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Atja bewahrt alle diese Gedanken in seinem Herzen und spricht mit niemand davon. Kljutschi ist sein Geheimnis! Selbst seine Busenfreunde Romaschka und Charpik sind nur zum Teil eingeweiht; nur Klawdija Gurjanowna allein würde er alles enthüllen. Warum gerade ihr, das weiß er selbst nicht. Aber sie ist einmal so!

Er fühlt sich immer zu ihr ins Zimmer hingezogen; er liebt es, wenn sie mit ihm Tee trinkt, ihm Bonbons und Apfelsinen schenkt und ihn zu lachen zwingt; wenn sie ihn auf den Newski in die Läden oder in ein Kino mitnimmt. Er weiß, daß sie ganz anders ist als alle, daß man eine zweite Klawdija Gurjanowna nirgends findet: das weiße Gesicht ist stark gepudert, das Haar fällt in gebrannten Löckchen auf die Stirn herab, die Lippen sind rot geschminkt, die Augen schmal wie

Ritzen; alles ist an ihr so winzigt, als ob sie überhaupt kein Gesicht hätte; ihr Kleid ist vorn ausgeschnitten und raschelt so seltsam; auch ihre Stimme klingt ganz eigen; niemand spricht so wie sie; er könnte ihr immer zuhören und sie immer anschauen.

Atja kommt oft ohne jeden Grund zu ihr ins Zimmer, steht schweigend da und starrt sie an. Wenn sie ihn etwas fragt, so antwortet er so schüchtern und kurz; daß sie nichts verstehen kann.

»Ach du dummer, dummer Junge! Lache einmal!« sagt Klawdija Gurjanowna und lacht dabei selbst mit seltsam tiefer Stimme. Atja glaubt, das kann kein gewöhnliches Lachen sein; niemand sonst lacht so!

Einmal hielt er es nicht aus und sagte:

»Schön war es bei uns in Kljutschi . . . Da müßten Sie auch einmal hin . . .«

»Du weißt also, wo sie sind!« rief Klawdija Gurjanowna erfreut. Das war aber ein Mißverständnis: ›Kljutschi‹ heißt ja ›Schlüssel‹, und sie hatte gerade an diesem Tage die Schlüssel von ihrem Kleiderschrank verlegt und konnte sie unmöglich finden.

›Es ist noch zu früh‹, sagte sich Atja, ›es ist noch nicht die Zeit . . . Ich muß mich zuvor irgendwie auszeichnen, etwas Großes vollbringen, dann kann ich alles wagen . . .‹

Die Mutter sagte am gleichen Abend:

»Atja, du sollst doch nicht immer bei Klawdija

Gurjanowna stecken: das kann ihr unangenehm werden, und sie wird ausziehen.«

Da sie eine große Wohnung hatten und Atjas Vater, der Doktor, in diesem Jahre wenig verdiente, mußte ein Zimmer vermietet werden. In diesem Zimmer eben wohnte Klawdija Gurjanowna.

Ihr Erscheinen brachte neues Leben ins Haus. Alle Gespräche drehten sich um sie. Man beschäftigte sich nur mit ihr. Man erwies ihr alle möglichen Aufmerksamkeiten. Ihretwegen zog sich Atjas Mutter das Korsett an, während sie früher tagelang im Morgenrock umherging. Ihretwegen vermied es der Doktor, beim Mittagessen von seinen Operationen zu sprechen. Onkel Arkadi besorgte ihr Karten für Theater und Konzerte.

Sooft von ihr gesprochen wurde, spitzte Atja die Ohren und merkte sich jedes Wort.

Atja mußte sich jeden Morgen vom Kopf bis zu den Füßen waschen: in der Küche wurde ein Waschfaß aufgestellt, Atja zog sich aus und plätscherte im Wasser.

»Du bist nicht mehr so klein, daß du nackt umherlaufen kannst«, bemerkte einmal die Mutter. »Klawdija Gurjanowna kann dich doch einmal sehen.«

Dies geschah am ersten oder zweiten Tage nach dem Auftauchen der geheimnisvollen Dame. Die Worte der Mutter erschienen Atja im ersten Augenblick unverständlich; erst später

wurde ihm der Sinn dieser Worte klar und bestätigte seine eigenen Wahrnehmungen.

›Vor der Köchin Fjokluschka, vor Mama, und in Kljutschi vor der Patin, vor Panja und Sascha brauche ich mich nicht zu schämen‹, sagte sich Atja, ›weil sie alle wie die anderen Menschen sind; vor ihr darf ich aber nicht ohne Hemd umherlaufen, denn sie ist anders als alle: sie ist einzig!‹

Bald erfuhr er von Fjokluschka, daß Klawdija Gurjanowna eine Mätresse, ein ausgehaltenes Frauenzimmer, sei. Dieses Wort, das er zum erstenmal im Leben hörte, bekam für ihn sofort einen ganz anderen Sinn: es bedeutete in seiner Vorstellung nicht mehr und nicht weniger als den Inbegriff aller Gescheitheit und allen Reichtums.

›Ausgehalten, Gehalt . . .‹ kombinierte Atja. ›Wenn in meinem Aufsatz kein Gehalt ist, so gibt’s eine Vier; ist aber im Aufsatz Gehalt, so bekomm ich eine Eins. Der Rektor bekommt ein großes Gehalt. Gehalt bedeutet Geld.‹

Nicht umsonst wandten sich alle im Hause, wie Atja bald merkte, in schwierigen Fällen an Klawdija Gurjanowna, um ihre Meinung zu hören; nicht umsonst trug sie eine lange Halskette, die ihr bis zu den Knien reichte, und einen weißen Pelz mit schwarzen Schwänzchen, wie ihn die Kaiserin hat.

Der Doktor kam eines Abends sehr spät nach Hause und sprach während des Essens kein

Wort. Als man aber zum Nachtisch einen Auflauf reichte, der gerade an diesem Tag nicht aufgegangen war, sagte er ziemlich gereizt zu der Mutter:

»Es paßt mir gar nicht, daß du eine Prostituierte bei uns einquartiert hast . . .«

Das war ein schwieriges Wort, und Atja konnte es sich unmöglich erklären, sosehr er sich auch den Kopf zerbrach.

›Es ist natürlich lateinisch‹, sagte er sich. ›Latein kommt erst in der zweiten Klasse. Ich will aber nicht bis zum nächsten Jahr warten. Lieber werde ich gleich Onkel Arkadi fragen: der versteht lateinisch.‹

Als Onkel Arkadi am nächsten Sonntag zu Besuch kam, legte ihm Atja die Frage vor.

»Prostituierte«, erklärte Onkel Arkadi, ohne mit der Wimper zu zucken, »heißen alle diejenigen, die ein Institut absolviert haben. Ein Institut ist aber eine Lehranstalt, wo nur Adlige aufgenommen werden. Dich würde man zum Beispiel, da du nur der Sohn eines Arztes bist, um nichts in der Welt aufnehmen, wenn du auch aus der Haut fährst.«

Atja fuhr beinahe aus der Haut; doch nicht vor Verzweiflung darüber, daß er keine Prostituierte werden konnte, sondern vor Freude; er hatte also doch recht: sie war ganz anders als alle Menschen; sie war nicht nur ein ausgehaltenes Frauenzimmer, das heißt klug und reich, sondern auch eine Prostituierte, das heißt adlig.

›Sie ist eine Fürstin‹, sagte er sich. ›Und wenn sie in diesem Jahr eine Fürstin ist, so wird sie nächstes Jahr eine Großfürstin sein, und in noch einem Jahre — eine Prinzessin.‹

»Meine Prinzessin!« flüsterte er vor sich hin, sooft er an der Tür des verbotenen Zimmers vorbeiging.

Klawdija Gurjanowna hatte niemals Besuch, außer einem einzigen Herrn, der entweder ganz früh am Morgen oder sehr spät am Abend zu ihr kam. Wenn er am Abend kam, so blieb er bis tief in die Nacht hinein bei ihr. Er sang, und sie begleitete ihn. Alle nannten ihn ›den Abgeordneten‹.

»Der Abgeordnete ist gekommen«, sagte die Mutter zu Atja. »Mach nicht solchen Lärm und zupfe deine Jacke zurecht.«

Wenn der Doktor den Gesang hörte, verzog er das Gesicht:

»Ist das der Abgeordnete, der da singt?«

»Ja, der Abgeordnete«, antwortete die Mutter.

Bald erfuhr Atja, wer dieser Gast war.

Mutter teilte Onkel Arkadi eines Tages die letzte Neuigkeit mit: der Doktor habe sich entschlossen, die Zeitung abzubestellen, da zu Klawdija Gurjanowna jeden Tag ein Mitglied der Reichsduma käme und sie alles viel besser wisse als jede Zeitung.

›Ein ungewöhnlicher Gast!‹ sagte sich Atja. ›Einer aus der Reichsduma! Der bedeutet natürlich viel mehr als Iwan Martynytsch und Iwan

Jewsejitsch. Vielleicht ist er gar so viel wie der ›Grieche‹ Kopossow, der Klassenlehrer der dritten Klasse.‹

Einmal begegnete Atja dem Gast im Hausgange und verbeugte sich vor ihm wie vor dem Schulinspektor. Er stellte fest, daß der Abgeordnete ebenso kahlköpfig war wie der Religionslehrer, den die Schüler ›den Chinesen‹ nannten, und viel schöner gekleidet als Onkel Arkadi. Onkel Arkadi war zwar Schauspieler, hätte aber dem Abgeordneten nicht einmal die Schuhe putzen dürfen.

Die Abendstunden verbrachte Klawdija Gurjanowna mit der Mutter im Eßzimmer; sie sprachen von allen möglichen Dingen. Atja saß im Nebenzimmer, tat, als ob er seine Aufgaben machte, und hörte dem Gespräch zu. Das Gespräch drehte sich meistens um den Abgeordneten.

Es stellte sich allmählich heraus, daß er verheiratet war und zwei erwachsene Töchter hatte; seine Frau liebte er so sehr, daß er ohne sie gar nicht atmen konnte. Die bittere Notwendigkeit zwang ihn aber, fern von ihr in Petersburg zu leben; statt sich Briefe zu schreiben, wechselten sie tagtäglich Telegramme.

»Als ich ihn kennenlernte«, erzählte einmal Klawdija Gurjanowna, »sagte er mir: Meine liebe Klawdija Gurjanowna, ich kann ohne Sie nicht leben; bleiben Sie in Petersburg, solange ich Mitglied der Reichsduma bin.«

»Meine Prinzessin«, flüsterte Atja, über dem Lesebuch sitzend, »ich bleibe aber ewig bei dir!«

Klawdija Gurjanowna sang meisterhaft. Wenn sie allein in ihrem Zimmer war, sang sie oft ein Straßenlied, das man sonst mit Ziehharmonikabegleitung im dritten Hinterhof singt. Die Worte handelten von Liebe: er liebte sie, sie liebte ihn nicht, dann heiratete sie einen anderen, und die Sache war aus; aber er liebte sie noch immer, kann sie nicht vergessen, ›irrt wie ein Grashalm‹ unter den Menschen umher und ›sieht sie immer und überall vor sich‹ . . .

O wär diese Nacht

Nicht so schwül, nicht so schön,

So müßt nicht das Herz

Vor Wehmut vergehn . . .

Atja hörte in diesem Liede etwas, was seinen eigenen Gefühlen verwandt war: auch seine Prinzessin stand ›immer und überall‹ vor ihm.

Es war ihm, als ob die ganze Welt nur ihretwegen existierte; man durfte aber weder laut von ihr sprechen, noch ihren Namen nennen. Alle warteten auf sie und bewahrten diese Erwartung wie ein Heiligtum in ihren Seelen. Das war der Grund, warum man in Kljutschi, wenn in der Ferne das Glöckchen ertönte, vor das Tor hinauslief und mit stockendem Atem auf die Straße blickte: ob sie nicht schon käme? Und wenn Großvater in der Kirche die Messe las, wenn er die Arme hob und leise über dem Kelch betete, so

betete er zu ihr. Und wenn die Patin lustig war, wenn ihr alles gut gelang, so kam es daher, weil sie von ihr geträumt hatte. Und wenn Sascha und Panja den ganzen Tag lachten, ohne selbst zu wissen warum, so hatten sie wohl irgendwie erfahren, daß sie nach Kljutschi kommen sollte. Und wenn Kusmitsch ein Märchen plötzlich abbrach und sagte, daß er das Ende nicht erzählen werde, und über seine Lippen ein Lächeln glitt, so war auch das verständlich: das Ende des Märchens handelte von ihr; wie konnte er das geheime, unaussprechliche Wort aussprechen? Atja selbst dachte immer nur an sie; darum lachte er, darum leuchteten seine Augen . . .

»Atja hat sich in Klawdija Gurjanowna verliebt, ich gratuliere!« scherzte die Mutter.

»Folglich bleibt er das zweite Jahr in der ersten Klasse sitzen!« fügte Onkel Arkadi kaltblütig hinzu.

»Armes Kind!« jammerte die Köchin Fjokluschka.

»Mich haben alle Kinder lieb!« lachte Klawdija Gurjanowna mit ihrer tiefen Stimme.

›Ich muß mich irgendwie auszeichnen, anders geht es nicht‹, dachte sich Atja. ›Ich muß Indien oder das Weiße Meer erobern. Dann gebe ich ihr ein Zeichen, sie wird alles erfahren und sich offenbaren . . .

O meine Prinzessin!‹