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Die folgenden Tage gingen entsetzlich langsam hin. Das Wiedersehen auf dem Bahnhof war übrigens gar nicht so schrecklich: Atjas Mutter weinte beinahe vor Freude; auch im Gymnasium lief die Sache gar nicht schlimm ab: Atja wurde

sogar zu den Prüfungen zugelassen. Aber welchen Wert hatte für ihn noch das Gymnasium? Er hatte ja die Insel nicht erobert! Was konnte er mit leeren Händen anfangen? Ist das ein Leben! Klawdija Gurjanowna lachte über ihn und nannte ihn nur noch ›Amerikaner a. D.‹

»Ich muß mir etwas Neues ausdenken«, quälte sich Atja. »Ich muß mir einen Finger abhacken und ihn ihr bringen, oder ein Auge ausstechen . . . Soll sie es nur fühlen!«

»Der Großvater hat Schuld«, klagte die Mutter dem Doktor. »Ich weiß ja, was sie dort in Kljutschi treiben. Der Bengel ist ganz außer Rand und Band und will nichts lernen. Bald verliebt er sich in Klawdija Gurjanowna, bald phantasiert er von einer Mymra . . .«

Der Doktor vertrat in seiner Praxis die Ansicht, daß jeder Unsinn von Magenverstopfung käme, und behandelte daher seine Patienten vorwiegend mit einem Gemisch aus Bier und Rizinusöl; auch in Erziehungsfragen war er stets für die Anwendung ebenso radikaler Mittel. Er beschloß daher, Atja bei der ersten Gelegenheit ordentlich zu verhauen. Die Umstände fügten es aber, daß es ihm auf keine Weise gelingen wollte, Atja zu diesem Behufe einzufangen: entweder hatte er keine Zeit, oder Atja war gerade im Gymnasium, oder er war zwar nicht im Gymnasium, aber nicht aufzufinden: als ob er in die Erde versunken wäre.

Eines Morgens sah der Doktor ins Kinderzimmer

hinein: Atja saß im Hemd auf dem Bett und dachte über etwas nach. Der Doktor schlich mit verhaltenem Atem zu ihm hin: nur noch ein Schritt, — und er wird Atja erwischt und ihn so durchgebleut haben, daß er sein Lebtag daran denken wird; der Riemen in seiner Hand zittert bereits vor Freude. Atja ist aber nicht so dumm, sich gutwillig zu ergeben. Hopp — die Fersen flimmerten nur so in der Luft! Rette sich wer kann! Ohne viel zu überlegen, rannte er wie der Blitz zu Klawdija Gurjanowna.

Die Tür war nicht verschlossen. Klawdija Gurjanowna lag noch im Bett. Atja kroch zu ihr unter die Bettdecke. Er hörte noch, wie der Doktor eine Weile draußen vor der Tür stand und schließlich mit langer Nase abzog.

»Oh, du meine Prinzessin! Du hast mich vom Tode errettet«, flüsterte Atja. Ihm war schwindelig vor Glück. »Du wirst mir vergeben: ich bin eigenmächtig, ohne eine Insel, ohne irgend etwas zu dir gekommen . . . Du wirst mir vergeben . . . Es ist mir noch nicht gelungen, dir ein Königreich zu verschaffen; ich werde es aber noch beschaffen: Indien, das Weiße Meer, alle Inseln und alle Länder . . . und alles, alles . . .«

Ihm stockte der Atem . . . ihm war, als hätte seine Seele ihre Seele mit solcher Gewalt umarmt, daß sein Herz plötzlich herausspringen wollte und sein ganzer Körper erbebte: sie war ihm jetzt so nahe, die unzugängliche, stolze Prinzessin Mymra.

Klawdija Gurjanowna bedeckte ihr Gesicht, mit der Hand und lachte in sich hinein.

»Darf ich?« fragte plötzlich eine Stimme hinter der Tür.

»Sofort!« Sie stieß Atja zurück und wies ihn mit der Hand unter das Bett.

Atja huschte gehorsam unter das Bett und verharrte dort mit angehaltenem Atem und geschlossenen Augen: er glaubte, wenn er niemanden sähe, so würde auch ihn niemand entdecken. Er kauerte unter dem Bett genauso wie einst in Kljutschi im Geflügelstall, als er Gänseeier auszubrüten versucht hatte. Er atmete nicht, er sah nichts, er hörte aber alles.

Es war der Abgeordnete. Er entkleidete sich. Er legte den Rock ab, zog dann die Schuhe aus. Ein Kragenknopf fiel hinunter, rollte klirrend über den Boden und blieb unter dem Bett vor Atjas Füßen liegen. Atja wurde es unerträglich heiß: als ob es nicht ein Kragenknopf, sondern eine glühende Kohle wäre, die ihn mit fürchterlicher Glut anhauchte. Die beiden sprachen miteinander. Es waren ganz gewöhnliche Worte, wie sie von allen und zu allen gesprochen werden. Atja überlief es aber beim Zuhören bald heiß und bald kalt. Die Worte klangen für ihn wie die gemeinsten Schimpfworte. Plötzlich hatte er begriffen, daß sie nicht die einzige, nicht die Prinzessin, sondern so wie die andern war, um kein Haar anders. . . Und er sah sich in einer Wüste . . . Er drückte sich die Ohren zu, um nichts zu hören,

hörte aber jedes Wort; es war ihm, als ob man ihn schlüge, wie man einmal in Kljutschi einen Dieb, der sich unter das Bett in der Küche verkrochen, geschlagen hatte: auf das Gesicht, den Kopf, den Bauch: seine Augen blickten schon ganz gläsern, er war halb tot. »Macht doch schon ein Ende mit ihm!« — »Nein«, riefen die andern, »der soll nur warten!« Und man ließ ihn für eine Weile los, und schlug ihn dann wieder . . . Atja war es plötzlich, als ob man ihm mit dem stumpfen Ende eines Beiles einen Schlag auf den Schädel versetzt hätte . . . Alles stürzte zusammen . . . Es war wie der Tod . . .

Erst als der Gast das Haus verlassen hatte und Klawdija Gurjanowna sich ankleidete, kroch Atja unter dem Bett hervor. Er blickte sie nicht mehr an und gab ihr auf die Frage, ob er sie am Nachmittag auf den Newski begleiten möchte, keine Antwort.

Ohne Bücher und ohne Frühstück ging Atja ins Gymnasium. Er sah nicht, was um ihn her vorging. Er wußte selbst nicht, wie er schließlich doch ins Gymnasium kam. Bald nach Beginn der ersten Stunde bat er, austreten zu dürfen. Der Lehrer erlaubte es ihm. Er ging aus der Klasse und war nun allein in einem leeren Raume; irgendwo tröpfelte Wasser. Und jetzt erinnerte er sich an alles: die Erinnerung wälzte sich ihm auf die Seele wie ein schwerer Stein! Seine Prinzessin war nicht mehr . . . Tränen rollten ihm die Wangen hinab. Atja weinte zum erstenmal in seinem

Leben. So wird die Erde zum letztenmal weinen, wenn vom Himmel die Sterne stürzen.

O wär diese Nacht

Nicht so schwül, nicht so schön,

So müßt nicht das Herz

Vor Wehmut vergehn . . .

Das Lied einer Straßensängerin drang von irgendwoher in den Hof des Gymnasiums und kam aus dem Hof, zugleich mit der Frühlingsluft, zum Fenster herein. Und Atja lächelte unter Tränen.

Wo soll er nun seinen Stern — seine Prinzessin suchen?