Drittes Kapitel.
Als die Mutter ihn so eilig und mit vor Freude glühenden Wangen bei sich anlangen sah, glaubte sie schon, daß Meister Brandt auf den Wunsch Williams eingegangen sei und ihm versprochen habe, ihn schon jetzt zu sich in das Haus zu nehmen. Diese glückliche Täuschung währte aber nur wenige Augenblicke, indem William ihr die abschlägige Antwort des Tischlers, zugleich aber den Vorschlag Hansens, ihn mit auf die See nehmen zu wollen, mittheilte. Die gute Frau wurde todtenbleich vor Schrecken, als William sie dringend bat, ihm ihre Erlaubniß zur Mitreise nicht versagen zu wollen und nach einem kurzen Nachdenken erklärte sie mit Bestimmtheit, daß sie lieber Alles erdulden, als ihr Liebstes dem unsichern Elemente anvertrauen wolle.
»Ich habe,« sagte sie unter Thränen, »kein anderes Gut auf Erden, als Dich und der Gedanke, mich von Dir trennen zu sollen, würde völlig unerträglich für mich sein. Möge daher kommen was da will: ich lasse Dich nicht und will lieber Hunger und Kummer mit Dir ertragen, als getrennt von Dir im Wohlleben schwelgen.«
Vergebens bot William seine ganze kindliche Beredsamkeit auf, sie zu einem andern Entschlusse zu bringen: sie beharrte bei dem einmal gefaßten und befahl ihm, sofort zu dem Capitain Hansen zu gehen, um diesem zu sagen, daß er nicht auf ihn rechnen und sich sobald als möglich einen andern Kajütenwächter suchen möge.
Mit schwerem Herzen und zum ersten Male mit innerm Widerstreben gehorchte William ihr. Nicht mit schnellen Schritten sondern langsam und niedergedrückt, wanderte er den Vorsetzen zu, wo sich die Wohnung des Capitains befand. Er traf diesen nicht zu Hause an, wohl aber seine Frau, die ihm sagte, daß ihr Mann so eben an Bord gegangen sei, weil der Wind sich gedreht habe.
»Da es möglich ist,« fügte die Frau Capitainin hinzu, »daß mein Mann noch heute absegelt, lasse ich mich sogleich an das Schiff fahren, um Abschied von ihm zu nehmen, und wenn Du willst, kannst Du mit mir gehen, um selbst Deine Bestellung an ihn auszurichten.«
William, der noch nie, so weit seine Erinnerung reichte, auf einem großen Schiffe gewesen war, nahm diesen Vorschlag mit Freuden an und ehe noch eine halbe Stunde vergangen war, befanden Beide sich am Bord der Hoffnung, wie das große, prächtige vom Kapitain Hansen befehligte Kauffarteischiff hieß.
Als der Capitain ihn mit seiner Frau an Bord kommen sah, lächelte er ihm freundlich zu und sagte:
»Nun, ich sehe, Du bist von ächtem Schrot und Korn und zauderst nicht, Dein Glück auf dem schönen Elemente zu versuchen. Es ist mir sehr lieb, daß Du da bist; der Wind ist so günstig als möglich und in einer Stunde geht es vorwärts. Es würde mich, da ich fest auf Dich gerechnet, in große Verlegenheit gesetzt haben, wenn Du nicht gekommen wärest.«
»Ach, lieber Herr Capitain,« versetzte William mit unsicherer, fast von Thränen erstickter Stimme, »ich bin nicht hier, um mit Ihnen in See zu gehen, sondern um Ihnen zu sagen, daß meine Mutter mir mit Bestimmtheit die Erlaubniß verweigert hat, ein Seemann zu werden.«
»Ei, da mußt Du, sofern Du wirklich Neigung zum Seeleben hast, es ihr über den Kopf nehmen,« antwortete ihm Hansen. »Die Mütter sind gar zaghafte, ängstliche Geschöpfe,« fügte er hinzu. »Mit der meinigen ging es mir nicht besser; die hätte weit lieber einen Federfuchser aus mir gemacht, als einen Seemann; ich aber schlug ihr ein Schnippchen und ehe sie es sich versah, schwamm ich auf dem Meere. Als ich einmal fort war, mußte sie sich schon trösten und beruhigen, und das wird auch die Deinige thun, wenn die Sache einmal nicht mehr zu ändern ist. Nicht wahr, Du bleibst bei mir?« schloß er seine Rede, indem er William die Hand reichte.
»Ach, dürfte ich das doch, ohne eine Sünde zu begehen,« sagte der arme Knabe, dem die hellen Thränen über die Wangen flossen, »aber der liebe Gott würde es mir, denke ich, nie vergeben, wenn ich meine gute, liebevolle Mutter durch solchen Ungehorsam betrübte; es könnte überdieß ihr Tod sein, wenn sie nicht wüßte, wo ich geblieben wäre.«
»Dafür dürfte leicht Rath geschafft werden,« versetzte der Capitain. »Meine Frau kehrt an's Land zurück und die könnte Deiner Mutter schon Bescheid sagen. Wo wohnt sie?«
William nannte ihm die Gasse und die Hausnummer, bestand aber trotz dem darauf, daß er mit der Frau Capitainin an's Land zurückkehren wolle.
»Du kannst Dir das noch ein Weilchen überlegen,« sagte Hansen nach einem kurzen Nachdenken: »das Schiff segelt noch nicht ab und Du wirst noch immer vor Dunkelwerden an's Land kommen können. Komm mit in die Kajüte und verzehre ein Waizenbrod mit mir; dabei kannst Du überlegen, was Du zu thun hast.«
William, der wirklich mit sich selbst kämpfte, folgte dieser Einladung und Capitain Hansen bewirthete seinen jungen Gast auf das Beste. Er bot ihm auch ein Gläschen Cognac an, das William, der nie dergleichen gekostet hatte, aber verschmähte. Hansen ließ darauf eine Flasche süßen Weins, Mallaga, bringen und drang William ein Gläschen davon auf; es mundete ihm, da der Wein sehr süß und angenehm war. Er kannte die Gefahr eines so feurigen Getränkes nicht und trank in aller Unschuld, schon halb von dem ersten Glase berauscht, ein zweites, vielleicht gar ein drittes; denn schon wußte der arme Knabe nicht mehr, was er that, und bevor noch ein Viertelstündchen vergangen war, lag er in einem so tiefen Schlafe auf dem Sopha in der Kajüte des Capitains, daß die Welt hätte untergehen können, ohne daß er es bemerkt haben würde.
»Du willst ihn also mit Gewalt und wider seinen Willen mitnehmen?« fragte die Frau des Capitains, einen mitleidigen Blick auf den armen Schlafenden wendend, ihren Mann.
»Gewiß will ich das,« versetzte Hansen mit einem häßlichen Lachen; »kam er mir doch eben recht und ist mir völlig unentbehrlich. Du weißt, welche Mühe ich mir gegeben habe, einen Schiffsjungen zu erhalten, nachdem der frühere, aus Amerika mitgebrachte, mir hier entlaufen ist, und jetzt sollte ich die gute Gelegenheit unbenutzt lassen, mir das durchaus nothwendige Subjekt zu verschaffen?«
»Was wird aber die Mutter des armen Knaben sagen? wie wird sie sich ängstigen und grämen!« wandte die gute Frau ein. »Ich glaube, daß ich vor Angst stürbe, wenn mir das begegnete,« fügte sie hinzu; »Du solltest ihn wecken und mit mir an's Land gehen lassen!«
»Daß ich ein Narr wäre!« rief Hansen unwillig. »Wollte man auf Weibergeschwätz hören und auf Weiberthränen sehen, so würde man zu Nichts in der Welt kommen. Laß mich mit Deinen Vorstellungen in Ruhe und kehre Du in Gottesnamen allein an das Land zurück. In einer Stunde sind wir aus dem Hafen und, wenn der Wind so bleibt wie er jetzt ist, schon über Nacht in See. In dieser Jahreszeit hat man keine Stunde zu verlieren; der Dezember ist nahe und wenn ich mich nicht spute, friert mir die Hoffnung gar noch hier ein.«
Die Frau, welche ihren Mann genau kannte und recht gut wußte, daß man durch Vorstellungen nichts über seinen starren, bösen Sinn gewann, wandte ihr Auge seufzend von dem armen Schläfer ab und schickte sich an, das Schiff ohne ihn zu verlassen, was sie that, nachdem sie einen kurzen Abschied von ihrem Manne genommen hatte.
Die Sache war die, daß Capitain Hansen in dem Rufe eines bösen Mannes und argen Tyrannen stand, weßhalb es ihm allemal schwer fiel, sein Schiff zu bemannen, am allerschwersten aber, einen Kajütenwächter zu finden, weil diese armen Unglücklichen, in seiner unmittelbaren Nähe lebend, es schlimmer als die wirklichen Matrosen hatten, die, da sie bereits Männer waren, ihm bei vorkommenden Gelegenheiten die Stirn boten.
Sobald er den armen William bei dem Tischlermeister erblickte, fuhr der Gedanke ihm durch den Kopf: das könnte wohl ein Schiffsjunge für dich sein, und er nahm die Miene großer Freundlichkeit gegen den armen Getäuschten an, um ihn desto sicherer ins Netz zu locken. Es war auch nicht an dem, daß er von dem Vater und Großvater William's etwas gehört hatte; da es ihm aber auf eine Lüge mehr oder minder nicht ankam, brachte er auch die vor, daß ihm der Name und Ruf derselben bekannt sei.
Trotz dem wäre ihm sein Vorhaben mißlungen und er hätte ohne Kajütenwächter absegeln müssen, wenn der Zufall den armen William nicht an Bord und in die Gewalt des bösen Mannes geführt hätte; so wie der Knabe aber das Verdeck betreten hatte, gelobte Hansen es sich, daß er nicht wieder von Bord solle, und wir haben gesehen, durch welches abscheuliche Mittel er seinen bösen Willen durchzusetzen wußte.
Während nun William im tiefsten Schlafe in der Kajüte des Capitains lag und die Hoffnung alle ihre Segel entfaltete, um den Hafen noch vor Anbruch der Nacht zu verlassen, stand Frau Robinson eine unbeschreibliche Angst um ihr armes Kind aus. Es dämmerte bereits und noch immer war William nicht wieder da. Der Weg bis zu den Vorsetzen, wo, wie sie wußte, Capitain Hansen seine Wohnung hatte, war zwar weit; aber trotz dem hätte der Knabe, wenn ihm kein Unfall zugestoßen, doch schon längst zurück sein müssen. Endlich wurde es völlig dunkel und das Geräusch in den Gassen nahm bereits ab; mit jeder dahinschwindenden Minute vermehrte sich die Angst der armen Frau und diese nahm endlich so sehr überhand, daß sie ihren Keller zuschloß und sich auf den Weg nach den Vorsetzen machte, wo sie sich nach der Wohnung des Capitains Hansen erkundigen wollte.
Obgleich sie so schnell ging, als es ihre Kräfte nur irgend erlaubten, war es ihr doch, als ob sie nicht von der Stelle käme. Endlich hatte sie die Vorsetzen erreicht und nach langem Fragen auch die gesuchte Wohnung gefunden. Bevor sie diese betrat, mußte sie erst einige Augenblicke an der Thüre stehen bleiben, um Athem und Muth zu schöpfen; denn was sollte wohl aus ihr werden, wenn man ihr auch hier keine Nachricht über ihren William ertheilen könnte?
Nach einigen Minuten der Erholung drückte sie den Thürklopfer nieder und trat in das Haus. Es war völlig dunkel auf der Flur und es herrschte eine Stille in der Wohnung, als wäre sie gänzlich unbewohnt. Erst als sie mehrere Male und mit immer lauterer Stimme »guten Abend!« gerufen hatte, öffnete sich im Hintergrunde der Flur eine Thür und eine noch ziemlich junge Frau trat, mit einem Lichte in der Hand, aus derselben ihr entgegen.
»Bin ich hier recht?« fragte Frau Robinson mit vor Angst und Beklemmung bebender Stimme; »ich suche den Herrn Schiffskapitain Hansen?«
»Wenn Sie den zu sprechen wünschen,« antwortete ihr die Frau, »so kommen Sie leider zu spät: mein Mann ist bereits seit einigen Stunden abgesegelt.«
»So habe ich die Ehre, seine Frau zu sprechen,« fragte die arme Mutter.
»Ihnen zu dienen,« war die Antwort; »aber treten Sie gütigst zu mir ein,« fügte die Capitainsfrau hinzu, indem sie die Stubenthür öffnete.
»Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit, liebe Madame,« nahm Frau Robinson wieder das Wort; »einer armen Mutter, die schier vor Angst vergeht, werden Sie gewiß einige Nachsicht schenken. Ich suche meinen Sohn, den ich mit einem Auftrage an Ihren Mann schickte, und der, ganz wider seine Gewohnheit, nicht wieder nach Hause zurückgekehrt ist. Mein Name ist Robinson; vielleicht hörten sie ihn von Ihrem Manne nennen, der so gütig sein wollte, meinen William mit sich zu nehmen, was ich aber nicht zugeben konnte.«
»Ach! Sie sind die Mutter des jungen Menschen?« antwortete ihr die Capitainin nicht ohne Verlegenheit. »Es freut mich,« fuhr sie nach einigem Zögern fort, denn ihr fiel die Lüge eben so schwer, als sie ihrem Manne leicht fiel, »es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß er sich in seiner neuen Lage ganz wohl befindet und wahrscheinlich vollkommen glücklich fühlt, da er seinen Beruf mit großer Liebe ergriffen hat.«
»Von welchem Berufe reden Sie, Madame?« fragte Frau Robinson erbleichend; »sollte mein William, der bisher der zärtlichste, gehorsamste und beste Sohn war, wider meinen ausdrücklichen Willen gehandelt und sich bei Ihrem Manne als Kajütenwächter verdungen haben?«
»Ich weiß nichts davon, ob es mit oder gegen Ihren Willen geschah,« versetzte die Gefragte sichtbar verlegen; »nur so viel kann ich Ihnen sagen, daß ihr Sohn mit meinem Manne gegangen ist und jetzt wahrscheinlich schon mehrere Meilen von hier auf der Elbe schwimmt.«
Wie ein Donnerschlag traf diese Nachricht die arme Mutter: sie gab in diesem Augenblick ihr geliebtes Kind, ihr einziges Gut auf Erden, nicht nur leiblich, sondern auch moralisch verloren; denn was durfte sie noch von einem Sohne erwarten, der so lieblos gegen sie gehandelt, sie so getäuscht hatte?
Ihr wurde dunkel vor den Augen; die Knie wankten unter ihr und sie wäre, von einer Ohnmacht befangen, zu Boden gesunken, wenn die Frau Hansen ihren Zustand nicht bemerkt hätte und ihr zur Hülfe gekommen wäre. Sie eilte auf die Schwankende zu, unterstützte sie mit ihren Armen und führte sie zum Sopha, wo sie dem Anscheine nach ohne Leben niedersank.
Die Frau Hansen war im ersten Augenblick so erschrocken, daß sie nicht wußte, was sie thun, was beginnen solle. Dann lief sie zur Klingel und zog diese mit Heftigkeit an, um ihre Magd herbei zu rufen, die sie, so wie sie eingetreten war, zum nächsten Arzt schickte. So wie dieser den Zustand der Frau Robinson untersucht hatte, erklärte er, daß die Krankheit nicht viel zu bedeuten habe und gab ihr einige starke Sachen zu riechen, um sie aus ihrer Ohnmacht zu erwecken. Unter diesen Bemühungen kam die Leidende bald wieder zu sich und ihr Gefühl machte sich in einem Strome von Thränen Luft.
Frau Hansen weihte ihr die innigste Theilnahme, und hatte sie vorher schon in ihrem Herzen die Handlungsweise ihres Mannes getadelt, so that sie es jetzt, wo sie die arme Mutter einer so großen Betrübniß hingegeben sah, doppelt; aber sie hatte trotz dem nicht den tugendhaften Muth, ihr die Wahrheit zu sagen, obgleich sie ihren Kummer dadurch um die Hälfte hätte vermindern können; denn immer und immer wieder rief Frau Robinson mit schmerzlich bewegter Stimme:
»Das konnte mir ein Kind thun, welches ich mit so vieler Liebe groß gemacht habe? Auf solche Weise konnte mein William mich hintergehen, er, den ich für die Redlichkeit und Aufrichtigkeit selbst hielt?«
Weniger betrübte sie die Trennung von dem geliebten Sohne, als der Flecken, der scheinbar durch dieselbe auf sein Gemüth und seinen Charakter fiel: und durch ein einziges Wort hätte Frau Hansen sie hierüber beruhigen können. Mußte sie aber nicht die schändliche Handlungsweise ihres Gatten zugleich mit enthüllen? Dieser Gedanke verschloß ihr die Lippe und sie ließ die Mutter mit der ganzen Last ihres Kummers von hinnen gehen. Dies war ein großes, unverzeihliches Unrecht von der sonst so guten und gefühlvollen Frau.