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Sanofas Vater war Kaufmann und reiste mit seinen Waren von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Die Waren verlagen sich bei ihm niemals, die Käufer

drängten sich nur so: auf den alten Tschabak konnte man sich verlassen, niemals hängte er einem faule Ware an. Hätte sich der Alte nicht die Sünde auf die Seele geladen, so wäre er unter die Heiligen gesetzt worden, bei Gott!

Sanofas Mutter war wildes Zigeunerblut, hatte getanzt und gesungen: wenn sie nur einmal in die Hände klatschte, war man verloren, seine Seele wollte man hingeben, nur um sie einmal tanzen zu sehen. Eine zweite Marja gab’s nicht in der Welt.

Nicht immer war es dem Tschabak so gut gegangen. In der ersten Zeit schlug er sich mühsam durch, hatte einen Kramladen im Dorf und lebte davon. Das ganze Haus war voller Kinder, und es kostete schon etwas, alle zu ernähren und zu bekleiden. Wie die Bauern lebten sie.

Sanofa kam zur Welt — und gleich wurde alles anders.

Nun hatte Tschabak auf einmal Glück und wurde ein echter Kaufmann. Die Käufer strömten von allen Seiten zu seinem Laden herbei, und er konnte gar nicht genug Ware auf Lager haben. Reich wurde der Kaufmann. Die Einkünfte reichten nun für alles aus: er baute sich ein Haus, pflanzte einen Garten, verheiratete die Töchter und brachte den Sohn in der Stadt im Handelsfache unter. Kornej stiftete eine Kirchenglocke, und die Glocke klang so laut, daß das Abendläuten durch alle Schwarzen Wälder dröhnte und selbst bis zu der Iljinka in Moskau reichte.

Tschabak suchte den Reichtum gar nicht: das Geld kam ganz von selbst in seine Hände.

Kluge Menschen ahnten schon damals, daß es da nicht mit rechten Dingen zuging, sie behielten aber ihre Meinung für sich: das Wort ist kein Spatz, und wenn es einmal entsprungen ist, so kann man’s nicht wieder einfangen. Wie leicht kann man einen Unschuldigen in üblen Ruf bringen und muß es dann später im Jenseits büßen. Nur Mitroschka — so hieß ein Bursche im Dorf — fürchtete nichts: wenn er sich einen Rausch antrank, begann er zu plaudern: er deutete immer auf das Mädel und schrieb ihm alles zu.

Man beachtete seine Worte nicht: wenn ein Mensch angetrunken ist, kann man ihn für seine Worte nicht verantwortlich machen.

Das Mädel war aber wirklich Gott weiß was!

Sanofa wurde in der Johannisnacht, beim ersten Hahnenschrei, als letztes Kind ihrer Mutter geboren. Sie kam mit einer Glückshaube und einem Muttermal am linken Daumen zur Welt.

Die Haube hatte die Hebamme auf die Seite gebracht und an sich genommen. Tschabak und sein Weib grämten sich deswegen, konnten aber nichts mehr machen: so ein Ding kann man doch nie mehr zurückerlangen; wer es zuerst in die Hand bekommt, der zieht eben den Nutzen daraus.

Die Kunde verbreitete sich aber im Dorfe.

Wanderer und Wallfahrer strömten zu Tschabak herbei. Viele kamen ins Haus, um aus Sanofas linker Hand ihr Glück zu holen. Die Hand

teilte das Glück freigebig aus und wies niemanden ab. Wanderer und Wallfahrer kamen dann immer glücklich an ihr Ziel und kehrten ebenso glücklich heim. Niemand konnte sich über etwas beklagen.

Aus fernen Dörfern kamen die Leute zu Tschabak, ihr Glück zu holen, und kehrten zufrieden heim: niemandem stieß irgendein Unheil zu.

Das Kind wuchs als kluges Mädel heran und zwitscherte den ganzen lieben Tag wie ein Vöglein. Alles mußte man ihr zeigen und erklären, sie lief immer den Erwachsenen nach und hatte vor nichts Furcht.

Marja nahm sie einmal zum Heuerntefest mit und stellte sie in den Reigen. Das Mädchen liebte es, im Reigen zu stehen. Und als der Reigen durch die Dorfstraße zog, erhob sich ein Wind und warf das Mädel um. Seit jener Zeit waren ihre Beine gelähmt, und sie konnte nicht mehr gehen.

Sie lief nicht wie die andern Kinder umher, sondern lag den ganzen lieben Tag still.

Eine wunderliche Sache: ihr Körper wuchs weiter, aber ihre Beine blieben, wie sie waren: kleine Kinderbeinchen.

Noch mehr Menschen kamen nun zu Tschabak, und das Glück überschwemmte die Welt.

Aber es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen.

Eine wandernde Nonne entdeckte auf Sanofas Glückshand kleine Kreuzmale, es waren aber

keine gewöhnlichen Kreuze; und danach kam Foma, der heil zur Wallfahrt auszog, ohne das eine Bein zurück; dem Jerjoma wurde ein Auge ausgeschlagen; Katerina, des Schulzen Enkelkind, heiratete, lebte ein Jahr in glücklicher Ehe, begann aber im zweiten Jahr zu trinken; Baran, den man als Boten nach Petersburg geschickt hatte, kam nie wieder heim; der bewußte Mitroschka aber bekam einen Nabelbruch.

Nun geschahen Dinge, die man auch einem Narren nicht zu deuten braucht.

Je älter Sanofa wurde, um so mehr wuchs das Geschäft ihrem Vater über den Kopf. Der alte Kornej wollte die Tochter noch bei seinen Lebzeiten verheiraten und dann ruhig sterben. Er schickte Freiwerber aus. Gar mancher Freier kam ins Haus. Viele wurden durch den Reichtum angelockt: Tschabak war ja der reichste Mann im Dorf. Es kam aber nichts dabei heraus. Gar mancher Freier hätte gern zugegriffen, aber im letzten Augenblick hatte er doch nicht den Mut. Einen gar zu seltsamen Blick hatte Sanofa: wie ein Messer drang er einem ins Herz. Vor solchen Augen konnte man nichts verbergen. Darum kam auch nichts zustande.

Sanofa konnte die Freier nicht leiden und machte dem Vater oft Vorwürfe. Mit dem Alten hätte aber auch der Teufel nicht fertig werden können: so trotzig und eigensinnig war er.

Einmal kam zu Tschabak ein Kaufmann aus der Stadt; in Geschäften kam er zu ihm. Ein hübscher,

lustiger Kerl, das ganze Dorf brachte er in Aufregung; Die Weiber weinen auch heute noch, wenn die Rede auf Rodionow kommt. Und dieser Kaufmann gefiel Sanofa. Sie selbst gestand es dem Vater. Der Alte freute sich mächtig und ging gleich zu dem Kaufmann. Der Alte liebte die Tochter so, daß er seine Seele für sie hingeben würde. Der Kaufmann war aber ein leichtsinniger Kerl und achtete nicht der Gefahr. Er schüttete drei Scheffel Scherze hin, und man wurde einig. Alles ging, wie sich’s gehörte: die Eltern gaben ihren Segen, man feierte die Verlobung und machte alles, was die Sitte verlangt: Weiber verstehen sich ja darauf! Man tanzte so lange, bis alle lahm waren. Und als der festgesetzte Tag anbrach, kleidete man Sanofa zur Trauung ein. Man kam in die Kirche, das ganze Dorf war dabei — denn alle wollten es sehen —, man wartete, der Bräutigam aber fehlte noch. Man dachte sich, es sei ihm etwas zugestoßen. Man suchte hin, man suchte her. Man schickte einen Boten hin, dann einen andern, der Kaufmann war nirgends zu finden. Man ächzte und seufzte, doch es war nichts zu machen. Nun fuhr man wieder heim. Sanofa wollte sich aber nicht vom Fleck rühren. Man bat sie, man flehte sie an, man versuchte, sie mit Gewalt nach Hause zu bringen, sie wollte aber um nichts in der Welt fahren. So, wie sie war, im Brautkleide, legte sie sich platt auf die Erde und kroch auf allen vieren nach Hause. War dabei so weiß wie Papier, und ihre Augen — ja,

wenn alle Donner des Himmels erdröhnen und alle Blitze niederführen, gäbe es kein solches Ungewitter: — die Augen glühten und sengten. Ein jeder blieb wie angewurzelt stehen, und sie kroch immer weiter.

Gegen morgen fand man den Kaufmann in Tschabaks Stall. Eine Sau hatte Ferkel geworfen, und im Stalle stand eine alte geflochtene Krippe für die Ferkel. Der Kaufmann lag in der Krippe, und die Pferdeleine war mit dem einen Ende an einer Pappel festgebunden. Tot war er.

Nun kam die gerichtliche Untersuchung. Die Leute sagten gegen Kornej aus. Kornej schwor, daß er an der Sache nicht beteiligt sei. Man glaubte aber seinen Schwüren nicht und sprach ihn schuldig. Der Alte ging nach Sibirien und ist wohl auch dort gestorben.

So war die Sache.

Mitroschka mit dem Nabelbruch begann nun ganz laut zu schimpfen, und die Klugen, die früher ebenfalls alles gewußt, aber geschwiegen hatten, redeten drauflos.

Jetzt war es allen klar, was für eine Bewandtnis es mit Tschabaks Reichtum und Sanofas glückbringender Hand mit dem Muttermal am linken Daumen und den kleinen Kreuzen hatte.

Und wenn es auch Kornej war, der den Rodionow erdrosselt hatte — das wußte ja jedermann —, Sanofa war jedenfalls mitbeteiligt: ihrer Hände Werk war es!

Das ganze Dorf geriet in Aufruhr.

»Sie wird noch etwas ganz anderes anstellen«, sagte man von Sanofa: »Sie wird einen Hagel schicken und die Felder verwüsten, sie wird einen Blitz herabsenden und das Korn verbrennen, das Vieh umbringen, die Kinder erwürgen, die Weiber verderben, die Männer zugrunde richten, den Fluß austrinken, den Wald mit den Wurzeln ausrotten, weder die Kirche noch ein einziges Haus stehenlassen und selbst den letzten Holzspan nicht verschonen.«

»Sie wird es noch ganz anders treiben«, flüsterte man mit erstarrenden Lippen, »sie wird alle in Eulen verwandeln und in Erdlöchern zu leben zwingen.«

»Einen schwarzen Blick hat sie!«

»Eine verdammte Hand!«

»Eine verdammte Hexe ist sie!«

Foma und Jerjoma redeten den Leuten zu, der Hexe den Garaus zu machen; es fand sich aber kein Kühner: alle hatten viel zu kurze Arme.

Alle wichen Sanofa aus, auch Bruder und Schwester sagten sich von ihr los.

Jedes Unglück, das in Batyjewo vorkam, jede Sünde, alles schrieb man Sanofa zu.

Sanofa lebte nun mit ihrer Mutter allein.

Alle schielten ängstlich nach dem weißen Häuschen mit der blauen Tür und den blauen Fensterladen; man brach den Gesang ab und verstummte, wenn der Blick auf den spitzen Dachgiebel fiel, wo ein Storch wie ein Wachposten das Hexennest bewachte.

Sie aber hielt sich im Hause versteckt, lag am Fenster, sah alles — über drei Felder hinweg konnte sie sehen —, und hörte alles — durch drei Wälder hindurch konnte sie hören.

Sie sah alles und hörte alles, und das Herz verging ihr; aber aufstehen konnte sie nicht.