Die helfende Hand

»Er war also auf dem Ball?«

»Ja, er war dort . . .«

»Er sprach mit Ihrem Vater?«

»Ja, und er erwähnte auch Ihren Namen . . .«

»Dann trafen Sie ihn im Gäßchen? . . .«

»Und er führte mich ins Restaurant . . .«

»Und nannte sich?«

»Morkowin . . .«

»Teufelsspuk!«


Als sich Alexander Iwanowitsch von dem Anblick der wehenden Blätter losgerissen hatte und zur Wirklichkeit zurückgekehrt war, merkte er, daß Nikolai Apollonowitsch mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, sogar ein paar Schritte vorauseilend, redete; er gestikulierte; senkte das Profil mit dem unangenehmen, langgezogenen Mund; er erinnerte an eine tragische antike Maske, die mit der Beweglichkeit einer Eidechse kein einheitliches Ganzes darzustellen vermochte: kurz, er sah aus wie ein Heupferdchen mit starr-unbeweglichem Antlitz.

Alexander Iwanowitsch machte nur hier und da eine Bemerkung:

»Und dabei sprach er von der Polizei?«

»Ja, er drohte mit der Polizei . . .«

»Und behauptete, eine solche Drohung wäre im Sinne der Partei, und die Partei billige so etwas? . . .«

»Na ja, sie billige es . . .« Nikolai Apollonowitsch sagte es etwas gereizt und versuchte einzuwenden:

»Sie werden sich erinnern, daß auch Sie seinerzeit sagten, die Vorurteile der Partei . . .«

»Was hab’ ich gesagt?« rief lebhaft und streng Dudkin.

»Soweit ich mich erinnere, meinten Sie, die Vorurteile der unteren Parteischichten werden von den oberen nicht geteilt . . .«

»Unsinn!« Dudkins ganzer Körper zuckte, und er beschleunigte den Schritt.

Nikolai Apollonowitsch suchte seine Hand aufzufangen; er antwortete wie ein Schuljunge auf Dudkins Fragen und lächelte unnatürlich. Dann fuhr er fort zu erzählen, was alles in dieser Nacht geschehen war: von dem Ball, von den Masken, von der Flucht aus dem Ballsaal, von der Begegnung am Tor, von dem Zettel und endlich von dem stinkenden Restaurant.

Es waren vollständige Fieberphantasien.

Der Teufelsspuk hat alles durcheinander gebracht; alle wären sie schon längst wahnsinnig geworden, wenn dasjenige, was rettungslos zugrunde richtet, wirklich existierte.


Schwarze Menschenschwärme wälzten sich ihnen entgegen: Hunderte von schwarzen Hüten hoben und senkten sich wie Wellen. Ihnen entgegen schoben sich lackierte Zylinder; wie Dampferschornsteine erhoben sie sich über den Wellen; eine Straußfeder schäumte vor ihnen auf; Tellermützen lächelten sie an: blaue, gelbe und rote Mützen.

Von überall her lugten zudringliche Nasen.

Nasen schoben sich in Mengen daher: Adlernasen, Hahn-, Enten- und Hühnernasen; und so weiter, und so weiter; dort wieder eine auf die Seite gebogene Nase; dann wiederum eine, die nicht gebogen war: grünliche, grüne, blasse, weiße und rote Nasen.

All das wälzte sich ihnen entgegen auf der Straße: sinnlos, eilend, massenhaft.

Nikolai Apollonowitsch, der mit bittenden Gesten Dudkin folgte, kaum imstande, ihn einzuholen, konnte sich noch immer nicht entschließen, mit der Hauptfrage hervorzutreten, die sich aus der Tatsache: der Schreiber des schrecklichen Briefes konnte unmöglich im Auftrage der Partei gehandelt haben, ergab; das war es aber, was ihn jetzt ausschließlich beschäftigte: diese Frage war ja für ihn von äußerster Wichtigkeit — seiner praktischen Konsequenzen wegen; und sie füllte sein ganzes Hirn aus.

»Sie glauben also — Sie glauben also, es hat sich in das Ganze ein Irrtum eingeschlichen?«

Nachdem er diesen zögernden Versuch gemacht hatte, an die ihn beschäftigende Frage heranzugehen, fühlte Nikolai Apollonowitsch, wie brennende Ameisen über seinen Körper zu kriechen begannen: wie, wenn das alles nur ein Verstellungsspiel war? dachte er, und die Angst packte ihn von neuem.

»Sie sprechen von dem Brief?« hob Alexander Iwanowitsch die Augen, nachdem er sich von dem Strom von Köpfen, Hüten, Schnurrbärten losgerissen hatte.

»Selbstverständlich — nicht nur ein Irrtum . . . Es ist nicht nur ein Irrtum: es ist ein niederträchtiger Schwindel in der ganzen Sache. Das Unsinnige ist tadellos durchgeführt und verrät ein sicher gestecktes Ziel: sich in die Beziehungen zweier eng miteinander verknüpften Menschen zu drängen, sie verwirrt zu machen und so in einem Chaos die Parteiaktion zu ertränken.«

»Dann helfen Sie mir aus der . . .«

»Eine unglaubliche Verhöhnung,« unterbrach ihn Dudkin, »ein Hineinziehen von Klatsch und Schauermärchen . . .«

»Dann flehe ich Sie an, raten Sie mir . . .«

»Und zu all dem mengte sich Verrat; es riecht nach Verhängnis, nach Grauenhaftem . . .«

»Ich weiß nicht . . . Ich bin ganz verwirrt . . . Ich . . . ich habe diese Nacht nicht geschlafen . . .«

»All das ist ein Schauermärchen . . .«

Von Mitleid übermannt, streckte Alexander Iwanowitsch Ableuchow die Hand entgegen; dabei merkte er, daß Nikolai Apollonowitsch viel kleiner war als er (Nikolai Apollonowitsch war eben nicht mit Größe gesegnet).

»Versuchen Sie Ihre ganze Kaltblütigkeit zu bewahren . . .«

»Mein Gott! Sie haben leicht von Kaltblütigkeit reden; ich habe diese Nacht nicht geschlafen . . . ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll . . .«

»Warten Sie . . .«

»Werden Sie zu mir kommen?«

»Ich sage Ihnen: warten Sie; ich werde Ihnen aus der Sache heraushelfen.«

Er sagte es so überzeugt und sicher, ja, fast feierlich, daß sich Ableuchow sofort beruhigte; aber die Wahrheit gesagt, überschätzte Alexander Iwanowitsch in seiner Aufwallung von Mitleid, die Möglichkeit für ihn zu helfen, in hohem Grade . . . In der Tat: in welcher Weise konnte er helfen? Er war ein Einsamer, durch die konspirative Stellung von der Außenwelt Abgesonderter; die Konspiration schnitt ihm den Weg selbst zur Parteitätigkeit ab; dem Komitee selbst aber hat er nie angehört, obschon er Ableuchow großsprecherisch vom Stabsquartier erzählt hatte; das einzige, was er tun konnte, war — mit Lipantschenko Rücksprache zu nehmen. Vor allem jedoch hieß es, den bis zum Äußersten erschütterten Ableuchow zu beruhigen.

Und er tat es.

»Ich hoffe, daß es mir gelingen dürfte, die verworrenen Fäden wieder zu ordnen; ich werde heute noch die nötigen Erkundigungen einziehen und . . .«

Er stockte; die nötigen Aufklärungen konnte ihm nur Lipantschenko geben; sonst niemand; wie aber, wenn dieser nicht in der Stadt war?

»Und . . .?«

»Und werde Ihnen morgen Antwort geben.«

»Ich danke Ihnen, ich danke.« Und Nikolai Apollonowitsch begann ihm in überschwenglicher Rührung die Hände zu drücken; das machte Alexander Iwanowitsch etwas verlegen; alles hing ja doch davon ab, ob Lipantschenko in der Stadt war und über welches Material dieser verfügte.

»Lassen Sie es nur: wir sind ja an der Sache alle gleich interessiert.«

Doch Nikolai Apollonowitsch, der bis zu diesem Augenblick nur Grauen empfunden hatte, vermochte jedes Hilfe versprechende Wort entweder ganz apathisch oder begeistert aufzunehmen.

Und Nikolai Apollonowitsch reagierte mit Begeisterung.

Alexander Iwanowitsch versank inzwischen wieder in seine Gedanken; eine kleine Tatsache beschäftigte ihn: Ableuchow versicherte ihm ja, daß der furchtbare Auftrag von einem Anonymus ausging; dieser Anonymus hatte Ableuchow wiederholt geschrieben; es war nun klar: dieser Anonymus war eben ein Provokator.

Weiter . . .

Aus den verworrenen Reden Ableuchows waren immerhin einige Folgerungen möglich: es haben zwischen ihm und der Partei besondere Beziehungen bestanden; aus diesen Sonderbeziehungen wucherte das Gemeine hervor; Alexander Iwanowitsch suchte sich noch etwas zu erklären, doch vergeblich: die Fülle der an ihnen vorbeiziehenden Nasen, Schnurrbärte, Schultern lenkte seine Gedanken von der gegebenen Richtung ab.