Vierzehntes Kapitel.
Als er am andern Morgen erwachte, hatte er Mühe sich zu überzeugen, daß die Erlebnisse der beiden vorhergehenden Tage nicht ein bloßer Traum gewesen sey, und erst als er Kolbi am Eingange der Höhle erblickte – dieser war etwas früher erwacht und aufgestanden als er – begriff er sein Glück. Auch er erhob sich, ging zu seinem jungen Freunde, gab diesem freundlich die Hand und kniete dann am Eingange der Höhle nieder, um Gott sein Morgen- und Dankgebet darzubringen. Kolbi, der glaubte, daß er Alles nachmachen müsse, was der »gute weiße Geist« – so nannte er unsern William noch – that, kniete neben ihm nieder und faltete eben so andächtig seine Hände, als hätte er gewußt, warum es sich handelte; davon hatte der Arme aber keinen Begriff.
William führte darauf Kolbi zu der Stelle, wo die Pataten wuchsen, damit er ihm behülflich sey, einige davon aus der Erde zu nehmen, weil sie ihr Frühstück damit halten wollten. Wie es schien, verstand sich der junge Wilde besser darauf, als er selbst; er brach einen Stecken vom nächsten Baume, und wühlte die Erde so schnell und geschickt damit auf, daß er eine Menge dieser eßbaren Knollen ans Tageslicht förderte. Als William ihn so gut unterrichtet sah, machte er Feuer an, um sie zu braten; Kolbi verstand auch jetzt, was er wollte, und trug die gewonnenen Früchte eilig herbei; jetzt aber mußte William seiner großen Geschäftigkeit Einhalt thun, denn der Wilde, der weder von Eckel noch Reinlichkeit viel wußte, wollte die Pataten mit aller daranhängender Erde an das Feuer legen und sie würden ihm auch so ganz vortrefflich gemundet haben. Aber nicht so William, dieser riß sie wieder vom Feuer, legte sie Kolbi in die Arme, nahm den Rest und eilte damit dem Bache zu, wohin ihm der Wilde nicht ohne einige Verwunderung folgte. Hier angelangt, wusch er erst die Frucht rein und bedeutete dann Kolbi durch Zeichen, daß er sie jetzt ans Feuer legen und braten lassen dürfe, was dieser auch that, ohne begreifen zu können, wozu die eben gesehene Procedur gut seyn konnte.
Nach eingenommenem Frühstücke führte William erst seinen Freund zu der Stelle, wo die Himbeeren in so großer Fülle wuchsen; auch diese kannte Kolbi und ließ sich nicht lange nöthigen, zuzugreifen. Als man sich gesättigt hatte, füllen sie ein mitgenommenes Beutelchen, das man unter den geretteten Sachen gefunden hatte, mit diesen duftigen Früchten an und auch die Ledertasche wurde mit Wasser angefüllt, worauf Beide wieder den Weg zum Strande antraten, um auch die zurückgebliebenen Bretter, Nägel, Balken u. s. w. zu bergen.
William, der jetzt schon klüger geworden war, hatte einige Endchen starken Bindgarns mitgenommen und befestigte vermittelst desselben einige Bretter so aneinander, daß sie eine Art von Schleife bildeten, worauf man bequem andere Bretter fortbringen konnte, indem man die Schleife hinter sich herzog. Nicht wenig mußte sich unser junger Freund über die Klugheit und Gelehrigkeit des Wilden wundern. So wie William etwas that, richtete er aufmerksam seine Blicke auf jede seiner Bewegungen, und es dauerte nicht lange, so hatte er seine Absicht begriffen, in die er dann eben so klug als geschickt und behende einging.
Welch ein Trost, welch eine Freude war der Besitz Kolbis für William! Zwar konnte er nicht anders, als durch Zeichen zu ihm reden; zwar verstand Keiner die Sprache des Andern; aber trotz dem unterhielten sie sich doch schon durch Blicke und Zeichen, die Kolbi schnell begriff, denn er war ein sehr gescheidter junger Mensch. Welch Entzücken war es für unsern Freund, als er wieder in ein Menschenauge blicken und Liebe und Dankbarkeit daran lesen konnte! Auch that Kolbi gar nicht mehr scheu gegen ihn, sondern bezeigte sich jetzt vollkommen zutraulich, und wenn er gleich William, seiner weißen Hautfarbe wegen, noch für ein überirdisches Wesen hielt, so fürchtete er sich doch nicht mehr vor ihm, wie er zu Anfang ihrer Bekanntschaft gethan hatte. Ihr müßt nämlich wissen, liebe Kinder, daß die Schwarzen sich den bösen Geist weiß malen, während wir den Teufel schwarz. Der Anblick eines Europäers, des ersten, den er in seinem Leben sah, war also wohl dazu geeignet, unserm armen Australier eine ungemessene Furcht einzuflößen. Fast drei Tage bedurfte man, um die geborgenen Schiffstrümmer zu der Höhle zu schaffen; denn auch den Spiegel des Schiffs hatte man fortbringen können, da man ihn vermittelst des gefundenen Beiles kleiner gemacht hatte. Am dritten Tage, als man den letzten Weg zum Strande – wenigstens für diesmal – machte, warf Kolbi plötzlich die Last, womit er seine Schultern beladen hatte, zu Boden, und ehe William es sich versah, hatte er den Stamm eines sehr hohen Baumes, fast bis zum Gipfel desselben, erklettert. William wußte nicht, was diese Erscheinung zu bedeuten habe, und stand erwartungsvoll unter dem Baume, um abzuwarten, was sein Gefährte da oben schaffen würde. Er sah, daß dieser mit der Hand in eine Höhlung des Baumes langte und sie bald wieder hervorzog; er hielt dabei, wie triumphirend, etwas in die Höhe; was es war, konnte aber William nicht unterscheiden, bis Kolbi wieder unten bei ihm anlangte.
Könnt Ihr vielleicht errathen, was der Wilde dort oben in dem Baume gesucht und gefunden hatte? Strengt einmal Euere Denkkraft an; solltet Ihr mein Räthsel aber nicht lösen, so will ich Euch den Schlüssel dazu in die Hand geben. Es gibt in Australien, eben so gut wie bei uns, Bienen.... – »O! nun wissen wir Dein Geheimniß schon!« rufen jetzt gewiß Viele von Euch: »Der Kolbi brachte eine Honigscheibe herunter; nicht wahr?«
Ja, eine Honigscheibe hielt er wirklich in der Hand, und zwar eine mit dem hellsten, schönsten Honig, den man sich nur denken kann. Gewohnt, mit seinen überaus scharfen Augen überall umherzuspähen, hatte er einige wilde Bienen entdeckt, welche die Spitze des Baumes umschwärmten und daraus geschlossen, daß er dort oben ein Nest finden würde. Daß er sich in dieser Voraussetzung nicht geirrt hatte, zeigte die Honigscheibe in seiner Hand. Mit der ihm eigenthümlichen rührenden Gutmüthigkeit bot er den leckern Fund seinem Freunde dar, bevor er selbst noch das Geringste davon gekostet hatte; William nahm das Geschenk zwar an, allein er wollte es mit ihm theilen, was Kolbi jedoch nicht litt, denn er sollte den Honig einmal allein behalten. William, der so vielen Honig nicht auf einmal genießen konnte, kostete etwas davon und beschloß den Rest für eine andere Zeit aufzuheben. Er legte ihn daher, so wie man in der Höhle angelangt war, auf einen Felsenvorsprung, denn Gefäße hatte man ja nicht, um ihn anders aufzuheben.
Mitten in der Nacht wurden beide Schläfer, trotz ihres festen Schlafs, durch ein höchst lästiges Kriechen und Krabbeln, das sie auf allen entblößten Theilen ihres Körpers – der arme Kolbi über seinen ganzen nackten Leib – empfunden, mehreremale aufgeweckt; sie waren aber so schlaftrunken, daß sie sogleich wieder einschliefen und erst gegen Morgen völlig munter wurden. Wie erschracken aber Beide, als sie sich anblickten! Jeder war über den ganzen Leib mit Ameisen bedeckt, die ihnen zwar nichts thaten, sondern nur über die beiden Schläfer weg, zu dem Honig krochen, dessen Geruch die ganze Ameisen-Nachbarschaft in die Höhle gelockt hatte; denn Süßigkeiten sind für diese Thierchen ein wahrhafter Leckerbissen, und sie gehen ihnen emsig nach.
Sobald Kolbi sah, was es gab, sprang er auf, entkleidete sich von der Binde, die er um seine Lenden gewunden hatte, und eilte, die Binde schwankend und schüttelnd, um sie von den lästigen Gästen zu befreien, dem Bache zu, indem er sich tüchtig badete und abwusch, um das lästige Brennen und Jucken los zu werden. William begriff, daß die von seinem Gefährten ergriffene Maßregel eine sehr ersprießliche sey, und folgte seinem Beispiele, was ihn sehr erfrischte.
Ein schlimmer Umstand trat aber jetzt ein: die Höhle war für sie, wenn auch vielleicht nicht für immer, doch für längere Zeit, verloren und man mußte sich beeilen, die darin geborgenen Sachen herauszunehmen. So lange die Ameisen nach dem Geruch des Honigs witterten, drangen sie in großen Zügen in die Höhle und es war nicht darauf zu rechnen, daß dieser Geruch sich sobald wieder verlieren würde, selbst wenn man den Honig herausnähme. Das war dann freilich eine betrübte Sache; sie entmuthigte indeß unsere Beiden nicht; hatte man doch jetzt Holz und Bretter genug, um sich eine Hütte bauen zu können, und noch an demselben Tage wurde der Anfang damit gemacht. William wollte aber eine solche nicht bloß für eine kurze Zeit, sondern gleich gehörig herstellen, und so mußte man es sich gefallen lassen, einige Nächte unter freiem Himmel zuzubringen. Man legte die Hütte auf einem kleinen Vorsprunge des Hügels, von wo aus man eine sehr reizende Aussicht auf das umliegende Thal hatte, an, und machte sie so geräumig, daß man nicht nur selbst Platz darin fand, sondern auch alle Geräthschaften bewahren und gegen die Einflüsse von Luft und Wetter schützen konnte.
Kolbi zeigte sich auch bei diesem Geschäfte überaus thätig und gelehrig. Man sah es ihm an, daß dieß nicht die erste Hütte war, die er erbaute; nur mit den europäischen Geräthschaften wußte er nicht umzugehen, und sah besonders William mit großem Erstaunen zu, als dieser vermittelst einer Säge, die von den Handwerkern der Fuchsschwanz genannt wird, ein Brett durchschnitt, das für den beabsichtigten Zweck zu lang war.
Beim Einrammen der das Dach der Hütte tragen sollenden Pfähle bewies sich Kolbi so geschickt, daß er William weit hinter sich ließ. Dieser war nämlich sehr um eine Schaufel oder eine Grabscheit verlegen, und wußte nicht, wie er ohne diese, ihm unentbehrlich scheinenden Instrumente ein gehörig tiefes Loch in die Erde graben sollte. Das verstand Kolbi aber vortrefflich: er suchte sich unter den vielen umherliegenden Steinen einen Stein aus, der fast die Form einer Schaufel hatte, legte sich neben der Stelle, wohin der Pfahl kommen sollte, auf den Bauch nieder und schaufelte jetzt mit beiden Händen die Erde so schnell weg, daß schon nach wenigen Minuten ein ziemlich tiefes Loch da war. Auch beim Befestigen der Pfähle zeigte er sich eben so geschickt. Erst schaufelte er alle ausgeworfene Erde davon, dann klopfte er den Boden fest und endlich trieb er in diesen noch Steine und Holzsplitter ein, was wesentlich dazu beitrug, die Stäbe recht fest zu machen.
Da William sah, daß er seinem Freunde diese Arbeit ruhig überlassen könne, machte er sich an andere, die er besser verstand. Die Schiffstrümmer enthielten eine große Menge Nägel von fast allen Größen; sie mußten aber erst herausgezogen und auf einem Steine gerade geklopft werden, bevor man sie nochmals gebrauchen konnte. Das war eine sehr schwierige Arbeit; allein William war es bereits gewohnt, mit vielen Hindernissen zu kämpfen, und so überwand er endlich auch diese. Die Menge von Nägeln, die er auf diese Weise gewann, war ein ordentlicher Schatz für ihn, auch verachtete er, die Wichtigkeit desselben einsehend, nicht das kleinste Stiftchen.
Bald standen die Pfähle und an die Bedachung konnte gedacht werden. William machte diese so gut und zierlich und das Ganze hatte überhaupt ein so gefälliges Ansehen, daß er selbst seine Freude daran hatte und Kolbi, der gewohnt war, sie auf andere Weise kund zu thun, die possierlichsten Freudensprünge machte. Sogar an eine Hausthüre konnte man denken, da es an einigen Hängen nicht fehlte, und es zeigte sich bald, wie gut man gethan hatte, die Hütte damit zu versehen. Das Wetter blieb nicht immer gut, sondern es kam eine sehr schlimme Zeit, von der ich Euch, meine Geliebten, späterhin erzählen werde.
Als die Hütte einigermaßen im Stande war, dachte William bereits auf einige Mobilien, als auf Tische und Bänke, die bisher noch gefehlt hatten. Die Arbeit ging zwar langsam von statten, aber er wurde dabei von Kolbi gut unterstützt, indem dieser schnell manchen Handgriff faßte und mit großer Beharrlichkeit bei der Arbeit aushielt. Ein großes Vergnügen war es dabei für William, Kolbi in seiner Muttersprache zu unterrichten. Er zeigte auf die verschiedenen Gegenstände und nannte bloß das Hauptwort, als: Sonne, Mond, Baum, Blume u. s. w., und zu seinem nicht geringen Erstaunen lernte Kolbi gleich nach dem ersten Namen die verschiedenen Namen der Gegenstände auswendig und wandte sie das nächstemal richtig an. Man hat überhaupt die Bemerkung gemacht, daß das Gedächtniß wilder Menschen sehr scharf ist und diese nicht nur schnell lernen, sondern das Gelernte auch gut behalten. Dies war ganz besonders bei Kolbi der Fall, den die Natur überhaupt mit ganz vortrefflichen Gaben ausgestattet hatte. In Hinsicht der Schnelligkeit, Biegsamkeit und Behendigkeit konnte kein Europäer sich mit ihm vergleichen; auch waren Gesicht, Geruch und Gehör von einer wirklich erstaunungswürdigen Schärfe.