Zwanzigstes Kapitel.

Der Anblick, den das Haus und dessen Umgebung gewährte, war der niederschlagendste von der Welt. Die Wilden hatten die Hütte nicht nur eingerissen, sondern auch einen Theil der Bretter verbrannt. Von den Geräthen, die mit so großem Fleiße und unter so anhaltender Anstrengung von ihnen verfertigt worden waren, fand man nur einige wenige unter den Trümmern vor, und auch diese waren zum Theil zerstört. Das Behältniß, worin man die Thiere aufbewahrt hatte, war erbrochen und diese selbst fort: ob die Wilden sie getödtet, ob ihnen die Freiheit gegeben hatten? wer vermochte das zu bestimmen?

Unsre Freunde waren so betrübt über den Anblick, der sich ihnen darbot, daß sie ganz verstummt waren und sich mit Augen ansahen, in denen Thränen perlten.

Ein schwerer Gang stand unserm William, der sich mehr als Kolbi für die Gartenanlage interessirte, noch bevor: er wagte es kaum, die Gartenmauer zu ersteigen; denn was konnte er erwarten, als auch in diesem die Gräuel der Verwüstung zu erblicken?

Endlich raffte er sich auf und erstieg die Mauer; als er oben auf derselben stand, verklärte ein Lächeln, das erste nach längerer Zeit, sein Antlitz und mit lauter, freudig bewegter Stimme rief er: »Kolbi! Kolbi!«

Dieser kam auf den Ruf seines Freundes eiligst herbeigerannt und fragte, was es gäbe?

»Freude! Freude!« rief ihm William entgegen. »Unser Garten ist unversehrt und die Melonen stehen in vollster Blüte.« –

Kolbi, der nicht wußte, welch' eine köstliche Frucht die Melone sei, bezeigte weniger Freude, als William erwartet hatte, und sagte sogar verdrießlich:

»Da sie uns alles Andere zerstört haben, hätten sie den Garten auch noch zerstören können!«

– »So denke und spreche ich nicht,« versetzte William etwas geärgert durch die Gleichgültigkeit seines Freundes; »ich danke vielmehr Gott, daß er uns diese Freude noch ließ.« –

– »Ich würde deinem Gott auch gedankt haben, obgleich ich ihn noch nicht recht kenne und mich fast so sehr vor ihm fürchte, wie vor dem bösen Geiste Potayan, wenn er uns die Hütte und alles Andere auch bewahrt hätte: da nun aber die Hütte in Trümmer liegt und unsere Gefäße zerschlagen sind, hätte er die Blumen immerhin auch mit zerstören lassen können; denn Blumen, und viel schönere als diese, blühen ja überall.«

– »Wenn du erst einmal die Früchte dieser Blumen gekostet haben wirst,« versetzte William, »dann wirst du anders sprechen; ich aber danke meinem Gott, der ein freundlicher Gott ist, für die kleine Gabe, wie für die große.«

Er verließ mit diesen Worten Kolbi, um nach seinen Orangenbäumchen zu sehen, die ihm fast eben so sehr am Herzen lagen, als die Melonen, obgleich er wußte, daß er noch viele Jahre würde warten müssen, bevor er von ihnen Früchte zu ernten erwarten durfte. Zu seiner nicht geringen Freude waren auch sie, wie alles Andere, unversehrt; ja sie hatten während der Regenzeit artige Blättchen getrieben und sahen ganz frisch und kräftig aus.

Als er Alles gehörig besehen hatte und eben wieder zu Kolbi zurückkehren wollte, der traurig neben den Trümmern der Hütte saß, hörte er die Worte rufen:

– »Gieb Futter! Gieb Futter!«

– »Ach! da bist auch du noch?!« rief er freudig bewegt aus und ging auf die Gegend zu, von welcher der Ton gekommen war. Lange konnte er das artige Thierchen nicht finden; es hatte sich unter der Gartenmauer verkrochen, verrieth sich aber bald durch seinen wiederholten Ruf: »Gieb Futter! Gieb Futter!«

Endlich entdeckte William seinen Schlupfwinkel, und als er die Hand hineinsteckte, hüpfte das artige Thier – Ihr werdet schon errathen haben, daß es der Königspapagei war – ihm auf dieselbe, und sah ihn mit klugen Blicken an, als er es in die Höhe hob.

William trug ihn sogleich zu dem trauernden Kolbi, dessen Gesicht beim Anblick seines Lieblings vor Freude verklärt wurde. Der Verlust des Papageis war ihm fast eben so nahe gegangen, als der der Hütte und alles Andern, und so hatte er durch das Wiederfinden desselben auch seine Freude in der Trübsal. Er nahm ihn von Williams Hand auf die seinige und streichelte ihn mit der andern, was das Thierchen sich willig gefallen ließ.

– »Höre,« sagte dann Kolbi, »nun mag ich deinen guten Geist, den du Gott nennst, schon besser leiden; daß er uns den lieben Vogel wieder gab, war wirklich recht gut von ihm.«

– »Du wirst den lieben Gott schon noch näher kennen und ihn dann eben so lieben lernen, wie ich ihn liebe,« war Williams Antwort.

– »Wenn er aber so gut ist, wie du sagst,« versetzte Kolbi, »weshalb ließ er denn die Feinde an das Eiland kommen und unsern Dingo tödten, unsre Hütte zerstören, unsre Gefäße zertrümmern? Du sagst mir immer, daß er eine so große Macht habe und Alles könne, was er wolle; so hätte er ja auch die Feinde abhalten können, uns so großen Schaden zuzufügen und uns in solche Angst zu versetzen?«

»Ich weiß noch nicht,« versetzte William ernst, »wozu es gut und für uns heilsam war, daß wir dieses Unheil erfahren mußten; allein ich hege das feste Vertrauen zu der Gnade, Weisheit und Freundlichkeit meines Gottes, daß er es auch in dieser Prüfung gut mit uns meinte, und daß sie zu unserm wahren Heile dienen werde.«

Kolbi konnte dies noch nicht recht verstehen, sondern schüttelte bedenklich das Haupt und meinte: Gottes Güte offenbare sich nur in dem seinen Geschöpfen verliehenen Glücke. Er sollte aber, zu seinem Heile, eines Bessern belehrt und davon überzeugt werden, daß Gott seine Menschen eben am meisten liebt, wenn er ihnen Trübsal sendet. William legte indeß nicht lange die Hände in den Schooß, sondern machte sich sogleich davon, die Trümmer der Hütte zu untersuchen, um zu sehen, ob die Wiederherstellung derselben wohl möglich sein würde. Diese Untersuchung gewährte aber ein ziemlich trostloses Resultat: weit über die Hälfte der Bretter war verbrannt und der noch übrig gebliebene Theil in einem solchen Zustande, daß an den Wiederaufbau nicht gedacht werden konnte; ja, der Rest der Bretter reichte nicht einmal hin, das Dach einer von großen Steinen ausgeführten Hütte zu decken. Das war dann freilich eine ziemlich trostlose Aussicht, um so mehr, da die Höhle noch immer von den Ameisen bewohnt wurde, die sich für immer häuslich darin niedergelassen zu haben schienen. Indeß mußte doch ernstlich auf ein sicheres Obdach gedacht werden, da, wenn wieder ein Unwetter eintreten sollte, sie ohne ein solches nicht hätten sein können.

Die Sache hatte indeß große Schwierigkeiten, denn einestheils hatte man bereits die in der Nähe aufzutreibenden größern Steine zur Umzäunung des Gartens benutzt, und die Gartenmauer wieder einzureißen, dazu konnte William sich nicht verstehen, da er sich des vielen vergossenen Schweißes erinnerte, unter dem sie die nöthigen Steine herbeigeschafft und aufgethürmt hatten; anderntheils wurden zum Bau der Hütte eine so große Menge von Steinen erfordert, daß man Monate lang daran hätte schleppen müssen, und doch war das Bedürfniß eines schützenden Obdachs so dringend. Die Mauern, welche die Hütte bilden sollten, mußten von einer doppelten Lage von Steinen aufgeführt werden, damit sich die eine Lage gegen die andere stütze; denn man hatte ja keinen Mörtel, um die Steine gehörig miteinander zu verbinden und aneinander zu befestigen.

»Es sieht sehr schlimm um uns aus,« sagte William zu Kolbi, der sich wie ein Kind noch immer mit dem wiedergefundenen Papagei beschäftigte und für nichts Anderes Sinn zu haben schien, »es sieht sehr schlimm um uns aus, und wir werden, fürchte ich, noch manche Nacht unter freiem Himmel zubringen müssen, bevor wir wieder eine neue Hütte haben werden.«

»Daß wir unter freiem Himmel schlafen, ist nicht nöthig,« versetzte Kolbi mit gleichgültigem Tone; »für mich wäre das übrigens kein allzugroßes Unglück, da ich daran gewöhnt bin,« fügte er hinzu, »und Regen und Unwetter wird es sobald wohl nicht wieder geben: hat doch der böse Geist alles Wasser ausgegossen und muß erst neues wieder sammeln, um es über uns auszuschütten.«

»Ich aber fürchte mich davor, unter freiem Himmel übernachten zu müssen,« nahm William wieder das Wort, »weiß ich doch, wie nachtheilig das auf meine Gesundheit wirkt.«

»Nun, so arbeiten wir nur am Tage hier,« versetzte Kolbi, »und kriechen Nachts in die Höhle des Koala, die nicht allzuweit von hier ist. Das Thier wird sie uns schon noch längere Zeit abtreten müssen und sollte es sich zudringlich zeigen, so haben wir ja noch unsere Axt, um es todt schlagen zu können.«

William, der an diesen Ausweg nicht gedacht hatte, war sehr erfreut über Kolbis Vorschlag und nahm ihn mit Freuden an. Dann wurde sogleich zum Werk geschritten: man räumte die Trümmer weg, legte alles brauchbare Holz auf die Seite, reinigte den Boden und schleppte Steine herbei, welches letztere freilich eine unendlich mühsame Arbeit war, da man die Steine zum Theil sehr weit suchen mußte. Indeß verlor man trotz dem den Muth nicht und auch die Kräfte reichten aus, da man sie durch eine gehörige Nahrung und einen gesunden Schlaf wieder stärkte.

Auch für eine größere Bequemlichkeit in der Höhle des armen Koala wurde gesorgt, indem man sie so erweiterte, daß Beide bequem Platz nebeneinander fanden, und man den Boden mit ausgerauftem Grase bedeckte, das ein weiches, duftiges Lager bildete.

Man arbeitete unausgesetzt den ganzen Tag über, mit Ausnahme der Zeit, deren man zur Zubereitung und zum Genusse der Speisen bedurfte, und schon nach etwa vierzehn Tagen hatte die Steinmauer, die man in einem regelrechten Viereck aufführte, die halbe Höhe ihres Leibes erreicht. Mit herzinniger Freude sahen unsere Freunde ihr mühsames Werk mit jedem Tage mehr wachsen, und so sauer ihnen auch manchmal der Transport der schweren Steine wurde, die noch obendrein bergauf geschleppt werden mußten, so hörte man doch keine Klage von ihnen, und unter fröhlichen Gesprächen und Gesängen schritt das Werk vorwärts.

Die Melonen waren indessen auch nicht faul, und gaben sich Mühe zu wachsen, wie mir einstmals ein kleiner Knabe naiv von den über Nacht aufgebrochenen Blumen sagte. Die Ranken breiteten sich bereits über eine große Fläche des Bodens aus und die Blätter hatten eine in Europa nicht vorkommende Größe erreicht; unter ihnen aber reifte still die herrliche, saftreiche und duftige Frucht, die hier, unter dem heißen Himmelsstriche, die Größe eines mäßigen Kürbis erreicht. Es war der Samen der schönen Netzmelone gewesen, den William gefunden und der Erde anvertraut hatte. Jeden Tag bildete sich das weißliche Netz deutlicher auf der grüngelben Fläche der Frucht aus, und endlich ließ sich eine davon bereits etwas weicher anfühlen, so daß William meinte, man könne schon zum Genusse derselben schreiten.

Es würde mir schwer werden, Euch zu beschreiben, mit welchen Empfindungen unser Freund sein Messer hervorzog, um die Frucht abzuschneiden; ich möchte sie eine heilige nennen, denn seine Seele war mit Dank gegen Gott, den Geber alles Guten, erfüllt; Kolbi aber stand ziemlich gleichgültig dabei und sah zu, wie William die Melone abschnitt und aufhob; ihn ergötzte noch nichts daran, als die Größe der Frucht und ihr ungewohntes Ansehen; Gott für die Gabe zu danken, kam ihm aber nicht in den Sinn.

William trug indeß die Melone unter einen großen Gummi-Baum, holte ein Stückchen Brett herbei, legte es auf den Boden und die Melone darauf, um sie auf diesem improvisirten Teller zu zerschneiden. So wie das Messer hineindrang, fuhr ein hochgelber Saft aus der Wunde hervor, die er der Frucht beigebracht hatte, so daß ihm das Wasser schon im Munde zusammenlief; dann schnitt er ein Paar tüchtige Schnitte ab und gab erst Kolbi eine, dann nahm er selbst eine andere und biß hinein. O, wie süß schmeckte die Frucht, wie duftig, wie labend war sie, wie angenehm kühlend!

Kolbi sagte nichts, aber nicht, weil ihm die Melone nicht schmeckte, sondern weil sie ihm so gut schmeckte, wie noch nie etwas in seinem Leben; das Entzücken beraubte ihn der Sprache und er kaute mit beiden Backen.

»Nun,« sagte William, der ihm mit Vergnügen zusah, »nun, wie schmeckt Dir die Melone? und war es nicht ein Glück, daß die Feinde die lieben Pflänzchen verschonten? Gelt, Du hast jetzt auch Deine Freude daran, Kolbi?«

»Ein großes Glück war es, daß sie die Pflanzen nicht auch zerstörten, wie alles Andere,« versetzte Kolbi, indem er sich die vom Safte der Frucht beträufelten Finger ableckte – denn ein manierlicher Esser war der arme Wilde noch keineswegs; – »ein großes Glück, William! Du aber bist sehr geschickt, daß Du solche gute Melonen machen kannst! ich könnte das nicht!«

»Ich habe sie nicht gemacht,« war Williams Antwort; »sie ist eine Gabe unseres lieben Vaters im Himmel, des guten Gottes.«

»O, Du willst mir etwas vorlügen,« sagte Kolbi schlau lächelnd; »aber Kolbi ist nicht so dumm, Kolbi hat gesehen, wie Du die Melonen gemacht hast, und er glaubt Dir nicht, daß Dein Gott sie gemacht habe.«

»Ich konnte nichts weiter thun, als daß ich die gefundenen Kerne in die Erde steckte,« versetzte William; »aber diese Kerne waren ein Werk, ein Geschenk Gottes, und er gab Sonnenschein und Regen und das liebe Erdreich dazu, in denen sie wuchsen und gediehen; ich konnte weder die Erde, noch Sonnenschein und Regen machen, das konnte nur Gott.«

Kolbi antwortete seinem Freunde nicht, denn er war noch nicht im Stande, ihn zu verstehen; er starrte aber lange vor sich hin, als wenn er recht ernstlich über die Sache nachdächte, dann sagte er:

»Höre William, wenn es wahr ist, daß dein Gott die Melonen gemacht hat – und ich glaube es Dir, weil Du Kolbi noch niemals belogen hast – so will ich ihn auch lieb haben, lieber als den guten Geist Koyan, den wir anrufen, wenn wir in Noth sind oder etwas haben wollen; denn Koyan kann so gute Melonen nicht machen. Wenn meine Brüder diese Melonen schmeckten, und ich ihnen sagte: die hat der Gott der weißen Leute gemacht, so würden sie ihn auch lieben, wie ich ihn jetzt liebe.«

»Thue das,« versetzte William gerührt, »und danke ihm zugleich für die herrliche Gabe.«

»Kann er denn meinen Dank hören?« fragte Kolbi verwundert und sah sich fast ängstlich nach allen Seiten um, als fürchte er, Gott, zu erblicken.

»Wohl kann er das,« versetzte William.

»Er ist ja aber nicht da und ich sehe ihn nirgends?«

»Er ist unsichtbar, aber überall,« war die Antwort.

Das verstand Kolbi wieder nicht, selbst da nicht, als William ihn darauf aufmerksam machte, daß man in seinem Lande doch auch an einen guten und bösen Geist glaube, obgleich ihn keiner gesehen.

»O, die hat man wohl gesehen!« versetzte Kolbi.

»Sahst Du sie denn je?« fragte William.

»Nein, ich nicht, auch keiner meiner Brüder; aber die Zauberer sahen sie und sprachen mit ihnen,« versetzte Kolbi.

»Das glaube ich nicht,« erwiederte William; »Eure Zauberer sind Lügner, wenn sie das sagen; den guten Geist, wie Ihr den nennt, den wir Gott nennen, sieht Niemand, hört Niemand: er ist unsichtbar, wie ich Dir schon gesagt habe.«

»Wie aber weiß man denn, daß er da ist?« fragte Kolbi.

»Man erkennt sein Dasein an seinen Werken.«

Das war wieder zu hoch für unsern armen, unwissenden Wilden; William aber wollte ihm die Sache gern deutlich machen und fuhr fort:

»Gesetzt, Du und ich, Kolbi, trennten uns auf einige Zeit; Du gingest dahin, ich dorthin und wir sähen einander auch gar nicht mehr, so würdest Du doch, wenn Du nach einiger Zeit hierher zurückkehrtest und die Hütte gänzlich vollendet fändest, bei Dir sagen: »die hat William fertig gemacht;« so würdest Du sagen, wenn Du mich auch gar nicht mehr sähest.«

»Ja, das würde ich; denn wer sonst sollte sie gemacht haben?« war Kolbis Antwort.

– »Sieh,« fuhr William fort, »eben so hat sich der liebe Gott in früherer Zeit den Menschen offenbaret, damit sie an sein Dasein glauben und ihn anbeten sollten; jetzt, wo sie das thun, redet er nicht mehr zu ihnen, sondern offenbart sich ihnen nur noch durch seine Werke. Er ist es, der die Welt geschaffen hat und erhält; der die Sonne, den Mond, die Sterne, das Meer, die Erde machte, der sie mit Menschen und Thieren bevölkerte, der Regen und Sonnenschein, Sturm und Gewitter giebt, der die Keime in der Erde sich entwickeln, die Pflanzen wachsen und gedeihen, die Frucht reifen läßt, damit sich seine Geschöpfe davon nähren, daran erfreuen. Er kann, was er will, denn er ist allmächtig; er will immer nur das Beste seiner Geschöpfe, denn er ist allgütig, er lenkt Alles zum Besten, denn er ist allweise, das heißt, er besitzt mehr Verstand und Einsicht, als alle seine übrigen Geschöpfe zusammen; er sieht und hört Alles, denn er ist allgegenwärtig

– »Höre William,« versetzte Kolbi nach einer ziemlich langen Pause, während welcher er ernstlich nachgedacht zu haben schien, »höre, ich will deinen Gott, von dem du so viel Gutes sagst, auch lieb haben, noch lieber, als den guten Geist, von dem die Zauberer erzählen.«

»Thue das, mein Kolbi,« antwortete ihm William, indem er ihm die Hand reichte, »und wenn du willst, lehre ich dich beten zu unserm guten Gott im Himmel; das Gebet, der Dank seiner Menschen sind ihm angenehm.«

– »Ach!« versetzte der arme Kolbi mit einem tiefen Seufzer, »wie werde ich das lernen können? bin ich doch dumm!«

– »Du bist keineswegs dumm, sondern nur unwissend,« antwortete ihm William; »dumm ist nur Der, der nichts lernen kann, unwissend aber, welcher wohl lernen könnte, bisher aber noch nichts gelernt hat.«

– »Es wäre ein großes Glück, wenn ich nicht dumm wäre und noch beten – sagtest du nicht so? – lernen könnte,« erwiederte Kolbi.

Unter diesen und ähnlichen Gesprächen verbrachten die Freunde ein sehr angenehmes Stündchen. Sie ließen sich dabei die Melone vortrefflich schmecken, von der William, ein guter Haushälter, die Kerne sorgfältig sammelte, um sie demnächst der lieben Erde wieder anzuvertrauen, damit sie neue Früchte trüge. Er trocknete sie, indem er sie auf ein großes Blatt legte, an der Sonne und steckte dann hie und da einen Kern in die Erde. Als sie emporkeimten, sah Kolbi nicht mehr mit Gleichgültigkeit auf die jungen Pflänzchen, sondern freute sich ihrer, wie früher William.

Die überflüssigen Kerne – Ihr werdet wissen, welch' eine Menge eine einzige Melone hat, und unsre Colonisten hatten davon mehr als hundert – blieben auch nicht unbenutzt. Der schöne zahme Papagei naschte nicht nur sehr gern von der duftigen Frucht, sondern fast lieber noch von den Kernen, die süßlich und sehr wohlschmeckend sind. Man gewann also ein sehr gutes und reichliches Futter für das liebe Thierchen und hatte nicht mehr nöthig, es mühsam zu suchen, was man früher gezwungen gewesen war zu thun.

Der Bau der Hütte rückte indeß vorwärts und da man jetzt Zeit hatte, an Alles zu denken, wurde im Hintergrunde derselben sogar ein Feuerherd angelegt, den man zwar nicht immer, wohl aber während eines heftigen Regens benutzen wollte. Man hatte nämlich während der Regentage große Mühe gehabt, die Hütte vor dem Verbrennen zu beschützen, da man gezwungen gewesen war, das Feuer in derselben anzumachen, weil der draußen fallende heftige Regen es ausgelöscht haben würde. Dazu gesellte sich noch ein höchst heftiger Rauch, dem man keinen Abzug geben konnte, weil man die Thüre nicht immer öffnen durfte. Diesen großen Unbequemlichkeiten sollte jetzt durch den Bau eines Heerdes und Schlotfanges abgeholfen werden. Die Sache war nicht eben leicht, aber William probirte so lange, bis sie gieng, und an Ausdauer übertrafen ihn Wenige. Zwar mußte er, um den Schlotfang bilden zu können, einige von seinen Brettern hergeben; allein die Sache war zu wichtig und so durfte er nicht anstehen, sie in's Werk zu richten. In allem Andern vertraute er Gott und hoffte mit Zuversicht auf seinen Beistand.

Endlich war die Hütte so weit, daß nur noch das Dach fehlte, aber um dieses stand es übel: die übrig gebliebenen Bretter reichten kaum zur Hälfte aus und an eine Thür war vollends nicht zu denken. Doch war letztere durchaus nothwendig, schon der giftigen Schlangen wegen, die ihnen unfehlbar nächtliche Besuche abstatten würden, wenn sie die Hütte nicht wohl verwahrten; hatten sie doch schon in der Erdhöhle des Koala Mühe genug, sich dieser feindlichen Gäste zu erwehren.

Die Sachen standen also ziemlich trostlos; man verlor jedoch den Muth nicht und beschloß, die ganze Insel, immer am Meeresstrande hingehend, zu umkreisen, in der Hoffnung, vielleicht noch einige Planken von dem gestrandeten Schiffe zu entdecken, auf dem William hergekommen, oder auch von einem andern, das von demselben unglücklichen Schicksale betroffen worden war.

Zu dieser Reise, obgleich die Insel nicht groß war, bedurfte es doch einiger Vorbereitungen, weil man nicht sicher sein konnte, überall Lebensmittel zu finden. Man mußte daher einige Vorräthe mit sich nehmen und ersah zu diesem ein paar Melonen, so wie eine Portion Pataten aus, die man in einem linnenen Quersacke mit sich nahm. Nachdem man Alles wohl bedacht und beschafft hatte, trat man in Gottes Namen die Wanderung an.