1. Auftritt.

Regierungsrat Pottenmiller [steht inmitten der Szene und liest, als sich der Vorhang hebt, mit monotoner Stimme aus einer Zeitung vor]. – der einstige Teilnehmer an der Südpolexpedition, Professor Doktor Hans Georg Hasselstein, der auch in Mikrosenien seine ausdauernden Studien und Forschungen fortgesetzt, häufige höchst wertvolle Mitteilungen über die Flora und Fauna heimgeschickt und besonders interessante Aufschlüsse über die Lebensweise der Skolopandren und anderer Insekten dieser Zonen eingesendet, wie auch die Gewohnheiten des gefährlichen und von Matrosen und Fischern dort sehr gefürchteten Octopus, eines zeitweilig selbst im Mittelmeere in kleineren Exemplaren auftretenden Polypen mit großer Ausdauer erforscht und beschrieben hat. Sein letzter Ausflug – [alle schluchzen laut und trocknen sich die Augen] – wurde ebenfalls in der Absicht unternommen dieses Seeungeheuer auf einer der naheliegenden Inseln genauer zu studieren und die Fangmethode desselben besser zu prüfen als ihm dies bisher möglich gewesen, doch blieb der von einem unverläßlichen Eingeborenen gelenkte Kahn auf einem Korallenriff sitzen und während es dem Wilden gelang sich, wenn auch nur mit großen Schwierigkeiten und mit knapper Not zu retten, wurde der unglückliche Gelehrte von der starken Brandung ergriffen, einigemale gegen die spitzigen Riffe geschleudert und dann in die grausige Tiefe des Stillen Ozeans hinabgezogen. Man befürchtet, daß er von den um diese Inseln äußerst zahlreichen Haifischen angegriffen worden sei. Jede Suche nach der Leiche ist auch erfolglos geblieben. – Der frühe Tod des berühmten Naturforschers und unermüdlichen Gelehrten hat nicht nur in seiner eigenen Heimat das tiefste und aufrichtigste Bedauern erweckt – [alle schluchzen wieder laut] – sondern wird von der gebildeten Menschheit der ganzen Welt auf das lebhafteste beklagt. Alle Teilnehmer der Forschungsexpedition betrauern in Professor Doktor Hasselstein einen allzeit liebenswürdigen, hilfsbereiten, schaffensfreudigen und tapferen Kollegen, der nicht nur klaglos sondern immer mit heiterer Miene die geradezu unbeschreiblichen Strapazen seines anstrengenden Berufes ertrug. Ein einfaches Kreuz am Strande der Ailukinsel, nicht weit von der Unglücksstätte trägt außer dem Namen und den Geburts- und Sterbedaten auch den kurzen Vers: »Durch Todesnacht bricht ew'ges Morgenrot«. – Frau Professor Hasselstein, die treulich alle Gefahren und Entbehrungen ihres Gatten geteilt und sich die Bewunderung aller Teilnehmer der Expedition errungen, kehrt schmerzgebeugt mit dem kaum drei Monate alten Söhnchen zusammen mit der Expedition auf dem Dampfer »Ozeanien« in die deutsche Heimat zurück. Ob Frau Professor Hasselstein dort zu bleiben gedenkt, ist unbekannt. [Er legt die Zeitung langsam zusammen und setzt sich.]

Frau Hasselstein [schluchzend]. Mein Kind! Mein einziges Kind! Er starb in fremden Zonen – [leise und die Hände ringend –] durch meine Schuld! [Sie weint bitterlich.]

Krickenfeld [ihre Hand auf den Arm Fr. Hasselsteins legend und sich eifrig die Augen wischend]. Beste Frau Oberst, wir alle teilen ihren Kummer, denn wir alle haben ihn wie einen Sohn geliebt!

Zungrapp [sich auch die Augen trocknend]. Ach, du liebe Zeit! So ein staatlicher, so ein guter [sie schluchzt].

Holzheim. So ein edles Herz – so ein gu – gu gu – [sie schluchzt laut auf].

Krickenfeld. Wenn nur dieses Mädchen nicht gewesen –

Zungrapp. Sccchhhttt! Sie war die Frau des berühmten Gelehrten. –

Frau Pottenmiller [beschwichtigend]. So, so, nur ruhig, du darfst dich nicht so aufregen, liebe Schwester. Hans Georg ist jetzt im Himmel, wo wir ihn alle einmal treffen werden.

Frau Hasselstein [bitterlich weinend]. Wenn ich nur schon recht bald zu ihm käme. [Unter Schluchzen.] Warum ach, warum ließ ich ihn von mir gehen? [Alle versuchen sie zu trösten, allgemeine Bewegung, große Beileidsbezeugungen, betäubendes Stimmengewirr. Endlich tritt wieder Ruhe ein.]

Frau Knute. Es muß dir doch ein großer Trost sein, teure Schwester, daß seine Majestät, unser allergnädigster Kaiser, dir in eigener Handschrift ein Beileidsschreiben schickte. Ganz Kringhausen spricht davon!

Frau Hasselstein [weinend]. Mein Sohn, mein Sohn! Im besten Mannesalter, fern von der Heimat, fern von ihr, die ihn geboren, auf so entsetzliche Art – [sie schaudert] – sterben zu müssen! [Sie ergreift das Kuvert, das das kaiserliche Beileidsschreiben enthält und langsam versiegen ihre Tränen.] Ja, es war der einzige Lichtpunkt in dem großen Unglück, das mich getroffen. [Sie zeigt auf ein riesigen Haufen Briefe, der den ganzen großen Tisch bedeckt.] Und so viele mir vollständig unbekannte Personen haben mir so lieb geschrieben. Ich bin stolz und in meinem Kummer glücklich einen solchen Sohn gehabt zu haben.

Frau Pottenmiller [wichtig]. Alle Zeitungen schreiben spaltenlange Artikel über ihn und sein Name steht fettgedruckt schon auf der ersten Seite. [Zu den Damen der Tarockpartie.] Mit allen Fasern meines Herzens bin ich an meinem Schwesterkind gehangen und habe nie verfehlt ihm weise Ratschläge zu geben.

Ada [spitz]. Die er regelmäßig verworfen hat!

Krickenfeld [den Brief mit Ehrfurcht aufhebend]. So eine Auszeichnung und all die schönen Reden sind wohl ein großer Trost für unsere liebe Frau Oberst! Ganz Kringhausen fühlt sich geehrt! [zu Frau Hasselstein, die wieder laut weint]. Nur ruhig, beste Freundin, ich hatte zwölf Kinder und mußte neun begraben.

Frau Zungrapp [entschieden zu den Verwandten]. Wir werden uns der Armen schon annehmen, so ein kleines Spielchen –

Holzheim [lebhaft]. Natürlich! Natürlich!

Krickenfeld [mit Ueberzeugung]. Das übt einen wohltätigen beruhigenden Einfluß auf die Nerven aus –

Zungrapp [fest]. Eine kleine Zerstreuung ist notwendig –

Ada. Es läßt sich an dem Vorgefallenen nichts ändern –

Frau Hasselstein [schluchzend]. Wie – wie kö – könnte ich – in meinem großen Schmerz – an – an – einer Tarockpartie teilnehmen –

Alle Damen. Eine Ablenkung tut not – ist wie eine heilsame Medizin –

Ladislaja [mit salbungsvollem Tone]. Man muß sich in den Willen des Höchsten mit Demut fügen.

Hermine [lebhaft]. Der neue Prediger wird vier Messen für seine Ruhe lesen und alle Jungfrauen unseres Vereins werden für sein Seelenheil beten.

Frau Knute [aufspringend]. Schwester, hast du den neuen Trauerhut schon aufprobiert?

Frau Hasselstein [müde]. Ja, – er muß geändert werden.

Frau Knute [indem sie auf den Lehnstuhl zur Linken zugeht auf dem eine Hutschachtel steht und den Hut samt langen Schleier herauszieht und betrachtet. Alle Damen folgen ihr mit den Blicken.] Als Mutter eines solchen Sohnes muß dein Hut tadellos sitzen!