Siebzehntes Kapitel
Nun konnte das aber nimmer so weitergehen mit dem alten Ratterkasten! Die ganze wackelige Bude mußte niedergerissen werden bis auf den letzten Stein; und ein Haus muß erstehen von solcher Ausdehnung und Schönheit, wie es kein Bauer in Tirol besitzt.
Und gleich mußte damit begonnen werden, daß es bis zum Sommer fertig ist ... bis zum Sommer ... und Stephan warf den Kopf zurück und blähte die Nasenwände wie ein heißblütiges Pferd.
Dann ging er mit großen Schritten um den Hof herum, prüfte mit Genugtuung die alten, rissigen Mauern, rüttelte an Pfählen, die schon lose staken, daß sie ganz einfielen, und richtete soviel Schaden an, als er ungesehen und unauffällig anrichten konnte.
Darauf ging er mit hochgezogenen Augenbrauen in die Stube und redete der Bäuerin zu, sich einmal den Hof anzusehen. Er sei so sehr schadhaft, daß er morgen oder übermorgen einstürzen werde, wenn man nicht schleunigst zum Maurermeister nach Bozen schicke ...
Die Bäuerin ließ ihn ruhig ausreden, aber als er fertig war, sagte sie: »Dich hat der Hochmut gepackt, Stephan. Du meinst, weil du lesen und schreiben kannst, ist der Hof für dich nicht mehr gut. Höre, Stephan ... es gibt Leute, die gescheit sind, und Leute, die gescheiter sind. Und es gibt Leute, die ehrsam sind, aber keine Leute, die ehrsamer sind, denn die Ehrsamkeit hat nur ein Kleid. Was ich also meine, ist: du bist gescheiter als dein Vater war, aber ehrsamer bist du nicht, und wenn der Hof gut war für deinen Vater, muß er auch gut sein für dich. Darum will ich es nicht haben, Stephan, und so lange ich lebe, kommt kein Stein von dem andern.«
Es nützte nichts. Stephan mochte reden und drängen, so viel er wollte, die sonst so weiche und nachgiebige Frau war unerbittlich. Trotzdem gab er seinen Vorsatz nicht auf und sandte heimlich einen Boten nach Bozen. Der brachte von dem Maurermeister ein Büchlein mit Ansichten und Plänen, und Stephan studierte hinter festverschlossenen Türen darin herum. Aber es dünkte ihm nichts gut genug. Er wollte etwas mit Erkern und Gesimsen, mit Bildern und mit Sprüchen, und so schrieb er ein paar Tage später direkt nach Innsbruck. Merkwürdigerweise aber sandte er den Brief nicht weg, sondern trug ihn Woche um Woche in der Tasche herum.
Jeden Abend nahm er sich vor, ihn morgen zu schicken, und wenn der Morgen kam, tat er es wieder nicht. Tat es nicht, vielleicht weil man ... und das war ihm erst später eingefallen ... ja doch nicht bauen konnte, solange der Boden nicht ausgetrocknet war, vielleicht auch, weil die Mutter zu husten begann und so merkwürdig spitz wurde. Und schließlich hatte sie recht. Es gibt Leute, die gescheit sind, und Leute, die gescheiter sind. Und Leute, die ehrsam sind, aber keine Leute, die ehrsamer sind ... die waren auch nicht besser da drüben, trotzdem sie ein feines Haus bewohnten ...
Wie Trotz und Wut überkam es ihn, und mit doppelter Zärtlichkeit umgab er die scheidende Mutter. Nein, er wollte nicht mehr daran denken. Eigentlich war es ja auch ein Wahnsinn, daran zu denken. Denn was berechtigte ihn dazu? Ein Kärtchen ... ein einziges weißes Weihnachtskärtchen ... geschickt aus Langeweile, aus Laune, aus Mitleid, oder sonst einem tollen Grund, wie sie nur die Weiber haben ... O, er war in Innsbruck nicht so ganz ohne Erfahrung geblieben ... zum Teufel auch, ihn sollte keine necken! ...
Gleich darauf aber schlug er erschüttert die Hände vors Gesicht. Daß er so etwas denken konnte ... von ihr, die süßer war als erste Sommerblüten, und keuscher war als frischer Firnenschnee ...
Nein! ihresgleichen hatte es in Innsbruck nicht gegeben, gab es nimmer in der Welt! ...
»Margarete.«
Er wollte es laut sagen, um sich das fremde, blonde Mädchen besser zu vergegenwärtigen. Aber der feine, ungewohnte Name brach auf seiner Zunge, und da sagte er halb erschrocken über die Kühnheit, halb glücklich über die Macht, die ihm doch niemand wehren konnte, »Grete«.
... und der frühe Föhn, der vorüberstrich, nahm das Wort von seinen Lippen, trug es in die Wälder, warf es in die Lüfte, daß es tausendfältig wiederklang. »Grete ... Grete.«
Und taumelnd vor Sehnsucht griff Stephan in die Tasche nach der Weihnachtskarte, die er immer bei sich trug. Da spürte er etwas Hartes, etwas Festes, einen Brief. Richtig!
Der mußte fort. Heute noch ... mochte die Mutter weinen.
... Aber die Mutter weinte nicht, denn noch ehe die Antwort kam, fand man sie eines Morgens kalt und steif in ihrem Bett. Da schien es, als ob alle Freude und alle Wärme im Klausenhof mit ihr gestorben sei, und Maria weinte zum erstenmal wieder an Stephans Schulter, und Stephan strich ihr leise übers Haar. Therese wurde verständigt, aber nur der Schwager kam.
Neben Theresens Bett stand seit ein paar Tagen eine sorgsam zugehüllte Wiege, und Therese war noch viel zu schwach, um den steilen Berg heraufzukommen.
Ernst und traurig trugen sie die Klausenbäuerin am dritten Tag zu Grabe. Die Bauern waren aus nah und fern erschienen und schritten im langen Zug hinter dem weinenden Gesinde.
Es war bitter, an einem so schönen Frühlingstag, wo tausend und abertausend grüne Spitzen aus eigenem Grund und Boden drängten, ins Grab gesenkt zu werden. Das empfanden sogar diejenigen, die die Klausenbäuerin vielleicht nur einmal, vielleicht nie gesehen hatten, und des Betens und des Weinens ward kein Ende. Beim Totenmahl, bei Wein und Brot, erholten sich die Gäste dann ein wenig. Aber die Knechte und die Mägde schluchzten weiter, und auch Maria weinte unaufhörlich.
Nur Stephan, jetzt der unumschränkte Herr am Klausenhof, zeigte sich ruhig und gefaßt. Umsichtig ging er von dem einen zum andern, fragte die Männer nach ihren Feldern, die Frauen nach ihren Kindern, und die Leute wunderten sich insgeheim, was für ein lieber, feiner Herr der junge Klausen geworden sei.
Ja fein, denn selbst diese einfachen Gemüter merkten den Abstand zwischen ihm und ihnen. Groß, fremd, blond, wie einer, der gar nicht zu ihnen gehört, sah er aus und war doch wieder so voll Verständnis für alle ihre Sorgen, daß die Scheu vor seiner Vornehmheit unwillkürlich schwand vor seiner Güte.
Ja, gut war er ... und ledig auch ... und in den Jahren auch ...
Und die Bäuerinnen, die schöne Anwesen und ältliche Töchter zu Hause hatten, zerbrachen sich auf dem Heimweg den Kopf, wie es anzustellen wäre ... denn der Klausenhof brauchte jetzt eine Bäuerin, das war klar ...