3.
Der Stern Christi ging den Zauberern voraus, und eilig folgten sie ihm nach.
Die Menge, die ihnen nachgelaufen war, blieb bald weit zurück. Auch die Kundschafter des Königs konnten nicht mit ihnen Schritt halten.
Wenn der Stern sich im Kreise bewegte, folgten die Zauberer ihm. Wenn er von der Landstraße in den Wald einbog, folgten sie ihm.
Und so gingen die drei Könige bald die Straße entlang, bald über das Feld, bald durch den Wald.
Es wurde Nacht, und der Frost ward stärker.
Sternklare Nächte sind immer kalt.
Der Schnee knirschte unter den Füßen der Wanderer. Nun hatte der Stern den Fluß überschritten und blieb am Waldrande stehn und senkte sich langsam über der Erdhütte nieder.
Und es war hell in der Erdhütte, als wäre die Sonne drin aufgegangen.
Und die Zauberer sahen das Kind und reichten ihm ihre Gaben: Gold und einen knöchernen Stab und eine Kutja.[*] Und sie neigten sich vor dem Kinde.
Das Christkind schaute die Gaben lange an — das Gold, den Stab und die Kutja. Dann segnete es die Zauberer, — segnete das schwere, arbeitsreiche Leben der Könige, die dem Sterne Christi entgegengesehen hatten.
Und die enge Erdhütte war voller Sterne.
Und die Engel sangen:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“
Und der Glanz der Sterne blendete die Zauberer.
Da trat aus dem Reigen der Engel ein strenger Engel und
löste die Zauberer von dem Schwur, den sie dem Herodes geleistet hatten, und befahl ihnen, nicht mehr nach Jerusalem zurückzugehen.
[* Speise aus Reis und Honig, die in Rußland am Weihnachtsabend gegessen wird. ]
„Geht nicht zum Herodes, ihr Zauberer,“ sprach der strenge Engel, „geht einen andern Weg: der König hat Böses im Sinn, der König will das Kind töten.“
Und der strenge Engel verschwand im Reigen der Engel.
Und die Zauberer erwachten wie aus einem Traume.
Die heilige Jungfrau hielt ihr Kindlein auf dem Arme und machte sich zur Reise bereit. Joseph war am Schlitten beschäftigt und sprach mit dem Pferde. Als er die Muttergottes mit dem Kinde in den Schlitten gesetzt hatte, winkte der Alte mit seinem Fausthandschuh.
Und das Pferdchen lief die Straße ins Zigeunerland hinab, die der Engel dem Joseph gewiesen hatte, die Straße nach Ägypten.
Der Stern schwebte ganz niedrig vor ihnen her und beleuchtete dem Christkinde den weiten Weg nach Ägyptenland.
Die Engel sangen:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“
Und der ganze Himmel war in wirbelnder Bewegung.
Die Zauberer aber zogen mit Sturmeseile durch Feuer und Rauch, durch Wälder und Sümpfe und Ströme, an der Königsstadt vorbei, vorbei an dem König Herodes, zu dem Eismeer, dem Ozean, in ihr Lappland, in das kalte, finstre Land der Zauberer.
Und dort, in ihrem öden Zauberland, malten sie den Stern Christi auf ihr geheimnisvolles, zauberhaftes Tamburin, und dann stiegen sie mit den blauen Eiszacken empor und schwammen über das Eismeer, über den Ozean, leise und still von der Erde zum ewigen Leben, zur ewigen Ruhe hinüber. — — —
Wilde Aufregung herrschte in Jerusalem, in der großen Königsstadt.
Nachdem er die Zauberer entlassen hatte, stellte Herodes sich ans Fenster und schaute auf die Straße hinaus, blickte dem Leuchten der goldenen Kronen der lappländischen Könige nach. Wie Sterne strahlten sie in der Abenddämmerung auf der Straße nach Bethlehem.
Und der König zitterte am ganzen Leibe.
„Die Zauberer werden das Christkind finden, sie werden nach Jerusalem zurückkehren, werden von dem Kinde erzählen, und ich, der König, werde als erster hingehn, dem Kinde zu huldigen!“ Und ohne den Hals zu wenden, am ganzen Leibe zitternd, fing Herodes plötzlich an, mit unerwartet tiefer Stimme laut zu lachen . . . „Ich werde als erster dem Kinde huldigen! . . . Noch ehe der Tag graut, wird er nicht mehr am Leben sein, der König Christus, der alle Könige überwinden soll, alle Länder, alle Reiche erobern!“
„Ich bin der König!“ wiederholte Herodes zitternd und lachend.
Den ganzen Abend blickte der König den Zauberern nach, in die Fensternische gedrückt, und zitterte und lachte.
Die Nacht brach an.
Die Zauberer kamen nicht zurück.
Die Kundschafter des Königs meldeten, daß die Zauberer aus Bethlehem verschwunden wären.
Nein, sie waren nicht verschwunden. Sie hatten den König betrogen. Die Zauberer trieben ihren Spott mit König Herodes.
Der König hatte niemand und nichts mehr zu erwarten.
„Christus lebt! Er wird alle Könige überwinden, wird den König Herodes besiegen, wird alle Reiche erobern, wird dem König Herodes sein Reich nehmen!“
Der König geriet in Wut. Er stampfte mit den Füßen und schrie und weinte wie ein Kind, vor Zorn, Hilflosigkeit und Angst.
Und der König Herodes befahl seinem Heer, nach Bethlehem
zu gehen und dort alle Kinder zu töten, alle Knaben unter zwei Jahren.
Trommelwirbel, Trompetengeschmetter mitten in der Nacht in der Königsstadt Jerusalem.
Auf den Plätzen drängt sich das Volk. Entsetzt rennen die Leute hin und her, wie bei einem Brande.
Mit klingendem Spiel zogen die Soldaten aus nach Bethlehem, den Blutbefehl des Königs zu erfüllen.
Die Nacht war sternklar und grimmig kalt.
Der Schnee knirschte unter den Schritten der Marschierenden.
Um Mitternacht hatten die Soldaten Bethlehem erreicht und zogen mit klingendem Spiel in die Stadt ein.
Und das blutige Werk nahm seinen Anfang.
Die Kinder ahnten nichts. Sie wußten nichts von Königen, — weder von Herodes, noch von seinem Sohn Archelaos. Sie kannten keinerlei Eide, keinerlei Gebote. Sie konnten kaum sprechen. Sie redeten ihre eigene Sprache und sahen die Welt auf ihre Weise, mit ihren Augen. Sie lächelten, wie nur Kinder lächeln. Sie weinten, lachten, spielten.
Und es war auf Erden keine Nacht so grauenvoll, und ist keine grauenvoller und wird nie eine grauenvoller sein, als jene Nacht in Bethlehem nach der Geburt des Heilandes.
Die Soldaten stürmten in die Häuser und rissen die Kinder von der Brust der Mutter und erwürgten sie, andere warfen sie aus ihren Wiegen und zerstampften die Schlaftrunkenen mit ihren Stiefeln.
Die Kinder erwachten von dem Lärm: sie begriffen nichts und boten selber ihre Hälse den Säbeln der Soldaten.
Und sie wurden gleich ohne weiteres abgeschlachtet.
Man schleppte die Kinder wie junge Katzen auf die Straße hinaus und ließ sie von Pferden zertreten, man hängte sie auf, man erstach sie mit Lanzen, man riß sie in Stücke, man ersäufte sie im Eisloch, man begoß sie mit siedendem Wasser, wie Ratten, man warf sie ins Feuer.
Die mächtigen Schneehaufen schmolzen von dem heißen Kinderblut und bedeckten die Erde mit einer Eiskruste.
Die Sterne flammten noch einmal blutigrot auf und erloschen.
Und die Soldaten kümmerten sich nicht mehr darum, wie alt die Kinder waren und ob es Knaben oder Mädchen waren.
Anläßlich der Schätzung hatte jemand unter den Kindern im Armenviertel von Bethlehem das Gerücht ausgesprengt, man werde nachts kommen und die Kinder aufschreiben, die zur Sonnenwendfeier geladen und beschenkt werden sollten.
Die größeren Kinder schliefen in dieser Nacht nicht: sie warteten. Und als die Soldaten kamen, da stürzten die Kinder ihnen entgegen, denn sie dachten, nun käme man, sie anzuschreiben zur Bescherung.
Peter, der Enkel der alten Solomonida, hatte die ganze Nacht gewartet und war endlich auf dem verlassenen Bett der Großmutter eingeschlafen. Und im Schlaf hörte er draußen Lärm, wachte auf, dachte: „Jetzt kommen sie!“ — und lief auf die Straße hinaus.
Peter rief den Soldaten zu:
„Vergeßt mich nicht!“ Tränen erstickten seine Stimme: er war noch nie bei einer Bescherung gewesen.
Ein Soldat packte ihn:
„Nein, nein, wir vergessen dich nicht!“ Und er schnitt ihm mit dem Messer den Hals durch, wie einem jungen Huhn.
Trommelwirbel, Trompetenschmettern, Musik konnten das Wehgeschrei der Mütter und das Ächzen und Weinen der Kinder nicht übertönen.
Ein steinernes Herz muß beim Weinen eines Kindes erbeben!
Bis zum Morgengrauen währte das Gemetzel in Bethlehem und den Vorstädten. Vierzehntausend Kinder wurden in Bethlehem geschlachtet.
Nachdem sie des Königs Befehl erfüllt hatten, müde von der blutigen Nacht, verließen die Soldaten die Stadt und gingen nach Jerusalem zurück. Das Blut troff von ihren Händen und ihren Waffen auf die Straße, die das Pferd und der Ochse, die Hirten und die alte Solomonida gegangen waren.
Die Musik dröhnte und trieb die blutbefleckten Füße zu schnellerm Schritt an.
Und das Geschrei und Geheul und die Flüche der wahnsinnigen Mütter eilten den Abziehenden nach.
Und weit über das Weichbild Bethlehems hinaus hörte man Weinen und Flüche auf allen Straßen.
Ein steinernes Herz muß erbeben beim Wehklagen einer verzweifelten Mutter!
Das Pferdchen schnaubte. Joseph stieg vom Schlitten herunter und horchte. Die Erde selbst schien dem Alten zu schreien.
Und Joseph gedachte der Worte der Gottesmutter und verstand sie, die der Erde eine große Freude und einen bittern Schmerz verheißen hatten.
„Ich sehe zwei Männer, Großväterchen: der eine Mann lacht, und ich freue mich mit ihm, — ihm wird ein großes Glück zuteil werden. Der andre aber weint, und ich traure mit ihm, denn ihm wird großes Leid widerfahren.“
König Herodes aber, der die ganze lange Nacht schlaflos in Unruhe verbracht hatte, ging, als der weiße Tag gekommen war, in seinem öden Palast umher und kniff die ängstlichen Augen zusammen und lachte plötzlich laut auf, vor Freude, daß er das Christkind aus der Welt geschafft hatte . . .