2. Auftritt.
[Ein Stubenmädchen öffnet geräuschvoll die Tür und läßt Roden und Norry eintreten, die auf Fr. Hasselstein zugehen und ihr schweigend die Hand küssen, während sie in neues, bitteres Weinen ausbricht.]
Roden [indem er mehrere Gegenstände auf den Tisch vor Fr. Hasselstein legt]. Einige Kleinigkeiten als Andenken – ein Jagdmesser, sein letztes Notizbuch, einige von ihm gesammelte Korallen, ein Ring – die Uhr verbleibt dem Sohne.
Frau Hasselstein [mit zitternder Erwartung in der Stimme]. Wo ist!? [Sie vollendet nicht.]
Roden [mit unergründlicher Miene]. Der Sohn ist bei seiner Mutter!
Frau Hasselstein [die Gegenstände mit zitternden Händen an sich raffend]. Ich – ich danke Ihnen meine Herren! [Sie macht eine bittende Handbewegung und beide nehmen schweigend Platz.]
Frau Pottenmiller [zu beiden Herren]. Sie sehen eine gramgebeugte Familie vor sich!
Krickenfeld, Holzheim und Zungrapp. Die Zierde von Kringhausen ist nicht mehr!
Frau Knute [sich die Augen wischend]. Unser hochbegabter Neffe fand ein so frühes Ende!
Frau Hasselstein [ihre Hand bittend auf Norrys Arm legend]. Erzählen Sie mir – von – von – meinem Sohne.
Norry [mitleidig]. Hans Georg dachte immer voll Liebe an Sie, gnädige Frau – wir sprachen oft von Ihnen; hoffnungsfreudig in der Nacht der Antarktis und mit warmer Hingebung unter den tropischen Bäumen Mikroseniens. [Frau H. weint.]
Frau Knute [zu Roden]. Sie haben keine Ahnung, Herr Doktor, wie sehr uns der Schlag, der meine unglückliche Schwester getroffen, nahegeht!
Roden [kalt]. Ich zweifle nicht daran. [Leise zu Norry.] Nun hat die Pfeife einen anderen Ton.
Frau Pottenmiller [zu Norry]. So ein Mann – alle Zeitungen berichten von ihm –
Krickenfeld. Ein so berühmter Forscher! Wie oft habe ich ihm einen Apfel gegeben!
Zungrapp [zur Decke blickend]. Ein Talent! Ein Talent! meine Damen.
Ada [die als einzige nicht geweint hat und nur kalt umherblickt]. Ein Talent, zugegeben und wie alle solche auch überspannt. Meine Tante verstand nicht sein Temperament zu zügeln, niemand konnte auf ihn einwirken. Hier in Kringhausen bot sich ihm eine gesicherte Existenz, die Achtung seiner Mitbürger, – wenn er nur auf seine merkwürdigen Ideen verzichten gewollt, – geistige Anregung auf allen Gebieten – er aber –
Frau Knute [seufzt tief auf]. Meine Schwester war allzu schwach in ihrer Mutterliebe.
Frau Pottenmiller [seufzt auch]. Allzu nachsichtig gegen ihren Sohn.
Ada Brunnick [mit Befriedigung]. Ich habe es immer vorausgesehen, daß er ein abenteuerliches Ende finden werde, denn niemand bricht ungestraft die heiligsten Bande –
Roden [ärgerlich]. Aber man hat das Recht die Stricke zu durchschneiden, die einen Pegasus als Ackergaul festhalten oder einen Canova dazu verpflichten, als Topfmacher sein Brot zu verdienen. Nicht jeder, meine Gnädigste, ist von der Natur zum Kringhäusler geschaffen!
Norry [zu Knute und Pottenmiller]. Die ihm am nächsten gestanden, haben seinen Wert zuletzt erkannt!
Frau Hasselstein [bittend zu Norry]. Herr Doktor!
Norry [ihr nähertretend, freundlich]. Gnädige Frau?
Hasselstein. Wie – wie – war das Ende?
Norry [ernst und voll Mitleid]. Wir waren alle auf dem Schiff viele Meilen von der Unglücksstelle entfernt und kamen alle erst vierzehn Tage später nach Ailuk. Der Eingeborene, der die Schreckensbotschaft der beklagenswerten jungen Gattin überbrachte, lag noch bei unserer Abreise krank darnieder, da er sich an den scharfen Korallenriffen Verletzungen zugezogen hatte und ein Haifisch –
Alle [mit Entsetzen]. Aaaaaah! Ooooooh! Ein Haifisch!!!!
Frau Hasselstein [schluchzt untröstlich]. So ein gräßliches Ende und alles – ach, alles – durch meine Schuld!
Frau Knute und Pottenmiller [vereint]. Liebe Schwester, teure Schwester, es steht nicht immer zu ändern – du hast richtig gehandelt –
Ada Brunnick [hart]. Er hat es ja selbst so gewollt!
Roden [ernst]. Hasselstein starb im Dienste der Wissenschaft, die ihm ewigen Dank schuldet.
Norry [ernst zu Fr. H.]. Hätte er den Eingeborenen mit Gewalt zurückgehalten, so würde er wahrscheinlich sein eigenes Leben gerettet haben. Edel wie immer ließ er den Gefährten Rettung finden.
Krickenfeld [während die anderen laut weinen]. Ja, so ein junger Mann, auf den können die Kringhäusler stolz sein!
Zungrapp. Wenn ich denke, wie oft ich ihm ein Butterbrot gestrichen habe –
Holzheim [sich die Augen trocknend]. Und ich, die ich ihm stets von meinen besten Winteräpfeln gegeben habe. Das ist mir jetzt in der Tat ein erhebendes Bewußtsein. Auch ich habe zu seiner Größe beigetragen!
Frau Pottenmiller [stolz]. Am regen Verstande meiner Adarl hat er zuerst den seinen zu schärfen gelernt! Ihr verdankt er –
Roden [leise zu Norry]. Über die Schärfe des Gehirns kann ich noch kein richtiges Urteil abgeben, aber die Zunge –
Norry [lächelnd]. – ist die reinste Damaszenerklinge! Was war Harun al Raschids Schwert dagegen?
Roden [im selben Ton]. Einem Haifisch käme ein Gruseln an!
Frau Krickenfeld. Man will – so sagte mir im Vorbeigehen die Frau unseres lieben Medizinalrates –
Zungrapp [heftig]. Peleponesia, hast du auch schon gehört, daß sie mit ihrem Vetter ein Verhältnis gehabt haben soll und ihr Mann die beiden –
Hermine und Ladislaja [sich vorbeugend]. – ein Verhältnis? – Diese scheinheilige – diese –
Roden [leise zu Norry]. Jetzt erröten die holdseligen Jungfrauen nicht!
Holzheim [sich aufblasend]. Nur ich allein kenne alle Einzelheiten, denn meine Masseuse –
Krickenfeld [mit Mißbilligung]. Lassen Sie sich noch massieren!
Holzheim [etwas verlegen]. So sehr bedarf ich dessen freilich nicht mehr, aber die Masseuse weiß eben immer, was in der Stadt vorgeht und daher ist es mir eine große Genugtuung –
Krickenfeld [zustimmend]. Ja, die Peggy –
Pottenmiller [erregt]. Peggy? Das ist doch wohl nicht etwa diese merkwürdige Alte, die ihre eigene Magd jeden Sonnabend wäscht? Ha, ha, ha!
Zungrapp [geheimnisvoll]. Man sagt von ihr, daß sie Säcke voll alter Münzen unter dem Bette verborgen hält –
Ada Brunnick [gelassen]. Da wird schon irgend jemand den alten Narren einmal aus dem Weg räumen!
Zungrapp [mit Bestimmtheit]. Sie soll gar nie ihr Zimmer fegen lassen und Paula, ihr Dienstmädchen, hat der Köchin im Vertrauen mitgeteilt –
Frau Holzheim [lebhaft]. Nun, da Sie davon sprechen, hochverehrte Frau Direktor, fällt mir eben etwas ein. Stellen Sie sich einmal vor, meine Damen – [Alle richten sich auf.]
Krickenfeld [erbittert]. Hier kann ein Mensch wahrlich nicht zu Wort kommen! Ich muß schon bitten!! Ich sagte also, daß die Frau unseres Medizinalrates – sie erwartet übrigens in Kürze das Fünfte –
Frau Knute [die Hände zusammenschlagend]. Du grundgütiger Himmel! Als ob wir nicht schon genug Mädchen in Kringhausen hätten und natürlich wird es wieder ein Mädchen sein!
Krickenfeld. Werde ich denn nie aussprechen dürfen? Ich sagte, so weit ich mich nach all diesen Unterbrechungen erinnern kann, daß man die Absicht hat einen Bazar zu veranstalten und von dem Erlös will man Herrn Professor Hasselstein in seiner Vaterstadt ein Monument errichten.
Alle [gerührt]. Aaaaaah! Ein Monument?
Roden [leise zu Norry]. Nein, hörst du, hier möchte ich buchstäblich nicht einmal aufgemalt sein wollen.
Hasselstein [weinend]. Alle, alle sind so gut gegen mich!
[Es schlägt zwölf Uhr. Alle springen erregt auf, greifen nach ihren Sachen und nehmen schleunigst Abschied.]
Frau Knute [küßt schnell Frau Hasselstein und winkt dann ihrem Manne]. Schon zwölf Uhr! Himmel! Mein Truthahn wird gewiß verkohlen – Sie kennen ja die Dienstboten, beste Frau Kommerzienrat.
Krickenfeld. Gar kein Verlaß auf dieses Gesindel. Sie bestehlen und betrügen, sie – [Beide Frauen führen das Gespräch weiter fort.]
Frau Pottenmiller [zärtlich]. Leb' wohl, liebste Schwester. Nimm' dir den Verlust nicht allzu sehr zu Herzen, erinnere dich, daß wir alle ihn mit dir teilen, hänge nicht deinen trüben Gedanken nach – diese Damen –
Zungrapp und Holzheim. Versteht sich, versteht sich, hochverehrte Frau Regierungsrat, wir werden uns der Armen schon annehmen. Wir kommen –
Hasselstein [fast hart ablehnend]. Nein, nein, meine Damen – wie soll ich an ein Kartenspiel – [sie wendet sich weinend ab].
Krickenfeld [herzukommend]. Aber so ein Tarockerl, beste Frau Oberst, das ist Seelenmedizin. Das zerstreut. [Alle nehmen Abschied, aber die Tarockdamen rufen noch zurück:] Wir kommen, wir kommen!
Holzheim [eilig]. Jetzt muß ich mich aber sputen was das Zeug hält. Wenn mein Mann nicht die Suppe auf dem Tische findet, wenn er heimkommt, so setzt es allemal ein Donnerwetter.
Frau Knute [den Kopf schüttelnd]. Alles ihre eigene Schuld, beste Frau Inspektor. Warum verhätscheln Sie ihn so? Ich habe mir den meinigen gleich zu Anfang erzogen.
[Alle sind endlich bei der Tür angelangt, man nimmt noch einmal einen sehr geräuschvollen Abschied, aber eine der Damen geht nach der anderen fort.]
Ada Brunnick [kalt]. Grüß' Gott, Tante! [Zu den anderen, besonders Frau Krickenfeld, indem sie ihren Mann am Arm faßt und mit sich zieht.] Man muß das Unmögliche begehren, damit man das Mögliche erreicht.
Zungrapp [noch einmal auf Fr. H. zukommend]. Meine teure, meine beklagenswerte Frau Oberst, nur Mut, nur Ruhe! Das Beileid unseres Landtsherrn muß Ihnen doch ein Trost – ein großer Trost sein.
Hermine [eher gedankenlos als böswillig]. Ach ja, uns allen ist sein Tod so ein Trost! [Sie folgt den anderen.]