Neuntes Kapitel.

Nicht lange konnte unser junger Freund schlafen, indem ein immer stärker werdendes Aechzen des neben ihm ruhenden Capitains ihn weckte. Er fuhr empor, rieb sich die Augen und sah sich nach allen Seiten um. Die erst anbrechende Morgendämmerung ließ ihn die ihn umgebenden Gegenstände kaum noch erkennen und ein angenehmer Traum hatte überdies seine Gedanken verwirrt. Ihm träumte nämlich, daß er wieder in der geliebten Heimath, im Arme seiner theuren Mutter sei, die ihn unter Freudenthränen willkommen hieß, und ihm das Versprechen abnahm, daß er sie nicht wieder verlassen wolle. Auch er hatte im Traume Thränen der Freude und Rührung vergossen, und seine Augen waren beim Erwachen noch feucht davon.

Das immer lauter und schmerzlicher werdende Aechzen des armen Leidenden neben ihm entriß ihn bald seinen angenehmen Vorstellungen und machte ihn darauf aufmerksam, wo er sich befinde. Er sprang schnell auf und trat zu der über dem Körper des Capitains gemachten Laubhütte, außerhalb deren er geschlafen hatte, weil nur Raum für eine Person darin war. Er machte sich die bittersten Vorwürfe, daß er hatte schlafen können, während ein menschliches Wesen so entsetzlich neben ihm litt, und doch war es, besonders bei seinem Alter, so natürlich, daß er nach den gehabten großen Anstrengungen in Schlaf verfiel.

»Wie ist Ihnen, Herr Capitain?« fragte er mit vor Mitleid bebender Stimme, »und kann ich Ihnen mit irgend Etwas zu Hülfe kommen?« Er vergaß in dem Augenblick seine gänzliche Hülfslosigkeit und daß er dem Leidenden nichts zu bieten habe, als höchstens einen Trunk Wasser aus der entdeckten Quelle.

Er erhielt längere Zeit keine Antwort auf seine Frage; dann sagte der Capitain mit kaum vernehmbarer Stimme:

»Laß mich in Ruhe sterben! – Es ist der Tod, mit dem ich kämpfe – und er ist bitter – bitter, wenn man nicht so gelebt hat, wie man gesollt hätte. O meine arme Frau! – mein liebes Kind! – und auch Du, armer Junge!« Er konnte nicht weiter reden; ein lautes Schluchzen unterbrach seine Worte, und auch William, dem sich das Herz in der Brust krampfhaft zusammenzog, vermochte kein Wort hervorzubringen.

»Ja! Ja!« fuhr der Capitain nach einer ziemlich langen Pause fort; »ja, nun kömmt's! Ich wollte in meinem wüsten Leben immer nicht daran glauben, daß eine Stunde kommen würde, wo ich mit Abscheu auf mich selbst, mit Zittern in die Zukunft blicken würde, und nun ist sie doch da! und nun greift die Furcht vor dem unbestechbaren Richter da oben, vor den Strafen, die mich Jenseits erwarten, nach meinem Herzen und ich zittere wie ein armer Sünder, den man zum Hochgerichte führt. – Ich verspottete früher das Alles – ich glaubte weder an Gott, noch an Tugend! ich sprach der letztern Hohn und fröhnte unbedachtsam meinen wilden Trieben; ich spottete über die, die es anders, besser machten, und nun ist die Hölle in meinem Herzen, und nun, wo ich nichts mehr gut machen, mich nicht mehr bessern, reinigen kann, nun muß ich verzweifeln!« Er verzerrte bei den letztern Worten so grausam die Mienen seines Gesichts, daß William, der in Thränen zerfließend neben ihm kniete, entsetzt aufsprang und gern weit, weit weg geflohen wäre.

Der Sterbende wurde jetzt still und William trat ihm schüchtern wieder näher. Mit andächtig gefalteten Händen stand er neben dem Verzweifelnden und schickte heiße Gebete für sein Seelenheil zum Himmel empor.

Nach einer ziemlich langen Pause rief der Capitain, indem er die Augen weit aufriß und William damit anstarrte.

»Wo bist Du? Ich sehe Dich ja nicht mehr? Hast auch Du mich verlassen, und willst mir in meiner Sterbestunde nicht beistehen?«

»Ich bin hier, Herr Capitain,« antwortete ihm William schluchzend; »ich habe Sie nicht verlassen und werde nicht von Ihnen weichen. O könnte ich doch mit meinem armen Leben das Ihrige retten!« fügte er mit dem Tone der Wahrheit hinzu.

»Guter Knabe!« erwiederte ihm der Sterbende mit einer Stimme, die vor Rührung brach; »guter Knabe, ich habe so viele Liebe und Treue nicht von Dir verdient. Ich handelte auch gegen Dich schlecht – ich war hart, war grausam gegen Dich; das kleinste Versehen brachte mich in Zorn und zog Dir Strafe zu – O!«

»Nein!« rief William, indem er mit seiner heißen Hand nach der bereits erkaltenden des Capitains griff, »nein, Herr Capitain, Sie sind so hart nicht gegen mich gewesen, wie Sie selbst sich jetzt anklagen! Erinnern Sie sich noch, wie Sie mir eins von Ihren Hemden gaben, als Sie entdeckten, daß ich nur das einzige habe, was ich auf dem Leibe hatte? O, das war eine große Wohlthat, die Sie mir erwiesen, und so lange ich lebe, werde ich derselben dankbar gedenken.«

»Das ist ein kleiner Trost,« versetzte der Sterbende; »ich war also doch nicht allzu hart auch gegen Dich? Ich hinterlasse doch ein Herz, das nicht in Haß gegen mich schlägt, sondern mir vielmehr dankbare Gefühle weiht? O, wie süß muß es sein, sich in der Sterbestunde sagen zu können: ich that so viel Gutes, als ich vermochte; ich entpreßte keinem Auge Schmerzens-, vielen aber Freudenthränen; ich freute mich mit den Glücklichen, weinte mit den Kummervollen; ich handelte nach dem Gebot des Evangeliums und war ein guter Christ und Mensch! – Könnte ich nur noch einmal von vorne anfangen, wie ganz anders sollte es werden, welch ein gottgefälliges Leben wollte ich führen!« fügte er nach einer langen Pause hinzu. »Aber nun ist es aus – das Ziel, von dem es keine Umkehr mehr gibt, ist erreicht – ich muß vor meinen Richter da oben treten und die Handlungen meines Lebens verantworten! O!« – –

Seine Stimme brach und Thränen schossen ihm aus den Augen hervor, in denen die Sehkraft bereits erloschen war. Ein Mitleid, wie William es in seinem Leben noch nicht empfunden hatte, ergriff sein Herz; er erfaßte die bereits gänzlich erstarrte Hand des Sterbenden und sagte schluchzend:

»Bedenken Sie, lieber Herr Capitain, daß unsere heilige Religion unsern Gott nicht blos einen gerechten, sondern auch gnädigen Gott nennt und sagt, daß der bereuende Sünder Gnade vor seinen Augen finden werde. Vertrauen Sie diesen tröstenden Worten und sterben Sie in Frieden.«

»Dank! Dank! Dir für diesen tröstlichen Zuspruch,« versetzte der Sterbende; »und nun reiche mir Deine Hand, die ich noch fühlen werde, wenn schon mein Auge Dich nicht mehr sehen kann, weil der herannahende Tod seine Sehkraft gelähmt hat; reiche mir Deine Hand und gib mir auch noch den Trost mit auf die große Reise, daß Du mir vergeben hast, was ich an Dir frevelte; dies wird mir den sonst so schweren Tod doch in Etwas erleichtern.«

»Sterben Sie meinetwegen in Frieden,« versetzte William, indem er seine Hand innig drückte, »und möge Gott Ihnen nicht mehr zürnen, als ich es thue.«

»Du bist ein guter Knabe;« war die gerührte Antwort des Sterbenden; »bleibe wie Du bist, werde immer besser und gedenke so lange Du lebst der Sterbestunde und der Verzweiflung eines sündhaften Menschen. Wenn Du kannst, so sage mir ein Gebet oder ein frommes Lied her, unter dem meine Seele hinüberschlummere in das bessere Jenseits.«

William besann sich einige Augenblicke auf ein passendes Gebet oder ein tröstendes Lied; endlich fiel ihm das herrliche Gedicht von einem großen deutschen Dichter, Klopstock, ein, welches so anfängt:

»Auferstehn, ja auferstehn

»Wirst Du

»Mein Staub nach kurzer Ruh!

»Unsterblich Leben

»Wird der Dich schuf

»Dir geben:

»Gelobt sei Gott!«

und da er es gänzlich auswendig wußte, sagte er es mit gerührter Stimme her. Die eben noch so schmerzlich verzerrten Züge des Sterbenden nahmen nach und nach einen mildern, freundlichern Ausdruck an; die bisher starr vor sich hinsehenden, bereits gebrochenen Augen schlossen sich und die Lippen bewegten sich leise, indem sie das herrliche Gedicht nachsprachen.

Es war ein großer, feierlicher Augenblick. Die Sonne ging blutroth am fernsten östlichen Rande des Horizontes auf und bestreute die Meereswellen mit Gold und Purpur. Die feierlichste Stille herrschte rings umher und nichts wurde gehört, als das Rauschen der Wellen, die, nachdem sich der Sturm gelegt, wie spielend an das Ufer kamen und sich an den Steinen und Muscheln des Strandes brachen.

Endlich war William mit dem Hersagen seines Gedichts und der arme Capitain mit dem Leben fertig: er hatte ausgelitten und es blieb jetzt nichts mehr von dem vor Kurzem noch so thatkräftigen Manne übrig, als eine leblose Hülle. Wohl ihm, wenn der Ruf der Tugend und Frömmigkeit, wenn gute, edle Thaten ihn überlebt hätten! Wie fröhlich und getrost hätte er dann eingehen können in das Reich Gottes, wie zuversichtlich vor den Thron des unbestechlichen Richters treten!

William wußte nicht, daß er todt sei und hielt den Todesschlaf für einen gewöhnlichen Schlummer. Zwar fiel ihm die große Veränderung auf, die mit den Gesichtszügen des Sterbenden seit einigen Minuten vorgegangen war; allein er, der noch niemals einen Todten gesehen hatte, wußte nicht, was dieses zu bedeuten habe, und da er den vermeintlich Schlafenden nicht stören wollte, sich auch das Bedürfniß des Hungers wieder mächtig bei ihm meldete, stand er leise vom Boden auf und entfernte sich von der Leiche, um, wo möglich, irgend einen Gegenstand zu suchen, durch den er sich sättigen könnte.

Er schlug den ihm bereits bekannten Weg zur Quelle wieder ein und kam endlich zu einer Gruppe von Bäumen, die ihm schon aus der Ferne bekannt vorgekommen waren; als er ihnen näher kam, sah er, daß er sich in seiner Voraussetzung nicht geirrt habe: es waren Akazien, die er erblickte.

»Akazien?« höre ich Euch, meine Geliebten, rufen. »So war das Schiff durch den Sturm wohl wieder nach Europa verschlagen worden? Denn in unsern Gärten stehen Akazien und erfüllen im Frühlinge die Luft mit dem Dufte ihrer herrlichen schneeweißen Blüten.«

»Allerdings,« antworte ich Euch auf Eure Frage, »haben wir die Akazie in unsern Gärten; allein sie sind nicht heimisch bei uns, sondern aus andern Welttheilen, namentlich aus Australien, dem fünften Welttheile zu uns herübergebracht. Wir haben auf diese Weise uns eine Menge von Bäumen und schönen Zierpflanzen angeeignet, unter andern auch die segensreichen Fruchtbäume, die größtentheils aus Asien herstammen. Die Akazie verpflanzte man nun zwar nicht ihrer labenden Früchte wegen auf unsern Boden, sondern weil sie ein überaus schönes Ansehen, einen hohen, schlanken Wuchs, eine schön gebildete Krone und ein überaus anmuthig geformtes, hellgrünes, gefiedertes Laub, vor allen Dingen aber köstlich duftende Blüten hat. Sie ist eine Zierde unserer Gärten und öffentlichen Plätze, obgleich sie bei uns die Schönheit und Pracht nicht erreicht, die sie in ihrem heimathlichen Lande zur Schau trägt.«

William war nicht wenig erfreut, auf so gute Bekannte in einer so entfernten Gegend zu stoßen und sah die prächtigen Bäume mit wahrem Entzücken an, obschon er glaubte, daß sie ihm keine Nahrung darbieten würden. Darin aber hatte er sich geirrt, denn als er die vor ihm stehenden Bäume genauer betrachtete, sah er, daß fast aus jedem Zweige ein krystallhelles Gummi hervorgeschwitzt war, das vollkommen dem arabischen glich, und da er sich erinnerte, gehört zu haben, daß ein solches Gummi sehr vielen Nahrungsstoff enthalte, bog er einige Zweige zu sich herab und sammelte eine Handvoll Gummi, das ohne allen Geschmack war und ihm sehr leicht auf der Zunge verging. Zwar konnte er sich an diesem Nahrungsmittel nicht vollkommen sättigen; allein schon nach wenigen Minuten ließen die Schmerzen in seinem völlig ausgehungerten Magen nach und ein Gefühl von Wohlbehagen trat an die Stelle desselben, das noch vermehrt wurde, als er vermittelst seines mitgenommenen Beutels einen frischen Trunk aus der schönen Quelle geschöpft hatte.

Jetzt, wo sein dringendstes Bedürfniß wenigstens einigermaßen gestillt war, dachte er wieder an seinen lieben Kranken und in der Hoffnung, daß auch ihm vielleicht beim Erwachen mit einem Nahrungsmittel gedient sein dürfte, sammelte er noch eine gute Handvoll von dem Gummi, füllte seine Ledertasche mit Wasser an und wanderte dem Strande wieder zu.