VII. Persönliche Eigentümlichkeiten beim Vorstellen.
Indem wir tiefer in die persönlichen Unterschiede des Vorstellungslebens eindringen, versuchen wir die Selbsterkenntnis zu fördern. Nur so lernt jeder den oder jenen Mangel, die Vorteile und Nachteile seiner Veranlagung kennen. Er vermag dann durch Übung schwach entwickelte, aber für das Gedächtnis wichtige Kräfte in sich zu voller Entwicklung zu bringen und auch sie nutzbar zu machen.
Durch Charcots Vorlesungen über Aphasie erhielt die Gedächtnisforschung eine weitere Anregung. Sie ist eine Gehirnerkrankung mit teilweisem oder gänzlichem Verlust der Sprache, ohne daß dieser Mangel in Störungen der Sprachwerkzeuge oder der Begabung zu liegen braucht. So konnte zum Beispiel ein rechtsseitig gelähmtes, an Aphasie leidendes Mädchen das Liedchen „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“ singen und beim Singen sämtliche Worte dieser Dichtung richtig und klar aussprechen; aber es war ihr unmöglich, etwa das Lied nur sprechend wiederzugeben und ohne diese Hilfe überhaupt zu sprechen. Das Gedächtnis für Worte war krank und unselbständig geworden. Das Gedächtnis für Sang und Takt aber war noch gesund und konnte dem Sprachgedächtnis wirksame Gedächtnishilfen leisten.
Charcot lehrte nun eine Vielheit der Gedächtnisse und ihre Unabhängigkeit bei jenen Kranken. Dazu sei gleich bemerkt, daß tatsächlich eine Vielheit der Gedächtnisse nebeneinander besteht (Ton-, Takt-, Zahlen-, Sprach-, Personengedächtnis), die aber durchaus nicht scharf voneinander getrennt sind. Das Gedächtnis des einen Sinnes vermag das Gedächtnis anderer zu vertreten. Auch ist durch Übung eines einzelnen Gedächtnisses eine Übung des allgemeinen und der Sondergedächtnisse nachweisbar.
Die wiederholt auftretenden einseitigen Rechenkünstler, wie der Franzose Inaudi, der Grieche Diamandi und der Deutsche Dr. Rückle sind gute Beispiele dafür, was für eine Vielheit der Gedächtnisse möglich ist.
Der Piemontese Inaudi z. B. behielt Ziffern und Zahlen nach dem Klange seiner Stimme. Bei ihm arbeiteten ausschließlich das Gehör (akustisch) und die Sprachmuskeln (motorisch), und selbst wenn er nur aufmerksam auf die gesprochenen Zahlen hörte, merkte man deutlich, wie die Lippen und Kehle ganz leise mitarbeiteten. Er stützte sich also auf die Klangwirkung, auf den Takt und auf sein Gedächtnis für die Bewegungen der Sprachwerkzeuge und vermochte sogar nach einer Stunde öffentlichen Rechnens (mit rund 300 Ziffern) sämtliche Rechnungen zu wiederholen. Selbst am folgenden Tage vollbrachte er noch diese Leistung.
Der andere, der Grieche Diamandi, lernte lediglich durch Sehen (optisch). Ja, sogar wenn ihm die Zahlen und Ziffern vorgesprochen wurden, erschienen sie ihm deutlich als Schriftzüge auf einer Tafel.
Inaudi, der erste, stellte einen nach Begabung und Neigung einseitigen Menschen dar. Wir haben in ihm ein bloßes Schauspiel, ein blendendes Feuerwerk der Natur vor uns. Wenn er wenigstens sein fast unbegreifliches Zahlengedächtnis, wie etwa Gauß oder Ampère, in den Dienst überschauender, scharfsinniger mathematischer Folgerungen hätte stellen können! So aber war sein Gedächtnis für anderes als Zahlen ganz schwach entwickelt. 42 Zahlen vermochte er unmittelbar nachzusprechen (andere Menschen bringen es höchstens auf 13 Zahlen). Aber er war kaum imstande, 6–7 Buchstaben oder 6–7 Wörter eines Gedichtes unmittelbar nachzusprechen.
Der deutsche Rechenkünstler Dr. Rückle schließlich ist beiden noch ganz bedeutend überlegen. Er braucht alle drei Vorstellhilfen: Sprechbewegungen, Gehör, vorwiegend aber verläßt er sich aufs Gesicht. Weiter zeigt er sich den anderen aus dem wichtigen Grunde überlegen, weil er verstandesmäßige Hilfen noch mit einschaltet (eingeflochtene Rechnungen und Überlegungen), z. B. die Zahl 70128 merkte er sich im Augenblick folgendermaßen = 701 + 28 = 729 = 9³, in ähnlicher Weise 86219 = 219 = 3 × 73 und log 73 = 1,86...
Dr. Rückle konnte nach zweimaligem Durchlesen siebenmal sieben einstellige Zahlen, in sieben Reihen zu je sieben Zahlen, in jeder nur gewünschten Reihenfolge aufsagen. Diese Leistungen hat weder Diamandi noch Inaudi auch nur annähernd vollbracht.
Am besten aber zeigt sich die staunenswerte ungeheure Ausbildungsmöglichkeit eines bescheiden ausgestatteten Sinnes an der Entwicklung der taubstummblinden Helen Keller. Hier verrichtete der Tastsinn Wunder des Gedächtnisses, denn er vertrat die Stelle des Auges und des Ohres. Diese Amerikanerin, obgleich zeitlebens taub und blind, lernte mit seiner Hilfe englisch, deutsch, französisch, lateinisch, griechisch lesen und schreiben. Sie setzte es sogar durch, daß man ihr Unterricht im Sprechen erteilte. Die Eltern, ihre geliebte Lehrerin, alle rieten ab. Aber der kleine Trotzkopf von 10 Jahren setzte es durch und lernte sogar verständlich englisch sprechen. So mächtig wirkt der Geist und wenn er in einem Kerker, wie bei Helen Keller, eingesperrt wäre. Und wenn er mit einem so dürftigen Handwerkszeug wie mit dem Tastsinn arbeiten muß.
Ihre Lehrerin Annie Sullivan lehrte diesem von der Umwelt abgeschnittenen Geiste nur durch den Tastsinn das Finger-Abc, das in 27 verschiedenen Stellungen und Beugungen der Finger besteht, gab ihr einen Gegenstand und „fingerte“ ihr dann den Namen dafür in die Hand. Unermüdlich und geduldig tat sie das, bis bei dem Mädchen endlich, endlich der erste Strahl des Verständnisses durchbrach. Von da an ging es mit Riesenschritten vorwärts. Nur mit Hilfe des Tastsinnes bildete sich Helen Keller so weit fort, daß sie mit 16 Jahren die Gelehrtenschule besuchen und nach drei Jahren die Reifeprüfung machen konnte. Danach studierte sie an der Harvard-Hochschule Schrifttum und Geschichte. Sie nahm die Vorlesungen in der Weise auf, daß ihre Lehrerin ihr die Worte des Hochschullehrers mit Hilfe der Finger mitteilte.
Bei diesen fabelhaften Leistungen ist natürlich das Gedächtnis für Tastreize die allererste Grundbedingung. Infolge der höchstmöglichen Ausbildung dieses Sinnes vermag sie die feinsten Zuckungen der Hände andrer aufzunehmen und deren Gemütsbewegungen zu empfinden. „Die Hände der Menschen führen für mich eine beredte Sprache; die Berührung mancher Hand aber ist eine Beleidigung. Es gibt andere, deren Hände gleichsam Sonnenstrahlen in sich tragen.“
Bei Helen Keller sehen wir deutlich, wie ein Sinn stellvertretend für andere einspringen kann, und daß auch für die Gedächtnisse das gleiche gilt. Es arbeitet also kein Sinn starr für sich abgetrennt, sondern es sind Bindungen und Knüpfungen mit anderen Sinnesgebieten und -gedächtnissen möglich (vgl. [S. 21]. Die mehrsinnlichen Bindungen).
Aus den Leistungen der einseitigen Rechenkünstler müssen wir die Lehre ziehen, jedes Gedächtnis nach Kräften in uns auszubilden, für die nötige Verbindung und Zusammenarbeit der Sondergedächtnisse zu sorgen und nicht zuletzt den Verstand stark an der Gedächtnisarbeit zu beteiligen. Die Vernachlässigung eines Gedächtnisses bedeutet Verarmung und ist darum zu bekämpfen. „Je gleichmäßiger die Gebiete der verschiedenen Sinne bei einem Menschen entwickelt sind, desto fruchtbarer wird die Vereinigung der Vorstellungen verschiedener Sinneseindrücke sein. Und je einseitiger er ist, desto notwendiger ist sie.“ (Paul Barth.)
Bei allen solchen reinen Anlagen, denen ein angeborener seelischer Mangel zugrunde liegt, haben wir es nämlich meist mit starrer Vererbung zu tun. So bei Künstlern, berühmten Rechnern, Schachspielern und anderen hochgesteigerten Begabungen. In mehreren Altersfolgen einer Familie findet sich mitunter eine bestimmte Vorstellungsart vor, z. B. war in der Familie Johann Sebastian Bachs das musikalische Gedächtnis in ganz hervorragender Weise ausgebildet.
Die meisten Menschen haben aber gemischtes Vorstellungsgepräge. So fanden sich unter 350 Versuchspersonen nur 18 ausgesprochene Gesichts-, 6 Gehörs- und 17 Bewegungsmenschen. Die andern mischten, und ihre Anlagen sind je nach dem Vererbungsgrade mehr oder weniger umbildungsfähig.
Je bildungsfähiger aber die Anlagen sind, um so mehr lernt der eifrig Übende mit allen eingeübten Vorstellungsmitteln arbeiten. Ein vollkommenes Gedächtnis gründet sich auf eine allseitige Entwicklung des Vorstellens.
Es ist nun auf Grund der Versuche bestimmt anzunehmen, daß die Mehrzahl der Menschen abwechselnd in zwei ganz verschiedenen Formen geistig arbeitet.
Handelt es sich um Gegenstände oder Vorgänge, so erinnern wir uns früherer anschaulicher Bilder. Wir denken an Überreste früherer Sinneswahrnehmungen oder an Verbindungen von solchen. Das ist das sinnlich-anschauliche (gegenständliche) Vorstellen. Und zwar zählen die meisten Menschen zu den Sehern, wenn sie nicht in Worten denken.
Beruf oder Begabung lassen bald das eine, bald das andere hervor- oder zurücktreten. Bildende Künstler arbeiten z. B. viel mit dem sinnlichen Vorstellungsvermögen, können sich aber meist nicht für wissenschaftliche Tätigkeit erwärmen. Die bedeutendsten Geister der Wissenschaft aber bevorzugen das Wortdenken. Darum sind sie meist schlechte Künstler.
Bei diesem Wortdenken nun zeigen sich die Unterschiede je nach dem Vorherrschen eines Vorstellungsgepräges. Der Gehörsmensch arbeitet mit gehörten Worten, ein anderer mit Gesichtsbildern gedruckter oder geschriebener Worte und der vorwiegend auf Bewegungen sein Vorstellungsleben Aufbauende mit leisem Zusammenziehen der Muskeln der Sprachwerkzeuge.
Natürlich spielt dabei auch eine Rolle, durch welche Sinne wir den oder jenen Stoff in uns aufnahmen. So berichtet ein Forscher (Baldwin) von sich, daß er sich sein Deutsch innerlich sprechend und hörend vorstellt, weil er es durch Unterhaltung in Deutschland gelernt hat, sein Französisch aber innerlich schreibend und sehend, wie er es in der Schule lernte.
Mit je mehr Sinnen wir etwas in uns aufnehmen, desto mehr Sinnen steht es dann zur Verfügung. Jedenfalls ist es uns viel geläufiger, wenn wir es durch mehrere, als wenn wir es nur durch einen Sinn aufnehmen. Und das Leben verlangt vielfach von uns vielseitige, schnelle Anwendung unseres Könnens. So bestätigen denn auch die Versuche von Lay, Schiller, Haggenmüller, Fuchs, Lobsien, Itschner die Notwendigkeit, alle Sinne heranzuziehen: Abschreiben (sehend mit Schreibbewegungen) mit leisem Sprechen (hörend mit Sprechbewegungen) ist z. B. für die Rechtschreibung die wirksamste Einprägung.[17]
Hier haben wir eine Verbindung aller nur möglichen sinnlichen Keime, des Sehens, Hörens, Sprechens und Schreibens. Und der Erfolg ist der denkbar beste bei unseren Schülern wie sie jetzt sind, d. h. noch gar nicht auf allen Sinnesgebieten genügend ausgebildet.