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Öde ist es nun im Hause des alten Tschabak.

Wo das Volk sich einst so drängte, daß die Wände erbebten, hört man weder Lachen noch Trampeln, und draußen vor dem fest verschlossenen Tor sieht man keine Pferdespuren mehr.

Ein Christenmensch kommt um nichts in der Welt in den Hof; er wird lieber an der Schwelle sterben als das Haus betreten.

In den Stuben sind überall Kräuter aufgehängt. Und sie duften so scharf, daß man sich kaum auf den Beinen halten kann. An allen Wänden sind Vögel gemalt: Sanofa hat sie selbst gemalt, es sind aber keine richtigen Vögel, sondern eher geflügelte Kater. Diese Vögel machen es, daß die Wände und das ganze Haus gleichsam davonfliegen möchten.

Nicht geheuer ist es in den Stuben.

Wenn die Mutter mit der Hausarbeit fertig ist, setzt sie sich zu Sanofa. Sie schaut die Tochter mitleidig an und weiß nicht, was sie anfangen soll. Sanofa aber liegt mit offenen Augen da, und

in ihren Augen brennt etwas, was man mit keinem Wasser löschen kann.

Sanofa pflegte der Mutter zu sagen:

»Glücklich bist du! Hast dein Leben gelebt, hast getanzt und gesungen, hast so getanzt, daß die Leute herbeikamen, um dich zu sehen. Und ich habe nichts.«

Die Alte erhob sich, schüttelte ihren grauen Kopf, und die Adern an ihrem bronzenen Hals schwollen an.

»Nein, Sanofa, du bist schön und stark, und keine ist so schön wie du!«

Sanofa hörte es nicht und sprach weiter:

»Du bist glücklich. Es muß ja auch glückliche Menschen geben! Wer hat es so eingerichtet? Und was habe ich verbrochen? . . .«

»Nichts hast du verbrochen. Aber die Menschen sind so schlecht.«

»Die Menschen? Sind sie glücklich? Ich aber kenne keinen glücklichen Augenblick . . .«

Die Alte richtete sich auf und sagte:

»Gehen wir von hier fort, Sanofa. Verlassen wir dieses Haus, verlassen wir alles, dann finden wir unser Glück . . . Ziehen wir in die Steppe, in die Freiheit . . .«

»Warum lügst du? Warum sagst du, daß ich schön bin? Was willst du von mir? Wie soll ich von hier fort? Ich bin ja ein Krüppel — und kann nicht gehen! Womit hab ich das verdient? Wer hat es so eingerichtet? Wo ist die Gerechtigkeit?« Sanofa richtete sich auf den Armen halb auf,

blickte die Mutter voller Haß an, verfluchte die Menschen und die ganze Welt. Alle erschienen ihr so glücklich, nur sie allein war so unglücklich, ein verkrüppeltes Kind, sie war verdammt und wußte nicht, für welche Schuld.

Und ihr Herz war wie ein zähnefletschender Eber — schreckliche Rache drang ihr aus dem Herzen.

Die Alte ließ sich wieder auf die Bank nieder, schloß die Augen und schlief ein, kraftlos, ohnmächtig, etwas zu tun.

Sanofa verharrte aber noch lange halbaufgerichtet, sich auf die gestreckten Arme stützend, und sträubte die Haare wie eine Katze. Sie zielte irgendwohin mit den Augen und ließ die Blicke im Kreise schweifen. Etwas Unmögliches, Unmenschliches geschah in ihrer Seele, etwas Unmögliches, Unmenschliches ging in ihrem Herzen in Erfüllung.

Um diese Zeit begann es im Dorfe zu brennen, und die Menschen begannen dahinzusterben, und eine Seuche befiel das Vieh, und die Felder wurden ausgetreten — jedes Unheil, jede Seuche, alles kam von ihrem bösen Blick.

Allmählich wurde ihr leichter ums Herz, allmählich zog sie die stählernen Arme wieder ein.

Sanofa verkroch sich in einen Winkel ihres Bettes, schrumpfte ganz zusammen und versteckte sich wie ein verwundetes kleines Tier.

Sie gedachte ihrer Kindheit, des Vaters, ihrer glückbringenden Hand . . . Wie sie einst im Reigen

gestanden hatte, wie der Sturmwind kam und wie sie zu Boden fiel, von dem sie sich nie wieder erhob . . . Wie sie sich selbst aus ihrer rechten Hand ihr Glück herauskratzen wollte, wie sie zur Kirche fuhr und, auf allen vieren kriechend, nach Hause zurückkehrte.

Die Alte erwachte.

Sanofa weinte.

Wenn sie weinte, war ihr Gesicht wieder so winzig, kaum faustgroß, wie bei jenem glücklichen Mädelchen, das, ihr glückspendendes Händchen schwingend, auf einem Bein von der Haustür zur Gartenpforte hüpfte, mit feinem Stimmchen sang und das Märchen vom Hahn erzählte, der den Bären gefressen hatte; das mit den Lippen den Donner nachahmen wollte und selbst vor den eigenen Tönen erschrak; das scheltend den Regen zu verjagen suchte und ebenso wie jetzt weinte, wenn der Regen nicht aufhören wollte und man sie nicht aus dem Hause ließ.

»Willst du essen?« fragte die Alte, sich über die Tochter beugend.

»Sterben will ich«, flüsterte Sanofa.

Die Alte biß sich in die welken Lippen, zerrte an den Enden ihres erdgrauen Kopftuches und war selbst so grau wie Erde.

Die Vögel an der Wand reckten ihre Katzenköpfe und flogen irgendwohin; und auch die ganze Wand wollte sich losreißen und davonfliegen.

»Ich will sterben!«

Wenn die Abenddämmerung kam und der laue Abend den Wind des Tages zur Ruhe brachte und die Nacht, mit Sternen wie zu einem Festmahl geschmückt, langsam heraustrat und die von den Sternen geweckten Eulen ihre Trauer in gedehnten Schreien ergossen — kroch Sanofa in den Garten hinaus. Da blieb sie bis zum Morgengrauen unter vier Augen mit der Nacht, grub die Erde um und machte sich mit ihren Blumen zu schaffen.

Manche Nächte aber waren wie Tage, und Sanofa konnte in solchen Nächten nicht vom Bette steigen.

Der Garten verwilderte von Sommer zu Sommer immer mehr. Die Blumenbeete wurden von Unkraut überwuchert, und die Blumen gingen zugrunde. Wildes Steppengras drang in alle Winkel ein. Die Baumäste neigten sich zur Erde, die Schatten wurden immer dicker und vertilgten jedes Licht.

Nachts wurde Sanofa von Träumen heimgesucht; schreiend riß sie sich von ihnen los und lebte dann den ganzen Tag unter ihrem Schatten.

An solchen Tagen sprachen Mutter und Tochter nicht miteinander. Sie sahen sich nur an. Zuweilen war es ihnen zu schrecklich, einander auch nur anzuschauen.

Die Alte legte Karten.

Die Karten prophezeiten nichts Gutes: ›Schlag‹, ›Unannehmlichkeiten‹ und ›Nachtlager‹. Das bedrückte das Herz mit unsagbarer

Schwere, und alles endete mit dem ›Gastmahl‹ — der Piquedame.

Nur selten kam es vor, daß ein Morgen das Haus wie mit strahlendem Glück erleuchtete.

Sanofa erwachte und rief:

»Mütterchen, wenn du wüßtest, was mir heute geträumt hat?«

Die Alte lief zur Tochter:

»Was hat dir denn geträumt?«

»Ich träumte von Stiefeln, und dann, daß du mir ein Hemd reichst und das Hemd ganz blutig ist.«

»Stiefel bedeuten eine Reise«, erklärte die Alte. »Das Blut aber das Wiedersehen mit Blutsverwandten. Und mir träumte, daß ich eine aus Samen gezogene Zwiebel esse. Vielleicht kehrt noch der Alte zurück . . .«

Die Alte versank in ihre Gedanken und begann ein Lied zu summen.

»Mütterchen, ich weiß, was es für eine Reise ist: es ist mein Tod.«

Die Alte schwieg.

»Auf dem Friedhof ist es ruhig, dort wird mich niemand anrühren.«

Die Alte schwieg.

Alles fiel ihr aus den Händen: so sehr zitterten ihr die Hände, und sie wußte in ihrem Kummer nicht, ob sie stehend oder sitzend weinen sollte.

Ein Tag folgte dem andern.

So viele endlose, traurige Tage zogen durch das verödete Haus. Man könnte mit dem Kopf

gegen die Wand rennen, nur um irgendeinen Schrei aus der Kehle zu pressen.

Ganz gleich, ob das Wetter trocken oder naß war, ob es regnete oder die Sonne schien, die Augen hatten nur den einen Wunsch: sich zu schließen.

Die Alte konnte es nicht länger ertragen, sie fürchtete das Schweigen, sie ging leise auf die Tochter zu und sagte:

»Mein Kind, mein Kindchen!«

»Was ist denn?« fragte Sanofa, ihre schrecklichen Augen auf die gramgebeugte Mutter richtend.

»Ich habe nur so . . . Ich bitte mit dem Herzen . . .«