III. Bewußtseinsvorgänge.
Nach traumlosem, tiefem Schlafe, dem wir bewußtlos hingegeben waren, erwachen wir und mit uns die bewußte Tätigkeit unseres Geistes. Wir wissen von uns selbst, erkennen Teile der Außenwelt, wir sind bei Bewußtsein. Im Bewußtsein beginnt nun die Verarbeitung von Reizen der Außenwelt; denn an Auge und Ohr treten Äther- und Luftschwingungen. Die Sinnesnerven leiten die Reize weiter,[4] und im Gehirn haben wir Empfindungen. Darunter versteht der Forscher ein kühles Kenntnisnehmen von dem Reiz, das in Wirklichkeit so kühl gar nicht vorkommt. Wenn wir durch sinnreiche Apparate den Puls eines Menschen aufzeichnen lassen und zeigen ihm eine einfache Farbe, etwa Blau, oder lassen einen Ton erklingen — sofort zeigt der Puls Veränderungen, weil das Herz durch Gefühle etwas beeinflußt ist. Schon daraus sehen wir, daß mit den einfachsten Empfindungen schon Gefühle verknüpft sind. Reine Empfindungen, also bloßes kühles Kenntnisnehmen von Reizen ohne Gefühlsbegleitung, gibt es nicht. Der Seelenforscher aber muß die verwickelten geistigen Vorgänge zergliedern und unterscheidet deshalb scharf zwischen Empfindung, Gefühl und Willen. In Wirklichkeit hängen diese drei Elemente des Bewußtseins eng verbunden miteinander zusammen. Wie eng, das werden wir noch in diesem Abschnitt erkennen.
Abb. 1. Einfache Zuckung (Reflexbewegung).
Abb. 2. Leitung des Reizes bei bewußten Empfindungen (willkürliche Bewegungen).
Selbst wenn wir in einem stillen Zimmer die Augen schließen und kein störender Reiz uns trifft, merken wir doch noch deutlich, daß wir bei Bewußtsein sind, und können irgendein Erlebnis, einen Spaziergang u. dgl. vor unser geistiges Auge, wie wir das Bewußtsein auch nennen können, hinstellen. Vorstellungen sind es, die dann im Bewußtsein vorüberziehen. Freilich gelingt es uns nicht, alle Einzelheiten des damals Geschauten oder Erlebten wieder aufleben zu lassen. Unser körperliches Auge sieht ja nicht alles, und was es sieht, nicht überall mit gleicher Deutlichkeit. Von all dem aber, was unsere Augen sehen, macht das Bewußtsein, das geistige Auge, abermals einen Abzug; denn es hält Auslese. Nur das nehmen wir in unsern Geist auf, was das innere Auge aufmerksam betrachtet hat. (Vgl. auch [S. 50] ein auffallendes Beispiel dazu.)
Und damit sind wir wieder bei dem großen Rätsel angelangt, dem wir uns in diesem Buche widmen wollen: Was von unserm Bewußtsein erfaßt wurde, ob es nun dem Gesichts-, Gehörs-, Körpergefühls-, Geruchs- oder Geschmacksbereich angehört, können wir als Vorstellung in ähnlicher Weise auch wieder ins Bewußtsein zurückrufen. Diese großartige Fähigkeit, Erinnerungsreste (Vorstellungen) im Bewußtsein in ähnlicher Weise wie früher wieder aufleben zu lassen, bezeichnen wir, wie schon gesagt, als Gedächtnis.
Cartesius war der Meinung, was durch das Bewußtsein eingehe, hinterlasse (Gedächtnis-) Spuren. Diese Ansicht ist ein Fortschritt gegenüber Platos Veranschaulichung dieses Rätsels. Nach ihm sollen wir uns Erinnerungsbilder in der Seele ähnlich vorstellen, als wie den Siegelabdruck im Wachs. Aber auch des Cartesius’ Ansicht führt leicht zu grobsinnlicher Auffassung der Gedächtnisfrage. Deshalb redet man heute vorsichtiger von Anlagen zur Wiederbelebung früherer Empfindungen. Damit meint man, daß jeder Eindruck infolge der Anlage (oder Disposition) leicht wieder erneuert werden kann, sogar dann erneuert werden kann, wenn die Empfindung längst vorüber ist. Sie dauert mitunter jahrzehntelang. Ja, Ebbinghaus, der bei seinen Versuchen noch nach langen Zeiträumen Ersparnisse beim Wiedererlernen feststellen konnte, ist der Meinung, daß es bei Gesunden kein restloses Vergessen gibt.
Es ist unmöglich, uns der geistigen Schätze an Vorstellungen, die unser Gehirn besitzt, auf einmal bewußt zu sein; sie ruhen in ungeheurer Menge gewissermaßen in Dunkelheit, im Unbewußten. Nur einige wenige treten über die Bewußtseinsschwelle ins Bewußtsein ein, und jetzt erst bemerken wir sie.
Abb. 3. Schnellseher nach Wundt. Rechts Schieber in einem Augenblick des Falles. (Aus Schulze, Werkstatt der experiment. Psychologie und Pädagogik.)
Nun ist es mit unserem geistigen Auge ebenso wie mit dem körperlichen: Das Bild, das unser Blick erfaßt (das Blickfeld), ist nicht in allen Teilen gleich deutlich und klar. Nur einen kleinen Ausschnitt des Bildes in der Richtung, in der das Auge gerade blickt, sehen wir ganz klar, den Blickpunkt.
Die Vorstellung nun, die eben aus dem großen Reich des Unbewußten über die Bewußtseinsschwelle ins Bewußtsein eingetreten ist, erscheint uns noch nicht ganz deutlich und klar. Sie steht nun zwar im Blickfeld des Bewußtseins, erreicht aber erst ihre höchste Klarheit und Deutlichkeit, wenn sie in den Blickpunkt des Bewußtseins („Brennpunkt der Aufmerksamkeit“ nach Wundt) weiterschreitet. Dies geschieht unter der Leitung der Aufmerksamkeit, von der sie hier festgehalten werden kann, sonst schreitet sie vom Blickpunkt in das Blickfeld und wird immer mehr verdunkelt. Wenn sie nicht von der Aufmerksamkeit wieder in den Blickpunkt gehoben wird, sinkt sie nach einiger Zeit über die Schwelle des Bewußtseins ins Unbewußte zurück. Wir merken dann nicht eher wieder etwas von ihr, als bis sie wieder einmal über die Bewußtseinsschwelle gelangt. Fortwährendes Gehen und Kommen geistiger Inhalte finden wir so im Bewußtsein. Alle wandern durchs Blickfeld (Perzeption),[5] nicht alle durch den Blickpunkt (Apperzeption),[6] nämlich nur die durch Aufmerksamkeit ausgezeichneten.
Früher wurde hin und wieder behauptet, in einem Augenblick könne unsere Aufmerksamkeit sich nur einem Eindruck hingeben, sich nur auf eine Vorstellung richten. Das ist aber eine Unterschätzung dieser geistigen Kraft des Bewußtseins und der Aufmerksamkeit. Rein aus der Erfahrung liefert uns die Schrift der Blinden den Gegenbeweis.
Ihr Urheber, der französische Blindenlehrer Braille, hatte in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts keine Ahnung von den Ergebnissen der Versuchs-Seelenforschung und jener merkwürdigen Beständigkeit des Bewußtseinsumfangs (Höchstzahl 6 Einheiten), die wir sofort kennenlernen werden. Da er selbst erblindet war, kam er nach den mannigfaltigsten Versuchen und Übungen darauf, nicht über sechs verschieden gelagerte (erhabene, d. h. fühlbare) Punkte hinauszugehen = ⠿ Nur so können diese Punkte als Buchstaben von den Blinden leicht und sicher tastend unterschieden werden. Gewöhnlich werden dazu beide Zeigefinger benützt. Der rechte geht voraus und faßt gleichzeitig die vorhandenen Punkte auf, der linke folgt prüfend, zergliedernd und faßt die Punkte nacheinander auf.
Die Buchstaben A–J werden durch die obersten vier Punkte dargestellt, die Buchstaben K–T entstehen durch Hinzufügen des untersten linken Punkts. Zu diesen Zeichen noch den rechten untersten Punkt gesetzt, ergibt den Rest des Abc.
a
b
c
d
g
q
Diese Beschränkung auf 6 Punkte ist nicht zufällig gewesen. 9 Punkte etwa hätten Gelegenheit gegeben, noch Zahlen und Satzzeichen darzustellen. So fehlen diese.
Für den Gesichtssinn gilt das gleiche. Wird eine Anzahl unzusammenhängender Linien, Punkte, Ziffern oder Buchstaben dem Auge in Bruchteilen einer Sekunde gezeigt und dann schnell wieder verdeckt — genaue Versuche ermöglichen die verschiedenen Arten der Schnellseher[7] (Tachistoskope) —, so zeigt sich, daß Ungeübte 3–4, Geübte dagegen 6 einzelne Linien, Punkte, Ziffern, Buchstaben klar und deutlich gleichzeitig erfassen können. 6 Einheiten vermag die Aufmerksamkeit also beim Gesichtssinn gleichzeitig zu umfassen. Beim Gehör arbeitet sie in ähnlicher Weise. 6 getrennte Schalleinheiten, etwa Taktschläge, umfaßt sie auch nacheinander, nur muß auf strenge Sonderung der einzelnen Schläge geachtet werden.
Sowie etwas Takt oder Sinn mitspielt, umfängt die Aufmerksamkeit sogleich bedeutend mehr. Wenn nämlich dem Auge in obiger Weise sinnlose Silbenverbindungen geboten werden, erfassen wir in einem gegebenen Augenblick 6–10 Buchstaben, bei geläufigen Satzbildungen, Sprichwörtern, gar 4–5 kurze Worte mit zusammen 20–30 Buchstaben. Selbst der Ungeübte vermag folgendes Wort zu lesen, es in einem Augenblick überfliegend:
Sommernachtstraum.
Beim Gesichtssinn gleichzeitiges Umfangen mit der Aufmerksamkeit (simultan), beim Gehörssinn nacheinander (sukzessiv) — es bleibt das gleiche Ergebnis: Höchstens 6 voneinander getrennte Einheiten umspannt die Aufmerksamkeit. Wir wollen uns durch folgenden einfachen Versuch selbst davon überzeugen. Wir lesen einer andern Person ohne Taktgliederung (!) und ohne Betonung (!) folgende Silben vor:
su, le, ar, ip, ed, ok.
Sie wird uns diese 6 Einheiten aus 12 Lauten bestehend wiedergeben können. Wir bieten ihr in gleicher Weise folgende Silben:
som, dek, lim, fag, tub, ked, hif, ent.
Höchstens 6, meistens weniger, etwa 5 Silben mit 15 Buchstaben, vermag sie uns wiederzugeben.
Die Macht der Gliederung aber erkennen wir so recht aus den Versuchen Wundts. Mit Klopfapparaten, die auf bestimmte Schläge Nachdruck legen, z. B. beim ⁴⁄₄-Takt auf den ersten stark, auf den dritten nicht so stark, auf den zweiten und vierten Schlag schwach klopfen, läßt sich bei einiger Übung feststellen, daß die Aufmerksamkeit umfassen kann (der Nachdruck wird durch Striche über der Note angezeigt):
6 unrhythmische Eindrücke.
12 = M. M.[8] 6×2 im ²⁄₈-Takt rhythmisierte Eindrücke.
20 = 5×4 Achtel im ²⁄₄-Takt.
40 = 5×8 Achtel im ⁴⁄₄-Takt.
Mit 40 Eindrücken, in 5 Einheiten zusammengefaßt, ist der Höhepunkt erreicht, und zwar bei geübten Versuchspersonen.
Tragen wir mit Takt und Betonung etwas verhältnismäßig Sinnvolles vor, so ist es auch Ungeübten möglich, mit ihrer Aufmerksamkeit sehr viel zu umspannen. Und vermuten läßt sich, daß es uns noch leichter fallen wird, wenn wir die 3 Hilfen: Takt, Betonung und etwas Sinn, nützen dürfen. Wie leicht fällt uns darum die Auffassung und Wiedergabe z. B. des Signals zum Sturm auf den Feind:
Wir erkennen also schon hieraus ein grundlegendes geistiges Gesetz: Getrennte Elemente vermag unser Bewußtsein nur wenige (6) aufzufassen. Je mehr aber gegliederter Zusammenhang herrscht, desto mehr vermag die Aufmerksamkeit zu umspannen und zu verarbeiten.
Abb. 4. Verlauf der Empfindungen und des Gefühls bei Einwirkung regelmäßiger Taktschläge (Nach Wundt.)
Das bringt uns auf die Frage, ob denn jene 6 getrennten Schalleindrücke im Geiste getrennt bleiben? Ist die Zeit von einem Taktschlag zum andern wirklich ganz leer? Nein! Eine aufmerksame Selbstbeobachtung schon zeigt uns, daß seelische Elemente ausfüllend und so verbindend wirken. Wenn wir aufmerksam auf etwas hören, haben wir leise Spannungsempfindungen und -gefühle am Trommelfell, das Augenzwinkern unterbleibt, dem Gesicht sieht man an, daß es gespannt ist, die Atmung wird für Augenblicke unterbunden, zum mindesten verflacht. In dieser Beherrschung so vieler Muskeln, mitunter des ganzen Körpers, zeigen sich uns Willensäußerungen; dazu haben wir deutlich die Gefühle und Empfindungen der Spannung, des Tätigseins, der Anstrengung. Das alles vor einem Taktschlag, hinterher stellt sich für Bruchteile einer Sekunde das Gefühl der Entspannung, der Lösung ein, um in Erwartung des nächsten Taktschlags wieder zum Gefühl der Spannung emporzuschnellen. Der Verlauf dieser Empfindungen und Gefühle bei Einwirkung regelmäßiger Taktschläge läßt sich etwa so veranschaulichen (s. [Abb. 4]). Punktiert sind die Empfindungen von den Taktschlägen 1 2 3 4 5.
Doch nicht nur Spannung und Lösung, noch zwei ganz andere Gefühlspaare können sich mit den bloßen Empfindungen verbinden: Lust und Unlust, Erregung und Beruhigung.
Wir erwähnten schon, daß die einfachsten Empfindungen von uns nicht kalt hingenommen werden. Es ist sofort für Gefühlsbegleitung gesorgt, wie wir aus den Veränderungen der Atmung und des Herzschlags ersehen. Diese Veränderungen können mit langen Hebelvorrichtungen auf berußtes Papier geschrieben werden.[9] Nach Wundt herrschen folgende Gesetzmäßigkeiten zwischen Puls und Gefühlen:
Abb. 5. Die Gesetzmäßigkeit zwischen Puls und Gefühlen. (Nach Wundt.)
In diesen sechs Gefühlsrichtungen liegt eine ungeheure Summe von Gefühlsschattierungen und -verbindungen, die zu jeder Empfindung hinzutreten können.
Empfindungen enthalten Tatsächliches über die Außenwelt, Gefühle dagegen sind persönliche, innerliche Antworten des Geistes auf Reize.
So erblicken wir bei tieferer Betrachtung in unserm Geiste den mächtig schaffenden Grundsatz der Verbindung, weitgehender Verquickung und Durchdringung, aber doch auch wieder Wahrung der Eigenart der geistigen Elemente. Empfindung, Gefühl, Wille treten nicht vereinsamt auf, sondern immer eng verschlungen wie die Fäden eines wundersam verknüpften Flechtwerks.
Jetzt begreifen wir, warum wir überhaupt fähig sind, die einzelnen Hornstöße des Sturmsignals im Zusammenhang nachzusingen. Wenn wir nicht diesen Grundzug des Geistes kennten, getrennte Empfindungselemente mit anderen Empfindungen, mit Gefühls- und Willenswerten zu verknüpfen und zu einem Ganzen, zu einer Einheit, zusammenzuschweißen, würden wir vor einem Rätsel stehen. So aber zieht die Vorstellung vom ersten Hornstoß alles andere ins Bewußtsein nach, weil alles Dazugehörige: Empfindungen mit Klang-, Spannungs-, Lösungs-, Tätigkeits-, Lustgefühlen usw. verbunden wird, wozu noch eine Verknüpfung mit dem Wortgedächtnis getreten ist: „Kartoffelsupp, Kartoffelsupp, den ganzen Tag Kartoffelsupp, Supp, Supp, Supp.“ Dabei fühlt jeder ganz deutlich eine damit verbundene Gefühlsmischung, die sich nicht leicht in Worte fassen läßt: Das Ganze wirkt scharf, rhythmisch, stramm, ulkig usw. Im Gefecht treten dazu noch ganz andere, vorzugsweise Willenswerte von Pflicht, Gehorsam, Begeisterung, Wut usw. Ich erinnere mich noch ziemlich deutlich meiner eigenen Bewußtseinslage beim Hören dieses Rufes im Schlachtgetümmel. An das „Kartoffelsupp“ dachte ich nicht mehr, sondern werbend und mahnend, aufreizend und vorwärtsdrängend stand nur die andere Sinnverbindung im Blickpunkt des Bewußtseins: „Geht schneller vor, geht schneller vor, geht immer, immer schneller vor, vor, vor, vor!“ Und war man auch vom letzten Sprung noch atemlos, dieser Ruf stachelte an und peitschte alle vorwärts, bis nach ungeheuern Anstrengungen und Opfern die Stellung der Russen unser war.
Dieses Verbindungenschlagen der geistigen Elemente untereinander bezeichnet man, wenn es von selbst geschieht, als Assoziation (socius [lat.] = der Genosse, der Gesellschafter).
Es wird Zeit, daß wir auch in der Wissenschaft den fremden Sprachplunder loswerden: Vorstellungsverbindung ist für die Zunge nicht leicht genug. Das lange Wort mehrere hundertmal in einem Buche gebraucht, kostet Zeit, Lohn, Papier usw. Also: Vorstellbindung kann nicht mißverstanden werden.
Diese Bindungen verglich man früher mit einer Kette, bei der die Einzelvorstellungen, den Gliedern einer Kette gleich, aneinander gereiht sind. Jetzt veranschaulicht man das Wesen dieser nicht einseitigen, sondern vielseitigen, fast allseitigen Bindungen besser als ein weitverzweigtes Geflecht, als ein vielseitig brauchbares Netz.
Arten der niederen geistigen Verbindungen (Assoziationen).
1. Wenn wir auf der Orgel einen Ton erzeugen, glauben wir, einen Ton zu vernehmen. Wir sind sehr erstaunt, wenn wir mit Hilfe der Helmholtzschen Schallverstärker erkennen, daß dieser eine Ton sich aus einem Grundton und einer ganzen Menge von Obertönen zusammensetzt, die jenem die Klangfärbung geben. So innig haben sie sich verbunden, daß wir die Obertöne fast nie heraushören. Wenn sich Metalle zu einer Legierung verbinden, verschmelzen sie. Wir reden hier von einer vollkommenen Verschmelzung und erblicken darin eine Art der niederen Bindungen. Die Haupttöne eines Akkordes verschmelzen ziemlich innig, z. B. bilden in dem Vierklang c e g c′ die Klänge c und c′ eine nahezu vollkommene, c und g, c und e aber unvollkommene Verschmelzungen. Noch unvollkommener verschmelzen c–es. Darum ist ein Mehrklang immerhin eine Verschmelzung, aber eine lose.
Fast jeder Geschmack außer den einfachen Empfindungen: süß, sauer, bitter, salzig, ist eine Verschmelzung der Geruchs- und Geschmacksempfindungen. Wenn wir jemand bitten, sich die Nase zuzuhalten, und geben ihm kleine Zwiebelstückchen in Würfelform zu kauen oder streichen ihm die schönste Vanillentunke auf die Zunge, so kann er nicht angeben, was er im Munde hat. Erst wenn er die Hand von der Nase wegnimmt, riecht er, was wir ihm gaben. Er sagt aber sicher: „Jetzt schmecke ich, daß es Zwiebel (Vanille) ist.“
Unsere räumlichen Gesichtsvorstellungen sind Verschmelzungen der Netzhautempfindungen mit jenen äußerst feinen, die Stellung und Bewegungen des Auges begleitenden Muskelempfindungen (vgl. Praktische Gedächtnispflege S. 40–42). Doch nicht nur Empfindungen verschmelzen untereinander, auch Empfindungen mit Gefühlen und Gefühle untereinander. Von den vielen tausend Möglichkeiten wollen wir ein echtes Beispiel herausgreifen, das sog. Gemeingefühl. Es ist eine innige Verschmelzung hauptsächlich der sinnlichen Gefühle, die an die Spannungs- und Bewegungsempfindungen der Muskeln und an die Empfindungen der inneren Schleimhäute, besonders des Magens, geknüpft sind. Darauf beruht also unser Gesamtbefinden, die Frische und Lebendigkeit, die uns beseelt, oder die allgemeine Unlust und Mattigkeit, die uns mitunter beherrscht.
2. Eine neue, die Verschmelzung ergänzende Form der Vorstellbindungen lernen wir kennen, wenn wir das folgende Bildchen ([Abb. 6]) aufmerksam betrachten: Ganz deutlich sehen wir, wie sich das vorderste Kind herumdreht, das dritte Mädchen, mit zwei Zöpfen, nach oben schaut. So meisterhaft hat der Künstler die weißen Fleckchen angebracht, daß die Personen des Bildes stellenweise geradezu körperlich heraustreten.
Abb. 6. Die umbildende Angleichung beim Betrachten von Bildern.
(Aus Neue Bahnen, 1906.)
Diese prächtige Gelegenheit, unsere seelische Tätigkeit bei einer Bildbetrachtung zu zergliedern, wollen wir nicht ungenutzt vorübergehen lassen. Wollen wir zunächst mit schwarzem oder geschwärztem Papier alle weißen Kleckse, die Lampen darstellen, zudecken! Dann nehmen wir ein Stück Papier zur Hand! Damit decken wir zunächst die obere Hälfte des Bildchens zu, so daß der unterste Rand des Papierstreifens in der Richtung der Linie a–a liegt. Wie? diese länglichen weißen Spritzer haben wir als Kinderkörper gedeutet?
Nun decke man die untere Hälfte des Bildes zu, daß der Streifenrand in der Richtung b–b liegt! Mit Ausnahme des zweiten Kindes von links werden wir kaum in jenen Flecken Köpfe vermuten. (Überzeugen!!)
Wie können diese unverständlichen Lichtflecke und -linien von uns zu einem so „sprechenden“ Bilde gedeutet werden? — Wir sind es, die eine Deutung ins Bild hineintragen, wir geben unglaublich viel alte Vorstellungselemente von Kindern, Laternen usw. an den neuen, an sich gänzlich unvollständigen, feinberechnet unvollständigen Eindruck ab. Der neue, ganz und gar lückenhafte Eindruck wird im Nu ergänzt durch früher erworbene entsprechende Vorstellungen aus dem Gesichtsgedächtnisschatze. So wird der Eindruck „aufgefaßt“, „verstanden“. Wenn der Künstler die weißen Flecke nicht so geschickt angebracht hätte, so wären aus unserem Gedächtnis keine unbewußt ergänzenden Vorstellungselemente hinzugetreten, würde uns das Bildchen „unverständlich“ bleiben — wir wüßten „nichts mit ihm anzufangen“. Dieses gleichzeitige Zusammenfließen alter und neuer Vorstellungen wird als Assimilation, als umbildende Angleichung, bezeichnet.
Alle Bild- und Gemäldebetrachtungen sind umbildende Angleichungen. Doch nicht nur sie, auch alle Auffassungen von Dingen, die wir wiederholt sehen. Angenommen, wir sehen einen wirklichen Fackelzug der Kleinen. Wie unendlich lange Zeit würden wir wohl brauchen, um die ungeheure Fülle von Einzelempfindungen, die gewaltige Flut von Gefühlen und ihren Verbindungen, wirklich alle aufzufassen! So greift unsere Aufmerksamkeit aus der Fülle von Eindrücken nur einige wenige Züge heraus (Kinder, Fackeln, Laternen). Wir haben gar nicht die Zeit, alle Einzelheiten aufzufassen. Aus früheren Vorstellungen wird so schnell, daß wir es gar nicht merken, alles Fehlende ergänzt.
Auf diese Weise wird die Auffassung aller Eindrücke wesentlich beschleunigt, weil unser Bewußtsein natürlich mit Erinnerungsvorstellungen viel schneller arbeiten kann, als wenn eine Zergliederung der gesamten Flut von Eindrücken erfolgen müßte. Wir erinnern uns daran, daß unser Bewußtsein nur 6 Einheiten gleichzeitig aufnehmen kann. Wem das als ein Mangel erscheint, der wolle ja bedenken, daß ohne diese wundervolle Angleichung und ohne jene Bewußtseinsenge die Eindrücke unserer Umgebung das Bewußtsein erdrücken oder wir so fassungslos dastehen würden wie ein Blinder, der plötzlich sehend wird.
Genau der gleiche Fall liegt vor beim Übersehen von Druckfehlern. Unser Lesen ist infolge der Übung so geschwind, daß wir nicht mehr Buchstaben an Buchstaben reihen, sondern wir überfliegen ganze Wörter. Kaum ist das Wortbild flüchtig erfaßt, sofort kommt aus dem Erinnerungsschatze das ganze Wort und die richtige Wortbedeutung ins Bewußtsein. Wir übersehen also eigentlich nicht nur den Fehler, wir tun noch viel mehr, wir setzen unbewußt infolge des lebendigen, sofort sprungbereiten Vorstellungsschatzes das richtige Wort an Stelle des falschen.
Beim Sprechen, besonders beim schnellen, werden ganze Silben verschluckt, ganze Wörter arg verstümmelt, und doch hören wir sie richtig. Sofort, wenn solche unvollständige Klanggebilde ins Bewußtsein treten, taucht das vollständige Wort aus dem Gedächtnis ergänzend auf, verbindet sich mit dem neuen Klanggebilde, und die Wortbedeutungsvorstellung tritt dann auch noch aus dem Gedächtnis ins Bewußtsein. So verstehen wir. Wie unvollständig unser sprachliches Hören meist ist, merken wir erst, wenn wir uns einmal verhören. Wir glauben ein Wort bestimmt gehört zu haben, während es nachweislich gar nicht gefallen ist. Aus unserm Gedächtnis stammt das Wort mit Wortbedeutung. So mächtig treten alte Vorstellungen auf, daß sie jene unklare Schallempfindung vollkommen in den Schatten stellen und uns selbst weismachen, es sei der neue Eindruck.
Diese Umbildungsvorgänge machen uns um eine wichtige Entdeckung reicher. Sie zeigen uns, wie unglaublich viel Altes, Gedächtnismäßiges wir in unsere Erlebnisse hineintragen. Alles Erkennen und Wiedererkennen sind Umbildungen, wobei von den betreffenden alten Vorstellungen meist ein gemengter Knäuel von Erinnerungsresten rege wird.
Uns fällt das Sprichwort ein: „Irren ist menschlich!“ Das hat uns die Erfahrung schon oft gezeigt. Wie tief dieses Irren aber schon in den einfachsten Erinnerungsvorgängen begründet ist, hatten wir doch nicht vermutet. Ist doch insofern alle menschliche Auffassung ein Irren!! So erklären sich schon manche Mängel der Zeugenaussage. Vgl. S. 50–55.
Jetzt beginnen wir zu ahnen, von welch gewaltiger Bedeutung die Forderung ist: „Mehr Arbeit der Sinne!“ ([S. 50].) Es leuchtet doch ein, daß nur dann eine neu auftretenden Reizen entsprechende Auffassung erfolgen kann, wenn wir früher peinlich genau ähnliche Dinge aufmerksam zergliedernd auffaßten und so einen reichen Schatz möglichst vollständiger und richtiger Vorstellungen erwarben.
3. Es sind aber auch Vorstellbindungen verschiedener Sinnesgebiete möglich. Freilich besteht zwischen den einzelnen Sinnen eine Scheidewand, so daß ein ununterscheidbares Zusammenfließen wie bei der vollkommenen Verschmelzung nicht stattfinden kann. Aber doch knüpfen sich auch hier zarte Bande, die allerdings etwas loser sind als die Verbindungen des gleichen Sinnesgebiets, aber doch noch als feste Bindungen angesprochen werden müssen. Es sind die „Komplikationen“ (ich schlage dafür vor „mehrsinnliche Bindungen“). Wenn wir einen Borsdorfer Apfel sehen, und es läuft uns das Wasser im Munde zusammen, so ist das nur möglich, weil die Gesichtsvorstellung vom Borsdorfer Apfel mit der Geschmacksvorstellung früher eine Bindung eingegangen ist, so daß jetzt sofort die Speicheldrüsen abzusondern beginnen. Ein starker Donner weckt in unserm Bewußtsein gleichzeitig vielleicht das Gesichtsbild eines Feldgeschützes oder Mörsers infolge der Gehör-Gesichtsbindung. Beim stillen Lesen können viele an sich beobachten, wie sie leise Sprechbewegungen ausführen. (Siehe später Inaudi! [S. 57].) Eine Übersicht würde uns also bieten:
| Vorstellbindungen (Assoziationen) | |||
| eines Sinnesgebietes, |
| verschiedener Sinnesgebiete | |
| | |
| |
| Verschmelzung | Angleichung |
| vielsinnliche Bindung |
Endlich gibt es auch Bindungen, die nicht in einer für die Beobachtung unteilbaren Tat (simultan) vor sich gehen, sondern wo infolge Verzögerung deutlich zwei Teile nachzuweisen sind. Diese verzögerte (sukzessive) Vereinigung beruht sonst auf den gleichen allgemeinen Ursachen und hat dieselben Eigenschaften zweier gleichzeitiger Bindungen, der umbildenden Angleichung und der mehrsinnlichen Bindung. Sie ist der Beobachtung leicht zugänglich; denn alles, was uns von selbst einfällt, wenn wir uns ganz willenlos dem Spiel der Gedanken hingeben, ist verzögerte Bindung. Das gesamte Erinnern, sämtliche Gedächtnisvorgänge sind nacheinander ins Bewußtsein tretende Vorstellbindungen. Scheinbar von selbst folgt einer Vorstellung dann eine ganze Menge anderer. Wir wissen aber, daß dieses Folgen nur auf Grund von Verbindungen möglich ist. Deshalb verweisen wir andauernd auf frühere oder spätere Stellen, damit jeder beim zweiten Lesen möglichst viele Brücken schlägt.
Wirkt aber bei den geistigen Verbindungen der Wille mit und unterscheiden wir deutlich Gefühle der Spannung, der Tätigkeit dabei, so entstehen nach Wundt Apperzeptionen, die unmittelbar unter der Mitwirkung der Aufmerksamkeit zustande kommen. Denken, Überlegen, Einbildungskraft und Verstandestätigkeit sind (nach Wundt) solche Verbindungen. Durch sie nur sind dann solche weitgespannten Zusammenhänge und Überblicke (Synthesen), solche tiefeindringenden Zergliederungen (Analysen) möglich, wie wir sie bei den Größen des Geistes bewundern.
Für Apperzeption, wie sie Wundt auffaßt, haben wir zahlreiche deutsche Wörter: denken, beziehen, überlegen, zergliedern, verknüpfen, verketten usw. Durch sie entstehen die höheren, den Menschen vor der Tierwelt auszeichnenden Gedächtnisverknüpfungen. Von diesen höheren Verbindungen läßt Goethe den Teufel bewundernd sprechen:
„Es ist mit der Gedankenfabrik,
Wie mit einem Webermeisterstück,
Wo ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Schifflein herüber, hinüber schießen,
Die Fäden ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.“
[4] Wie derartige Reize zustande kommen und wie sie von den Sinnesnerven fortgeleitet werden, um als Empfindungen in unser Bewußtsein zu treten, zeigen die beiden ersten Abbildungen. Unser Finger berührt einen heißen Gegenstand oder verletzt sich an einer Nadel; sofort wird der Finger auch schon zurückgezogen, ohne daß unser Wille daran beteiligt ist. Das geht so zu: Der heftige Reiz (Hitze, Stichverletzung) erregt eine Empfindungs-Nervenzelle, ein Sinneskörperchen, von denen Hunderte und Tausende auf Fingern, Lippen und anderen empfindlichen Stellen verteilt sind ([Abb. 1]). Jedes dieser Sinneskörperchen, die nur einige Tausendstel-Millimeter messen, ist von einer feinen Nervenfaser umstrickt, die sofort den Reiz bis zum Hinterhorn des Rückenmarks leitet. Dort löst er eine so starke Erregung aus, daß sie nach dem Vorderhorn zu (motorischen) Bewegungs-Nervenzellen überstrahlt und dort auch Erregung verursacht. Sie teilt sich der Bewegungsnervenfaser mit, die den dazugehörigen Muskel zusammenzieht und den Finger von der gefährdeten Stelle entfernt. Der Zuckungsbogen ist geschlossen, wir haben eine unwillkürliche Bewegung, eine Reflexbewegung, gemacht, an der unser Gehirn vorderhand gar keinen Anteil genommen hat.
Wesentlich zusammengesetzter werden die Vorgänge, wenn wir uns im Dunkeln tastend bewegen. Dann genügt nicht die einfache Zuckungsbewegung zum Schutz des bedrohten Gliedes. Dann springt die Erregung nicht sofort vom Hinter- zum Vorderhorn, sondern steigt erst im Hinterhorn aufwärts ins Großhirn. Verschiedene Hirnstellen sind daran beteiligt ([Abb. 2]). Die an dieser Stelle als Schmerz, Druck, Kälte oder Wärme in unser Bewußtsein tretende Empfindung wird unter Hinzutritt des Willens zu einem Bewegungsantrieb umgearbeitet, der von der Bewegungszone im Gehirn zum Muskel abwärts geleitet wird, das bedrohte Glied mit bewußter Absicht zu bewegen.
[5] Bloße Aufnahme.
[6] Erfassung.
[7] Solcher „Schnellseher“ gibt es mancherlei Arten. Bei den einen fällt eine Platte mit viereckiger Öffnung herab, durch die der Blick Bruchteile von Sekunden lang auf bestimmte Ziele freigegeben wird. Oder es schwingt vor den Augen eine Fläche mit einem Schlitz hin und her, durch den Zeichen oder Gegenstände auf ganz kurze, bestimmbare Zeit betrachtet werden ([Abb. 3]).
[8] D. h. nach dem Taktmesser (Metronom) von Mälzel gemessen.
[9] Wie sich Puls und Atmung bei jenen drei Gefühlsrichtungen gestalten, ist bei Wundt, Grundzüge der Physiologisch. Psychologie, II. Band, 6. Aufl., S. 304–309, zu ersehen. Es sind ähnliche Puls- und Atemlinien, wie wir eine auf [Seite 69] bringen.