4.
Aus Kresty begab der Türke sich geradewegs auf den Newskij. Er wußte gar nicht, was er mit sich anfangen, wo er sich lassen sollte. Seine Bekannten aufsuchen? Dazu war auch morgen noch Zeit genug. Drei Tage war ihm Frist gegeben,
drei Tage durfte er sich in Petersburg aufhalten, und in drei Tagen konnte er alles erledigen, alle besuchen.
Der Türke ging auf dem Newskij und lächelte, alle lächelte er an, die Alten und die Jungen.
„Türke, lieber Türke, wie geht es dir?“ lächelten die Leute ihm entgegen, oder zum mindesten schien es ihm so.
Er ging in ein Kaffeehaus nach dem andern, trank Kaffee, aß Kuchen, guckte in ein paar Kinos hinein, aber nirgends hielt er’s lange aus.
„Türke, lieber Türke! Wie schön, wie herrlich ist die Freiheit!“ summten, brummten, flüsterten die Passanten — zum mindesten schien es ihm so.
In einer Schaubude am Newskij gab es wilde Menschenfresser zu sehen. Aus Neu-Guinea hatte man sie nach Petersburg gebracht.
„Das allerwildeste Volk auf dem Erdball!“ verkündete das Plakat. Der Türke ging hinein, sich die wilden Menschenfresser anzusehen. Die Menschenfresser sahen ganz wie Theaterteufel aus und lächelten, wie der Türke selbst. Und der Türke konnte nicht anders — er kletterte zu ihnen auf das Podium hinauf. Die Wilden verstanden nicht, was der Türke zu ihnen sagte, und auch die andern, die zahmen Zuschauer, ja der Türke selbst, verstanden kaum etwas, aber die Wirkung war eine ganz unerwartete: die Wilden hielten ihn wohl für einen Gott, sie spannten ihre Bogen, schossen ihre Pfeile ab, reckten sich lang aus, wie Peter der Große, und machten so wüste Kängurusprünge, daß dem Publikum angst und bange wurde und alles in größter Hast zum Ausgang drängte.
Im Gedränge kam auch der Türke hinaus.
„Türke, lieber Türke, wie lustig ist es, wie lustig!“ rief man ihm nach — oder zum mindesten schien es ihm so.
Die Newa hatte das Eis vom Ladogasee schon ins Meer hinaus befördert. Es war warm. Übrigens hätte der Türke es auch warm gefunden, wenn das Eis noch nicht abgegangen wäre.
Die weiße, durchsichtige Nacht lockte mit fernen silbernen Sternen.
Es war Kaisers Geburtstag. Auf dem Newskij flammten längs dem Bürgersteig bunte elektrische Laternchen auf, an den Häusern leuchtende Monogramme und Wappen. Das Gedränge der Spaziergänger wurde immer größer.
Der Türke sah nach allen Seiten und lächelte. Alles schien ihm so reich geputzt, so jung und rein, er hätte alle ohne Unterschied küssen können.
An der Ecke beim Katharinenkanal blieb der Türke stehen.
Von der Kasankathedrale her kamen Gardekürassiere.
Riesengroß, auf prächtigen Pferden, in silbernen Harnischen, bewegten sich die schimmernden Reiter wie Gespenster vorwärts.
Der Türke sah auf die Kürassiere und lächelte. Und lange noch schimmerten die silbernen Harnische durch die weiße Nacht, die bunten grünen Laternchen und die dunkeln, wie Bärte herabhängenden Fahnen. Als die Kürassiere vorüber waren, ging der Türke mit der Menge weiter.
Auf der Brücke fiel ihm ein Mädel auf — schwarzhaarig, schlank, fast wie ein Backfisch, nicht geschminkt, mit Augen, die glänzten, wie die Harnische der Kürassiere. Er lächelte sie an und sie lächelte auch. Er faßte sie unter den Arm. Sie ließ ihn lächelnd gewähren. Und sie gingen weiter.
Sie gingen und lachten, wie alte Bekannte.
Warum auch nicht? Sie war ja seine Braut! Alle waren sie seine Bräute.
Die weiße durchsichtige Nacht lockte mit fernen silbernen Sternen.
„Wohnen Sie weit von hier?“
Sie nannte ein Hotel.
Ihre Antwort belehrte den Türken, daß sie erst seit kurzem auf der Straße war: sie empfing noch keinen Besuch in ihrer Wohnung.
Sie gingen nach dem Gasthaus. Ließen sich ein Zimmer anweisen.
Und noch deutlicher ward es dem Türken, daß sie erst seit kurzem auf dem Newskij war: sie wollte kein Bier trinken.
Der Kellner brachte Limonade. Sie tranken die Limonade. Dann kleideten sie sich aus.
Sie war eine Jüdin und hieß Rosa.
„Sind Sie auch Jude?“
„Nein.“
„Grieche?“
„Nein!“
Sie sah ihn mit großen erstaunten Augen an und zählte alle Völker auf, die sie kannte. Sie kam schließlich bis auf die Chinesen und die menschenfressenden Papuas, die sie sich ebenso angesehen hatte wie der Türke.
„Ein Papua?“
„Nein.“
„Ein Türke?“
Der Türke konnte sich nicht mehr beherrschen und fing laut zu lachen an.
„Ein Türke! Ein Türke!“ rief Rosa erfreut, wie Kinder sich freuen, wenn sie einen Spielgefährten endlich in seinem gar nicht mal besonders schlau gewählten Versteck aufgestöbert haben, und immer wiederholte sie mit gutmütigem Lachen, wie die Kameraden, wenn sie den Abdul Achad irgendwo trafen, wo sie ihn am allerwenigsten erwartet hatten: „Ein Türke! Ein Türke!“
Rosa hatte nur noch das Korsett abzunehmen.
Der Türke schwatzte allerlei tolles Zeug, behauptete, er sei kein Türke, sondern ein ganz richtiger Kannibale und er werde sie gleich mit Haut und Haar auffressen, und dabei lachte er so, daß er ganz außer Atem kam.
Aus Rosas Korsett fiel plötzlich etwas auf den Boden. Der
Türke bemerkte es. Aber Rosa bückte sich in größter Hast und verbarg den Gegenstand in ihrer hohlen Hand.
Was mochte das sein? Und warum wurde sie so rot?
„Was ist das?“
„Nein, nein, das dürfen Sie nicht . . .“ Rosa trat zurück.
„Warum nicht?“ widersprach der Türke, umarmte Rosa und setzte sie auf seinen Schoß. „Sag mir doch, was es ist!“
„Es geht nicht,“ wiederholte sie. „Bitte, fragen Sie mich nicht. Ich will das nicht.“
Aber wann hätte der Türke je guten Rat angenommen! Er bestand auf seinem Stück: du mußt es mir sagen! Er schwur, daß er ihr Geheimnis keinem verraten und auch nicht lachen werde: auf ihn, den Türken, könne man sich verlassen.
„Alles geht,“ sagte er, „und das nicht? Warum denn nicht? Warum nur?“
Aber sie preßte den geheimnisvollen Gegenstand nur noch fester in ihrer Faust zusammen und schwieg. Es schien, als könnte keine Gewalt auf Erden ihr das Geheimnis entreißen, selbst wenn alle Schutzleute vom Newskij sich mit ihren kräftigen Fäusten auf sie gestürzt hätten. Sie weigerte sich, auch nur ein Wort zu sagen.
Dieser kindische Trotz ärgerte den Türken. Er gab keine Ruhe. Er mußte Rosas Geheimnis wissen. Er rollte die schwarzen, brennenden Augen. Er packte Rosas Hand. Und sie öffnete die Faust.
Anfangs verstand der Türke nichts. Er traute seinen Augen nicht.
„Eine Krawatte?!“
Sie hielt eine ganz gewöhnliche, genähte, schwarze Krawatte in der Hand — das Mittelstück, das wie ein schwarzer Schmetterling aussah.
Und Rosa fing an, ganz schnell, stotternd, einzelne Worte bald verschluckend, bald wiederholend, zu reden. So flüstern Kinder, wenn sie sehr froh sind, der Mutter ins Ohr:
„Weißt du, Mama —“ oder, wenn sie sich schuldig fühlen, ängstlich und bitter: „Ich will es nie mehr tun!“
Es war eine Krawatte. Eine Krawatte ihres Mannes. Rosa wollte dem Türken nicht von ihrem Manne sprechen. Sie hat auch ein Kind. Ein dreijähriges Mädel. Sie kommt aus Wilejki.
Ihren Mann hat man in einer schwarzen Kutsche nach Petersburg gebracht. Schon vor zwei Jahren. Ein Arbeiter aus der Nachbarschaft hatte ihn angeschwärzt. Ihr Mann war Melamed im Cheder.
„Ein Melamed — ein Lehrer,“ wiederholte Rosa.
„Ich hab ihn gesehen, deinen Mann, er hat einen schwarzen Bart und einen krummen Rücken. Er ist sehr mager. Ein richtiges schwarzbärtiges Skelett,“ sagte der Türke ganz erfreut, und deutlich sah er wieder seine Zelle im vierten Stock vor sich und den Abendhimmel und sich selbst auf den Stuhl stehen.
„Ich selbst komme eben aus Kresty, und er ist auch dort, in Kresty. Das Gefängnis Kresty auf der Wiborger Seite, Arsenalufer 5.“
Aber Rosa saß nicht mehr auf seinem Schoß, Rosa lag auf dem Boden zu Füßen des Türken und schrie so, als würde sie geschlagen, als wollte sie ihre ganze Seele sich aus dem Leibe schreien.
Der Türke griff nach der Karaffe und goß ihr Wasser ein. Was hatte er denn getan, daß sie sich wie in Krämpfen auf dem Boden wälzte und schrie? Aber Rosa rührte das Wasserglas nicht an, sie stand nicht auf, sie blieb liegen, in Hemd und Strümpfen, sie winselte und schluchzte und preßte die schwarze Schleife, die wie ein Schmetterling aussah, fest in ihrer Hand zusammen.
Der Türke erkannte Rosa nicht wieder. Das war nicht mehr der bleiche, schüchtern-schlaue Backfisch, sondern ein rasendes Weib, das von einem wilden Weh gepeinigt wurde. Und der Schmerz machte ihr Gesicht alt und häßlich.
An die Tür wurde geklopft. Man forderte Einlaß.
Der Türke ging um Rosa herum und wußte nicht, was er anfangen sollte.
„Beruhige dich doch,“ sagte er und streichelte sie, „was liegt denn an einem Schlips? Bei Gott, ich habe nichts Böses gesagt!“
An die Tür wurde geklopft. Und es war, als klopfte man nicht nur an die Tür, sondern an alle Wände und an die Decke, nicht mit der Faust, sondern mit einem Hammer.
Der Türke mußte öffnen: man hätte sonst die Tür aufgebrochen.
Ein Polizeiwachtmeister, ein Schutzmann, der Zimmerkellner, ein Droschkenkutscher und ein Frauenzimmer, wohl aus der Stube nebenan, traten ein.
„Was geht hier vor?“ fragte der Wachtmeister und betrachtete den entkleideten Türken und die auf dem Boden liegende Rosa mit strengen Blicken.
„Nichts,“ erwiderte der Türke, „ich habe gar nichts getan!“ Und er stürzte sich auf Rosa, hob sie auf und setzte sie, so gut es ging, auf das Sofa.
Rosa beachtete die Leute gar nicht, sie sah und hörte nichts, sondern winselte nur und schluchzte.
Der Wachtmeister befahl Abdul Achad sich anzukleiden. Der Türke sollte ihm auf die Polizeiwache folgen, wo man die Sache zu Protokoll bringen werde.
Was hatte er denn getan? Hatte er sie denn geschlagen? Hatte er ihr etwas Kränkendes gesagt? Nichts, rein gar nichts! Nichts Böses hatte er ihr getan, ja nicht einmal gedacht.
Der Türke zog sich hastig an, wie einer der sich schuldig fühlt. Aber die Hände wollten ihm nicht gehorchen. Kein Knopf ging zu. Rund herum aber standen die Leute und gafften ihn an wie einen ertappten Taschendieb, und schienen ihm zuzuzwinkern: „Was sagst du nun? Haben wir dich doch?“
Er hatte Gold in der Tasche. Er legte alles in Rosas offene Hand und folgte dem Wachtmeister nach dem Polizeiamt.
Hinter dem Wachtmeister gingen auch die andern hinaus: das Frauenzimmer von nebenan, der Kutscher und der Zimmerkellner — sie hatten ihre Schuldigkeit getan, mehr konnte man nicht von ihnen verlangen.
Rosa blieb allein zurück. Sie saß immer noch in Hemd und Strümpfen auf dem Sofa und weinte und winselte und preßte in der einen Hand die Krawatte zusammen, die wie ein schwarzer Schmetterling aussah, und in der andern das Gold des Türken. Sie war allein in dem Zimmer geblieben, und vor ihr stand der stumpfnasige Schutzmann vom Newskij-Prospekt . . .
Anmerkungen zur Transkription
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buches an den Anfang verschoben.
Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen:
- ... Schein, um blutig und wehvoll einem Zeitalter dem Abschied ...
... Schein, um blutig und wehvoll einem Zeitalter [den] Abschied ... - ... schwarzbärtiges Skelet,“ sagte der Türke ganz erfreut, ...
... schwarzbärtiges [Skelett],“ sagte der Türke ganz erfreut, ... - ... der Schmerz machte ihr Gesicht und althäßlich. ...
... der Schmerz machte ihr Gesicht [alt und häßlich]. ...