Viertes Kapitel.
Indeß schwamm die Hoffnung, von einem frischen Ostwinde getrieben, majestätisch mit geblähten Segeln die Elbe hinunter und nahm bei Cuxhafen die Lootsen ein. William schlief, von dem starken und ihm völlig ungewohnten Wein benebelt, als wolle er nie mehr erwachen: hatte er doch schon sonst einen festen gesunden Schlaf, wie er der lieben Jugend eigenthümlich ist, und mußte am Morgen stets von der guten Mutter mehrere Male geweckt werden, um die Schulstunden nicht zu versäumen. Das Geräusch auf dem Verdecke störte ihn nicht, da er es in seiner Vaterstadt gewohnt geworden war, bei einem solchen zu schlafen.
Hoch stand bereits, trotz der weit vorgerückten Jahreszeit, die liebe Sonne am östlichen Himmel, als er endlich erwachte. Er setzte sich über Erde, rieb sich die Augen, fühlte nach seinem Kopfe, der ihn sehr schmerzte, wie es nach einem gehabten Rausche der Fall zu sein pflegt, und sah mit verwirrten Augen umher. Alle ihn umgebenden Gegenstände waren ihm völlig unbekannt und schon wollte er sich wieder zum Schlafe niederlegen, weil er zu träumen glaubte, als er den Capitain zu sich eintreten sah.
»Nun, Jüngelchen,« sagte dieser lachend, »das nenne ich geschlafen!«
»Wo bin ich denn?« fragte William, indem er sich die Augen rieb.
»Wo Du bist?« fragte der Capitain gleichfalls. »Weißt Du denn nicht mehr, daß Du Dich an Bord der Hoffnung und schon mitten im Meere befindest?«
Bei diesen Worten sprang der arme Knabe vollends auf und sein eben noch vom Schlafe geröthetes Gesicht wurde todtenbleich.
»So habe ich die Zeit verschlafen und das Schiff ist mit mir fortgesegelt?« rief er mit dem Tone des höchsten Entsetzens aus. »Großer Gott! was soll jetzt aus mir armen Knaben, was aus meiner unglücklichen Mutter werden? und wird sie sich nicht gar zu Tode um mich grämen? Setzt mich, Herr Capitain, ich flehe Euch darum um Gotteswillen an, setzt mich sobald als möglich an's Land! Wenn es auch noch so weit ist, will ich gerne zu Fuße nach Hamburg zurücklaufen; gute Menschen werden mir schon den Weg dahin zeigen; denn es wäre doch gar zu traurig, wenn meine gute Mutter aus Kummer um mich und meinen vermeinten Ungehorsam stürbe, oder sich ihre lieben, ohnehin so kranken Augen blind weinte.«
»Närrchen,« versetzte der Capitain, dessen böses Herz sich an der Angst des armen Knaben ergötzte, »Närrchen, vom Festlande wird nicht eher die Rede sein, bis wir die Insel Java, bei Asien, erreicht haben: denn dahin steuern wir, und Du mußt Dich schon auf dem Wasser zufrieden geben. Was aber Deine Mutter anbetrifft, so wird sie sich schon bei meiner Frau nach Dir erkundigen und von der hören, wie die Sachen stehen; Du aber denke von nun an nur darauf, Deine Pflichten am Bord gehörig zu erfüllen, und mir keine Gelegenheit zur Unzufriedenheit zu geben, denn sonst würde es Dir nicht gut ergehen.«
Vergebens bat und beschwor William noch ferner den bösen Mann, ihn ans Land setzen zu lassen, da er nicht wußte, daß dies unter den gegenwärtigen Umständen völlig unmöglich sei; und wäre es auch möglich gewesen, so würde Capitain Hansen doch nie darein gewilligt haben, seine Beute wieder fahren zu lassen. Dem armen William blieb also nichts weiter übrig, als sich in sein Schicksal zu ergeben, was er nach vielen vergossenen heißen Thränen that.
Seiner Mutter wurde aber doch am folgenden Tage, als sie ihr Unglück den theilnehmenden Nachbarn klagte, ein großer Trost. Auf dem Wege zu dem Capitain war William nämlich einem seiner Schulgefährten, der gleichfalls in der Nachbarschaft wohnte, begegnet, und diesem hatte er erzählt, daß er zu dem Capitain Hansen gehe, um ihm im Namen seiner Mutter zu sagen, daß diese nicht in seine Entfernung willige, und bei dieser Gelegenheit hatte er gegen den Schulfreund geäußert: »Er würde um keinen Preis wider den Willen seiner Mutter mit dem Capitain gehen, denn das würde eine große Sünde sein.«
Diese Mittheilung beruhigte die gute Frau Robinson in Etwas und sie dachte sich ungefähr den Zusammenhang der Sache. Eine große Last war ihr vom Herzen genommen, als sie sich sagen mußte, daß ihr William an den ihr bereiteten Schmerzen gewiß unschuldig sei; ihn schuldig, ungehorsam und lieblos zu wissen, das war es, was sie so sehr zu Boden gedrückt hatte. Ihre Thränen flossen also sanfter, und wie immer legte sie voll Vertrauen ihr eigenes und das Geschick ihres theuren Kindes in die Hände ihres himmlischen Vaters.
Der Wind blieb indeß günstig; er hatte sich gedreht, als man die Elbe verließ und wehte jetzt so, daß man gar bald die hohe See und schon nach einigen Tagen den Kanal erreichte. Man nennt die Meerenge zwischen Frankreich und England so, wie diejenigen unter Euch Geliebten schon wissen werden, die sich bereits etwas mit der eben so angenehmen als nützlichen Wissenschaft der Erdbeschreibung oder Geographie vertraut gemacht haben. Die Passage durch den Kanal, den die Franzosen La Manche nennen, wird von den Seeleuten für eine gefährliche gehalten, der vielen Klippen und Felsenriffe wegen, die an beiden Küsten, sowohl an der französischen als an der englischen angetroffen werden. Indeß mußte man es dem Capitain Hansen zum Ruhme nachsagen, daß er, wenn auch kein guter, gefühlvoller Mensch, doch ein tüchtiger Seemann war, und da Wind und Wetter günstig blieben, hatte man bald den gefährlichen Kanal hinter sich und steuerte in den großen atlantischen Ocean hinein, der seine ungeheuren Wasserflächen zwischen den beiden Welttheilen Europa und Amerika ausbreitet. Den großen Weltmeeren, deren man in der Geographie fünfe zählt, gibt man aber den Namen Ocean.
Ich bitte diejenigen unter Euch, die durch diesen »neuen Robinson« nicht blos unterhalten, sondern zugleich auch belehrt sein wollen, und deren werden hoffentlich recht viele sein, eine Weltcharte oder ein Planiglobium zur Hand zu nehmen und unserm jungen Reisenden auf derselben zu folgen. Es ist eine schöne Fähigkeit, stets das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, und ich ermahne Euch, sie zeitig zu üben. Ihr werdet dadurch nach und nach eine Menge Kenntnisse erlangen, die Euch sonst vielleicht fremd blieben. Jetzt aber zurück zu unserm Robinson, der seinen, in England häufig vorkommenden Namen nicht vergebens führte, da das Schicksal ihn dazu ausersehen hatte, ähnliche Begebenheiten zu erleben, wie der, den Vater Campe, zum Ergötzen so vieler Kinder, in seinem vielgelesenen Buche geschildert hat.
Unser William Robinson war also auf dem hohen Meere und fing bereits an, sich mit seinem Schicksale auszusöhnen, da er einsehen gelernt hatte, daß es ein unabänderliches sei. Zwar war Capitain Hansen ein strenger, ja sogar böser und ungerechter Gebieter, der seine schlimme Laune stets an seiner Umgebung ausließ; allein William hatte es doch besser bei ihm, als die frühern Schiffsjungen, weil er sanft, geduldig und stets aufmerksam gegen seinen Herrn, stets freundlich und dienstfertig gegen seine Mitmannschaft war. Hatte der Capitain einmal seine böse Laune – und diese trat allemal ein, wenn Wind und Wetter der Fahrt nicht günstig waren, weßhalb die Matrosen ihn unter sich immer nur die Wetterfahne nannten – so ging William ihm klug aus dem Wege und verdoppelte seine Aufmerksamkeit gegen ihn. Er trat dann so leise auf, daß man ihn kaum hören konnte, und sah immer nach den Augen des See-Tyrannen, um jeden leisen Wunsch desselben zu errathen, bevor er noch nöthig hatte, ihn auszusprechen. Sein von Natur gutes Gedächtniß und die große Geschicklichkeit, welche er sich bei allen Handhabungen durch frühzeitige Uebung erworben hatte, kamen ihm jetzt sehr zu statten. Er führte pünktlich die ihm ertheilten Befehle aus, ließ weder Teller, Tassen noch Gläser fallen, wie andere plumpe Schiffsjungen es häufig gethan hatten, und hielt die Kajüte des Capitains so rein und ordentlich, daß auch nicht ein Stäubchen darin zu entdecken war. Er dachte, so lange sein Dienst dauerte, nicht an andere Dinge, sondern nur an seine Pflichten und Obliegenheiten. Abends aber, wenn er sein hartes Lager aufsuchen und die ermüdeten Glieder darauf ausstrecken durfte, dann gedachte er der jetzt so fernen Heimath, der geliebten Mutter und ihrer Zärtlichkeit für ihn, und manche Thräne floß aus seinen Augen und benetzte sein hartes Kopfkissen von Seegras.
Es konnte nicht fehlen, daß ein Charakter, wie der unsers William, nicht eine gewisse Gewalt auf das rohe, unfreundliche Gemüth des Capitains ausüben mußte. Ohne daß dieser selbst einmal eine Ahnung davon hatte, liebte er den stillen, freundlichen und behenden Knaben, und weil er ihn liebte, ging er besser mit ihm um, als mit irgend einem Andern der Mannschaft; Alle aber gönnten William diesen Vorzug von Herzen, weil er gegen Jeden gut und gefällig war, auch nie die Vorliebe des Capitains dazu mißbrauchte, die übrigen Matrosen bei ihm zu verklagen oder ihm von diesen begangene kleinere oder größere Versehen mitzutheilen.
Die Neigung, welche Capitain Hansen nach und nach für William faßte, gab sich nicht blos dadurch kund, daß er ihm von Zeit zu Zeit von den bessern Speißen, die auf seine Tafel kamen, etwas mittheilte, sondern auch dadurch, daß er in vielen andern Dingen für ihn sorgte. So war unser neuer Robinson durch seine Kleidung nicht wenig in Verlegenheit gesetzt. War er doch wie er ging und stand nur mit den Kleidern, die er anhatte, zur See gegangen und hatte nicht einmal ein zweites Hemd zum Wechseln mitnehmen können. Man kann sich vorstellen, wie schrecklich eine solche Entbehrung für den an strenge Reinlichkeit gewöhnten William sein mußte, und seine Noth wurde noch größer, als er sein schmutziges Hemd nicht mehr unter der Jacke verbergen konnte, an der bald alle Knopflöcher ausgerissen waren, weil er sie täglich und bei der schwersten Arbeit auf dem Leibe hatte. Er sah auch bald einem schmutzigen, zerlumpten Bettler so ähnlich, wie ein Ei dem andern; nur Gesicht und Hände konnte er rein halten und das that er.
Endlich bemerkte der Capitain seinen üblen Zustand und sagte:
»Du siehst ja aber verteufelt zerlumpt aus! Hast Du denn nichts Anderes anzuziehen?«
»Ach nein!« versetzte der arme Knabe, und dabei schossen ihm die hellen Thränen über die Wangen.
Der Capitain, welcher nicht leiden konnte, daß Jemand weinte, wollte schon auffahren, als er sich plötzlich besann und sagte:
»Daran habe ich wahrhaftig nicht gedacht! Du bist ja ohne alle weitere Kleidung, als die, welche Du am Leibe hattest, an Bord gekommen. Nun,« fügte er freundlicher hinzu, »dem soll abgeholfen werden und zwar gleich. Für's Erste will ich Dir eins von meinen Hemden geben, damit Du wechseln und das waschen und ausbessern kannst, was Du bis jetzt getragen, und Franz, der, wie ich gehört habe, einem Schneider aus der Lehre gelaufen ist, um ein Seemann zu werden, – woran er nach meinem Bedünken sehr gut that – Franz soll Dir sogleich von meinem abgesetzten Zeuge einen andern Anzug machen, damit Du nicht länger wie eine Vogelscheuche unter uns umher gehst.«
Gesagt, gethan! Capitain Hansen war gewohnt, das, was er wollte, schnell ins Werk gerichtet zu sehen, und so vergingen nicht zwei Tage, als William schon seinen neuen, netten Anzug hatte. In seinem ganzen Leben hatte er sich noch nicht so über eine neue Kleidung gefreut, als über diese; er kam sich so verändert darin vor, daß er sich einige Augenblicke mit Wohlgefallen in dem sonst sorgfältig mit den Blicken vermiedenen Spiegel betrachtete. Vor allen Dingen aber erfreute ihn das reine Hemd und er konnte es nicht genug befühlen und betrachten. So lernen wir erst durch die Erfahrung den hohen Werth mancher Güter kennen, die wir, eben weil sie uns bisher nicht gefehlt haben, weil wir glaubten, sie dürften uns nicht fehlen, nicht gehörig zu schätzen wußten und sie ohne Dank gegen Gott und Menschen hinnahmen. Auch unser William, so gut und dankbar er im Ganzen war, hatte nie daran gedacht, seiner guten Mutter dafür zu danken, daß sie stets für seine Kleidung und Wäsche eine so große Sorgfalt gehabt hatte; jetzt aber dankte er ihr aus voller Seele dafür und Thränen der Rührung traten ihm dabei in die Augen.