3.
Sascha ist drei Jahre alt oder dreitausend, oder vielleicht auch dreimal dreitausend. Sascha zählt ihr Alter nicht nach Jahren.
Sascha meint, sie hätte von Ewigkeit an im Schlosse gelebt, sie wäre die Enkelin nicht der Großmama Euphrosyne Iwanowna, sondern der Tante Lena; sie hält sich für groß und alt, älter als das ganze Geschlecht, das im Schloß gewohnt hat, älter als die Tante Tatjana Afanasjewna, denn die Tante ist
ja nicht hundert Jahr alt, sondern erst sechzehn, oder vielleicht noch weniger.
Sascha steigt oft in Makas Turm hinauf.
Der Turm ist alt, und eine Unmenge von Mäusen haust darin: in der Bibliothek und im Archiv haben sie genug zu fressen, und man hört sie Tag und Nacht kratzen und krabbeln. Dort unterhält sich Sascha mit Maka, dort guckt sie nach den kleinen Mäuschen und freut sich, wenn eins ohne die geringste Furcht ganz dicht an sie herankommt und sich den Bart mit den Pfötchen streicht.
In Großvaters Kabinett hängen Bildnisse: eins zeigt Großvater als jungen Mann in Leutnantsuniform; auf dem andern ist er ganz alt und hat einen langen Bart und helle blaue Augen, ganz wie Saschas Augen.
Sascha kennt Großvater, sie hat Großvater gesehen: einmal nachts kam Großvater mit dem Sandmann an ihr Bett und unterhielt sich mit ihr, Großvater sagte zu Sascha, er werde nach anderthalb Jahren ganz zu ihr ins Schloß kommen. Und wenn Sascha jetzt in das Kabinett läuft, denkt sie immer, Großvater würde einmal da sein.
Mama erzählt Sascha ganz wunderschöne Märchen: von dem Fischer und seiner Frau und vom gestiefelten Kater und vom kleinen Däumling, vom Froschkönig und vom schlauen Fuchs.
„Willst du, Mama? Ich erzähle dir auch ein Märchen,“ sagt Sascha, als die Mutter mit ihrer Geschichte zu Ende ist.
„Erzähl’ mal!“
Und Sascha erzählt ihr Märchen:
„Es waren einmal zwei Bauern, die gingen ans Meer, um Fische zu fangen. Sie fingen aber nichts, und da gingen sie wieder nach Hause und legten sich schlafen.“
Damit ist das Märchen aus.
Sie hat noch ein anderes ebenso schönes Märchen vom Hahn und vom Bären, wie der Hahn den Bären auffraß.
Sascha hat es auch sehr gerne, wenn Mama erzählt, was sie alles gemacht hat, als sie, die Mama, noch klein war.
„Als ich klein war, war ich sehr unartig,“ erzählt die Mutter zum hundertsten Male. „Einmal kam ich in die Küche, als gerade alle hinausgegangen waren. Da stand der Samowar auf der Bank. Ich griff nach dem Krahn, drehte ihn um und blieb mit der Schulter am Samowar hängen, so daß er umfiel — gerade auf mich. Da fing ich furchtbar zu schreien an, denn ich hatte mir die Beinchen verbrüht. Großmama kam gelaufen und Großpapa und Tante und die Urgroßmama. Man legte mich ins Bett und holte den Doktor. Als der Doktor gekommen war, nahm man mir die Strümpfe ab, aber mit den Strümpfen ging auch die Haut ab. Das tat furchtbar weh und ich weinte und schrie. Lange mußte ich im Bett liegen, dann wurden die Beinchen allmählich gesund, eine neue Haut wuchs drüber.“
„Und dann noch eine?“ unterbricht Sascha die Mutter.
„Nein. Anfangs konnte ich nur kriechen. Ich hatte das Gehen ganz verlernt. Erst nach und nach lernte ich wieder fest auf meinen Füßen stehn.“
Sascha hört mit zusammengezogenen Brauen zu, und wenn die schöne Geschichte zu Ende ist, die Beine wieder heil sind und die Mama wieder laufen kann — dann strahlt Sascha über das ganze Gesicht und lacht.
„Noch einmal!“
Und Mama erzählt die schöne Geschichte zum zweitenmal.
„Aber als ich klein war,“ fängt Sascha dann an, „da lag ich mit dir im Kinderwagen, und dann zog ich dich an . . .“
Aber das ist schon so lange her, so lange, daß Sascha klein war! Und wenn Sascha ihrer Kindheit gedenkt, behauptet sie, daß sie wieder einmal klein sein werde.
„Wer wird dich liebkosen, wenn ich tot bin?“ sagte Sascha einmal, als sie wieder in Kindheitserinnerungen schwelgte und umarmte die Mama so innig, als wäre sie ihr Teddy-Bär.
Jeden Morgen nach dem Gebet begibt sich Sascha gewöhnlich
mit der Tante zu Mama, um sie aufzuwecken, und dann geht es hoch her: sie kriechen als Bären auf allen Vieren, stoßen sich als wilde Kühe mit den Hörnern, stellen Gewitter, Sturm, Regen, Hagel dar. Und Sascha sucht der Mama Angst zu machen: sie bläst die Backen auf und sagt mit hohler Stimme, sie wäre nicht Sascha, sondern der Froschkönig. Und dann kratzt Mama Sascha den Rücken und die Schulter: Sascha hat das über alle Maßen gern.
Einmal sagte Mama zu Sascha:
„Weißt du, Sascha, ich habe Maka gesehn.“
Da drohte Sascha mit dem Finger, kletterte der Mutter auf den Schoß und flüsterte ihr ganz leise ins Ohr:
„Still du, Mama, das darf man nicht laut sagen.“
„Warum denn nicht?“
„Man darf nicht,“ wiederholte Sascha nun ganz streng und furchte die Stirn.
„Weißt du denn, wie deine Maka aussieht?“
„Sprich nicht so laut, Mama, sag es niemandem,“ flüsterte Sascha. „Maka ist ein ganz altes zahnloses Fräulein. Immer bittet sie um Zigaretten, und kann doch gar nicht rauchen, denn Maka hat keinen Mund, sondern bloß zwei Zungen.“
Und wie sie so von ihrer geliebten geheimnisvollen Maka erzählte, lächelte Sascha, und der dunkle Leberfleck auf der Oberlippe ließ dieses Lächeln unbeschreiblich süß erscheinen.