Der Ball
Was ist der Salon während eines lustigen Walzers? Er ist nur eine Zugabe zum Tanzsaal und die Zufluchtsstätte für Mütter. Aber die kluge Lubow Aleksejewna benutzte die Gutmütigkeit ihres Gatten (er besaß keinen einzigen Feind) sowie ihr mitgebrachtes, riesiges Vermögen, schließlich auch den Umstand, daß ihr Haus gegen alles außer Tanzen höchst gleichgültig war und so ein neutrales Zentrum für alle bildete — dies alles benutzte die kluge Lubow Aleksejewna, um, — dem Gatten das Dirigieren im Tanzsaal überlassend — selbst die Begegnungen der verschiedensten Persönlichkeiten zu vermitteln; bei ihr trafen sich die Führer der verschiedensten Parteien; der Publizist mit dem Departementsverwalter; der Demagoge mit dem Antisemiten. In ihrem Hause verkehrte, speiste sogar Apollon Apollonowitsch.
Und während Nikolai Petrowitsch im Tanzsaal das Contredance durch neue Figuren verwickelte — verwickelte und entwickelte sich zur gleichen Zeit in dem gegen alles gleichgültig freundlichen Salon manche Konjunktur.
Auch hier tanzte man, wenn auch in anderer Weise.
Der zweite, der sich in den Salon schlich, war ein Mann von wahrhaft vorsintflutlichem Äußern, mit erschreckend zerstreutem Gesichtsausdruck. Die Schöße seines Rockes, auf dem stellenweise weiße Federchen hingen, waren hinten etwas geöffnet und ließen eine höchst primitive Hosenschnalle sehen; es war ein Professor der Statistik; an seinem Kinn hing in Büscheln ein gelblicher Vollbart, und über die Schultern fielen ihm Haarsträhnen, die aussahen, als kämen sie selten mit einem Kamm in Berührung. Unheimlich wirkte seine blutrote hängende Lippe, die sich gleichsam vom Munde loszulösen schien.
In den prunkvollen Salon eingetreten, wurde der Professor verwirrt: der Glanz und das Flimmern schien ihn geblendet zu haben; mit gutmütigen Blicken betrachtete er den feierlichen Saal, trippelte eine Weile auf ein und derselben Stelle, blieb verlegen stehen, zog sein gefaltetes Taschentuch hervor, um die auf dem Schnurrbart hängende Feuchtigkeit von der Straße abzutrocknen; er zwinkerte den Paaren zu, die einen Augenblick, zwischen zwei Quadrillefiguren, stillstanden.
Endlich gelangte er in den von bläulichem, elektrischem Licht beschienenen Salon, als ihn die Stimme des Redakteurs an der Schwelle zurückhielt.
»Verstehen Sie jetzt, meine Gnädige, den Zusammenhang zwischen dem japanischen Krieg, den Hebräern, der uns drohenden Mongoleninvasion und der Revolution? Das jüdische Auftreten und die Treibereien der großen Fäuste in China stehen in engster und deutlichster Verbindung miteinander.«
»Ich verstehe es jetzt, ich verstehe.«
Es war die Stimme der Lubow Aleksejewna. Der Professor blieb entsetzt stehen; denn er war durch und durch liberal und ein Anhänger sozusagen humaner Reformen; er erschien zum erstenmal in diesem Hause, in der Hoffnung, hier Apollon Apollonowitsch zu treffen; doch dieser schien nicht da zu sein — und anwesend war nur der Redakteur des konservativen Blattes; derselbe Redakteur, der soeben gerade die fünfundzwanzigjährige, reine Tätigkeit des Sammelns statistischer Daten — human ausgedrückt — in unanständigster Weise mit Schmutz beworfen hatte. Der Professor begann plötzlich zu keuchen, zwinkerte gegen den Redakteur und pfiff leise verächtlich in seinen struppigen Bart.
»Begreifen Sie jetzt, meine Gnädige, das jüdisch-freimaurerische Treiben?«
»Jetzt begreife ich es; jetzt habe ich es begriffen.«
Und dort, dort . . .
Mit einer Hand auf die Baßtasten aufschlagend, schloß der Tapeur dort elegant das Tanzstück, während er mit der anderen mit meisterhafter Schnelligkeit das Notenblatt umwandte, und dann, die Hand in der Luft und die Finger ausdrucksvoll zwischen Klaviatur und Noten gespreizt, drehte er seinen Körper erwartungsvoll dem Wirt zu, wobei seine blendend weißen Zähne schimmerten.
Die Geste des Tapeurs beantwortete Nikolai Petrowitsch Zukatow durch eine aufmunternd anerkennende Bewegung des glatt rasierten Kinns zwischen dem stürmisch wallenden Backenbart; dann mit nach vorn gebeugtem Kopf, wie mit der Stirn gegen die Luft stoßend, glitt er eilig über das blinkende Parkett zwischen den Paaren durch, mit zwei Fingern ein Endchen des grauen Bartes drehend; und willenlos schwebte hinter ihm das engelhafte Wesen her, hinter ihr flatternd eine heliotropfarbene Schärpe; inspiriert durch den Flug seiner Tanzphantasie, flog Nikolai Petrowitsch Zukatow blitzartig in die Richtung des Tapeursitzes und brüllte wie ein Löwe durch den Saal:
»Pas — de — quatre, s’il vous plait!«
Und hinter ihm her flog willenlos das engelhafte Geschöpf.
Rauchwolken von Zigaretten stiegen im Rauchzimmer auf; Rauchwolken stiegen im Vorzimmer auf. Hier streifte ein kleiner Kadettenschüler seinen Handschuh von der Hand und fächelte sich mit ihm Luft zu; zwei kleine Mädchen, eng umschlungen, flüsterten hier einander Geheimnisse, die vielleicht soeben aufgetaucht waren; die Schwarzhaarige sagte es der Blonden, und die Blonde kicherte und knapperte erregt an ihrem duftigen Batisttüchlein.
Im Vorzimmer stehend, konnte man auch einen Blick in das von Gästen vollgestopfte Speisezimmer werfen; dort wurden Butterbrote, Früchte in großen Schalen, Wein und Brauselimonade herumgereicht.
In dem grell erleuchteten Saal blieb jetzt der Tapeur ganz allein zurück; er legte seine Noten zurecht, trocknete sich sorgfältig die heißen Finger, fuhr mit einem weichen Läppchen über die Tasten, legte die Notenhefte säuberlich übereinander und ging, einem langbeinigen, schwarzen Vogel gleich, ein wenig unentschlossen — während die Diener ungeachtet seiner Anwesenheit im Saal die Fenster zum Lüften öffneten — in die Richtung des lackierten Vorzimmers.
Dort weiter irrte auch der Professor der Statistik einher, der bis dahin (wie auf Kohlen) im Salon gesessen war; er stieß jetzt auf den liberalen Leiter einer Kreisverwaltung, der einsam und gelangweilt im Durchgang stand, erkannte ihn, lächelte ihm freundlich zu, und wie geängstigt, daß dieser ihm davonlaufe, ergriff er mit zwei Fingern einen Knopf dessen Rockes, gleichsam als Rettungsanker; und nun hörte man:
»Nach den Ergebnissen der Statistik . . . Der jährliche Salzverbrauch eines normalen Holländers . . .«
Und wieder hörte man:
»Der jährliche Salzverbrauch eines normalen Spaniers . . .«
»Nach den Ergebnissen der Statistik . . .«