Dreizehntes Kapitel.

Das Allernothwendigste hatte unser William jetzt: Wasser, um seinen Durst zu löschen, die Pataten, welche seinen Hunger stillten und endlich gar ein schützendes Obdach mit einem guten Lager; selbst an Leckereien fehlte es ihm nicht, da die schönsten Himbeeren, obschon an so niedrigen Sträuchen wie bei uns die Heidelbeeren, in so großer Fülle vorhanden waren, daß er sich vom Morgen bis zum Abende daran hätte satt essen können. Trotz dem aber fehlte ihm nicht nur Etwas, sondern sogar sehr Viel; besonders trug er ein großes Verlangen nach einer animalischen oder thierischen Kost, an die er von frühester Jugend auf gewöhnt worden war. Wie sich aber eine solche verschaffen? Er hatte weder eine Flinte noch Bogen und Pfeile, ja nicht einmal eine Schlinge vermochte er zu machen, weil er sich nicht darauf verstand, um irgend ein Thier darin zu fangen. Zwar hätte er Nachts, wo die wilde Katze oft auf längere Zeit auf Beute ausging, leicht eines der Kätzchen nehmen und es tödten können, dagegen aber sträubte sich sein Gefühl, auch vielleicht ein ihm selbst kaum bewußter Eckel gegen eine so ungewohnte Kost, und so blieben die wilden Kätzchen ungefährdet von ihrem menschlichen Nachbar.

Da das Verlangen nach einer veränderten Nahrung immer stärker wurde, beschloß er, den Weg zum Strande zu suchen. Er hegte die Hoffnung, dort vielleicht eine Schildkröte oder doch Muscheln zu finden, die er dann am Feuer braten und zur Speise bereiten wollte. Da ihm sehr daran gelegen sein mußte, den Rückweg zu seiner Höhle nicht zu verfehlen, ging er erst immer hart am Bache hin, dann aber, als dieser sich nach und nach zwischen dem immer höher und dichter werdenden Grase verlor, schnitt er mit seinem Messer ziemlich große Kerben an die zu Seiten seines Weges stehenden Bäume, wodurch er sich den Rückweg offen erhielt.

Lange wanderte er fort, ohne das Meer zu entdecken; endlich hörte er es, zu seiner nicht geringen Freude, hinter einem Felsen brausen und rauschen. Schnell erklomm er den Felsen und hatte jetzt das unermeßliche Meer vor sich, das an der Stelle, wo er sich befand, einen ziemlich tief in das Land hineingehenden Meerbusen bildete. Erstaunt und entzückt schaute er auf das großartige Schauspiel, das sich seinen Blicken darbot. Durch die lange Fahrt auf dem Ocean war er so vertraut mit dem Meere und dieses ihm so lieb geworden, daß ihm beim Anblick desselben die hellen Freudenthränen über die Wangen schossen. Hatte er doch auch besondere Ursache, es zu lieben, da ihm allein Rettung durch ein etwa an der Insel landendes Schiff kommen konnte. Nachdem er sich längere Zeit an Betrachtungen vergnügt hatte, stieg er den Felsen hinab, um am Strande nach eßbaren Muscheln – er träumte sogar von Austern, die man ihm in Hamburg als große Leckerbissen gerühmt hatte – zu suchen. Er fand zwar eine Menge der allerschönsten, buntesten Muscheln, die er unter andern Umständen gewiß begierig aufgelesen haben würde, jetzt aber unbeachtet liegen ließ, weil sie leer und von ihren frühern Bewohnern sämmtlich verlassen waren.

Statt des vergebens Gesuchten that er aber einen Fund, dessen Wichtigkeit ihm bald einleuchten sollte. Eine ziemliche Strecke vom Wasser entfernt, aber doch an der Grenze des Strandes, sah er einen Stein liegen – wenigstens hielt er eine Zeitlang den ihm auffallenden Gegenstand dafür – dessen regelmäßige Form seine Aufmerksamkeit erregte. Er näherte sich demselben mit eiligen Schritten und wie ward ihm, als er, statt des erwarteten Steins, eine braunroth angemalte Kiste fand! Er erkannte sie auf den ersten Blick für die des Schiffs-Zimmermanns der »Hoffnung«, auch war der Name dieses Mannes, wenn auch die mit weißer Oelfarbe darauf gemalten Buchstaben zum Theil abgerieben waren, noch ganz deutlich darauf zu lesen; über diesem Namen war das ihm so wohlbekannte Hamburger Wappen, die drei Thürme, mit dem sie haltenden Löwen daneben, in bunten Farben abgebildet.

Die hellen Thränen schossen ihm über die Wangen bei dieser unerwarteten Erinnerung an die geliebte Vaterstadt, an das Schiff, auf dem er den weiten Ocean durchschwommen, an die Mannschaft desselben, die jetzt tief im Meeresgrunde lag oder wohl schon die Beute gefräßiger Hayfische geworden war. Mit unaussprechlicher Rührung mußte er in diesem Augenblicke jedes gütigen, freundlichen Worts gedenken, das der Eine oder Andere dieser Männer während seines langen und steten Beisammenseins mit ihnen zu ihm gesprochen hatten, der fröhlichen Gesänge, die sie in ihren wenigen Musestunden erschallen ließen, der Mährchen und Sagen, deren sie eine so große Menge wußten, und mit anmuthiger Einfachheit zu erzählen verstanden; der kleinen Neckereien, die sie sich im harmlosen Scherze gegen einander erlaubten; der Belehrungen, die er von den Aelteren und Ernsteren empfing, wenn er diese oder jene Sache noch nicht anzugreifen verstand. Und das Alles war nun todt und hin; die fröhlichen Laute der bekannten Stimmen waren für immer erstorben; die bald heitern, bald ernsten Blicke erloschen, die Kraft dieser Muskeln gelähmt – todt! todt war so viel Leben und Regsamkeit!

Wer würde in diesem Augenblick wohl ungerührt geblieben sein? wer hätte in demselben wohl an die, unter den gegenwärtigen Umständen unermeßlichen Schätze denken können, die eben diese Kiste, welche unserm William heiße Thränen entlockte, in ihrem Innern barg? Er dachte gewiß im ersten Augenblick nicht daran, sondern kniete neben derselben nieder, küßte sie unter Thränen und nannte mit leiser, von Schluchzen unterbrochener Stimme den Namen des ehemaligen Besitzers. Dieser war, obschon äußerlich ein ernster, fast rauher Mann, doch im Grunde ein vortrefflicher, wohlmeinender Mensch gewesen, der besonders unserm jungen Freunde sehr gewogen war und ihm manchen Liebesdienst erwiesen hatte.

William war so in Schmerz und Erinnerung versunken, daß er nicht bemerkte, daß es bereits Abend geworden war, und zu dunkeln begann. Als er sich endlich aufraffte und an die Rückkehr nach seiner Höhle dachte, war es bereits zu spät dazu und er mußte sich entschließen, die Nacht am Strande zuzubringen, da er, wenn er den Rückweg angetreten, sich leicht hätte verirren können, weil er die an den Bäumen gemachten Einschnitte nicht mehr erkennen konnte. Er bereitete sich daher ein Lager am Strande, indem er sich gewissermaßen in den warmen Sand einwühlte, und lehnte das müde Haupt gegen die geliebte Kiste.

Erst spät, als bereits der Vollmond hoch am Himmel stand, schlief er ein und träumte von der geliebten Heimath, von der theuren, über Alles theuren Mutter, von seinen Gespielen und Schulgenossen. O, er war noch einmal vollkommen glücklich; aber ach! der erste im Osten sich zeigende Strahl der Sonne verscheuchte dieses holde Glück, indem er ihn weckte. Er rieb sich die Augen, seufzte tief auf, indem er um sich blickte, und erhob sich schwankend von seinem beweglichen Lager.

Der Gedanke, wie nützlich ihm der Inhalt der Kiste werden könne, konnte nicht lange ausbleiben; zugleich aber erhoben sich in seiner Seele Bedenklichkeiten über sein Recht, sich die darin enthaltenen Sachen aneignen zu dürfen, und lange kämpfte er mit sich selbst darüber. Endlich sagte er sich, daß einmal der frühere Besitzer dieser Kiste aller Wahrscheinlichkeit nach todt, dann aber für ihn keine Möglichkeit vorhanden sei, selbst wenn er lebte, sie ihm wieder zuzustellen. Ferner war die Noth, in der er sich befand, so groß und er aller sonstigen Hülfe so gänzlich beraubt, daß er meinte, Gott werde es ihm schon vergeben, daß er sich des Inhalts der Kiste bemächtige und zu seinem Besten verwende.

Eine andere Frage, nachdem er diese beseitigt hatte, war nun die, wie er die Kiste öffnen solle? Der Zimmermann hatte sie aller Wahrscheinlichkeit nach selbst und, da er ein tüchtiger Mann in seinem Geschäfte war, gewiß sehr fest gebaut. Zwar hätte er trotz dem den Deckel leicht mit einem großen und kantigen Steine zerschlagen können; allein zu diesem Auswege, der ihm noch übrig blieb, wenn kein anderer sich erdenken ließ, konnte er immer noch greifen und der Gedanke, die Kiste ganz zu erhalten, war ihm so angenehm, daß er lieber erst alles Andere versuchen, als sie zertrümmern wollte. Er hatte bemerkt, daß die Schlosser mit einem an der Spitze etwas krumm gebogenen Instrumente von Eisen leicht zugesprungene Schlösser aufmachten, und da er als ein kluger und aufmerksamer Knabe sich alle dabei angewandten Handgriffe gemerkt hatte, kam es nur darauf an, daß er einen gehörig starken Nagel fände, der dann vermittelst eines statt des Hammers dienenden Steins leicht die gehörige Form erhalten könnte. Er ging also, um einen Nagel zu suchen, noch etwas weiter den Strand hinauf.

Dieser Weg wurde ihm reichlich belohnt, indem er noch eine Menge Schiffstrümmer, sogar den ganzen Spiegel des gescheiterten Schiffs, und einige Tonnen mit Zwieback am Ufer fand. Seine Freude bei diesem unerwarteten Anblick war nicht gering und er machte sich sogleich ans Werk, die Trümmer weiter auf den Strand hinauf zu ziehen, damit nicht etwa eine höher gehende See sie wieder ins Meer zurückführte. Wie vielen Schweiß vergoß er bei dieser, seine Kräfte fast übersteigenden Arbeit; aber obgleich ihn Hunger und Durst nicht wenig bei derselben quälten, versagte er sich doch die Befriedigung dieser dringenden Bedürfnisse, um seinen Schatz erst in Sicherheit zu bringen. Jedes Stückchen Brett, mochte es auch schon halb zertrümmert sein, war ein Schatz für ihn, dem es an allem fehlte. Nur den Spiegel des Schiffs vermochte er, seiner Schwere wegen, nicht von der Stelle zu bringen, und ihn zu zertrümmern, dazu fehlte es ihm an den gehörigen Geräthschaften. Was hätte er nicht jetzt darum gegeben, einen Genossen zu haben, der ihm hülfreiche Hand bei der sauren Arbeit leistete!

Als er das, was ihm möglich gewesen war zu retten, höher auf den Strand und somit in Sicherheit gebracht hatte, dachte er zunächst daran, seinen Hunger und Durst zu stillen und freute sich in seinem Herzen nicht wenig, den ersteren mit dem in den Tonnen enthaltenen Zwiebacke stillen zu können. Er zerschlug daher eine derselben und die Zwiebacke kamen zu Tage; aber ach! sie hatten sich, aufgeweicht durch das Seewasser, in einen Brei verwandelt und dieser schmeckte so salzig und bitter, daß er nicht einen Mund voll davon herunter zu würgen vermochte.

Die Hoffnung, die er auf diesen Fund gesetzt hatte, war also eine vergebliche gewesen, und er mußte sich nach einem andern Nahrungsmittel umsehen. In der Nähe war dieses nicht zu finden, was ihn sehr betrübte, da er mit dem Aufsuchen so viele Zeit verlieren mußte; denn auch mit der Hoffnung, Muscheln am Strande zu finden, war es nichts gewesen. Erst nach langem, fruchtlosen Umherirren fand er einen Baum, der große Aehnlichkeit mit unserm Birnbaume und eine Frucht wie dieser hatte.

»Ha! Birnen!« rief er bei diesem willkommenen Anblicke mit freudig bewegter Stimme aus, und schon nach wenigen Augenblicken hatte er zehn bis zwölf Stück mit einem Stecken, den er sich geschnitten, heruntergeschlagen. Jetzt sollte es ans Schmausen gehen; aber o weh! wie bitter sah sich unser William abermals in seiner Hoffnung getäuscht! Die ihn so lieblich anlächelnden Birnen waren nichts weiter, als die Saamenkapseln eines dem Birnbaum ähnlichen Baumes und die Schale war so hart, daß sie seinen tüchtigen Zähnen Trotz bot. Er ließ sie also liegen und setzte, etwas entmuthigt, seine Wanderung fort. Die gleichfalls nicht eben einladenden, aber doch genießbaren Kirschen mußten endlich aushelfen und waren deßhalb willkommen, weil sie den Hunger und Durst zugleich stillten. Er aß eine tüchtige Portion davon, legte sich dann unter den Schatten eines prachtvollen, seine Aeste weit ausstreckenden Gummi-Baumes nieder und verfiel in einen sanften Schlaf.

Zwar hatte er sich beim Einschlafen vorgenommen, nur ein Stündchen zu ruhen und dann an den Strand zu gehen, um seine Kiste zu öffnen; allein aus dem sich gegönnten Stündchen wurden drei bis vier Stunden und als er endlich wieder erwachte, sank die Sonne bereits in das Meer hinab, so daß er eilen mußte, wenn er den Strand noch vor Dunkelwerden wieder erreichen wollte. In der Eile mochte unser Freund aber nicht auf den rechten Weg gemerkt haben, denn das Meer wollte sich noch immer seinen Blicken nicht zeigen und doch dunkelte es bereits. Endlich mußte er für diesen Abend die Hoffnung gänzlich aufgeben, seine Schätze noch zu erreichen und es blieb ihm weiter nichts übrig, als Schutz und nächtliche Ruhe unter freiem Himmel oder einem stark belaubten Baume zu suchen. Früh, mit Anbruch des Tages, weckten ihn aber die empfindliche Morgenkühle und der überaus stark gefallene Thau, der bereits seine wenigen Kleidungsstücke gänzlich durchnäßt hatte. Da er jetzt schon die Gefahr einer solchen Durchnässung kannte, sprang er schnell auf und machte sich eilig auf den Weg, um sein Blut wieder in Bewegung zu setzen. Er war noch keine halbe Stunde gegangen, so vernahm er aus der Ferne das Brausen und Rauschen der Wellen, die seinem Ohre wie die lieblichste Musik erklangen, und nicht lange, so stand er wieder an dem heißersehnten Meeresstrande, zwar in einiger Entfernung von den geborgenen Schätzen, aber doch so nahe, daß er sie bereits mit seinen scharfen Blicken erreichen konnte.

Als er ihnen näher kam, fiel es ihm nicht wenig auf, daß er sich etwas Lebendiges zwischen den Schiffstrümmern bewegen und hin und hergehen sah. Sein erster Gedanke war, daß es vermuthlich ein Raubthier sei; denn vor diesen fürchtete er sich immer noch, da er nicht wußte, daß Australien keine fleischfressenden Thiere besitzt, die dem Menschen gefährlich werden. Als er aber, schüchtern und mit großer Vorsicht näher ging, bemerkte er, zu seiner nicht geringen Ueberraschung, daß sein vermeintlicher Feind auf zwei Beinen und aufrecht ging.

»Gewiß ein Affe, vielleicht gar ein Urang-Utang!« sagte er bei sich. Er irrte aber in dieser Voraussetzung, denn auch Thiere dieser Gattung sind in Australien nicht zu Hause.

Sein Erstaunen erreichte aber den höchsten Grad, als er am Strande, unfern der von ihm geborgenen Sachen, ein Canot, oder indianisches Boot, erblickte. Es hatte die Gestalt eines großen Troges und war aus einem ausgehöhlten Baumstamme gemacht. Aus Vorsicht hatte der Besitzer desselben es auf den Strand gezogen, was sich seiner Leichtigkeit und Kleinheit wegen leicht bewerkstelligen ließ.

William, der sich jetzt vor einem vielleicht Menschen fressenden Wilden, wie zuvor vor Löwen und Tigern, fürchtete, ging nur langsam und mit großer Vorsicht auf den Wilden zu, der seinerseits so ämsig mit dem Aufschlagen der Kiste beschäftigt war, daß er die Ankunft unsers Freundes nicht eher bemerkte, als bis dieser ihm ganz nahe stand.

Ein Schrei des Entsetzens entfuhr dem armen Wilden, der ein Knabe von dreizehn bis vierzehn Jahren zu sein schien, krauses Haar und eine ziemlich dunkle Hautfarbe, aber im Uebrigen einen sehr wohlgebildeten Körper hatte, so bald er eines Menschen ansichtig wurde, wie er noch nie zuvor einen gesehen. Er glaubte ohne Zweifel den weißen Geist, eine Gottheit, die von diesen Wilden angebetet und sehr gefürchtet wird, vor sich zu haben und stürzte zur Erde nieder, das Gesicht gegen den Boden drückend und die Hände weit von sich streckend. Dabei stieß er so erbärmliche, seltsam klingende Töne aus, daß William sich kaum eines Lächelns erwehren konnte, so wenig ihm auch sonst darnach zu Muthe war. Der Augenblick, wo er einen Menschen wiederfand, war ja ein großer, überaus wichtiger für ihn.

Da William sah, daß er Furcht einflößte, schwand natürlich die seinige und das Mitleid mit dem armen, zitternden Wilden nahm die Stelle derselben ein. Er bückte sich zu dem armen Kolbi – dies war sein Name, wie er späterhin erfuhr – nieder und berührte seinen nackten Körper sanft mit der Hand, indem er ihm gute Worte gab und ihm Muth einzusprechen suchte. Aber Kolbi verstand ihn nicht und die sanfte Berührung von Seiten des vermeinten Geistes vermehrte dermaßen sein Entsetzen, daß sein armer Körper wie ein Espenlaub zitterte.

William, der nicht wußte, was er anfangen sollte, um den armen Knaben zu beruhigen, kniete neben ihm nieder, streichelte seinen Kopf und sprach in so sanften Tönen zu ihm, daß es dem armen Zitternden, obgleich er seine Worte nicht verstehen konnte, doch begreiflich wurde, daß er nichts Böses von ihm zu befürchten habe. Er erhob also das Haupt etwas vom Boden und sah unsern William von der Seite an; so wie er ihm aber in das Gesicht sah, schauderte er sichtbar zusammen und schloß die Augen wieder, ganz wie der Strauß es machen soll, der seinen Kopf in den Busch steckt und meint, sein Verfolger sehe ihn nicht, weil er diesen nicht mehr sieht.

Endlich gelang es unserm jungen Freunde doch, dem Wilden einiges Vertrauen einzuflößen; Kolbi erhob sich wenn gleich noch leise zitternd, und reichte dem weißen Manne sogar die Hand, als dieser ihm die seinige bot. Beide gingen jetzt wieder zu der Kiste, die William so sehr am Herzen lag. Kolbi hatte ihm die Mühe erspart, das Schloß vermittelst eines krumm gebogenen Nagels zu öffnen, indem er in seinem Unverstande den Deckel mit einem Stein zertrümmert hatte, so daß der Inhalt bereits zu Tage lag. Diesen bildeten, außer Wäsche und Kleidungsstücken, etwas Geld, das für William jetzt ohne allen Werth war, da er nichts dafür kaufen konnte, eine Menge sehr guter Handwerksgeräthe, als Sägen, Hobel, Bohrer, Hammer, ein Beil, Meissel u. dgl. m., einige Seecharten, ein Gebet- und Gesangbuch und endlich eine silberne Uhr, die zwar still stand, weil sie nicht aufgezogen war, aber durchaus nicht gelitten hatte, wie überhaupt die Sachen in der Kiste nicht. Denn der brave Zimmermann hatte seine Lade so tüchtig gearbeitet und sogar das Schlüsselloch mit einem so gut schließenden Schieber versehen, daß auch nicht ein Tropfen Seewasser in das Behältniß gedrungen war.

Der Anblick der Uhr machte William eine außerordentliche Freude, und da der Schlüssel an einer schweren silbernen Kette daran hing, zog er sie gleich auf; sie ging! Kolbi sah Alles, was er that, mit neugierigem Erstaunen an; als ihm William aber die Uhr vor das Ohr hielt, damit er sie picken höre, erschrack er nochmals so, daß er fast wieder zur Erde gefallen wäre, und die Uhr angebetet hätte, wie früher unsern Freund; ja, das lebhafteste Entsetzen spiegelte sich in seinen Blicken ab, als er William den vermeinten Gott in seine Tasche stecken sah.

Unser Schiffbrüchiger war durch das Auffinden der Kiste und der Trümmer des Schiffs, weit mehr aber noch durch das Begegnen Kolbis auf einmal zu einem Reichthum gelangt, den er nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Es gelang ihm auch, dem jungen Wilden ein so großes Vertrauen einzuflößen, daß dieser ihm, als er gegen Abend zu seiner geliebten Höhle zurückkehrte, willig dahin folgte. Kolbi war ihm von sehr großem Nutzen, indem er einen Theil dessen, was William gleich in Sicherheit bringen wollte, auf seine starken Schultern nahm, so daß, da Beide trugen, der werthvolle Inhalt der Kiste gleich in die Höhle geschafft wurde. Nicht wenig erstaunte Kolbi, als er William, so wie sie in derselben angelangt waren, vermittelst eines gleichfalls gefundenen Feuerstahls, Schwamms und Steines Feuer anmachen, und die Pataten daran legen sah. Als diese gehörig gebraten waren, theilte William sein einfaches Mahl mit seinem schwarzen Freunde, der vermuthlich lange keine so gute Kost genossen hatte, denn er ließ es sich vortrefflich schmecken und auch keine einzige Patate blieb übrig. Auch William hatte den besten Appetit von der Welt; in zwei Tagen waren es nur Kirschen gewesen, mit denen er ihn hatte stillen können, und so war ihm die derbere Nahrung jetzt sehr erwünscht.

Als Beide sich gehörig gesättigt und ihren Durst durch einen frischen Trunk aus der Quelle gestillt hatten, legten sie sich auf dem weichen Lager, einträchtig wie Brüder, neben einander nieder und schliefen bald ein; unser William jedoch erst, nachdem er die Pflicht des Dankes gegen seinen so gnädigen und gütigen Vater im Himmel erfüllt hatte, und o! für wie viel Gutes hatte er ihm nicht mit gerührter Seele am Abende dieses Tags zu danken!

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