen nicht verstehn.

Den lobte ich, der vor dem Hochzeitstag

Nicht essen und nicht schlafen mag.

Moltschálin.

Was Hochzeit? Und mit wem denn, sprich?

Lisette.

Nun mit dem Fräulein, dächte ich.

Moltschálin.

Ach geh! Die Hoffnung liegt noch weit;

Auch ohne Hochzeit bringt man hin die Zeit.

Lisette.

Ich weiß nicht recht, mein Herr, wie man so sprechen kann!

Wir wollen ja doch keinen andern Mann.

Moltschálin.

Mag sein! Ich hab’ seither nur immer Angst gehabt,

Daß uns der Alte nicht ertappt.

Der würde uns verfluchen und verjagen! —

Hör’, soll ich Dir die Wahrheit sagen?

In Deinem Fräulein hab’ ich niemals was erblickt

Was mich entzückt;

Ich wünsche ihr auf allen Wegen

Des Himmels reichsten Segen;

Doch sie hat Tschatzki gern gesehn,

Und nun! — Mir wird’s nicht besser gehn.

Ach Engel mein, ach könnte ich

Nur halb für sie empfinden, wie für Dich! —

Ich thue was ich kann,

Ich stell’ mich zärtlich an,

Allein — der Himmel weiß —

Sobald ich sie nur seh’, so werde ich zu Eis.

Sophie (bei Seite).

Wie niedrig! O, kaum kann ich mich bezähmen!

Tschatzki (bei Seite).

Der Schuft!

Lisette.

Sie sollten sich doch schämen!

Moltschálin.

Im Testament rieth mir mein Vater, daß ich Allen

Bemüht sein müßte zu gefallen:

Dem Wirth des Hauses, wo ich im Quartier,

Sodann dem Chef, der über mir;

Auch dessen Diener, der die Kleider putzt,

Dem Schweizer und dem Hausknecht dann —

Weil man sie oft benutzt,

Und suchen sollte ich

Des Knechtes Hund zum Freunde zu bekommen.

Lisette.

Ei, ei, da haben Sie viel Arbeit übernommen!

Moltschálin.

Und darum stelle ich verliebt mich an,

Nur aus Gefälligkeit,

Weil sie die Tochter ist von einem solchen Mann.

Lisette.

Durch den Sie gastfrei aufgenommen

Von dem Sie manchen Rang bekommen?

Doch bitt’ ich eilen Sie —!

Moltschálin.

Wohlan, so laß uns zu Sophie

Zu unsrer weinerlichen Coeur-madam

Mit ihrem Liebesgram.

Doch erst erlaub’ mir mit Entzücken

Dich an dies volle Herz zu drücken. —

(Er will sie umarmen; sie entzieht sich ihm.)

Warum ist sie nicht Du!

(Indem er hinauf gehen will, tritt ihm Sophie entgegen.)

Sophie.

Zurück, ich hab’ genug gehört!

O Ungeheuer Sie! So also mußt’ es enden!

Ich schäm’ mich vor mir selbst, ich schäm’ mich vor den Wänden.

Moltschálin.

Sie da?

Sophie Pawlowna!

Sophie.

Um Himmelswill’n, kein Wort —! Sie schweigen! —

Entschieden ist schon alles hier.

Moltschálin (wirft sich zu ihren Füßen).

Ach Gott, verzeih’n Sie mir,

Gedenken Sie, ach seh’n Sie auf mich her!

Sophie.

Ich denk an gar nichts mehr —

Und schwiegen Sie, so wär’ es besser.

O die Vergangenheit, sie ist ein scharfes Messer!

Moltschálin.

Erbarmen Sie sich doch!

Sophie.

Wozu dies Kriechen noch?

Wozu am Boden liegen!

Kein Wort! Ich weiß wie Sie betrügen.

Moltschálin.

Die einz’ge Gnade nur! —

Sophie.

Nein, nein, nein!

Moltschálin.

Ich scherzte, sprach ja nur verschlafen,

O Gott, wie können Sie so hart mich strafen!

Sophie.

Auf, sage ich — sonst wecke ich das Haus

Und dann ist’s mit uns beiden aus.

(Moltschálin steht schnell auf.)

Von heute an will ich von Ihnen nicht mehr wissen;

Und daß Sie es zu denken selbst nicht wagen,

Als ob mit Thränen und mit Klagen

Sie von mir würden je beehrt —

Das sind Sie wahrlich gar nicht werth.

Und daß Sie sich nicht untersteh’n

Ihr Auge länger hier zu zeigen.

Moltschálin.

Was Sie befehlen soll gescheh’n.

Sophie.

Ich würde nichts verschweigen,

Ich sagte Alles meinem Vater frei,

Mein Schicksal wär’ mir einerlei.

Sie können gehn! Nein, halt! — Es ist Ihr Glück

Daß Feigheit mehr Sie hielt zurück

Wenn ich in tiefster Nacht Sie sah,

Als selbst, wenn es am Tag geschah;

Sie sind so kühn nicht, wie gemein.

O ich bin froh, daß es jetzt Nacht und wir allein;

Daß Augenzeugen nicht zugegen!

Welch eine Meinung müßt’ man von mir hegen;

Wenn, wie heut’ Vormittag,

Als ich in Ohnmacht lag,

Hier Tschatzki wär’.

Tschatzki

(hinter dem Pfeiler rasch hervortretend).

Hier ist er, Heuchlerin!

Lisette und Sophie.

Ach! — Ach! —

(Lisette läßt das Licht vor Schrecken fallen. Moltschálin läuft in sein Zimmer und verschließt es.)