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Die Hoffnung, den nächsten Sommer in Kljutschi zu verbringen, fiel ins Wasser. Der Doktor sagte: wenn Atja das zweite Jahr in derselben Klasse sitzenbleibe, so sei an Kljutschi gar nicht zu denken; dann blieben alle den ganzen Sommer in Petersburg. Das Frühjahr brach aber schon an, das letzte Semester ging zu Ende, und Atjas Schicksal mußte sich bald entscheiden; und es war klar, daß es sich nicht zu seinen Gunsten entscheiden werde.
Während der Schönschreibstunde spielten Charpik und Atja das ›Federnspiel‹: die Schreibfeder wird mit dem Finger emporgeschnellt, und je nachdem sie mit dem Rücken oder mit der Wölbung nach oben zu liegen kommt, hat man sie gewonnen oder verloren. Als Charpik wieder einmal eine Feder verlor, gab er das Spiel auf und sagte:
»Willst du mit mir nach Amerika durchbrennen?«
»Ja«, antwortete Atja.
»Romaschka kommt auch mit.«
»Wie wollen wir das machen?«
»Das weiß ich ganz genau. Wir beide haben uns schon seit Weihnachten den Kopf darüber zerbrochen. Wir wollten dir nichts sagen, ehe wir ganz im klaren waren . . . Hast du ein Amerika?«
»Papa hat im Sprechzimmer ein Afrika hängen.«
»Mit Afrika können wir nichts anfangen. Ich muß noch Romaschka fragen. Sein Vater ist Architekt, also muß er eine Karte von Amerika haben. Wir wollen uns eine unbewohnte Insel aussuchen und uns da niederlassen.«
»Wir werden uns auch ein Schloß bauen!« rief Atja aus.
»Ein Schloß oder einen Palast, ganz wie du willst!«
»Und außer uns wird keine Seele dort sein?«
»Niemand, nur die Nilpferde.«
›Nun geht es los‹, dachte sich Atja. ›Jetzt heißt es handeln. Charpik und Romaschka sind so durchtriebene Bestien, daß sie auch ans Ende der Welt den Weg finden.‹
Am nächsten Tage brachte Romaschka die Karte von Südamerika mit; die Karte war unbezeichnet und unvollständig: nur ein Viertelblatt, aber es war immerhin Amerika.
Die Stunde, die sie an diesem Tage auf Geheiß des Lehrers für Deutsch Iwan Martynytsch für eine Reihe von Streichen nachsitzen mußten, verging mit Besprechungen. Charpik und Romaschka nahmen die Oberleitung in die Hand und weihten Atja in alle Einzelheiten ihres Planes ein. Dann nahm man ein Blatt Papier und begann unbewohnte Inseln zu entwerfen. Schließlich einigte man sich auf eine Insel, legte die Karte zusammen und beschloß, am nächsten Tage, gleich nach der Schule, aufzubrechen.
»Kommt beide direkt zum Bahnhof und wartet
dort auf mich; ich werde Geld mitbringen«, sagte Charpik.
»Eigentlich müßte man auch einen Paß haben«, meinte Romaschka.
»Den Paß werde ich beschaffen«, erklärte Atja; es fiel ihm ein, daß Onkel Arkadi erst vor kurzem nach Moskau gereist war und aus Versehen den Paß der Köchin mitgenommen hatte; mit diesem Paß hatte er eine ganze Woche ohne Schwierigkeiten gelebt.
Es war also abgemacht: Charpik bringt das Geld, Atja den Paß und Romaschka die Karte.
Wenn es doch schon morgen wäre!
Atja tat die ganze Nacht kein Auge zu. So sehr war er mit seinen Gedanken beschäftigt. Er dachte aber nicht an Kljutschi, sondern an Amerika; auf der unbewohnten Insel wird er ein Schloß erbauen, wie es noch niemand gehabt hat; ein Schloß aus Pfauenfedern mit goldenen und silbernen Treppen, mit Fenstern aus Edelsteinen: in einem mit Nilpferden bespannten Wagen wird er seine Prinzessin hinbringen; und sie werden da ewig mitten im Meere unter der ewigen Sonne zusammenleben. Sie wird Prinzessin Mymra heißen, und die Insel, die er ihr schenken wird, soll ihren Namen tragen: Insel der Mymra. Dann wird er auch viele andere Inseln und zuletzt alle Länder der Erde für sie erobern. Und dann wird sie aus dem Schlosse treten und über die ganze Welt leuchten.
Atja, Charpik und Romaschka benahmen sich
während der Stunden ziemlich anständig und machten keine Dummheiten; sie waren auffallend zerstreut und redeten, wenn sie aufgerufen wurden, ganz ungereimtes Zeug. Ein jeder von ihnen kriegte einen Vierer. Das war ihnen aber schon ganz gleich.
Als die letzte Stunde vorüber war und Atja mit heller Stimme das Schlußgebet vorgesprochen hatte, warf Charpik alle seine Lehrbücher unter die Bank und rannte nach Hause.
Charpiks Eltern waren nicht zu Hause: der Vater war auf dem Gericht und die Mutter in der Stadt; nur die Köchin Wassilissa war allein da.
»Wassilissa, gib mir bitte drei Rubel«, bat Charpik.
Wassilissa besaß aber eine solche Summe nicht. Charpik stand noch eine Weile in der Küche herum und ging dann ins Arbeitszimmer seines Vaters. Er brauchte nicht lange zu suchen: unter einer alten Aktentasche lag etwas Kleingeld. Charpik zählte nach: es waren genau drei Rubel. Dieses Glück!
»Leb wohl, Wassilissa, wir werden uns nie mehr wiedersehen«, sagte Charpik, an der Schwelle stehen bleibend.
»Wo fährst du denn hin?« fragte Wassilissa interessiert.
Der Abschied von Wassilissa stimmte Charpik plötzlich sehr traurig; er war schon im Begriff, das Geheimnis auszuplaudern, beherrschte sich aber noch zur rechten Zeit.
»Auf den Nikolajewer Bahnhof. Leb wohl!«
Atja und Romaschka trieben sich indessen auf dem Finnländischen Bahnhof umher; viele Züge waren schon abgegangen, als Charpik endlich erschien. Ohne lange Geschichten zu machen, kauften sie sich Fahrkarten nach Terioki, stiegen in den Zug und — leb wohl, Gymnasium, lebe wohl, Rußland! Sie reisten nach Amerika, geradeswegs auf die unbewohnte Insel der Mymra.
Unterwegs war es sehr lustig. Sie sangen die Marseillaise und rauchten. Die Landschaft, die sie aus den Kupeefenstern sahen, erschien ihnen als Amerika, und alle Fahrgäste als Detektive und Sherlock Holmes.
Vor der Grenzstation Kuokkala holte Atja aus seiner Hosentasche den Paß der Köchin Fjokluschka hervor und zeigte ihn stolz den Freunden.
»Jetzt können wir auch zum Teufel fahren: der Paß ist echt«, äußerte sich Charpik anerkennend.
»Jeder Detektiv fällt darauf herein«, bestätigte Romaschka.
So kamen sie glücklich in Terioki an.
Sie stiegen aus und begaben sich nach den Sommerhäusern, die um diese Jahreszeit noch leer standen. Hier trieben sie sich bis zum späten Abend herum und taten alles, was ihnen nur einfiel. Sie kletterten über die Dächer, die Treppen und Bäume; Romaschka machte den Vorschlag, ein Bad zu nehmen, das scheiterte aber daran, daß sie zu faul waren, sich auszuziehen.
Allmählich wurde es kalt, und die drei
Freunde verspürten auch Hunger: sie hatten ja nichts zu Mittag gegessen. Also kehrten sie auf den Bahnhof zurück und kauften sich ein großes süß-saures Brot, das sie im Nu verzehrten. Nun mußten sie auch an ein Nachtquartier denken. Es war zu kalt, um auf dem Geleise zu nächtigen, außerdem schneite es. Auf dem Bahnhof konnten sie nicht bleiben, da er für die Nacht geschlossen wurde. Sie überlegten lange hin und her und entschlossen sich, den Stationsdiener zu bitten, in seinem Häuschen übernachten zu dürfen.
Der Stationsdiener war freundlich und ließ sich leicht überreden. Doch ehe er sie zu sich hereinließ, mußten sie den Bahnhof aufräumen und die Geleise kehren.
Sie räumten den Bahnhof auf und kehrten die Geleise; nachher schliefen sie aber so fest, wie sie in ihrem Leben noch niemals geschlafen hatten. Sie sahen im Traume allerlei Süßigkeiten: ganze Schachteln voll Schokolade, Fruchtpasten und gewöhnliche Bonbons: iß, soviel du willst!
Hätte sie der Stationsdiener nicht geweckt, so hätten sie am Ende auch den Tag über durchgeschlafen. »Steht auf, ihr Sünder!« Sie gingen wieder auf den Bahnhof kauften sich für das letzte Geld ein neues süßsaures Brot, stärkten sich etwas und waren schon im Begriff, sich wie gestern zu den Sommerhäusern zu begeben, als plötzlich in der Tür ein Gendarm erschien.
»Wo wollt ihr hin?« fragte er ziemlich ungnädig.
»Wir sind aus der Nasarowschen Villa«, antwortete Romaschka, der den letzten Sommer in Terioki verbracht hatte und sich da auskannte.
»Aus der Nasarowschen Villa?« fragte der Gendarm. Dann wechselte er einige Worte mit einem Herrn in Zivil, der neben ihm stand, offenbar ein Detektiv, und sagte sehr böse:
»Ihr seid verhaftet!«
In diesem Augenblick kam ein Zug, der nach Petersburg weiterging, und die drei Reisenden stiegen, in Begleitung des Gendarmen und des Detektivs, gesenkten Hauptes ein.
›Was werde ich nun meiner Prinzessin sagen, wie werde ich zu ihr zurückkehren? Wo ist mein Indien, mein Weißes Meer und die unbewohnte Insel? Wird sie mich noch in Gnaden aufnehmen, oder ist alles verloren?‹ Mit diesen Fragen quälte sich Atja ab, indem er aus dem Fenster auf die nasse schwarze Landstraße blickte.
Charpik und Romaschka rückten unruhig hin und her: einen jeden erwartete seine Tracht Prügel! Lebe wohl, Amerika!