3.
Mit dem Türken hatte man von der Demonstration noch viele Studenten nach Kresty gebracht, und bald zeigte es sich, daß von allen der Ungebärdigste, der Schwierigste Abdul Achad, der Türke, war.
Als alle Beulen, Quetschungen, Risse, Schrammen geheilt waren, wurde auch der Türke wieder lebendig. Und er war wie ein kleines Kind . . . Was konnte man auch von einem Türken anders erwarten?
Der Türke bekam Besuch von zwei Bräuten. Der Türke war in die eine ebenso verliebt, wie in die andre, und er wußte selbst nicht mehr genau, welche von beiden die schönere war und welche er lieber hatte.
Die Bräute brachten ihm Blumen, Schokolade, Kuchen ins Gefängnis. Die Zusammenkünfte dauerten immer sehr lange. Aber der Türke war immer noch unzufrieden. Er bat, daß ihn noch eine dritte Braut besuchen dürfe. Und so erhielten drei Bräute die Erlaubnis, den Türken zu besuchen, jede zu ihrer bestimmten Stunde.
Aber auch das war ihm noch nicht genug. Der Türke gab keine Ruhe.
Wie wäre das auch möglich gewesen, da er in Wahrheit doch nicht drei, sondern dreiunddreißig Bräute hatte.
Die Zelle des Türken befand sich im Hintergebäude im vierten Stock. Das Fenster war hoch. Vom Fußboden aus
konnte man nicht durchsehen. Der Türke stellte seinen Stuhl auf den Tisch, kletterte hinauf und schaute abends aus dem Fenster.
Dort am Ufer, von den Schopftürken, den Sphinxen, bis zum Arsenal gingen seine Bräute spazieren, alle dreiunddreißig.
Der Türke dachte nur an sie, erwartete ihren Besuch und träumte nachts von ihnen.
Und dann kam der Frühling. Es ward streng verboten, aus dem Fenster zu sehn. Aber wie konnte der Türke nicht aus dem Fenster sehn, wenn der Frühling gekommen war?
Der Türke kümmerte sich um die Vorschriften nicht.
Man drohte ihm mit Karzerhaft — er ließ sich nicht bange machen. Man sperrte ihn in den Karzer — es half nichts. Da ließ man ihn in Frieden. Was sollte man auch mit ihm anfangen? Früher, als er noch frei war, hatte er die ganze Welt in drei Gruppen geteilt: hübsche Mädel, junge Mädel und Weiber überhaupt. In die ersten verliebte er sich, in die zweiten war er nicht abgeneigt, sich zu verlieben, und den dritten war er stets bereit, den Hof zu machen.
Und nun, da der Frühling gekommen war, da liebte er sie alle, alle gleich und machte keinen Unterschied mehr zwischen hübschen und jungen und Weibern überhaupt.
Und am Ufer gingen abends nicht mehr dreiunddreißig, sondern mindestens dreihundertdreiunddreißig Bräute spazieren, er sah sie mit seinen eigenen Augen.
Alle Frauen waren seine Bräute.
Zu Ostern weinte der Türke sogar. Er weinte, weil man ihn nicht auch in die Kirche gehen ließ, wie alle seine Mitgefangenen, und auch weil er abends, als er aus dem Fenster seine am Ufer spazierenden Bräute sah, ein so großes Mitleid mit ihnen empfand.
Es kam der Mai und die hellen Nächte.
Aus dem Fenster sah der Türke den Mai, die hellen Nächte.
Einmal, als die Kontrolle eben vorüber war, und der Türke auf den Stuhl geklettert war, um nach den Bräuten Ausschau
zu halten, bemerkte er einen schwarzen Bart, der aus dem Gitterfenster nebenan heraushing. Der Nachbar hatte den Türken auch bemerkt und suchte ihm durch Zeichen zu verstehen zu geben, daß er nicht reden solle.
Aber wann hätte der Türke je guten Rat angenommen?
Er war so erfreut über den schwarzen Bart.
„Sitzen Sie schon lange hier?“
„Zwei Jahre.“
„Woher?“ „Aus Wilejki.“
„Wofür?“
„Denunziation. Ich weiß selbst nichts Genaues.“
„Besucht Sie jemand?“
„Nein. Ich habe daheim eine Frau und ein kleines Mädel.“
„Was war Ihr Beruf?“
„Melamed. Lehrer.“
„Langweilen Sie sich nicht?“
„Ich klebe Schachteln.“
„Sehnen Sie sich nicht nach Ihrer Frau?“
Aber der Nachbar antwortete nicht. Der schwarze Bart verschwand hinter dem Gitter. Und da klopfte auch der Wächter an die Tür. Der Türke mußte von seinem Stuhl herunter.
Als der Wächter vorübergegangen war, kletterte der Türke wieder hinauf und rief wieder den Nachbar an, aber der schwarze Bart zeigte sich nicht mehr, man sah durch das Gitter nur einen gekrümmten müden Rücken. Dann vergaß der Türke den Bart, und endlich wurde der Türke freigelassen. Es war doch nichts mit ihm anzufangen.