XI. Hemmung und Förderung der Gedächtnistätigkeit.
Wir müssen die Anerkennung des Satzes verlangen, daß die Kraft des Geistes auch nach der sittlichen Richtung hin in weitestem Maße vom Körper abhängt (sonderlich vom Gehirn) .... Mit dem Kampf gegen die Rauschgifte, die nur zu häufig zum furchtbarsten Feinde des Großhirns werden, ist noch lange nicht genug getan. Allgemeine Aufklärung über die Gesundheit des Gehirnlebens tut not, und noch vieles muß geschehen.
(Flechsig, Rektoratsrede 1894.)
Gesundheitlicher Teil.
Eine Gesundheitslehre des Gedächtnisses läßt sich nicht von der Gesundheitslehre des Geistes lösen, die wiederum innig mit der Körperpflege verknüpft ist; denn nur in einem gesunden Körper kann eine gesunde Seele wohnen. Mannigfache Gefahren bedrohen die Gesundheit des Körpers und Geistes.
Selbstgifte.
Jede Arbeit erzeugt Stoffwechselreste, z. B. Kohlensäure, Harnsäure und ganz eigenartige Ermüdungsgifte. Dauert die Arbeit sehr lange, ist sie sehr anstrengend und werden mehr Gifte erzeugt, als der Körper durch Lungen und Nieren ausscheiden kann, so reichern sie sich in ihm an und wirken lähmend. Dann hat der Körper das Bedürfnis nach Ausscheidung dieser belastenden Gifte. Er zeigt Ermüdung und das Verlangen nach Ruhe. Die soll man ihm dann auch gönnen.
Arbeit im Zustande der Übermüdung ist entschieden schädlich und sollte nur in ganz dringenden Fällen ausgeübt werden. Lernarbeit ist in diesem Zustande beinahe wertlos.
Wie begegnen wir nun am besten der Ermüdung? Geben wir zunächst zwei Ärzten das Wort! „Hufelands Rat, durch Willkür die tägliche Aussonderung zu regeln, ist bekannt und begründet, und ich füge bei diesem Anlaß den hinzu, während des Lesens und Schreibens, wo man unbewußt den Atem anhält, manchmal absichtlich tief einzuatmen, selbst vom Tische aufzustehen und ein paarmal durchs Zimmer zu gehen, — sowie, zumal bei feinerer oder abendlicher Arbeit, manchmal für einige Minuten die Augen zu schließen. Der Laie befolge diesen Rat! Der Arzt begreift ihn.“[19]
Abb. 16. Atmung und Puls beim Betrachten des Bildes auf [Abb. 17]: Jüngling zu Nain (14jähr. Schüler)
(Aus Schulze, Werkstatt der experiment. Psychologie und Pädagogik.)
Wir haben den außerordentlich hohen Wert der Aufmerksamkeit besonders für die Verknüpfung, für das höhere geistige Dasein, kennen gelernt. Leider hat nun aber die Aufmerksamkeit auch eine Kehrseite.
In obiger [Abbildung 16], die wir dem trefflichen Buche Rudolf Schulzes „Aus der Werkstatt der experimentellen Psychologie“ entnahmen, zeigt die obere Wellenlinie die Atmung, die untere den Puls eines Knaben an, der das Bild des Jünglings zu Nain ([Abb. 17]) betrachtet. Die beiden Marken des mittleren Strichs zeigen uns den Augenblick der Öffnung und Schließung einer Tür, die das Bild verdeckt. Wir sehen, wie die Pulslinie bei der ersten Marke plötzlich nach oben springt, also verstärkten Herzschlag anzeigt, nach Schließen der Tür aber ebenso plötzlich wieder sinkt. Die Atemveränderung ist auch sehr auffällig. Erst ganz regelmäßige Züge, während der Bildbetrachtung ganz flaches, unregelmäßiges Atmen und beim Schließen der Tür zwei tiefe, befreiende Atemzüge.
Abb. 17. Der Jüngling zu Nain von Haueisen.
(Verkleinerte Wiedergabe einer farb. Künstlerlithographie aus R. Voigtländer’s Verlag, Leipzig, Größe 100×70 cm. Preis M 6.—.)
Daraus ergibt sich, wie die Aufmerksamkeit die Atmung verflacht. Man redet ja auch von einer „atemlosen Spannung“. Dauert dieser Zustand lange, dann wird das die Gehirnzellen belastende Gift, die Kohlensäure, nicht in dem Maße ausgeschieden, wie es wünschenswert ist. Dreimal so viel Sauerstoff brauchen Hirnzellen wie andere Körperzellen von gleichem Gewicht. Dazu sind die Hirnzellen außerordentlich empfindlich gegen die entstehenden Stoffwechselgifte.[20]
Wird unsre Aufmerksamkeit zu lange angespannt, so antworten wir mit einem Gähnen. Diese Erscheinung ist noch nicht eindeutig erklärt. Am meisten für sich hat wohl die Meinung, daß es ein tiefes Atemholen sei, um die Kohlensäure auszuscheiden und Blut und Gehirn wieder mit Sauerstoff anzureichern. Zugleich ist mit dem Gähnen ein Druck auf die Schilddrüse verbunden, durch den sie zu einer inneren Absonderung von Gegengiften (Antitoxinen) gegen die Ermüdung angeregt wird. Oder die Aufmerksamkeit schweift ab, weil sie sich nicht länger verdichten kann. Dann sind der weitere Unterricht und die Lernarbeit wertlos. Durch ein paar tiefe, befreiende Atemzüge aber sind wir wieder in der Lage, uns zu sammeln. Dann wird die Unterrichts- und Lernarbeit wieder wertvoller.[21]
Außerdem wollen wir ja nicht außer acht lassen, daß tägliche Tiefatemübungen das einzige Mittel sind, unsre Jugend zu einem lungenkräftigen Geschlecht heranzubilden, dem auch die Schwindsucht nichts anhaben kann.
Wenn überall bei der Jugend auf eine kräftige, vollständige, tiefe Atmung besonders der oberen Lungenteile, auf eine frühe Erweiterung des oberen Brustkorbs und Rippenringes (Hände hinter dem Kopf verschränken) Wert gelegt würde, dann würden viele Ansteckungen von Schwindsucht überhaupt nicht aufkommen, andere leicht und schnell ausheilen, und die große jährliche Verlustziffer an Lungenschwindsucht für unser Vaterland würde ganz gewaltig sinken (1913 = 85000 Todesfälle an Lungentuberkulose).
Dieser Abschnitt gehört mit gutem Recht in eine Gedächtnislehre, denn was nützt alle Übung des Gedächtnisses, wenn jener niederträchtige Feind langsam aber sicher alle Hoffnungsblüten vernichtet!
Über die Dauer der geistigen Arbeit.
Neun Stunden angestrengter geistiger Arbeit dürften das zulässige Höchstmaß sein. Dann soll die Erholung, die Entspannung folgen. Diese suchen und finden die meisten Menschen durch Betätigung auf anderen Gebieten, z. B. beim Zeitungslesen, Kugel- und Kartenspielen, Schaubühnenbesuch usw. Allein diese Erholung ist nicht die denkbar beste, denn sie beansprucht wieder Aufmerksamkeit, die die Atmung verflacht. Darum müssen wir als eine wesentlich bessere Erholung das Spazierengehen mit tiefem Atmen bezeichnen.
Das ruhige Wandern mit regelmäßigen tiefen Atemzügen wird vielfach von Ärzten auch als ein wirksames Heilmittel gegen Nervosität empfohlen, zu deren ersten Kennzeichen ein Nachlassen des Gedächtnisses und die Gedankenflucht gehören. Man vermag dann nicht mehr bei einem einmal eingeschlagenen Gedankengange zu bleiben, verliert den Faden, schweift zumeist auf Grund oberflächlicher Bindungen von einem Gebiete in das andere und vergißt dabei, was man alles hatte sagen wollen.
Hier gilt es vorzubeugen. Das gelingt sicher, wenn man täglich insgesamt mindestens drei Stunden auf Wandern, leichtere oder schwerere Gartenarbeit, Sport und Turnen verwendet.
Unbedingt soll sich jeder deutsche Jüngling und jedes Mädchen dem Turnen und dem Turnspiele, dieser allseitigen, ausgeglichenen Ausbildung des Körpers, eifrig hingeben. Denn es ist wahrhaftig ein Jungborn der Menschheit und erhält geschmeidig bis ins späte Alter. Der Sport ist zwar meist einseitig, wohl auch kostspieliger als das Turnen, erzieht aber zu schneller Entschlußfähigkeit und Geistesgegenwart.
Es ist jedoch zu bemerken, daß Sport und Turnen, überhaupt körperliche Anstrengungen, wie wissenschaftliche Versuche beim Gewichtheben, Vorstellungsbinden und Vorstellungsergänzen festgestellt haben, neben der körperlichen auch gehörig viel geistige Kraft verbrauchen. Es fällt den Beteiligten nur nicht so auf, weil es lustbetonte Arbeit ist. Darum ist es empfehlenswert, auch darauf erst eine Erholung und Entspannung folgen zu lassen, ehe man sich wieder anstrengenden Tätigkeiten hingibt. Erwähnt sei schließlich noch, daß bei dieser Betätigung unter allen Umständen eine Erschütterung des Kopfes und des Rückenmarks zu vermeiden ist.
In einer Gesundheitslehre des Geisteslebens dürfen auch einige Bemerkungen über die beste Erholung, den Schlaf, nicht fehlen; denn ein Mensch, der durch den Schlaf noch nicht genügend gestärkt und neubelebt ist, der müde und abgespannt die Arbeit der Lerntätigkeit aufnimmt, leistet wenig oder gar nichts. Der wissenschaftliche Versuch zeigt uns nämlich, daß der Einfluß des körperlich-geistigen Wohlbefindens auf die Leistungsfähigkeit sehr groß ist.
Allgemein ist die Ansicht verbreitet, daß für den Erwachsenen mindestens acht Stunden Schlaf nötig sind. Wenn aber ein Bedürfnis für noch längere Ruhe vorhanden ist, so gebe man dem ruhig nach. Die Nacht sollte so wenig als möglich zur Arbeit verwendet werden.
Nach dem Mittagessen (12 Uhr) erreicht die geistige Leistungsfähigkeit infolge der Verdauungstätigkeit einen ganz beträchtlichen Tiefstand. Darum ist die geistige Arbeit sofort nach dem Mittagessen verfehlt. Entweder wird sie oder die Verdauung, meist beide, unter großer Kraftvergeudung ungünstig beeinflußt. Von 3 Uhr an steigert sich wieder die Arbeitsfähigkeit und erreicht gegen 5 Uhr ihren Höhepunkt am Nachmittag.
Bei Nervosität oder nach angestrengter geistiger Arbeit, die unbedingt mindestens eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen zu beenden ist, vermag mancher nicht einzuschlafen. Dem können wir nicht dringend genug unser Mittel der Entspannung empfehlen, wie wir es für Spaziergänger vorschlugen, nur daß an Stelle des Marschierens fortwährendes Zählen, etwa bis vier, einzutreten hat: Also Sammlung auf tiefe Atmung und Zählen, dabei mit geschlossenen Augen Festhalten eines vorgestellten Punktes. Dazu fasse man vertrauensvoll den festen Vorsatz, am andern Morgen recht frisch, munter und leistungsfähig aufzustehen!
Wir haben es hier mit der Einbildung zu tun, die aber ganz wesentlichen Einfluß auszuüben vermag. Es sei nur an die bekannte Tatsache erinnert, daß es fast jedem Menschen möglich ist, zu einer bestimmten Zeit frühmorgens aufzuwachen. Bei den meisten genügt hierzu der feste Vorsatz und der Glaube an den Erfolg.
Selbst bei schwerer Schlaflosigkeit läßt sich mit ähnlichen Mitteln viel erreichen. Natürlich ist es dann nötig, noch länger als eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen mit jeder geistigen Arbeit aufzuhören. Auch muß man sich tagsüber körperlich müde gearbeitet haben. Die Zeit vor dem Schlafengehen verwende man dann dazu, in einem schleppenden, ermüdenden Zeitmaß umherzuwandern, durch Schlaffmachen des ganzen Körpers sich Müdigkeit einzureden, bemühe sich, an nichts weiter als an die Müdigkeit zu denken, die immer mehr von Körper und Geist Besitz ergreift. Man vergesse aber ja nicht den gläubigen Vorsatz, am andern Morgen recht frisch und leistungsfähig aufzustehen.
Wenn ein Nervöser den Arzt zu Rate zieht, ist dessen erste Frage nach der Verdauung. Verstopfungen sind nämlich mitunter die allerersten Ursachen von Schädigungen des Nervengefüges, von Schwermut, Lebensüberdruß, ja sogar von Selbstmord und schweren Verfehlungen in geschlechtlicher Beziehung.
Und diese Schädigungen sind gerade bei Schülern infolge der sitzenden Lebensweise weit verbreiteter, als man nur ahnt. Da infolge der herrschenden falschen Scham diese außerordentlich wichtige Frage selten gestreift wird, will ich wenigstens in dieser Beziehung meine Pflicht erfüllen, denn es ist eine ganz gefährliche Klippe, an der schon manches Lebensglück gescheitert ist.
Es ist nicht zu empfehlen, mit Arzeneien, an die sich der Körper schnell gewöhnt, dagegen einzuschreiten. Ein Glas frisches Wasser am Abend und eins nüchtern frühmorgens wirken in den allermeisten Fällen. Wichtig ist Gewöhnung an eine bestimmte Zeit, dabei nötigenfalls Einbildungseinflüsse vor dem Einschlafen.
Dem Körper fremde Gifte.
Bei nervöser Schlaflosigkeit mit Kopfschmerz verordnet der Arzt Brom. Wie aber die Untersuchungen der Kräpelinschen Schule ergeben haben, schwächt dieses Gift das Gedächtnis, indem es die seelische Verbindefähigkeit herabsetzt. Unsere oben erwähnten naturgemäßen Mittel gegen Schlaflosigkeit sind entschieden empfehlenswerter als jeder Gifttrank, wenn auch Brom noch verhältnismäßig am unschädlichsten ist. Viel verbreitet ist als Schlafmittel
das Rauschgift.
In dieser Frage will ich nur Leuchten der Wissenschaft reden lassen.
Schon 400 Jahre vor Chr. Geb. wünschte Plato ein Gesetz, das den Knaben bis zu 18 Jahren den Wein verbietet. Ferner hat Kräpelin, Lehrer der Irrenärzte, an der Universität München, 1892 in einer wertvollen, vielbeachteten Arbeit: „Über die Beeinflussung einfacher seelischer Vorgänge durch einige Arzneimittel“ die Wirkung von Alkohol, Tee, Morphium, Äther, Amylnitrit usw. untersucht. Die Ergebnisse, zu denen er in bezug auf die Wirkung des Alkohols kommt, sind kurz folgende:
Einfache geistige Fähigkeiten mit und ohne Weingeistbeeinflussung können ja genau an den Leistungen gemessen und verglichen werden. Da zeigt sich, daß das Rauschgift geistige Leistungen verringert und verschlechtert, während merkwürdigerweise die Leute selbst glauben, besonders gut und angeregt zu arbeiten. An vielen Versuchspersonen wurden folgende Untersuchungen mit peinlich gewissenhafter Vermeidung von Fehlerquellen angestellt:
- die Zahl der Silben geprüft, die in fünf Minuten mit Betonung gelesen wurden, ebenso
- die Menge der Zahlen, die in derselben Zeit zusammengezählt wurden,
- die Zahl der Wiederholungen, die nötig waren, um zwölfstellige Zahlen zu lernen,
- die Zeit auf tausendstel Sekunden gemessen, die gebraucht wurde, um bei zwei verschiedenen Zeichen, etwa Klingel oder Erscheinen einer grünen Scheibe, entweder einen rechten oder linken Hebel loszulassen.
Höhere geistige Arbeit wurde verlangt, indem man zu sinnlichen oder rein gedanklichen (abstrakten) Wörtern schnell andere Wörter zu sagen hatte. Natürlich sind die Wörter am schnellsten da, die schon irgendeine Verbindung mit dem Reizwort haben, mit ihm verbunden oder gar verknüpft sind. Die Verknüpfung ist natürlich die höhere Leistung. Es zeigte sich, daß diese sinnvollen, gedanklichen Zusammenhänge (Apperzeptionen) nach Alkoholgenuß vermindert und durch bloße Vorstellbindungen (Assoziationen) ersetzt wurden. Und unter diesen fand ebenfalls ein weiteres Herabdrücken statt. Die wertvolleren Verbindungen, etwa daß beim Reizwort Tag einfiel: Licht, Sonne, Arbeit usw., werden durch solche ersetzt, wo noch weniger Sinn zu walten braucht: Mittag, Sonntag, Bach, mag usw. Hier ruft der Klang einen andern Klang geistlos ins Bewußtsein. Auch wurden viel Worte gemacht mit wenig Sinn. Diese Tatsache ist natürlich fürs Gedächtnis bedeutungsvoll.
Endlich wurde das unmittelbare Behalten geprüft. Das Auge betrachtete durch einen Spalt sinnlose Silben, ein- und zweisilbige Wörter, die sich auf einer Trommel vorüberbewegten. Man ließ nun nach 15, 30 oder 60 Sekunden angeben, was gemerkt worden war. Schon bei 30 g Alkohol (¾ l Bier) treten nach 15 bis 20 Minuten häufige Auslassungen (vergessen) ein, auch falsche Angaben. Die Zuverlässigkeit leidet stark. Besonders bei sinnlosen Silben, die schwerer zu lesen und aufzufassen sind als sinnvolle Wörter, stieg die Zahl der Auslassungen auf das Fünfzehnfache, die der falschen Angaben aufs Doppelte der Fehler in nüchternem Zustande.
Es zeigt sich also eine um so größere Beeinträchtigung, je anstrengendere oder höhere Leistungen vom Geiste verlangt werden. Je geistloser, je maschinenmäßiger, je eingeübter eine Arbeit ist, desto geringer ist der Schaden. Es wirkt also der Alkohol auf den am ungünstigsten, der schöpferisch tätig sein will.
Nach größeren Gaben, bei 60 g Alkohol (= 1½ l Bier), war die Erschwerung oder Lähmung der geistigen Arbeit bis zwei Stunden nachzuweisen. Bei mittleren Gaben, bei 30–45 g Alkohol (= ¾–1 l Bier), ergab sich ebenfalls bei allen geprüften geistigen Leistungen eine deutlich nachweisbare Minderung von etwa 40 bis 50 Minuten Dauer.
Nach geringen Gaben (7,5–10 g = ¼ l Bier) trat vor der Lähmung eine kurze, viertel- bis halbstündige Erleichterung ein, jedoch nur bei Arbeiten, die irgendwie mit Muskelarbeit zusammenhängen, z. B. beim Lesen (Sprachmuskulatur), beim Loslassen der Hebel. Aber dieser unwesentliche, kurze Vorteil wird übertroffen von Nachteilen: Die Sicherheit und Genauigkeit nimmt ab. Was nützt es, wenn die Bewegung erleichtert, aber die Überlegung verringert wird und die Zuverlässigkeit leidet! Was ist das aber für ein verfluchter Gewinn, wenn der Führer eines Kraftwagens das Lenkrad schneller dreht, aber gerade nach der falschen Richtung, und einen solchen Zusammenstoß mit Wagen oder Baum oder Prellstein verursacht, daß alle Insassen herausgeschleudert werden und Hals und Beine brechen!
„Und gar eine einmalige Gabe von 80 g Alkohol = 2 l Bier verfliegt nicht rasch und vollständig, sondern hinterläßt eine gewisse Nachwirkung, die nach 24 Stunden noch nicht ganz verschwunden ist.“ (Kräpelin.)
Jede Erleichterung fehlt bei den Vorstellbindungen und beim Rechnen. Auf das Gedächtnis wirkt also auch eine kleine Gabe von allem Anfang an schädlich. Kräpelin folgert, daß der Weingeist von vornherein die Verstandes- und gefühlsmäßigen Vorgänge, später auch die zunächst erleichterten Bewegungen erschwert.[22]
Wenden wir uns nun von diesem auch die Gedächtnistätigkeit lähmenden zu
den anregenden Giften, Tee und Kaffee.
Sie enthalten beide dasselbe Gift. In den Kaffeebohnen schwankt der Gehalt an Kaffein (Koffein, Teein usw.) von 0,7–2,2%, in den Blättern des chinesischen Tees von 2–3,5%, im Paraguaytee (Ilex paraguayensis) beträgt er gegen 5%.
Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, daß es kein gänzlich ungefährliches Gift ist. Kräftige Gaben erzeugen Gedankenverwirrung, Schwindel, Ohrensausen, Beklemmung, Zittern der Hände, jagenden, zuweilen aussetzenden Puls. Sind diese Erscheinungen vorüber, so bleibt eine körperliche und geistige Niedergeschlagenheit zurück. Bei Tieren tritt nach größeren Mengen unter allgemeiner Muskellähmung der Tod durch Ersticken ein. Wenn wir auch heute etwas an den Genuß von Kaffee gewöhnt sind, so ist Kindern, Herzkranken und nervösen Personen gegenüber Vorsicht, am besten Ersatz des Kaffees nach altdeutscher Sitte durch eine reiche Auswahl kräftiger Suppen geboten.
Durch die bekannten Kaffee-Ersatzmittel-Aufgüsse wird nach Mahlzeiten der Magensaft verdünnt, die Verdauungstätigkeit verlangsamt und verlängert. Sie sind also auch nicht zu empfehlen. Überdies trinken wir im allgemeinen viel zu viel.
In geringen Mengen und nicht Tag für Tag genossen wirkt dieses Gift aber anregend auf die Nervenzentren des Großhirns und des verlängerten Markes. Das Herz schlägt kräftiger. Darum pulst das Blut schneller, wird in reicherem Maße allen Geweben des Körpers zugeführt, spült die dort entstandenen Ermüdungsgifte schneller fort und führt reichlich neue Nährstoffe zu. Deshalb regt es auch die geistigen Fähigkeiten merklich an. Man denkt und arbeitet leichter; sowohl gewohnheitsmäßige, geistige Arbeiten, als auch die Auffassung neuer Eindrücke werden gefördert. Ermüdung, sogar der Schlaf wird verscheucht.
Gleichwohl ist es ohne Zweifel besser, auch das Kaffein zu meiden und sich nur dann die mäßige Anwendung dieses Giftes zu gestatten, wenn ein dringendes Bedürfnis vorliegt: Nachtwachen bei Schwerkranken; für Kraftwagen- und Dampfwagenführer usw.
[19] Dr. Feuchtersleben, Diätetik der Seele (Tagebuchblätter), und Dr. Hufeland, Makrobiotik, seien als weitere Beiträge zur seelischen Gesundheitspflege empfohlen (Reclams Univers.-Bibl. Nr. 1281 und 481/484); ebenso Nr. 1130: Kant, Macht des Gemütes (herausg. von Hufeland).
[20] Das Kosmosbändchen von Lipschütz, Warum wir sterben, bringt weitere Belege zu dieser Frage.
[21] Sehr zu empfehlen ist besonders für Frauen: Weibliche Körperbildung und Bewegungskunst von F. Giese und Hedwig Hagemann. (F. Bruckmann, München.) Nur Atemübungen, aber in ausgezeichneter Weise, bietet das billige Heftchen von Dr. med. Beschorner und Friedrich Richter, Atemübungen (Verlag Paul Eberhardt, Leipzig).
[22] Als Anregung zu weiterem Nachdenken über diese und andere unsre Zeit bewegenden Fragen sei das Buch von Bonne empfohlen: Im Kampf um die Ideale, Verlag E. Reinhardt, München (erschienen in einer großen und in einer Volksausgabe, 13 Mk.). Ferner Dr. Wilhelm Bode, Zum Schutze unsrer Kinder vor Wein, Bier und Branntwein (Mäßigkeits-Verlag, Berlin W 15, Uhlandstraße 146, 1 Mk.)