Achtes Kapitel.
Die Blässe des Todes hatte alle Gesichter überzogen, so wie das Schiff plötzlich still stand; es war, als wäre das eben noch so lebendige zur Leiche geworden. Die tiefste Stille herrschte an Bord; dann brachen einige in laute Klagen aus, die der Capitain dadurch zu beschwichtigen suchte, daß er zu ihnen sagte:
»Was hilft das Wimmern und Klagen? Es steht nun einmal im Buche des Schicksals geschrieben, daß wir in der salzigen Fluth unsern Untergang finden sollen, und dabei ist es denn doch einigermaßen ein Trost, daß wir auf ächt seemännische Weise umkommen. Der Tod wird hier wahrscheinlich nur ein Augenblick sein; wären wir am Lande gestorben, so hätte es vielleicht länger gedauert, bis wir damit durch gewesen wären.«
Dieser Trost wollte aber bei Keinem Eingang finden; mehrere der Matrosen waren noch jung und liebten das Leben und selbst die älteren unter ihnen mochten nicht an den Tod denken.
In der Seele unsers Williams gingen seltsame Dinge vor, als er den Capitain also reden hörte und die hellen Thränen schossen ihm aus den Augen, indem er an die theure Mutter und ihren Schmerz, an die Heimath und seine Gespielen dachte, die er nun wahrscheinlich nicht wieder sehen sollte. Dieser Schmerz war so natürlich und er hatte sich seiner nicht zu schämen, um so weniger, da er noch ein Knabe und kein gereifter Mann war.
Der tiefen Betrübniß und dem thatenlosen Schrecken der Mannschaft folgte bald ein anderer Zustand und die Hoffnung, daß dennoch vielleicht Rettung möglich sei, blitzte in vielen Herzen, gleich einem Stern in dunkler Nacht, auf. Die Thätigkeit erwachte wieder: man sah sich nach Rettungsmitteln um; das große Boot war noch da; man konnte sich, wenn das Schiff wirklich sinken oder in Trümmer gehen sollte, zum Theil auf diesem, zum Theil durch Befestigen an den Schiffstrümmern vielleicht noch retten.
Der in den Raum hinabgestiegene Schiffszimmermann kam wieder herauf; seine Miene verkündete nichts Gutes; die Blicke Aller richteten sich ängstlich und erwartungsvoll auf ihn.
»Es sind schon sechs Fuß Wasser im Raume,« sagte er mit fast tonloser Stimme, »und es wächst mit jeder Minute; ein großes Leck muß da sein: wo aber? vermag ich nicht zu entdecken, da das Wasser schon so hoch gestiegen ist.«
»An die Pumpen! An die Pumpen!« erscholl es jetzt aus dem Munde der Matrosen und Alle stürzten, ohne erst den Befehl des Capitains abzuwarten, in den Raum hinab, um die Arbeit zu beginnen.
»Arme Jungens!« sagte der Schiffszimmermann mit einem schmerzlichen Lächeln um den bleichen Mund, »arme Jungens, es wird Euch nichts helfen: das Leck ist zu groß und Eure Kräfte werden nicht ausreichen, das Wasser im Raume zu bewältigen.«
»Ist das Eure feste Ueberzeugung, Meister?« fragte ihn der Capitain, der aus einem dumpfen Dahinbrüten plötzlich zu erwachen schien.
»Ja,« versetzte der Gefragte, »und wenn ihrer zweimal so viele wären, so würden sie nicht Herr des Wassers werden.«
»So sollen sie die Zeit nicht mit unnützer Arbeit verlieren,« sagte der Capitain und ließ einen Ruf erschallen, auf den Alle wieder auf's Verdeck kamen.
»Meister Steffen sagt,« nahm der Capitain das Wort, als die Matrosen ihn umstanden, »daß es mit dem Pumpen nichts sei und wir eine wahrscheinlich sehr kostbare Zeit nur damit verlieren würden. Wir dürfen seinem Worte vertrauen, da er ein geschickter, vielerfahrner Mann ist und sich schon oft den Wind um die Nase hat wehen lassen. Denken wir also auf eine andere Rettung. Laßt das Boot ins Meer hinab; vielleicht legt sich der Sturm in Kurzem und wir können mit dem Boote See halten. Die Küste kann nicht fern sein! Gott könnte sich unser erbarmen und uns an dieselbe führen. Wendet also Eure Kräfte darauf, das Boot ins Meer hinabzulassen und sobald sich der Sturm nur in Etwas legen sollte, wollen wir es besteigen.«
Gehorsam diesem Befehle machten sich die Matrosen an die Arbeit und schon nach Verlauf weniger Minuten schauckelte sich das Boot auf den bewegten Wellen. Nur kurz dauerte aber die Freude: eine ungeheure Sturzwelle kam und riß in ihrem Anprall das Boot mit sich fort; ihre Kraft war so groß gewesen, daß sie das starke Tau zerrissen hatte, als wäre das Fahrzeug an einem Zwirnsfaden befestigt gewesen.
Ein Schrei des Entsetzens entfuhr bei diesem Anblick dem Munde Aller; der Capitain aber sagte, wie vor sich hin, mit dumpfem Tone:
»Nun ist's aus! Gott erbarme sich unser!«
In dem Augenblicke fing das eben noch ganz fest liegende Schiff an, eine schwankende Bewegung zu machen, ein Krachen, wie vom Einsturz eines großen Gebäudes, ließ sich vernehmen und zugleich stieg das Wasser von unten herauf aufs Verdeck. Das Schiff war geborsten und bestand nur noch aus Trümmern.
Jeder wußte jetzt, was es galt und griff nach einer rettenden Planke. Der große Mast, der bereits geknickt gewesen war, begrub in seinem Umsturze zwei Matrosen, die in der Richtung standen, in der er fiel. Ob sie dadurch getödtet wurden, oder erst in den Wellen ihr Ende fanden, ist nicht zu bestimmen, denn Jeder dachte in dem Augenblick nur an sich und an die eigene Rettung.
Unser William, noch ein Neuling auf dem Meere, wußte nicht, was er thun, was er beginnen sollte. Er stand neben dem Capitain, rang die Hände und schickte Gebete für seine Rettung zum Himmel empor. Zufällig fiel der Blick des Capitains auf den armen Knaben und, trotz der eigenen Noth und Gefahr, jammerte sein Schicksal ihn; es war sein Gewissen, das ihm Theilnahme und Mitleid für ihn einflößte.
»Komm,« sagte er zu unserm William, indem er ihm die Hand reichte; »komm, wir wollen zusammen unser Heil versuchen, und sollten wir untergehen, so vergib mir Deinen Tod, an dem ich schuld bin.«
Er zog ihn mit sich fort, zum großen Maste hin, der bereits auf dem Verdeck im Wasser schwamm, denn so hoch war dieses bereits gestiegen, ergriff ein starkes Tau und befestigte mit diesem den halbtodten Knaben an den Mast. Darauf suchte er ein zweites Tau, umschlang sich damit und befestigte es gleichfalls daran. Kaum war dies geschehen, so schwamm der Mast von den Schiffstrümmern ins Meer hinab und die Wogen schossen darüber hin.
Was weiter mit ihm vorging, vermochte unser William nicht zu sagen: die Sinne hatten ihn verlassen und er hing wie schon todt an dem Maste, der, der Richtung des Windes folgend, an eine unbekannte Küste trieb, wo er, von einer ungeheuren Welle hoch aufs Land hinaufgeworfen, am Ufer liegen blieb.
Der Ton einer Stimme erweckte William aus seiner Betäubung; er erkannte die des Capitains, aber sie war so schwach, daß er sie kaum zu unterscheiden vermochte.
»Lebst Du noch?« fragte diese Stimme.
William riß die Augen auf und sah sich um.
»Was gibts? und wo sind wir?« fragte er verwundert.
»Am Lande,« versetzte der Capitain, »und vielleicht gerettet,« fügte er hinzu, »wenn Du nämlich noch so viele Kraft hast, Dein Messer nehmen und erst Dich, dann mich losschneiden zu können, damit wir uns vor der nächsten Sturzwelle höher auf das Ufer hinauf retten. Bleiben wir aber hier, so führt sie uns wohl wieder ins Meer hinab und dann Ade, Leben!«
William hatte jetzt seine volle Besinnung wieder und da seine Arme frei waren, zog er das große, an einem Bande um seinen Hals hängende Messer aus seinem Busen hervor, öffnete es mühsam mit seinen vom Wasser ganz erstarrten Händen, schnitt die ihn an den Mast befestigenden Stricke entzwei und machte den Versuch, sich zu erheben. Allein er war wie ein Betrunkener und taumelte gleich wieder zur Erde nieder.
»Mach schnell oder wir sind verloren!« rief der Capitain mit schon ersterbender Stimme. »Ich kann mich nicht rühren,« fügte er hinzu, »und habe wahrscheinlich etwas an meinem Leibe zerbrochen, auch strömt mir das helle Blut über das Gesicht.«
William raffte jetzt den letzten Rest seiner Kräfte zusammen und taumelte zu seinem Leidensgenossen hin. Der Anblick desselben war ein entsetzlicher. Das Blut rieselte, wie aus einer Quelle, aus einer großen Kopfwunde hervor und hatte sowohl sein Gesicht, als seine Kleidung überströmt. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr bei dem Anblick den Lippen des Knaben; aber trotz dem verließ ihn seine Geistesgegenwart nicht. Er ging zu dem Kapitän, zerschnitt die Bande womit er an dem Maste befestigt war, und zog ihn, da er erklärte, nicht gehen zu können, höher auf den Strand hinauf, um ihn vor den Sturzwellen in Sicherheit zu bringen. Es war die höchste Zeit damit gewesen, denn keine halbe Minute verging, so riß eine mächtige Welle den rettenden Mast wieder in das Meer hinab und würde folglich auch unsere Beiden mit sich fortgerissen haben, wenn sie sich nicht zuvor weiter entfernt hätten.
Schrecklich war es anzuhören, wie der Capitain ächzte und stöhnte, als William ihn fortzog; der Unglückliche hatte den Schenkel zerbrochen und war überdies mit Wunden bedeckt, worunter die große Kopfwunde die gefährlichste war. Er hatte diese schrecklichen Verwundungen dadurch erlitten, daß das Ende des Mastes, an das er sich befestigt hatte durch die Gewalt der Wellen gegen ein Korallenriff getrieben wurde, und der Stoß war so heftig gewesen, daß er ihm das Bein zerbrach; überdieß hatten die spitzig hervorragenden Zacken des Riffs ihm mehrere Wunden beigebracht, die alle stark bluteten.
Der Anblick dieses unglücklichen Mannes preßte William heiße Thränen aus und ließ ihn sein eigenes Unglück vergessen. Wie es uns in Augenblicken großer Gefahr zu ergehen pflegt, erging es auch unserm William: Gott hatte ihm größere geistige Kräfte, denn je zuvor verliehen und diese machten es möglich, daß er mit Besonnenheit handeln und überlegen konnte, was er zu thun habe, um die Leiden und Schmerzen seines Genossen zu lindern.
Dieser redete schon nicht mehr und lag mit festgeschlossenen Augen da; der letzte Rest seiner Kräfte hatte ihn verlassen und er schien bereits eine Beute des Todes zu sein.
Trotz dem gab William den Versuch seiner Rettung nicht auf. Er entkleidete sich und zog sein Hemd aus, um durch Zerreißen desselben die nöthige Leinwand zum Verbinden der großen Kopfwunde zu erhalten. Er machte aus diesem Hemde, das natürlich vom Seewasser ganz durchdrungen war, ein starkes Polster und eine Binde, legte das erstere auf die Wunde und befestigte es mit der letztern um den Kopf. Kaum aber berührte das mit salzigem Wasser getränkte Polster die Wunde, so schrie der arme Verwundete vor Schmerz laut auf und fuhr mit der Hand nach dem Haupte, um es wieder abzureißen.
Trotz dem, daß der Schrei und die heftige Bewegung des Leidenden ihn erschreckten, freute er sich doch über dieses neue Lebenszeichen, denn er hatte den Capitain schon todt oder doch im Sterben begriffen geglaubt.
»Was machst Du? und weßhalb thust Du mir weh?« rief der Capitain, ihn mit zornigen Blicken anstarrend.
»Lieber Herr Capitain,« antwortete ihm der zitternde Knabe, »ich wollte Ihre schwere Wunde verbinden und bin vielleicht nicht vorsichtig genug gewesen. Ach wie leid thut es mir, Ihnen wider meinen Willen wehe gethan zu haben,« fügte er, vor Angst und Wehmuth schluchzend, hinzu.
»Laß es gut sein,« sagte der Capitain mit bereits ersterbender Stimme, »laß es gut sein und mache mir keine Schmerzen mehr. Mit mir ist es aus, und ich bin ein Mann des Todes,« fügte er mit einem schweren Seufzer hinzu, der fast wie Aechzen klang.
»Das wolle Gott verhüten!« versetzte William; »sind wir doch am Ufer und gerettet!«
»Ja, Du bist, dem Himmel sei gedankt! wahrscheinlich gerettet,« erwiederte ihm der Capitain; »aber ich werde nicht mit dem Leben davon kommen; rieselt es mir doch schon wie Todesschauer durch Mark und Bein und umflort sich mein Blick, so daß ich Deine Gesichtszüge kaum mehr unterscheiden kann. Das ist, wie ich glaube, der Tod,« fügte er mit ersterbender Stimme hinzu.
William, der selbst glaubte, daß es bald mit dem armen Manne aus sein würde, konnte ihm vor Weinen nicht antworten. Sein Schmerz war so groß, als aufrichtig, und er dachte in diesem Augenblick nicht mehr daran, wie dieser Mann gegen ihn gehandelt, und daß er ihm sein trauriges Schicksal zu verdanken hatte.
Nach einigen Minuten, während welcher William weinend neben ihm kniete, öffnete der Capitain wieder die Lippen und schien sprechen zu wollen; allein seine Kraft war dahin, und nur wie ein leiser Hauch ertönte das Wort: »Wasser!« von seinem blassen Munde. William, der sich zu ihm niedergebeugt hatte, vernahm es und erhob sich, um das Verlangte zu holen. Jetzt aber fiel plötzlich der Gedanke seiner Hülflosigkeit und seiner ganzen schrecklichen Lage auf sein Herz. Großer Gott! woher Wasser nehmen? und wenn er auch wirklich welches fände, in welchem Gefäße es schöpfen und zu dem vor Durst Verschmachtenden bringen?
Er stand wie erstarrt da und wußte sich weder zu rathen noch zu helfen.
»Wasser! Wasser! Ich verbrenne!« rief jetzt der Sterbende mit der letzten Anstrengung seiner Kräfte, und William stürzte, ohne zu wissen, was er that, von ihm fort, tiefer in das Land hinein.
Bald betrat er einen grünen, mit starkem, in großen einzelnen Büscheln stehenden Grase bedeckten Boden und schaute umher. Hie und da erhob sich ein Baum aus dem Erdreiche, dessen seltsam geformtes, unserm Farrenkraute ähnliches Laub ihm aufgefallen sein würde, wenn seine Gedanken nicht gänzlich darauf gerichtet gewesen wären, Wasser zu finden. Dieses aber zeigte sich seinen Blicken nicht, so ängstlich sie auch darnach umherspähten. Fast eine Viertelstunde war er gelaufen und seine nur noch so schwachen, vom heißen Sonnenbrande noch mehr aufgezehrten Kräfte drohten bereits zu erliegen, als er den Boden unter sich weich werden fühlte. Er bückte sich und faßte mit der Hand darnach, und, o Freude! er war feucht! Wo sich aber ein feuchter Boden zeigte, da mußte auch Wasser in der Nähe sein.
Dieser Gedanke stärkte und ermuthigte ihn und er schritt vorwärts. Es dauerte auch nicht lange, so vernahm sein sorgsam lauschendes Ohr ein leises Rieseln; er stand still, um zu horchen und vernahm dieses erfreuliche Geräusch jetzt ganz deutlich in der nächsten Nähe. Ein in dichteren Büscheln stehendes Gras, dessen Farbe überdies frischer, als die des übrigen Grases war, fiel ihm auf; er bückte sich darnach nieder, bog es auseinander und, o Entzücken! ein schmaler Silberstreif des allerhellsten Wassers zeigte sich zwischen dem saftigeren Grase.
»Worin es aber schöpfen, um es dem armen Verschmachtenden zu bringen?« werdet Ihr, meine Geliebten, jetzt gewiß fragen.
Unser William, den ich Euch als einen klugen und sinnreichen Knaben geschildert habe, wußte das bereits: er hatte seine Tasche zum Wassergefäße ausersehen.
»Seine Tasche?« werdet Ihr wieder rufen; »seine Tasche? Du willst uns wohl zum Besten haben, liebe Amalie? Wissen wir denn nicht, daß Leinwand eben so gut wie ein Sieb ist und die Flüssigkeit hindurch laufen läßt? Da würde also der arme Verwundete keinen Tropfen erhalten und vollends verschmachten müssen, um so mehr, da der William fast eine halbe Stunde zu laufen hatte, bevor er wieder zu ihm gelangte.«
Ganz recht, meine lieben Kinder; aber unser William brachte trotz dem das Wasser in seiner Tasche zu dem armen Sterbenden und erquickte ihn damit. Diese Tasche war aber nicht von Leinewand, sondern, wie es bei den Matrosen Sitte ist, von Leder, das, wie Ihr wissen werdet, so leicht das Wasser nicht hindurch läßt. Der gescheidte Knabe hatte sich dieses Umstandes erinnert, und auf dem Wege bereits diese lederne Tasche aus seiner Hose geschnitten, um sie, sobald er Wasser fände, als Schlauch zu gebrauchen. Auf diesen Gedanken war er gekommen, weil er sich erinnerte, in einer Reisebeschreibung gelesen zu haben, daß die Spanier ihren Wein zum Theil in Schläuchen von Ziegenleder aufbewahren. Hieraus könnt ihr ersehen, wie förderlich es ist, wenn man beim Lesen guter Bücher auf Alles merkt und das Gelesene seinem Gedächtnisse einzuprägen sucht.
William hatte jetzt also nicht nur helles, kühles, köstliches Wasser, sondern auch, Dank seiner Aufmerksamkeit und Besonnenheit, ein Gefäß, um es zu schöpfen und fortzutragen. Er schöpfte es aber nicht ohne weiteres in seinen ledernen Schlauch oder vielmehr Beutel, sondern reinigte die Tasche erst gehörig von dem salzigen Seewasser, von dem sie fast durchdrungen war; dann löschte er erst selbst seinen brennenden Durst und als er fand, daß das Wasser in seinem Beutel völlig geschmacklos war, schöpfte er ihn wieder voll und kehrte zum Strande zurück, wo der arme Verwundete nach einem kühlenden Trunke schmachtete. Die Menschenliebe, dieses wahrhaft göttliche Gefühl, verlieh ihm eine ungewöhnliche Kraft, und schneller als er selbst gedacht hatte, langte er bei dem Sterbenden an.
Dieser lag mit todtenbleichem Antlitze und festgeschlossenen Augen da; William glaubte, daß er bereits verschieden sei und wollte sich eben weinend neben ihn niedersetzen, als ein Seufzer den Lippen des Sterbenden entfuhr und wieder glaubte William das Flehen um Wasser zu hören.
»Hier ist Wasser, Gott sei gedankt!« rief er laut und mit freudig bewegter Stimme.
Der Sterbende vermochte ihm nicht zu antworten; aber er öffnete, zum Zeichen, daß er ihn verstanden habe, die Lippen, als begehre er zu trinken. William flößte ihm mit der größesten Vorsicht einige Tropfen Wasser ein. Diese brachten eine so große Wirkung auf den Capitain hervor, daß er schon nach wenigen Minuten die Augen aufschlug und seinen jungen Wohlthäter mit dankbaren Blicken ansah.
William, welcher bemerkte, daß der Leidende sehr schlecht und unbequem mit dem Kopfe lag, was ihm noch mehr Schmerzen verursachen mußte, sann auf Mittel, ihm eine bequemere Lage zu geben, ohne seinen armen zerschlagenen Körper zu bewegen. Bald hatte sein erfinderischer Geist das Nöthige erfunden: er erinnerte sich des hohen Grases, womit der Boden in einiger Entfernung vom Strande bedeckt war, eilte fort und schnitt mit seinem Taschenmesser so viel davon ab, als er mit beiden Armen zu fassen vermochte. Dies gab ein weiches, kühles und köstliches Kopfkissen ab, indem er es behutsam unter das Haupt des Verwundeten schob.
Dieser schien jetzt, nachdem er sich gehörig an dem köstlichen, krystallhellen Wasser gelabt, völlig wieder zur Besinnung gekommen zu sein. Reden konnte er zwar noch nicht; allein er schaute seinen jungen Wohlthäter mit liebevollen Blicken an und drückte ihm von Zeit zu Zeit die Hand, zum Zeichen seiner Dankbarkeit; William bemerkte, daß ihm dabei die hellen Thränen über die Wangen liefen.
Obgleich selbst entkräftet und fast todtmüde, dachte der gute Junge doch nicht an sich und seine eigenen Leiden und Entbehrungen, sondern allein an den armen Mann, der tausendmal größere Schmerzen zu erdulden hatte. Er dachte auch nicht daran, daß eben dieser sein Feind die Ursache seines gegenwärtigen Mißgeschicks war, sondern allein daran, wie er ihm helfen, auf welche Weise er seine Leiden lindern könne.
Nur einige wenige Minuten ruhte er aus, nachdem er ihm das weichere Lager für sein Haupt bereitet hatte, dann erhob er sich wieder, um einen Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen für seinen lieben Kranken zu suchen. Auf diesem Wege fielen ihm die Bäume mit dem farrenkrautartigen Laube auf. Er eilte auf sie zu und schnitt eine Menge von den über eine Elle langen und halb so breiten Blättern ab, die er auf einen Haufen legte, bis er eine gehörige Menge von Stöcken geschnitten haben würde, von denen er eine Art von Hütte aufbauen und diese mit dem breiten Laube des Farrenkraut-Baumes bedecken wollte. Denn Ihr müßt wissen, geliebte Kinder, daß die Pflanze, welche bei uns an feuchten und schattigen Stellen niedrig am Boden wächst und kaum eine Höhe von einem Fuße erreicht, in Australien zum stattlichen, überaus schönen Baume gedeiht. Solche Farrenkraut-Bäume hatte nun unser William vor sich; da er aber von der Pflanzenkunde wenig oder gar nichts wußte, konnte er diese herrliche Pflanze nicht benennen; nur so viel sagte er sich, daß sie zu dem beabsichtigten Zwecke ganz vortrefflich passe.
Vermittelst seines starken und zum Glücke sehr scharfen Messers – es war ein Geschenk von dem armen alten Jakob, der wohl jetzt tief im Meeresgrunde lag und den ewigen Schlaf schlief – schnitt er eine Menge Stecken ab und trug sie zum Strande, wo er sie ziemlich tief in den sandigen Boden einsteckte und über dem Körper des Verwundeten eine Art von Gerüst davon aufbaute. Er hatte zwar weder Hammer, Bohrer noch Nägel, um die Stöcke aneinander zu befestigen; allein er wußte sich trotz dem zu helfen. Er hatte nämlich bemerkt, daß die Frucht tragenden Halme des Grases, wovon er für seinen lieben Kranken ein Lager für das Haupt gemacht hatte, sehr stark und zäh waren, und so bediente er sich derselben statt der Stricke, um die Stäbe aneinander zu binden. Dabei kam ihm wieder die Aufmerksamkeit zu statten, die er von jeher allen ihm begegnenden Dingen und Sachen schenkte. Seine Mutter war früher mehrere Male um die Erndtezeit mit ihm ins Feld gegangen und da hatte er bemerkt, daß die Garbenbinderinnen eine Handvoll Stroh zusammendrehten, um damit die Garben zu binden. Ebenso verfuhr er mit den ziemlich langen und sehr zähen Grashalmen, die auf solche Weise behandelt, die ihm fehlenden Stricke vollkommen ersetzten.
Als sein Gerüst aufgebaut war, holte er das Farrenkraut und bedeckte seinen Bau mit den breiten Blättern desselben. Es nahm sich fast so aus, wie die Lauberhütten der Israeliten und gewährte nicht nur dem Leidenden Schutz gegen die brennenden Sonnenstrahlen, sondern auch, als die Sonne untergegangen war, gegen die eintretende Kühle der Nacht.
Unter diesen liebevollen Bemühungen des guten Knaben war es Abend geworden. Die Sonne hatte bereits ihre Laufbahn vollendet und war am westlichen Rande des Horizonts ins Meer hinabgesunken. Der Verwundete lag in einer Art von Halbschlummer, aus dem er aber von Zeit zu Zeit erwachte, um Wasser zu fordern. Daß er dem Schmachtenden dieses immer geben könne, auch dafür hatte unser William auf eine sinnreiche Weise gesorgt, indem er an seiner Ledertasche einen Stiel befestigte; er hatte nämlich oben am Rande zwei Löcher hineingebohrt, durch die er einen ziemlich langen Stecken schob, und indem er das untere Ende des Steckens schräg in die Erde steckte, erhielt sich sein Wassergefäß schwebend, so daß kein Tropfen verloren ging.
Auf diese Weise hatte unser Freund nun freilich für das nächste Bedürfniß seines lieben Verwundeten gesorgt; allein wer sorgte für das seinige? Es meldete sich nämlich bald ein böser Gast bei ihm: der Hunger, und er hatte nichts, um ihn zu befriedigen. An einer reichlich besetzten Tafel ist der Hunger ein höchst willkommener Genosse, der alle Speisen würzt; allein in der Einöde, wo es an allen Mitteln fehlt, ihn zu befriedigen, da macht er sich nicht wenig unangenehm.
Dies empfand unser William jetzt, und er faßte oft an seinen armen Magen, der anfing, gewaltig zu knurren.
»Ach!« seufzte er, den Blick auf das schöne Gras werfend, welches in reichster Fülle rund umher stand, »wie glücklich, wer doch hier ein Pferd wäre!«
Es war indeß schon zu spät, noch auf die Entdeckung eines menschlichen Nahrungsmittels auszugehen und so legte er sich mit dem frommen Spruche: »der liebe Vater im Himmel wird schon helfen!« auf den Sand neben seinen Kranken nieder und schlief bald ein.
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