3.
Entsetzen packte die Engel und Erzengel, die Seraphim und Cherubim. Alle himmlischen Heerscharen gerieten in Bewegung.
Hilflos schlossen die Engel ihre unsterblichen Augen.
Wer wird zur heiligen Jungfrau gehn, wer soll ihr die traurige Kunde bringen, wer soll ihr den unerschütterlichen Willen des allwaltenden Gottes mitteilen, der von Ewigkeit den Tod seines Sohnes beschlossen hat?
Der Heilige Geist, der Tröster der Mühseligen und Beladenen, konnte ihnen keinen Trost geben.
Der Herr sprach:
„Du, Gabriel, warst der Bote der Freude. So sei denn heute der Bote des Leids.“
Und Gabriel antwortete:
„Wie soll ich, der ich die große Freude von der Fleischwerdung des Wortes verkündigte, nun seine Kreuzesmarter verkündigen?“
Und der Herr sprach:
„Du, Michael, du Führer der himmlischen Heerscharen, der du im Namen des Allmächtigen mit deinem Speer deinen großem Bruder Lucifer trafst, du Sieger, gehe hin und bring ihr die Kunde. Du wirst als Kriegsmann den Schmerz leichter tragen.“
Und Michael antwortete:
„Mein Arm hat den Stolzen geschlagen; ich bin stark im Kampf gegen Gewalt und Macht, aber nicht gegen Demut und Leid.“
Da sprach der Herr:
„Du, Rafael, der du deine Hand hilfreich aller Kreatur entgegenstreckst, du Fürsprecher vor dem Antlitz des Allgegenwärtigen, — gehe hin und hilf dem ewigen Willen, daß die Marter des Wortes kund werde der, die das Wort geboren hat.“
Und Rafael antwortete:
„Ich bin das Werkzeug der Liebe Gottes, ich bin der Trost der Leidenden, — soll ich der größten aller Frauen Schmerz bereiten?“
In Angst und Schmerz bebten und rauschten die weißen Flügel. Tränen traten in die sonnenklaren Augen.
Hätte doch lieber der Herr seinen Engeln, den sanften, zornigen oder gnädigen, befohlen, die Seele der heiligen, ewigen Jungfrau aus der Gefangenschaft des Leibes zu befreien!
Der Heilige Geist, der Tröster der Mühseligen und Beladenen, konnte ihnen keinen Trost geben.