Achtzehntes Kapitel

Auch Stephan wurde das allmählich klar. Mit jedem neuen Tag spürte er deutlicher und deutlicher, daß das nicht, wie er immer glaubte, seine eigenste Sache, sondern auch Sache des Hofes sei. Allerdings, da war Maria. Tüchtig, pünktlich, umsichtig und fest hinter dem Gesinde wie die Mutter. Aber es war doch nicht dasselbe. Das merkte man da und dort und überall. Mit den Leuten hatte es auch schon einige Male Zwistigkeiten gegeben, und der älteste Knecht, der seit dreißig Jahren auf dem Hofe war, wollte gehen.

»Es sei keine Zucht mehr,« sagte er, »keine Zucht!«

Und nur Marias Zureden hatte ihn gehalten.

Bleich und verstört ging Stephan auf seinem Hof herum und dachte: »Wo fehlt es denn? wo fehlt es denn? ...«

Aber er konnte es nicht ergründen. Im Haus, im Hof, in den Ställen und Scheunen herrschte nach wie vor Segen und Ordnung.

Die Pferde und Zugochsen waren sauber gestriegelt, die Kühe trugen schweres Euter, die Hennen gackerten unverdrossen, und die Bütten beim Brunnen waren schneeweiß gescheuert.

»Wo fehlt es denn? wo fehlt es denn? ...«

Und weil Stephan der Sache auf den Grund kommen wollte, ging er in die Vorratsräume.

Aber auch dort war alles in Ordnung. In der Fruchtkammer standen schwergefüllte Säcke mit Mehl und Getreide. In der Fleischkammer hingen lange Reihen mit Fleisch und Speck. Im Keller drängte sich Faß an Faß mit Wein und Apfelwein.

»Nein, da fehlte nichts.«

Und Stephan ging in das Haus. Die Küche war frisch getüncht, die Geräte an der Wand vollzählig und sauber. Auf dem Herde dampfte es aus Pfannen und Kesseln, und zuoberst auf den warmen, grünen Kacheln lag die Katze und surrte leise. An dem großen Küchentisch aber stand Maria im frischgewaschenen Kattunkleid und richtete Gemüse. Die Uhr zeigte die Mittagsstunde, und der Tisch war gedeckt.

»Nein, da fehlte auch nichts.«

Und Stephan ging in das Zimmer, in das große eheliche Schlafzimmer, das jeder junge Klausen mit dem Hofe übernahm.

Er selbst wäre lieber in seinem Knabenstübchen geblieben, aber der Leute wegen hielt er sich an die Tradition.

Die Fenster waren weit offen, und der frische Frühlingswind fuhr in die Falten der großgeblümten Vorhänge, daß sie aufflatterten und sich wichtig blähten. Und der frische Frühlingswind strich über die uralte Kommode, über den uralten Schrank bis hinüber zu dem uralten Bett ... ja, dort fehlte etwas ... dort fehlte das andere uralte Bett. Es war auch zeitlebens dort gestanden, aber er hatte es gleich am Anfang seiner Herrschaft hinausräumen lassen ... und nun fehlte es ... fehlte ein Bett.

Aber Herrgott, weil ein Bett fehlt, das kann es doch nicht sein!

... Aber es war doch so, und Stephan kniff die Lippen ein, wie er es manchmal tat, wenn er scharf nachdachte, und schaute hinüber zu dem Wald, wo die Lärchen und Fichten den letzten Schnee abwarfen, wie Frauen, die das letzte Kleid abwerfen und frei und froh sich dehnen. Und er sagte:

»Frühling, Frühling, du toller, wahnsinniger Frühling, sei still, ich bin der Klausen. Der Klausen, der ein Bauer ist und ein Fürst sein möchte ... O Frühling, sei still ...!«

Aber der Frühling ward nicht still. Er tobte und schmeichelte, er drohte und streichelte, und in all die tausend Blumenkränze, die er aus dem Boden zog, zeichnete er Gesichter, blasse, feine Mädchengesichter.

Und Stephan haderte mit dem Frühling und haderte mit der Welt. Er wurde ungerecht gegen das Gesinde, scharf gegen Maria und sah und wußte nicht einmal mehr, daß sie auch mit dem Frühling stritt.