1.
In der Nacht, da Christus geboren werden sollte, befand sich die Gottesmutter mit dem heiligen Joseph auf dem Wege nach der Stadt Bethlehem.
Und unterwegs geschah etwas Seltsames mit der heiligen Jungfrau: sie lachte und weinte zu gleicher Zeit. Joseph hielt sein Rößlein an. Der Alte dachte: „Ist der Maria nicht wohl, oder hat sie Angst vor den Wölfen bekommen?“ Denn Wölfe gibt es viel in der Gegend.
Die Gottesmutter aber sprach zu ihm:
„Ich sehe zwei Männer, Großväterchen: der eine lacht, und mit dem freue ich mich, denn ihm steht ein großes Glück bevor. Der andre aber weint, und mit dem traure ich, denn ihn erwartet ein großer Schmerz.“
Der Alte verstand die Worte der Gottesmutter nicht, aber er merkte sie sich wohl. Sie verhießen der Erde zugleich eine große Freude und ein bitteres Weh.
Die Gottesmutter war auf dem Wege nach Bethlehem. Sie mußten beide zur Schätzung. Es sollten alle Bewohner des Landes geschätzt werden, und in welcher Stadt einer angeschrieben war, in die mußte er sich begeben.
Es war Winterszeit. Und ein sehr schneereicher Winter. Bergehoch lag der Schnee überall. Mit großer Anstrengung kam das Pferdchen vorwärts. Joseph hätte sich die beschwerliche weite Reise gern geschenkt, doch er wagte es nicht, ungehorsam zu sein. Es war ein strenger Befehl vom König ausgegangen, daß ein jeder sich nach seiner Stadt zu begeben habe.
Joseph war ein ganz alter Mann. In jungen Jahren war er ein Zimmermann gewesen, aber jetzt gehorchte ihm das Beil längst nicht mehr. Der Alte hatte geglaubt, sie würden vor
Abend in der Stadt sein, doch sie waren vom Wege abgekommen. Und so überraschte die Nacht sie im freien Felde.
Es war eine helle, sternklare Nacht und bitter kalt.
Die Gottesmutter stieg nicht vom Schlitten herab, — es fror sie zu sehr. Der Alte ging neben dem Pferde und trieb es ab und zu an.
So kamen sie langsam vorwärts.
Und die Gottesmutter fühlte, daß ihre Stunde gekommen war.
Was war zu tun? Wie sollte sie hier nachts auf freiem Felde bleiben?
Da, Gott sei Dank, zeigte sich abseits vom Wege, am Waldrand, eine Erdhütte.
Der Alte band das Pferd an. Sie traten in die Hütte ein. In der Hütte aber standen ein Pferd und ein Öchslein. Sonst war keine lebende Seele zu sehn. Ganz in der Ferne hüteten Hirten ihre Schafe.
Aber die Zeit drängt und Hilfe tut not.
Die heilige Jungfrau bittet den Joseph, eine Wehmutter zu holen. Wo aber wäre hier draußen im Felde eine Wehmutter zu finden?
Der Alte ging traurig die Landstraße weiter und wußte doch gar nicht, wo er eine Wehmutter suchen sollte.
Und als Christus geboren ward, da ward es hell in der Erdhütte.
So hell, als wenn die Sonne aufgegangen wäre.
Die Gottesmutter nahm den Sohn auf ihren Arm, hob ihn empor und legte ihn auf das Stroh in der Krippe, wie in eine Wiege.
Das Pferd und das Öchslein sahen das Kind und kamen näher heran. Sie erkannten den Heiland und bliesen ihn an, um ihn mit ihres Atems Hauch zu wärmen. Und der Knabe streckte spielend die Ärmchen nach ihnen aus und streichelte sie.
Die Tiere aber fuhren fort, ihn mit ihrem Atem zu wärmen.
Und er segnete sie, — segnete das mühevolle Dasein des Rosses und des Ochsen.
Joseph geht über das Feld, er wankt und stolpert, seine Augen sehen nichts mehr, seine Füße versagen ihm den Dienst, — er ist eben schon sehr alt. Er fängt an zu rufen. Aber wer wird ihm nachts im Feld Antwort geben?
Nur die Sterne flimmern, — und so hell, als sängen sie über der Erde.
Und da sieht Joseph eine alte Frau ihm entgegenlaufen. In atemloser Hast klettert sie über die gewaltigen Schneehaufen. Joseph ruft sie an. Da bleibt sie stehn und verschnauft.
Sie war aus der Stadt Bethlehem und hieß Solomonida. Sie hatte ihren kleinen Enkel, den Peter, den unartigen Bub, eben zu Bett gelegt und wollte sich nun selbst zur Ruhe begeben — man wird müde, wenn man den ganzen Tag gearbeitet hat — da war’s ihr, als riefe sie jemand.
„Geh ins Feld hinaus, Solomonida, man braucht deinen Beistand,“ hörte sie eine Stimme. „Und da kam so eine Angst über mich, daß ich aufsprang und hinauslief, so schnell ich konnte.“
Da freute sich Joseph und führte die Alte nach der Erdhütte.
Die beiden Alten liefen in größter Hast. In der Hütte aber war es hell, als wäre drinnen die Sonne aufgegangen.
Und die Alten sahen das Kind und erkannten den Heiland und wagten nicht näher heranzutreten. Das Kind aber winkte ihnen aus der Krippe mit der Hand und segnete sie.
Es segnete die alte Wehmutter Solomonida und den alten Zimmermann Joseph, der die heilige Jungfrau bei sich aufgenommen hatte, segnete ihr schweres, arbeitsvolles Leben.
Draußen hüteten Hirten ihre Schafe vor den Wölfen. Denn Wölfe gibt es viel in der Gegend. Den Hirten ward es bange
in der Nacht, und um ihre Angst zu vertreiben, erzählten sie sich schauerliche Geschichten.
Da standen die Schafe auf und gingen zum Eisloch trinken. Aber sie tranken nicht, sondern blieben dicht gedrängt rund um das Loch stehen und hoben die Köpfe in die Höhe. Und so standen sie unbeweglich da.
Dergleichen war den Hirten noch nie vorgekommen. Was bedeutete das? Waren sie starr vor Schreck, weil Wölfe in der Nähe lungerten?
Die Hirten traten näher heran. Und wie sie zum Himmel emporschauten, da zeigte sich ihnen ein Engel und sprach:
„Was steht ihr da, ihr Hirten? Christus, der Heiland, ist geboren! Geht schnell nach der Erdhütte. In der Hütte, in der Krippe liegt der Heiland.“
Und es zeigten sich unzählige Engel. So viele Engel, wie Sterne am Himmel sind.
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ sangen die Engel um jenen geschart, der den Hirten die Geburt des Heilands verkündigt hatte.
Und der ganze Himmel war in kreisender, wirbelnder Bewegung.
Die Schafe aber standen am Eisloch, die Köpfe emporgereckt und starrten in die Höhe.
Da nahmen die Hirten jeder ein Lämmlein und liefen nach der Erdhütte. Und die Hunde liefen ihnen nach.
In der Hütte aber war es hell, als wäre drin die Sonne aufgegangen.
Da sahen die Hirten das Kind, Christus, den Heiland, wie der Engel es ihnen verkündet hatte. Und sie legten ihre Lämmer vor ihm nieder und neigten sich bis zur Erde. Das Kind sah sie an und berührte auch die Lämmer. Es segnete die Hirten, segnete ihr schweres, arbeitsreiches Leben.
Und die Hirten gingen zurück zu ihrer Herde. Und ihre Hunde liefen hinter ihnen her.
Und die Hirten sangen, wie sie es von den Engeln gehört hatten: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“
Da kamen ihnen Wölfe entgegen. Aber die Wölfe hatten die Schafe nicht angerührt, — ein Engel hütete ihre Schafe! Die Wölfe gingen nach der Erdhütte und wichen den Hirten aus!
Auch die wilden Tiere hatten erkannt, daß der Heiland der Welt geboren war.
Weit drüben aber, hinter Feuer und Rauch, hinter Wäldern und breiten Strömen, hinter dem faulen Sumpf am Eismeer, am Ozean, wo der Wind die blauen Eiszacken bis zum Himmel emportreibt, in dem kalten, düstern Land der Zauberer dröhnte und klirrte mitten in der Nacht das Tamburin. Und drei weise lappländische Zauberer und Könige sahen am Himmel den Stern Christi. Sie erkannten ihn wohl, denn ihr Lebenlang hatten die Weisen seiner geharrt und den Tag seines Erscheinens auszurechnen versucht. Und sie nahmen ihre Geschenke und gingen ohne Knechte und ohne Renntiere dem Sterne mit dem Schweif nach.
Und der Stern Christi führte die Zauberer in die Stadt Jerusalem.