X. Mnemotechnische Anregungen??

Um eine möglichst vollständige Gedächtnislehre zu bieten, mag hier noch folgender Abschnitt Platz finden, dem ich jedoch selbst nicht in allen Teilen zustimmen kann.

Findige Köpfe haben sich allenthalben Gedächtnishilfen geschaffen. Erinnern wir uns daran, wie sich der Soldat seine Hornsignale merkt, an das Kartoffelsupp usw. Vgl. [S. 14]. Sehr erfinderisch sind von jeher Schüler im Ersinnen von Merkstützen, sog. Eselsbrücken, gewesen. Für die auf dem Fichtelgebirge entspringenden Flüsse Main, Saale, Eger, Naab wurde als Merkwort das lateinische mens gewählt. Für bestimmte Dichter des 18. Jahrhunderts dient die Zahl 9 als Gedächtnishilfe: 1719* Gleim, 1729* Lessing, 1749* Goethe, 1759* Schiller, 1769† Gellert, 1799* Heine. Die Zahl der Monatstage (30 oder 31) wird vielfach von den Schülern an den Knöcheln beider Handrücken festgestellt usw.

Aber sollte sich nicht all dies durch reines Einprägen und öfteres Wiederholen ebensogut merken lassen? Wir möchten lieber für spröden Stoff vorschlagen, ihn auf kleine Zettelchen zu schreiben, sie in der Tasche mit sich herumzutragen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit durchzulesen. Durch fortwährendes gelegentliches Auffrischen werden selbst die schwersten Sachen dem Gedächtnisse dauernd und geläufig einverleibt.

Noch glatter als das alleinstehende Wort ist die Zahl. Wer ein gering entwickeltes Zahlengedächtnis hat, das trotz eifriger Übung keine wesentlichen Fortschritte macht, der wird sich vielleicht mit Erfolg folgender mnemotechnischer Hilfe bedienen, um sich etwa Jahreszahlen, wichtige Fernsprechnummern, Fahrplanzeiten usw., über die er stets verfügen muß, einzuprägen. Jede Zahl wird in bestimmte Buchstaben umgewandelt (auch die in Klammer stehenden Buchstaben gelten für dieselbe Zahl).

1. Für 1 gilt t (d), da das geschriebene t Ähnlichkeit mit 1 hat.

2. n und v haben zwei Grundstriche.

3. m hat drei Grundstriche und ist dem w ähnlich.

4. r ist in der 4 vieler Sprachen zu finden. Das deutsche q hat Ähnlichkeit mit 4.

5. Das Schluß-s kann man als verschnörkelte 5 ansehen. Für 5 gelten auch ß und s.

6. b hat Ähnlichkeit mit der 6; aus demselben Grunde gehört der harte Lippenlaut p hierher.

7. Zwischen f (pf) und der Ziffer 7 lassen sich schließlich auch gewisse Ähnlichkeiten entdecken.

8. 8 ist ein recht plumpes h (j).

9. g sieht der 9 ähnlich. Es treten noch ch und k dazu.

10. Das Nullzeichen (0) in 10 kommt zuletzt, gilt darum für z, l, tz.

Gilt es nun z. B., die Zahl 814 = htr als Todesjahr Karls des Großen zu merken, so läßt sich daraus etwa das Wort Hüter bilden, das man ganz gut mit Karl dem Großen in Verbindung bringen kann. Die Schlacht bei Cannä: 216 = ntp = ante portas. Mosis Gesetzgebung: 1500 = dsll = du sollst.

Die mnemotechnischen Grundsätze sind jedoch nach Meumann so verschwenderisch wie möglich. Es widerstreitet dem natürlichen Bestreben unseres Gedächtnisses, nur das unbedingt Notwendige zu behalten, indem der Lernende mit einer ungeheuren Masse von Hilfsvorstellungen überlastet wird, die allmählich alle wieder ausgeschieden werden müssen, wenn ein glattes und sicheres Hersagen des Behaltenen stattfinden soll. Daher pflegen alle Menschen, die sich anfangs mit Begeisterung dieser so oft gekünstelten Hilfen bedienen, bald wieder abzufallen, weil niemand diese Überlastung seines Gedächtnisses mit bloßen Hilfsvorstellungen auf die Dauer erträgt.

In „Neue Gedächtnisgesetze. Ihre Anwendung in Lehre und Leben“ habe ich im Anschluß an „vier Rechenkünstler und ihre Merktechnik“ natürliche Zahlenmerkhilfen in reicher Auswahl vorgeschlagen: mathematisch-astronomische Geschichts-, Erdkunde-Zahlen usw.