Wieder war er da, der Traurige und Schlanke
Mehrmals läutete Alexander Iwanowitsch.
Mehrmals läutete Alexander Iwanowitsch vor dem Tor seines düsteren Hauses; der Hausmeister öffnete ihm nicht; hinter dem Tor antwortete auf das Läuten nur Hundegebell; ein Hahn in der Ferne verkündete durch seine krähende Stimme die Mitternacht; und — schwieg dann; die 18. Linie schlängelte sich hin, in die Tiefe, ins Leere.
Überall war Leere.
Alexander Iwanowitsch empfand eigentlich etwas wie Freude: in der Tat, es verschob sich in dieser Weise sein Eintreten in die düsteren Räume zwischen den Wänden; hinter diesen Wänden hört man die ganze Nacht Geräusche, Knacken und Quieken. Und was die Hauptsache war: er mußte, ehe er diesen Raum betrat, im Dunkeln achtmal zwölf kalte Stufen überwinden; er zählte immer erst zwölf, dann machte er eine drehende Bewegung und zählte wieder ebenso viele.
Das machte er viermal hintereinander.
Zusammen also — sechsundneunzig lauttönende, steinerne Stufen; dann blieb er vor einer filzbeschlagenen Tür stehen; voll Angst mußte er den halbverrosteten Schlüssel ins Loch stecken; ein Streichholz anzuzünden war gefährlich: es konnte plötzlich die unglaublichsten Dinge beleuchten, wie zum Beispiel eine Maus oder noch was anderes . . .
So dachte Alexander Iwanowitsch.
Deswegen verweilte er gern vor dem Tor seines Hauses.
Nun aber . . . —
— Jemand, ein Trauriger und Schlanker, den Alexander Iwanowitsch oft schon an der Newa gesehen hatte, zeigte sich in der Tiefe der 18. Linie. Diesmal trat er leise in den hellen Lichtkreis einer Laterne; es war aber, als ergoß sich wehmütig helles, goldenes Licht aus seinem Antlitz, von seinen knochigen Fingern . . . — So ist auch heute der unbekannte Freund erschienen.
Alexander Iwanowitsch erinnerte sich, daß dieser liebe Bewohner der 18. Linie einmal von einer alten Frau mit haubenförmigem Strohhut mit lila Bändern angerufen worden war.
Sie hatte ihn da Mischa genannt.
Alexander Iwanowitsch war jedesmal zusammengefahren, wenn der Schlanke und Traurige im Vorbeigehen ihm seinen unaussprechlichen, allsehenden Blick zugewandt; dabei hatten seine eingefallenen Wangen weiß geschimmert. Nach solchen Begegnungen an der Newa war es Alexander Iwanowitsch immer, als hörte und hörte er nichts, als sehe und sehe er nichts.
»Wenn er doch stehengeblieben wäre! . . .«
»O, wenn er doch! . . .«
»O, wenn er ihn doch anhören wollte! . . .«
Aber ohne zu sehen, ohne stehenzubleiben ging der Schlanke und Traurige vorbei.
Deutlich verklangen seine Schritte. Alexander Iwanowitsch drehte sich um und wollte ihm leise etwas sagen; er wollte den unbekannten Mischa leise anrufen . . .
Aber der helle Kreis, in den Mischa soeben eingetreten war, schimmerte leer; und niemand, nichts war dort zu sehen; nur der Wind pfiff, und in den Pfützen spiegelte sich Licht.
Und die gelbe Lichtzunge der Laterne winkte herüber.