IX. Sinnvolles Lernen.
Zuerst ist es nötig, den Inhalt zu erfassen. Dann erleichtert der Zusammenhang wesentlich die Einprägung. Eine geringe Zahl von Menschen schlägt den umgekehrten Weg ein, lernt erst die Wörter und versucht dann, mit deren Hilfe in den Inhalt einzudringen. Selbstverständlich kann dieses Verfahren nicht empfohlen werden. Das mögen nur solche Leute tun, die ein großes Gedächtnis für Wörter, aber geringes Verständnis haben. Da mag der Fleiß ersetzen, was an Geist fehlt.
Wenn der Sinn erfaßt ist, braucht der Lernende nach Ebbinghaus nur ein Zehntel der Zeit. Andere Forscher haben je nach der Schwierigkeit des sinnvollen Stoffs noch bessere Ergebnisse erhalten. Fünfundzwanzigmal so viel Wörter wurden behalten, wenn man den Versuchspersonen sinnvolle Sätze statt unzusammenhängender Wörter bot.
Die große Überlegenheit des durchdachten Zusammenhangs wird uns aus folgenden Ergebnissen klar.
Bei Meumanns Versuchen behielten die geübtesten Personen bis zu 13 Buchstaben, ebenso viele Zahlen, 7 bis 9 sinnlose Silben, bis 10 Einzelwörter, bis 20 Wörter eines Gedichts, bis 24 Wörter einer Weltansichtsrede. Daraus ersehen wir die wichtige Tatsache, daß nicht die Zahl der Elemente, sondern die Zahl der selbständigen Gedächtnis einheiten maßgebend ist. Obige 10 Einzelwörter enthielten etwa 50–60 Buchstaben. Das Gedächtnis behielt sie aber nicht als Buchstaben, sondern als Worteinheiten.
„Unser Gedächtnis ist eine synthetische (zusammensetzende) Tätigkeit, die aus Elementen Einheiten schafft, und das ist ‚assoziiert‘, was für unser Bewußtsein zum Teil eines Ganzen geworden ist.“ (Meumann.)
Die hervorragende Bedeutung der Denkzusammenhänge war sicherlich schon vor langer Zeit unseren Vorfahren bekannt, sonst hätten sie nicht das Wort „Gedächtnis“ gebildet. Nur an dem, was durchdacht und verstanden ist, zeigen sich die besten Gedächtnisleistungen. Das Denken schafft eben die größten umfassendsten Vorstellungseinheiten und gibt allen Teilen einen weiteren Verwendungsbereich und eine größere Bereitschaft. Was die Vorstellbindungen unbewußt und achtlos erreichen, nämlich einen Zusammenhang unter den einzelnen seelischen Grundwerten, schafft das Denken viel dauerhafter, weitgespannter und besser. Diese Gedankenverknüpfungen (vgl. [S. 22]) bedeuten tatsächlich das Höchste, was der Menschengeist hervorzubringen vermag.
Das Verständnis für so manchen zunächst langweiligen Stoff geht uns erst auf, wenn wir vom Gegenteil ausgehen. Der Gegensatz wirft meist wertvolle Schlaglichter auf den ödesten Stoff und kann plötzlich in uns eine Fülle von Gedankenzusammenhängen anregen.
Ein vollendetes Beispiel dafür bietet die Beschäftigung mit der Rechtswissenschaft. Welche Marter für den Nichteingeweihten, in einem Gesetzbuch lesen zu müssen, wie es jetzt bei uns in Deutschland üblich ist!
Scheinbar etwas ganz anderes werden aber diese reizlosen Gesetzesabschnitte, wenn wir uns die Zeit nehmen, über jeden etwas nachzudenken, uns etwa vorzustellen, wie es sein würde, wenn das Gegenteil erlaubt wäre, uns einige anschauliche Fälle auszudenken und Vermutungen über den Grund der Entstehung des Gesetzes anzustellen. Ein so betrachteter Abschnitt ist dann schon zur Hälfte gelernt.
Die große Bedeutung des Gegensatzes in aller Kulturentwicklung, in unserm Denken, in unserm ganzen seelischen Leben, in der Dichtung (einfache Gegensätze, Gegensatzstimmungen an Ruinenstätten großer Vergangenheit, Parodie, Ironie, Satire, Paradoxon) habe ich ausführlich in „Deine gestaltende Seele und dein Stil“ dargestellt (Th. Müllers Verlag und Versandbuchhandlung).
Auch die Wörtchen „Warum?“, „Wozu?“ sind Zauberstäbe, die uns, etwa in Naturwissenschaften und Geschichte, mit einem Schlage in tausend Zusammenhänge bringen, die natürlich ganz wunderbare Gedächtnisstützen sind.
Von großer Wichtigkeit ist eine Geistestätigkeit, die wir schon in andern Abschnitten erwähnten, beim sinnvollen Lernen aber nicht übergehen dürfen: das Zurückschauen, Überblicken, Zusammenfassen, damit sich auch außer der Reihe Verbindungen knüpfen. Das schafft bewußte Ordnung unter unseren Geistesschätzen, während die Vorstellbindungen blind und unbewußt ordnen.
Zusammenfassend ist bei allem Lesen und Lernen zu fordern: Pausen einzufügen, um zurückzuschauen, in stiller Betrachtung zu vergleichen, um ähnliche oder entgegengesetzte Fälle heranzuziehen.
Ganz besonders gilt es für Vernunftzusammenhänge: Erst die Hauptgedanken klar herauszuschälen, den ganzen Aufbau in bezug auf Ursache und Wirkung, Grund und Folge, Zweck und Absicht klar vor das geistige Auge zu stellen; dann ist in einem langsamen Zeitmaß zu lesen, das dem Verstehen angepaßt ist.