Rot wie Feuer

Beide wußten, daß ihnen ein Gespräch miteinander bevorstand; dieses Gespräch war schon in all den vielen Jahren des Schweigens gereift; Apollon Apollonowitsch übergab dem wartenden Lakai Zylinder, Mantel und Handschuhe, doch hielt er sich sonderbarerweise mit den Gummischuhen lange auf; armer, armer Senator: wußte er denn, daß es gerade sein Sohn, Nikolai Apollonowitsch, war, der mit jenem Auftrage betraut war? Ebensowenig konnte Nikolai Apollonowitsch vermuten, daß sein Vater die Geschichte mit dem roten Domino genau kannte. Beide atmeten den wohlbekannten Geruch ihrer Wohnung ein; der silberschimmernde weiche Biber fiel auf die Hände des Dieners; in seinem Domino erschien nun Nikolai Apollonowitsch vor dem Vater.

»Ah . . . ah . . . Ein roter Domino? . . . Sieh mal her!«

»Ich war maskiert . . .«

»So—o . . . Kolenka . . . so—o . . .«

Als er seinen Sohn erröten sah, wurde er selbst rosig, und um dies zu verbergen lief er mit koketter Grazie die Treppe zum Vestibül zur Wohnung hinauf.

Nikolai Apollonowitsch blieb allein auf den Stufen der samtbelegten Treppe zurück, versunken in tiefes Nachdenken; doch die Stimme des Lakaien unterbrach seinen Gedankengang.

»Väterchen! . . . Dieses schäbige Gedächtnis! . . . Gnädiger Herr, lieber gnädiger Herr: es ist ja etwas vorgefallen! . . .«

»Was ist vorgefallen?«

»Etwas — etwas . . . Ich wage es kaum zu sagen . . .«

Auf den Stufen der grauen, mit Samt belegten Treppe hielt nun Nikolai Apollonowitsch inne; durch das Fenster drang purpurnes Licht herein und bildete auf dem Boden ein Netz aus hellen Flecken.

»Es ist so etwas! Ja, also: unsere gnädige Frau . . .«

»Unsere gnädige Frau, Anna Petrowna . . .«

». . . ist zurückgekehrt!!«


»Wer ist zurückgekehrt?«

»Anna Petrowna! . . .«

»Wer ist denn das? . . .«

»Wieso — wer? . . . Ihre Frau Mutter . . . Wie sprechen Sie doch nur, lieber gnädiger Herr, als wären Sie ein Fremder: es ist doch Ihre Mutter . . .«

»?«

»Die gnädige Frau ist aus Hispanien nach Petersburg zurückgekehrt . . .«


»Die gnädige Frau schickte erst einen Brief durch einen Boten: sie wäre in einem Hotel abgestiegen . . . Denn das läßt sich denken . . . Die Lage der gnädigen Frau ist eine solche . . .«

»?«

»Kaum waren Seine Exzellenz, Apollon Apollonowitsch, ausgefahren, als plötzlich — ein Bote, mit einem Brief . . . Na, den Brief legte ich auf den Schreibtisch hin, und dem Boten gab ich ein Zwanzigkopekenstück . . .«

»Aber kaum war eine Stunde danach vergangen — als . . . du meine Güte! Da erscheint die gnädige Frau selbst . . . Sie hat jedenfalls ganz sicher gewußt, daß niemand zu Hause war . . .«


»Es läutete also . . . Ich mach’ die Tür auf . . . Vor mir steht eine fremde Dame, eine sehr würdige Dame; nur einfach gekleidet und — ganz in Schwarz . . . Ich sage nun: ‚Sie wünschen, Gnädige?‘ Und die Dame zu mir: ‚Aber erkennst du mich denn nicht, Mitri Ssemjonytsch?‘ — Da habe ich rasch ihr Händchen geküßt: ‚Mütterchen, Anna Petrowna . . .‘«


»Und Anna Petrowna — Gott schenk’ ihr Gesundheit — sah so, sah mich so an . . . Sie sah mich an — und brach in Tränen aus: ‚Ich will sehen, wie ihr da ohne mich lebt‘ . . . Das Taschentüchlein hat sie aus dem Täschchen gezogen . . .«

»Ich hatte allerdings strengen Auftrag bekommen, nichts reinzulassen . . . Aber ich hab’ unsere gnädige Frau doch reingelassen . . . Und sie . . .«

Der Greis machte große Augen; mit weitgeöffnetem Munde blieb er stehen und dachte bei sich, daß die Herrschaften im lackierten Haus wohl schon längst den Verstand verloren hatten: statt Freude, Verwunderung oder Bedauern zu äußern — rannte Nikolai Apollonowitsch ganz einfach, ohne ein Wort zu sagen, die Treppen hinauf, so daß die roten Atlasenden seines Dominos wunderlich in der Luft flatterten.