2.
Viel Volks war zur Schätzung nach Bethlehem gekommen, doch viel mehr noch nach Jerusalem. Das Stadttor blieb die ganze Nacht offen. Und in den Straßen war ein Lärm, wie zur Messe.
Am frühen Morgen nach der Geburt des Heilandes zeigten sich zwei Wanderer auf der Straße von Bethlehem nach Jerusalem. Es waren keine gewöhnlichen Wanderer: es waren ein Rößlein und ein Öchslein.
Sie gingen ohne Treiber, geradewegs nach Jerusalem. Und als sie in die Stadt gekommen waren, liefen sie unbeirrt durch Lärm und Gedränge die Gassen entlang. Sie atmeten, wie sie in der Nacht geatmet hatten, als sie mit ihrem Hauch das Christkind in der kalten Erdhütte wärmten.
Ein Lümmel warf einen Stein nach ihnen, doch der Stein glitt an ihnen ab wie eine Feder: sie spürten seine Berührung nicht und zuckten nicht einmal zusammen.
Das Rößlein und das Öchslein gingen schnaufend die Gassen entlang. Ihre Augen waren wie Menschenaugen, hell und klar. Und wenn sie hätten reden können, so hätten sie gesagt — sie brachten ja die Kunde von der Geburt des Heilandes — so hätten sie gesagt, daß in dieser Nacht der Herr Christus geboren sei, der Erlöser, daß sie ihn gesehen hätten und daß er sie gesegnet hätte.
Kinder, Pilger und Narren neigten sich vor dem Roß und dem Ochsen, wo sie ihnen begegneten.
Nachdem sie die ganze Stadt durchschritten hatten, verschwanden die beiden jenseits der Stadtgrenze.
Und sie gingen weiter die Landstraße entlang, wie sie auch heute noch gehen und immer weiter gehen werden, bis das Ende aller Tage gekommen ist. Und in der letzten Stunde werden sie reden . . . sie werden reden, die Stummen, das gesegnete Rößlein und der Ochse.
Am Abend desselben Tages erschienen in Jerusalem die Hirten von Bethlehem, vier Hirten.
Sie gingen durch die von Menschen erfüllten Gassen, aber es war, als sähen und hörten sie nichts von dem, was rundum geschah. Sie machten auf den Plätzen halt und stimmten einen seltsamen, unverständlichen Gesang an.
Sie sangen das Lied der Engel:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“
Und Kinder und Pilger und Narren drängten sich, wie
Schafe, an sie heran und starrten zum Himmel empor und fielen plötzlich mit wildem Geschrei und Gelächter mit ein:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“
Und der ganze lärmende Marktplatz geriet gleich dem stillen Sternenhimmel in wirbelnde Bewegung.
Nachts verschwanden die Hirten jenseits der Stadtgrenze.
Sie gingen weiter, dem Rößlein und dem Öchslein nach, wie sie auch heute noch gehen und das Lied der Engel singen, und wie sie gehen und singen werden, bis das Ende aller Tage gekommen ist. Und in der letzten Stunde wird man ihnen lauschen, den gesegneten Hirten von Bethlehem.
Rößlein und Öchslein waren verschwunden, die Hirten wurden nicht mehr gesehn, und die Nacht war vorüber.
Mit dem Morgengrauen des folgenden Tages aber zeigte sich in Jerusalem eine alte Frau. Sie ging durch die Gassen, und keiner konnte verstehen, wovon sie sprach und was ihre Gebärden bedeuteten. Sie tat, als wiege sie ein Kind und als spräche sie ihm freundlich zu und scherze mit ihm — und dann fiel sie plötzlich auf die Knie und fing an zu weinen, doch nicht vor Schmerz, sondern vor Freude.
Das war die alte Solomonida, die erzählte von der Geburt des Heilandes und zeigte, wie sie das Kind auf ihre zitternden, abgearbeiteten Arme genommen, wie sie es geherzt und geschaukelt hatte, — sie, die schon so vielen Kindern zur Welt geholfen hatte.
Kinder, Pilger und Narren liefen der Alten nach, und wenn sie weinend auf die Knie fiel, wiederholten sie weinend ihre unverständlichen Worte.
Und die dunkle Straße geriet gleich den Sternen am stillen Himmel in wirbelnde, kreisende Bewegung.
Als sie alle Gassen durchschritten hatte, verschwand Solomonida jenseits der Stadtgrenze.
Und sie ging weiter die Landstraße entlang, wie sie heut
noch geht und von dem Christkind erzählt und vor Freude weint, und wie sie gehen wird und weinen, bis das Ende aller Tage gekommen ist. Und in der letzten Stunde wird man sie verstehen, die gesegnete Greisin Solomonida.
Und eine bange Spannung legte sich über die königliche Stadt, das große Jerusalem.
Drüben aber vom Eismeere her, vom Ozean, wo der Wind die blauen Eiszacken bis zum Himmel emportreibt, durch Sümpfe und Ströme, durch Wälder, durch Feuer und Rauch schritten die drei lappländischen Zauberer und Könige dem Sterne Christi nach.
Ihre königlichen Gewänder waren beschmutzt und zerschlissen, die Fetzen hingen ihnen, wie Bettlern, von den Schultern herab, und nur die Königskronen strahlten wie Sterne.
Am dritten Tage brachte der Stern die Könige nach Jerusalem. Der Stern erhob sich über die Königsstadt und verschwand.
Und als die drei Zauberer in den Gassen Jerusalems erschienen und zu fragen begannen, wo Christus, der König geboren sei, dessen Stern sie gesehen hätten, da geriet die Königsstadt in große Aufregung.
„Wo ist Christus, der Heiland der Welt, geboren?“ fragten die Zauberer die Leute auf der Gasse. „Wo ist der König geboren?“
„Wir haben keinen König außer Herodes,“ antwortete man ihnen, „und wir kennen keinen andern König außer Herodes und seinem Sohn Archelaos.“
Aber nicht nach Archelaos, dem Sohne des Herodes, nicht nach dem König Herodes fragten die weisen Könige, sondern nach Christus, dem Könige, der alle Könige besiegen und alle Reiche der Erde erobern würde, nach Christus, dem Könige, dem Weltheiland, fragten die weisen Könige und Zauberer.
Dicht hinter ihnen, wie sie selbst dem Sterne nachgegangen waren, gingen Kinder, Pilger und Narren. Und wenn die Könige nach Christus, dem Weltheiland, fragten, dann erstarrten jene in banger Erwartung.
Aber es ward ihnen keine Antwort.
Von Gasse zu Gasse, von Haus zu Haus, von Mund zu Mund ging die Kunde von den lappländischen Königen und Zauberern und von dem Stern, der sie geführt hatte, und von der Geburt des Königs Christus, — des Königs, der alle Könige überwinden würde. Und am Abend drang die Nachricht auch über die hohen, unübersteigbaren Mauern des Königspalastes.
Und das Gemüt des Königs Herodes ward verwirrt.
Herodes ließ die fremden Könige zu sich rufen.
Man brachte die fremden Könige vor Herodes.
Herodes kam ihnen entgegen.
Als sie den Herodes erblickten, fragten die Zauberer den König, wie sie an dem Tage alle Leute gefragt hatten, nach dem neugeborenen König.
„Wo ist der König geboren?“
„Ich bin der König!“ antwortete Herodes den Zauberern. Er war klein und mager, mit einem kleinen Kopf auf einem kurzen, unverhältnismäßig dicken Halse, er kniff die Augen ängstlich zusammen und sprach mit unerwartet lauter und tiefer Stimme.
Und dieses Unerwartete betrog und verblüffte die Leute.
Aber die lappländischen Könige ließen sich nicht verblüffen. Die lappländischen Könige waren Herr über die Winde, konnten den Sturm entfesseln, konnten die Inseln im Meere von ihrem Platz rücken, konnten alles Lebende in Stein verwandeln, drangen in alles Verborgene, wußten durch ihre geheimen Künste, was auf Erden und im Meere geschah, selbst in fernen Ländern bei fremden Völkern.
Die lappländischen Könige kannten keine Furcht.
Die Weisen hatten ihr ganzes Leben auf den Stern Christi gewartet, und nun hatte der Stern Christi sich ihnen gezeigt.
Die lappländischen Könige kannten keine Furcht.
Ohne sich an die Wege und Straßen zu halten, waren sie dem Stern mit dem Schweif gefolgt: Tag und Nacht sahen sie nichts als den Stern und fühlten keine Ermattung und keinen Hunger. In drei Tagen legten sie eine Strecke zurück, zu der man sonst ein Jahr braucht.
„Wo ist Christus, der König, geboren?“ fragten die Zauberer den Herodes abermals.
Herodes hielt eine Schale in der Hand. Er erhob die Schale nach königlichem Brauch zu Ehren der ruhmreichen lappländischen Könige.
Und über dem königlichen Palast stieg der Stern auf und blieb im Fenster gegenüber den Zauberern stehen und ließ ihre Kronen wie tausend Sterne flimmern und blitzen.
Und die Sterne sahen aus den Augen der Zauberer.
„Wo ist Christus, der König, geboren?“ fragten die Zauberer zum drittenmal. „Er wird alle Könige besiegen und alle Länder, alle Reiche erobern.“
Und die Schale entfiel den Händen des Herodes.
„Geht, ihr Könige,“ sagte Herodes und zitterte am ganzen Leibe, „geht und erkundigt euch nach dem Christkind und kommt nach Jerusalem zurück. Ich will als erster hingehen und ihm huldigen.“
Die Zauberer versprachen nach Jerusalem zurückzukommen und dem Könige vom Christkind zu berichten, und verließen den Palast.
Und die Zauberer sahen den Stern Christi und freuten sich seiner.
Und der Stern führte sie aus der Königsstadt Jerusalem nach der Stadt Christi Bethlehem.