Einundzwanzigstes Kapitel.
Fröhlich und wohlgemuth, theils unter heitern, theils unter belehrenden Gesprächen, wanderten unsere Freunde fort. William, der das herzlichste Verlangen trug, seinen geliebten Kolbi mit dem erhabenen Wesen näher bekannt zu machen, auf das er sein vollstes, innigstes Vertrauen setzte, zu dem er sich in Freud' und Leid immer zuerst wandte, redete seinem Begleiter auf diesem Wege viel von Gott, und zu seiner Freude fand er jetzt schon ein offeneres Ohr für die Wahrheiten der Religion bei demselben, als er früher gefunden haben würde. Nach und nach entsagte Kolbi seinen abergläubischen Vorstellungen und wandte sein Herz dem einigen wahren Gott zu. William, dem das eine unaussprechliche Freude machte, versäumte keine sich ihm darbietende Gelegenheit, ihn auf die Wunder der Natur und zugleich auf die erhabenen Eigenschaften Gottes aufmerksam zu machen, und da er zwar nicht gelehrt, aber eindringlich und aus innerster Ueberzeugung sprach, fanden seine Worte Eingang bei seinem Freunde.
Den eigentlichen Zweck ihrer Wanderung schienen unsre Beiden indeß verfehlen zu sollen. Wie sorgsam sie auch spähten, so erblickten sie doch am Meeresstrande nicht das Geringste, das ihnen zu ihrem Zwecke hätte dienen können. Es lagen zwar viele schöne bunte Muscheln und Steine genug am Ufer, allein auch nicht das kleinste Stückchen Holz, das ihnen zu ihrem Bau hätte dienen können.
Dies war ihnen natürlich sehr unangenehm; allein es entmuthigte William keineswegs, sondern er sann sogleich auf Abhülfe, die ja auch noch immer möglich war, da sie ihre Geräthschaften vor der Zerstörungswuth der Wilden gerettet hatten.
Am zweiten Morgen ihrer fruchtlosen Wanderung war es Kolbi, der zuerst erwachte und dem nahen Meere zueilte, um sich in der kühlen Fluth zu baden, wie es seine Gewohnheit in der Heimath gewesen war. Er hatte kaum seine wenige Bekleidung abgeworfen und schickte sich eben an, sich ins Wasser zu stürzen, als sein über das Meer hinstreifender scharfer Blick ein kleines dunkles Pünktchen am äußersten Rande des Horizontes entdeckte. Er starrte es einige Augenblicke an und bemerkte, daß es beweglich war. Jetzt weckte er William, um ihn auf die Erscheinung aufmerksam zu machen; denn er wußte mit Gewißheit, daß das schwarze Pünktchen am vorhergehenden Abende nicht an der Stelle gewesen war, und so erregte es mit Recht seine Aufmerksamkeit.
William, der durch Kolbi in einem lieblichen Traume gestört worden war, der ihn nach der geliebten Heimath, in das Haus seiner Mutter versetzte, war fast ein wenig unwillig, daß Kolbi ihn erweckt hatte, er rieb sich die noch schlaftrunkenen Augen und fragte, was es denn gäbe?
»Einen schwarzen Punkt gibt es da drüben, der gestern Abend vor unserm Einschlafen noch nicht da war,« antwortete ihm Kolbi; »komm nur und sieh selbst.«
Jetzt sprang William auf; denn er wußte noch von seiner Seereise her, was solche schwarze Punkte am äußersten Rande des Horizontes zu bedeuten hatten, und sein Herz schlug fast hörbar in der Brust.
»Wo siehst Du denn den Punkt?« fragte er, seine ganze Sehkraft, wiewohl vergeblich, anstrengend; denn sein Auge war, obschon sehr gut, doch nicht so scharf sehend, als das seines Freundes.
»Da! da!« war Kolbis Antwort, indem er mit der Hand nach der Gegend hinzeigte. »Siehst Du es denn nicht?«
»Ich sehe nichts, gar nichts!« antwortete ihm William; »Du hast Dich wohl getäuscht, Kolbi?«
»Gewiß nicht! Ich sehe es deutlich, ganz deutlich, und es bewegt sich!«
»O mein Gott!« rief William bei diesen Worten, und er wurde blaß vor Freude; »o mein Gott, wenn es ein Schiff wäre!«
»Es ist nur ein Punkt, sage ich Dir, und kein Schiff,« versetzte Kolbi, »wenn es ein Canot wäre, müßte es ja größer sein.«
»Aus großer Ferne gesehen, erscheinen die Dinge viel kleiner,« antwortete ihm William, der noch immer nach der ihm bezeichneten Gegend hinstarrte, aber leider nichts sehen konnte.
»Siehst Du denn den Punkt noch immer?« fragte er Kolbi nach einer ziemlich langen Pause, die zwischen den Freunden entstanden war.
»So deutlich, wie ich Dich sehe,« war die Antwort, »und der Punkt ist jetzt schon größer, als er in dem Augenblicke war, wo ich ihn zuerst sah.«
Wie pochte das Herz in Williams Brust bei diesen Worten! Wie strömten seine Gefühle über! Konnte er noch daran zweifeln, daß das, was sein schärfer sehender Freund sah, ein Schiff, vielleicht gar ein von Europa kommendes Schiff sei? So war vielleicht Rettung, Erlösung nahe! So sollten Leiden und Entbehrungen vielleicht ihr Ende bald finden! Thränen traten ihm, besonders bei dem Gedanken, seine über Alles theure Mutter, die geliebte Heimath wiedersehen zu sollen, in die Augen, und rollten in Strömen über seine Wangen. Kolbi, der ihn weinen sah, fragte theilnehmend:
»Du weinst? Hat Kolbi Dich betrübt, William? Was hat Kolbi Dir Böses gethan?«
»O nichts, nichts, Du guter, lieber Kolbi,« rief William, indem er den Freund umarmte; »Du hast mir im Gegentheil durch Deine Entdeckung eine unendlich große Freude gemacht. Das, was Du mit Deinem geübteren Auge bereits siehst und was ich noch nicht sehen kann, ist aller Wahrscheinlichkeit nach eines von den großen schwimmenden Gebäuden, von denen ich Dir so viel erzählt habe, und die wir Schiffe nennen. Auf einem solchen Schiffe bin ich hierhergekommen, wie Du schon weißt, und wenn es Gottes Wille wäre, mich zu erretten, so könnte das, was Du siehst, hier in der Nähe Anker werfen, die Mannschaft könnte ans Land kommen und mich mit sich nehmen, nach Europa, in die geliebte Heimath zurück.« –
»Und dann bliebe Kolbi hier allein zurück und stürbe aus Kummer über William?« fragte der Wilde traurig.
»Nicht doch! Wie könnte ich Dich wohl verlassen, Dich, meinen einzigen, meinen liebsten Freund auf der Welt?« war Williams Antwort. »Nein, Kolbi,« fügte er unter Thränen hinzu; »nein, ohne Dich ginge ich nicht! Aber meine weißen Brüder würden uns Beide mitnehmen; ich würde Dich in meine Vaterstadt Hamburg, in das Haus meiner Mutter führen, würde ihr sagen: da ist mein Freund, mein Bruder Kolbi; nimm ihn an zu Deinem Sohne und liebe ihn, wie Du mich liebst; und sie würde Dich eben so lieben, Kolbi, denn sie ist gut und liebevoll!«
Das Alles sprach er unter immer heftiger strömenden Thränen und Kolbi, der ihn nicht weinen sehen konnte, ohne mitzuweinen, weinte auch diesmal mit.
Eine Stunde und drüber verging indeß noch, bevor auch William den beweglichen schwarzen Punkt am Horizont unterscheiden konnte; so wie er ihn aber gesehen hatte, sank er auf seine Kniee nieder und sandte ein heißes Dankgebet zu seinem himmlischen Vater empor; denn sein Herz zweifelte schon nicht mehr an der Rettung.
Der Morgen und selbst der noch übrige Rest des Tages verging den Freunden in einer Art von bänglicher Erwartung. William besonders war in tiefster Seele bewegt; Kolbi dagegen, seit er das Versprechen von seinem Freunde hatte, daß er ihn nicht allein auf der Insel zurücklassen wolle, weit ruhiger; letzterer konnte sogar von den mitgenommenen Speisen genießen, während William keinen Bissen über seine Lippen zu bringen vermochte, wie man gewöhnlich in einer so großen innern Bewegtheit nicht an Speise und Trank zu denken vermag.
Die Freunde hatten sich auf einer kleinen Erhöhung in der Nähe des Strandes niedergesetzt und schauten mit unverwandten Blicken auf das Meer hinaus. Der zu Anfang so kleine Punkt trat mit jeder Stunde deutlicher hervor und als es zu dämmern begann, konnte man bereits die Umrisse des Schiffs genau unterscheiden.
Was hätte William nicht darum gegeben, wenn die Natur diesmal zu seinen Gunsten ihre gewohnte Ordnung umgekehrt und es nicht hätte Nacht werden lassen? Aber ach! sie ging ihren gewohnten Gang fort und mit jedem Augenblick wurde es dunkler, bis endlich vollkommene Nacht auf den Gegenständen ruhte, und das Auge nichts mehr unterschied, als über sich den Himmel und die Sterne.
William konnte trotz dem, daß er nichts mehr zu sehen vermochte, kein Auge zuthun; Kolbi aber schlief, wie gewöhnlich und erwachte erst, als sein Freund ihn mit lautem, fröhlichem Zuruf erweckte. Die liebe Sonne war zwar noch nicht aufgegangen; aber schon zeigten sich ihre rosigen Boten, schöne, purpurrothe Wölkchen am östlichen Himmel und die Helligkeit verdrängte siegreich die Nacht, die bisher mit ihren Schleiern Meer und Erde bedeckt hatte.
Man sah jetzt ganz deutlich, etwa in der Entfernung einer deutschen Meile, das Schiff liegen; doch war es der Insel nicht näher gekommen; vermuthlich hatte es sich aus Vorsicht während der Nacht vor Anker gelegt, um nicht zwischen die Klippen und Felsenriffe zu gerathen, womit das Meer in der Nähe der Insel besät sein konnte. Kaum war es indeß völlig Tag geworden, so entfaltete es seine schneeweißen Segel wieder und schwamm zwar langsam, aber majestätisch heran.
William verwandte kein Auge mehr davon und folgte mit seinen Blicken jeder Bewegung des Schiffes. Es schien ihm indeß nothwendig, der Mannschaft desselben ein Signal zu geben, daß man Menschen, auf Rettung hoffende Menschen, auf der Insel finden würde, und so bat er Kolbi, mit dem Beile, das man mit auf die Wanderung genommen hatte, im nächsten Gehölze einige lange Aeste zu fällen und sie her zu bringen. Kolbi willfahrte ihm, ohne begreifen zu können, was er mit dem Begehrten wolle.
Als er mit seinen Aesten wieder bei William angelangt war, band dieser sie zusammen, so daß sie eine ziemlich lange Stange bildeten, und befestigte an der Spitze derselben sein weißes Hemd, das er inzwischen ausgezogen hatte. Beide steckten dann die improvisirte Fahne so tief in den Sand des Strandes ein, das sie fest und aufrecht stand. William wußte, daß man auf den Schiffen die Gewohnheit hat, sich fleißig mit dem Fernrohr nach allen Seiten umzuschauen, und gab sich so der Hoffnung hin, daß man auch sein Signal bald entdecken werde.
Dies geschah in der That; er bemerkte, daß eine große Bewegung auf dem Schiffe entstand und hoffte, obgleich er noch nichts genau zu unterscheiden vermochte, daß man ein Boot aussetzen und einige Mannschaft zur Insel senden würde.
Es dauerte auch nicht gar lange, so rief Kolbi:
»Ein Canot! Ein Canot!«
Bei diesem Rufe sank William betend auf seine Kniee nieder und sendete ein heißes Dankgebet zu seinem himmlischen Vater empor: durfte er doch nun nicht mehr daran zweifeln, daß die Rettung nahe sei!
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