2. Auftritt.
[Roden, Norry und Scharfen kommen von rechts.]
Roden [zu Scharfen]. Wir müssen die Messungen vor Einbruch der Nacht beendigen [er wirft eine Leine in das Meer und Scharfen hilft ihm dabei].
Scharfen [munter]. Holla, Hasselstein! Sie sind der reinste Baukünstler. Unser Depôt ist ja ein ganzes Wunderwerk.
Norry [indem er eifrig einige Apparate in dasselbe schleppt]. Vortrefflich! Man kann unmöglich alle Geräte auf dem Schiffe oder im Zelte bequem unterbringen. Hier wollen wir unsere Winterbeobachtungen machen – etwas wärmer als die windige Eisfläche wird diese Sternwarte sicher sein.
Roden [indem er langsam die Leine aufwickelt]. Es fehlt eine Oeffnung im Dach –
Hasselstein [eifrig arbeitend]. Dem ist schnell abgeholfen.
Norry [zu H.]. Sind viele neue Exemplare in die Falle gegangen?
Hasselstein [auf den Meeresstrand zugehend]. Ich habe noch nicht nachgesehen [er zieht eifrig eine Fischfalle aus dem Wasser]. Ein reichhaltiger Fang, wie fast immer – leider nur die gewöhnlichen Fischarten der Antarktis [er beugt sich noch einmal nieder und zieht ein kleines Netz aus dem Wasser]. Vielleicht enthält das kleine Netz wertvollere Exemplare. Hm, wie immer eine ganze Menge Isopoden, einige Fünffüßler, mehrere Korallen, – was sehe ich? Ganz richtig! Eine Gattung auffallend kleiner Seegarnelen – eine Anzahl Wasserbären und –
Norry [legt den Apparat heftig auf den Boden, springt auf das Meer zu, woher eben ein starkes Plätschern erklingt und ruft]. Schnell, schnell, Hasselstein! Haben Sie Ihre Flinte zur Hand?
Hasselstein [rafft im Vorbeispringen seine Flinte vor dem Zelte auf und beide springen auf einige Eisstücke um freien Ausblick auf das Meer zu haben]. Ein Blauwal! Ein wahres Prachtexemplar! Aber leider außer Schußweite.
Norry [eifrig spähend]. Verschwunden! Schade, – eine Abwechselung im Speisezettel wäre nicht unwillkommen gewesen!
Roden [singt tröstend]. Es wär' zu schön gewesen, es hat nicht sollen sein!
Scharfen. Leider – leider; ein erhöhter Thranvorrat vermindert immer die Schrecken der Polarnacht, doch – fort ist fort und hin ist hin – [er lacht auch heiter].
Hasselstein [zu Norry]. A propos! Funktioniert der Elektrometer jetzt wieder? Sind die Messungen vollkommen verläßlich?
Norry. Vollkommen! Alles ist wieder in Ordnung. Ich will nur noch in aller Eile den Thermographen aufstellen, hierauf verwandle ich mich in einen Koch erster Qualität. Das ist ja meine Kochwoche [er stellt den Apparat auf und lacht].
Hasselstein [sammelt seinen Fang zusammen und wendet sich zu Roden und Scharfen, die eben die lange Schnur vollends aufgewunden haben]. Welche Tiefe?
Roden. 1844 Klafter. Das bestätigt meine früheren Annahmen, daß die Tiefen hier in der Regel bedeutend größer als am Nordpol sind.
Hasselstein. Wieviel Grade unter Null haben wir heute?
Scharfen [liest vom Thermometer, das an einer Zeltstange hängt, ab]. 29 Grad Celsius.
Roden. Besser Fisch als Mensch zu sein in diesen Gegenden – das Wasser ist wärmer.
Hasselstein [lachend]. Unzufriedener! Denken Sie an die Zeit, wo wir 52° gehabt haben!
Norry. Und die bald wiederkehrt!
Hasselstein [zu Norry, der eifrig seine Apparate in der neuen Schneehütte studiert]. Hören Sie einmal, verehrter Herr Wetterprophet – welcher angenehmen Ueberraschungen dürfen wir gewärtig sein?
Norry [seine Apparate untersuchend]. Machen Sie sich nur auf einen extrafeinen Schneesturm gefaßt.
Alle. Danke sehr!
Hasselstein. Davon hätten wir nachgerade genug. In diesem Monat allein mußten wir zehn Tage in den Zelten zubringen und selbst da wurde man nie warm oder trocken. Die Schneenadeln krochen bis in die Tiefen der Schlafsäcke und das Ausgehen bei solchem Unwetter wagt keiner von uns seit der arme Scharfen ganz wirr im Kopfe wurde, als er in solchem Wetter zufällig draußen war und beinahe umgekommen wäre. Nein, nein, so ein Schneesturm ist schlimmer als die ärgste Kälte!
Norry [mißt eifrig]. Der südliche Wind nimmt bedeutend zu und bei den überaus häufigen und starken Niederschlägen muß man auf alles gefaßt sein. Da, Hasselstein, sehen Sie einmal selbst um wieviel die Nadel seit den letzten drei Stunden abgewichen ist. [Beide hantieren die verschiedenen Instrumente.]
Roden [schreibt eifrig in sein Notizbuch während Scharfen die Schnur und die Fischfallen in das Zelt trägt und mehrere Pfannen auf den kleinen Herd stellt]. 1844 Klafter Meerestiefe, südwestliche Tiefströmung, südlicher Wind, 29° Celsius Lufttemperatur, zunehmendes Treibeis, abnehmendes Tageslicht – nur mehr zwei Stunden Tag – 734 mm Luftdruck –
Während er schreibt und vor sich hin murmelt ist es ganz dunkel geworden; die Eisstücke sehen nun beinahe schwarz aus und nur der Schnee im Vordergrund leuchtet weiß. Ganz im Hintergrund zeigt sich ein schwacher gelblichroter Lichtschein, hierauf entsteht ein knisterndes Geräusch und in flackernden Bändern taucht die Aurora borealis auf – nie stille, immer wechselnd, sich jeden Augenblick verändernd. Das Heulen des Windes nimmt langsam zu, die Wogen machen auch ein stärkeres, plätscherndes Geräusch.
Hasselstein [geht auf das Zelt zu, die anderen folgen ihm. Norry legt allerlei in die Pfanne und kocht eifrig, die anderen setzen sich auf die Schlafsäcke und zünden ihre Pfeifen an. Das rote Licht des Herdes bildet einen eigentümlichen Kontrast mit der wechselnden Beleuchtung draußen.] Meine Angst um unsere tapferen Gefährten nimmt täglich zu. Wenn sie nicht innerhalb der nächsten Tage einlangen, muß ein Unglück die Expedition getroffen haben, denn fünf Monate waren als Maximumtermin zur Erforschung des Beardmoregletschers festgesetzt. Seit ihrem Aufbruch sind 192 Tage vergangen.
Norry [düster]. In kaum vierzehn Tagen bricht die lange Polarnacht herein – Gnade ihnen, wenn sie uns bis dorthin nicht erreicht haben.
Scharfen [nachdenklich rauchend]. Seit fünfzehnten November kämpfen sie verzweifelter selbst als wir gegen die Gefahren und Drangsale dieses unwirtlichen Klimas. Wer wird den Sieg erringen? Die starre Eisnatur oder unsere beharrlichen Gefährten? Und das Schlimmste an der Sache ist, daß wir hier stille sitzen müssen und nichts – gar nichts – zu ihrer Rettung beitragen können.
Norry. Es ist ja eine Frage ob wir selbst die endlose Polarnacht überdauern werden. Werden unsere Nahrungsmittel bis zur Ankunft des Schiffes im November ausreichen und vorallem, wird es uns gelingen den Ausbruch des Skorbut zu verhindern? [Eine Pause entsteht, alle rauchen in düsterem Schweigen.]
Hasselstein [träumend]. Es dünkt einen unglaublich, daß daheim gerade jetzt der Flieder blüht, das Mailüfterl über das sanftig grüne Land hinbraust, die Nachtigall –
Roden [heftig unterbrechend]. Nur um Himmels willen nicht sentimental werden: Das gibt uns, in der Verfassung, in der wir sind, den Gnadenstoß. Nichts ist gefährlicher und zweckloser als das Träumen vom Unerreichbaren. Es heißt einfach die Zähne zusammenbeißen und – schweigen!
Hasselstein [müde lächelnd]. Oder zu unserem alten Mittel zu greifen und Sorge mit Scherz verscheuchen? Leider gewinnen manchmal die Sorgen die Oberhand. Der Zunge kann man allerdings Schweigen gebieten, doch ach, dem Herzen nicht. Es gibt Augenblicke, in welchen einem alles zwecklos scheint, in welchen man seinen Gefühlen unterliegt, das Heimweh erwacht und man sich staunend fragt, ob man nicht am Ende alles einem Wahn geopfert –
Scharfen [eine dicke Rauchwolke ausblasend]. Und ob es wirklich nur ein Trugbild gewesen, was man so lebhaft angestrebt.
Norry [nachdenklich]. Wir sind entmutigt und fragen daher nach dem Warum unserer Handlungsweise und wissen im Innersten doch, daß wir unter gleichen Umständen wieder so und nicht anders handeln würden. So nehme ich zum Beispiel an, daß wir uns alle der Expedition angeschlossen – erstens, weil dies eine Lösung manch' verwickelten Problems bedeutete –
Hasselstein [ernst]. Sie haben vollkommen recht, Norry. Jeder von uns hatte seine Gründe –
Norry [bitter]. Und triftige. Eine Luftveränderung tut zuzeiten sehr gut. Das Leben ist wahrlich kein Honigschlecken – es sticht einem verteufelt oft eine Biene in die Zunge.
Hasselstein [finster]. Und mehr als eine!
Norry [nach kurzer Pause]. Was mich betrifft, so befinde ich mich nur dort ganz wohl, wo die Natur in ihrer Urkraft auf mich einwirkt und die Civilisation – die sogenannte – sie noch nicht mit ihrem giftigen Speichel beleckt – und verödet hat! Kampf und Abenteuer gegen die mächtigen Naturgewalten meinetwegen, aber gegen die Heuchelei, Beschränktheit und krasse Selbstsucht der sogenannten civilisierten Menschheit – nein, danke – lieber begrabe ich mich in den Einöden der Sahara, in den Urwäldern Südamerikas oder –
Hasselstein [lächelnd]. – oder selbst in antarktischen Zonen. Bis hierher ist unsere Ueberkultur allerdings noch nicht durchgedrungen – die Pinguine sind die Alleinherrscher der Antarktis.
Roden [leidenschaftlich]. Lieber tausendmal Pinguine als Ueberkultur: Glauben Sie mir, die großartige Erfindungen hervorbringt und dabei doch täglich mehr und mehr natürliche Züge der menschlichen Natur kalt erdrückt oder in eine unnatürliche, seelenverkrüppelnde Gestalt preßt. Bah! [Er klopft heftig seine Pfeife aus und stopft eine neue.]
Hasselstein [beschwichtigend]. Wie viele Geheimnisse der Natur sind entdeckt und der Menschheit dienstbar gemacht worden!
Roden [verächtlich]. Und wie viele Tiere kennen den Wert heilsamer Kräuter, von denen wir keine Ahnung haben. Zudem – die Völker des Westens, die ja gerade am stolzesten auf ihren Fortschritt sind, haben von vielen Sachen heute keine Ahnung, mit denen die morgenländischen Stämme vor mehreren tausend Jahren ganz vertraut waren. – Fortschritt – in der Tat! [Er lacht kurz und verächtlich auf.] Wir sind viel zu stolz auf die Errungenschaften unseres Geistes.
Hasselstein [ruhig vor sich hin rauchend]. Menschlichere Anschauungen –
Roden [spöttisch]. Vortrefflich: Maschinengewehre, giftige Gase, bombengespickte Luftschiffe –
Scharfen [einwerfend]. Die Abschaffung der Folter –
Roden [kalt lachend]. Nein, lieber Freund! Ersatz der moralischen statt der physischen. Heute droht man jemand das Familienskelett an das Tageslicht zu ziehen und in den Zeitungen spazieren zu führen – eine Folter, die ebenso wirkungsvoll, wie die Daumenschrauben einst, – die Kritik ersetzt den Morgenstern und was das Spießrutenlaufen anbelangt, so verrichten die Zungen unserer stets auf der Lauer liegenden lieben Nächsten das wunderbar – mit dem einzigen Unterschied, daß man früher absehen konnte, wo die Qual und wo der Schaden ein Ende nehmen wird – die Ausdehnung und die Uebel der heutigen Folter kann niemand ermessen. Die Wunden des Körpers heilten leichter als wir nun unseren beschmutzten Namen, unsere geraubte Ehre in Ordnung bringen – wenn es uns gelingt.
Hasselstein [ruhig]. Wir verdanken der zunehmenden Civilisation eine erhabene monotheistische Religion –
Roden. Die nichts destoweniger wie im dunkeln Mittelalter noch heute mit Teufelsspuk und Höllenqual droht, deren Verbreiter Geld mit Beuteln oder Tassen im Gotteshause selbst einsammeln, genau wie es fahrende Sänger oder Seiltänzer unmittelbar vor Schluß der Vorstellung tun, deren Anhänger des guten Tones, der Musik oder der neuen Kleider willen zur Kirche gehen und die sechs Tage lang mit Wonne alle zehn Gebote übertreten um am siebenten eine scheinheilige Miene aufzusetzen und sich aller jener Tugenden zu rühmen, die zu besitzen sie anderen glauben machen wollen.
Scharfen [halblächelnd]. Großartigen Erfindungen –
Roden [kalt]. Erfindungen, bester Herr Kollege, bedeuten erhöhten technischen oder rein materiellen aber deshalb noch lange nicht moralischen Fortschritt. Das Leben wird durch sie möglicherweise bequemer, die Handelsverbindungen leichter und schneller, aber diese Verbesserungen erhöhen leider nur unser Selbstbewußtsein ohne unseren inneren Menschen gleichzeitig auf eine höhere Entwicklungsstufe zu bringen.
Norry [eifrig kochend]. Ganz richtig! Rein äußere Verfeinerung der Sitten, kosmopolitische Anschauungen, erhöhter Luxus, großartige Entdeckungen und ähnliches ist alles lange noch nicht Seelenkultur. Wenn die Ware nicht durch und durch reell ist, so springt die Politur schon bei der allerersten Gelegenheit ab.
Scharfen [kopfschüttelnd]. Der Zeitgeist zerstört viel mehr als er bildet. Es ist geradezu eine Wut über die Menschheit gekommen in allen Werken der großen Meister, im Leben der edelsten Helden, bei unsterblichen Denkern und den Lehrern der erhabendsten Ideen immer und überall ein Fleckchen, irgend einen dunkeln Punkt zu suchen, der dann ans Licht gezogen, besprochen, und betastet wird, bis der winzige Fleck beinahe das ganze Werk, den ganzen Menschen verdunkelt.
Hasselstein [traurig]. Ach, leider! Anstatt nach Menschenliebe streben alle nach größerer Pracht, nach höherer technischer Kultur, Verstand wird über Herz, der Schein über den Kern gesetzt. Die Kritik läßt weder Lebendige noch Tote in Frieden und jeder bemüht sich auf das eifrigste seines Nächsten Fehler zu entdecken und laut zu verkünden, statt sie milde zu bemänteln und großmütig zu übergehen.
Roden [spöttisch]. Und mit welchen Stolz wir den ›Segen der Civilisation‹ zu den sogenannten Wilden tragen: Wir verkaufen ihnen Schießpulver und Gewehre, wir bieten ihnen zu hohen Preisen allerlei verderbliche Trinkwaren an, die ihr Leben verkürzen, ihre Gesundheit untergraben und in ihnen vorher unbekannte Leidenschaften erwecken.
Hasselstein [lächelnd]. Zum Dank für solche Vorteile verdrängen wir sie von ihrer eigenen Scholle und lassen uns selbst dort nieder.
Scharfen [lachend]. Ja! Die armen Wilden können uns dankbar sein, daß wir sie nicht wie einst mit Gewalt auf unsere Schiffe schleppen und als Sklaven verkaufen.
Roden [eifrig nickend]. Wir tun etwas viel Besseres. Wir verwenden sie gleich als Sklaven an Ort und Stelle. Oh Fortschritt – du gleißender Fortschritt! Nein, läßt mich in einem Erdstrich wohnen, wohin diese bewunderte Civilisation noch nicht vorgedrungen, wo Wahnsinn, Trunksucht, Selbstmord und Verbrechertum, wo Habgier, Neid und Verleumdung noch nicht zur Tagesordnung gehören!
Norry [lachend und die Pfeife schwingend]. Es lebe das Reich der Pinguine!
Hasselstein [nachdenklich]. Gott weiß es, Sie haben so unrecht nicht, Roden, trotz Ihrer entsetzlichen Spottlust! Hier, fern von den Einrichtungen bevölkerter Erdstriche fallen alle kleinlichen Charakterzüge wie Schuppen ab. Hier kann ein Mann nicht mehr scheinen als er ist. Kein Heucheln verdeckt hier den Mangel jener Eigenschaften, die zu besitzen man sich früher oft gerühmt haben mag – die zu haben man sich möglicherweise selbst eingeredet.
Norry [lebhaft]. Und doch entwickeln sich gerade hier oft Eigenschaften, das heißt schlummernde Fähigkeiten krystallisieren sich, welche zu besitzen man sich daheim nicht einmal geträumt hätte.
Scharfen [eifrig zustimmend]. Stimmt! Dort war das eigene Ich immer der erste Faktor, hier tritt es beständig in den Hintergrund. Dort ging man am schreiendsten Elend kalt vorüber, weil man den Kopf mit höchst überflüssigen, aber im Augenblick außerordentlich wichtig scheinenden Kleinigkeiten vollgekramt hatte – man hatte eben keine Zeit – sondern lief blind irgend einem nichtigen Vergnügen, einer bedeutungslosen Belustigung nach oder beeilte sich irgend eine gesellschaftliche Verpflichtung anstatt jene höhere Pflicht lauterer Menschenliebe zu erfüllen! Hier dagegen bietet man alles auf um seinen Gefährten und nicht nur diesen sondern selbst den Tieren, die mit uns in Berührung kommen und unser Geschick teilen, die schlimme Lage nach Kräften zu erleichtern.
Roden [sich zurücklehnend]. Zweifellos! Das Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt sich bedeutend stärker hier und geteilte Gefahren sind eiserne Bande. In alten Zeiten sind die einzelnen Stämme ebenso innig aneinander gehangen und haben stets freudige Opferwilligkeit an den Tag gelegt. Erst das Zusammenscharen vieler sich unbekannter und folglich einander gleichgültiger Menschen, die man alle wie toll auf ein gleiches Ziel zuhetzt und die wissen, daß sie es umso sicherer erreichen werden, je mehr Mitbewerber sie im Rennen niederstoßen, hat dieses Meer von Selbstsucht geschaffen, in dem so viele Schwache unverdienter Weise untergehen müssen. Auch ein Gewinn der zunehmenden Civilisation!
Hasselstein [nach einigen Sekunden ernst]. Das ist der ewige Kampf der Natur, in welchem der Stärkste siegt, die Schwächeren untergehen. Dennoch – – unsere Anschauungen werden andere hier draußen. Das Bewußtsein menschlicher Erhabenheit schrumpft gegenüber den überwältigenden Wundern der unberührten Natur bedeutend zusammen. Unsere Unüberwindlichkeit scheint uns geringer, wenn wir eben einen Schneesturm mitgemacht oder die riesigen Eisbarrieren betrachtet haben, die seit Jahrtausenden hier herumzuschwimmen scheinen und unsere Widerstandskraft dünkt uns klein, wenn wir die winzigen Rotiferen betrachten, die ins Eis eingefroren, scheinbar jahrelang tot liegen, um, wenn ein günstiger Umstand die sie umschließenden Eispartikel wieder schmilzt, zu neuem Leben zu erwachen, als wäre nichts besonderes vorgefallen. Wie gebrechlich sind wir, stolze Menschen, verglichen mit ihnen!
Norry [lachend]. Unbestreitbar, trotzdem verbleibe ich lieber Mensch als Radtier. Der Wert des Daseins liegt eben im Bewußtsein unseres Seins.
Hasselstein [ernst]. Manchmal möchte man gerne einige Jahre wie ein Radtier schlummernd zubringen, während über einen hinweg unempfunden die Stürme des Lebens brausen.
Roden [erregt]. Lächerlich! Das wäre wie der Vogel Strauß seinen Kopf unter den Flügel stecken und hierauf glauben den Feind besiegt, den Gegner verscheucht zu haben. Nicht im Zurückweichen – im Vorwärtsdringen allein – muß man das Ende irgend einer Mühsal suchen, da nur die Ruhe, die der Ueberwindung, sei es nun seiner Gegner, des Geschicks oder des eigenen Ichs liegt, von wahrem und dauerhaftem Wert sein kann.
Scharfen [nickt]. Ein indischer Weise sagt: Festes Bestreben besiegt selbst das Geschick! Es gibt kein zwingendes ›Kismet‹ für den, der zu wollen gelernt.
Norry [einlenkend]. Unzweifelhaft! Indessen bin ich überzeugt, daß uns nicht nur der Haß gegen die Unsitten unserer Zeit sondern auch jene alte Abenteuerlust herausgetrieben, die uns als Knaben schon beim ersten Märchen das Blut schneller durch die Adern rinnen ließ. Am Ende sind wir doch alle Kinder unserer Zeit. Wir verlachen herrschende Vorurteile zwar, bäumen uns gegen die enggezogenen Grenzen auf, aber wir wüten, nichts destoweniger, wenn jemand anderer es uns nachzumachen wagt. Es ist eben die alte Geschichte vom Balken und Splitter.
Hasselstein [seufzend]. Wir täuschen unsere Mitmenschen zuweilen – – und dies mit vollem Bewußtsein – – wir täuschen uns selbst viel öfter und ohne davon die geringste Ahnung zu haben. Vielleicht verlieren wir Aufrichtigkeit und Natürlichkeit so leicht, weil wir uns immer mehr und mehr von der Natur entfernen.
Roden [triumphierend]. Was sagte ich?
Hasselstein [aus dem Zelte blickend]. Hier spricht Mutter Natur in all ihrer Pracht und Majestät zu uns und wir fühlen ihren wohltätigen Einfluß nicht nur körperlich, indem wir stärker, sondern auch seelisch, indem unsere besten Triebe begeistert rege werden.
Scharfen [Triebe]. Ja, Schönheit läutert. Wer könnte auf die herrlichen Schneegebilde, die mächtigen Eisgrotten, das flackernde Nordlicht blicken können und im Herzen der alte Egoist, gleichgültig gegen alles, was nicht ›Ich‹ ist, bleiben?
Norry [bitter]. Wer könnte hier glauben, daß es in der Tat Menschen gibt, die ein treues Herz, ein ganzes langes Leben voll stillen Glücks um einiger lumpiger Tausender klaglos opfern können – –
Hasselstein [im selben Ton]. Oder daß es Leute gibt die sich an kleinliche Vorurteile wie der Octopus an sein Opfer klammern? [Nach einer Pause.] Es ist eine unleugbare Tatsache, – wem Herd und Heim mit Glück und Ruhe winken, der stürzt sich nicht in unbekannte Gefahren, mag der Trieb dazu auch hundertmal in seiner Seele schlummern. Oft, wenn ich auf meinen einsamen Wanderungen ein Licht so freundlich aus einem Fenster strahlen sah, dachte ich mir, daß es wohl über irgend einen Teuren wache – – – ein Auge in der Nacht, das wie ein milder Führer, wie ein getreuer Leuchtturm dem einsamen Schiffer zeigt, wo der ruheverheißende Hafen winkt. Wir, denen kein solcher Leuchtturm die Fahrt auf den Strom des Lebens erleichtert, wir segeln planlos, uns wirft des Lebens wechselnde Springflut unbarmherzig auf Klippen oder öde Inseln und was wunder, daß so viele von uns – – –
Roden [finster]. So jämmerlich untergehen! Es gehört ein guter Steuermann und eine feste Hand dazu ein Schiff zu steuern, das auf finsterem Meere treibt.
[Alle rauchen eine Weile schweigend. Das Heulen des Windes nimmt zu, das Nordlicht verschwindet langsam. Es wird unheimlich finster.]
Scharfen [die Hände gegen die Zeltdecke hebend]. Uns bleibt das Wissen – die Suche nach dem Unbekannten, dem Unerforschten und endlich das Bewußtsein unsere Pflicht getreu erfüllt zu haben.
Hasselstein [aufspringend]. Wir »schaffen« und »schaffen« bedeutet »leben«.
Norry [lachend]. Sagen wir mit Calderon »Das Leben ist ein Traum!«
Roden [achselzuckend]. Oder ein ver– Alpdrücken – individuell genommen!