Dreiundzwanzigstes Kapitel

Der starke Schneefall hatte in den Wäldern großen Schaden angerichtet. Haufenweise lagen schwere Äste aufeinander, und selbst ausgewachsene Bäume waren hier und da entzweigebrochen. Was sich aber gehalten hatte, stand mit an den Leib gepreßten Zweigen, so schwer hing der beeiste Schnee an ihnen. Maria hatte Mühe, durchzukommen, doch sie beachtete die Hindernisse und Beschwerlichkeiten des Weges nicht. In ihrem Herzen war klare Freude.

Vor nicht viel länger als einem Jahr hatte sie denselben Weg gemacht, und sie dachte daran, wie bitter damals alles für sie schien. Wie sie, von Zorn und Weh verblendet, da an derselben Stelle stand, Stephans Kärtchen wägend in der Hand, ungewiß, ob sie ihm die arme Freude gönnen sollte ... denn eine arme Freude war es, dieses Zeichen einer Lebenden, jeder Laune, jedem Wechsel untertan. Eine arme Freude im Vergleich zu ihrem Glück, das von einem Toten kam, nicht zu deuteln, nicht zu ändern, und von keiner Macht der Welt zu widerrufen. Ja, sie war sehr glücklich ...

Plötzlich schämte sie sich, denn sie dachte an Therese.

Wie sie das auch vergessen konnte ... was mag nur geschehen sein? Hoffentlich kein Unglück ... aber es war schon möglich, jetzt mit den Schneebrüchen. Vielleicht war ihrem Mann etwas geschehen ... vielleicht hatte eine stürzende Lawine den Hof eingerissen ...

»Herrgott!«

Von einer tollen Angst erfüllt, lief sie vorwärts, und als sie endlich den Hof vor sich sah, der ganz und unversehrt auf seinem Platze stand, erfaßte sie eine solche Angst, daß ihr die Knie zitterten. Also doch ein Unglück mit Theresens Mann ...

Sie dachte an ihren Vater, den sie leblos und blutüberströmt gebracht hatten, und blieb vor dem Tore stehen, weil sie sich fürchtete einzutreten. Therese aber mußte sie vom Fenster aus gesehen haben, denn sie kam heraus und sagte:

»Gott sei Dank!«

Dann wollte sie die Schwester in die Stube ziehen, aber Maria blieb stehen und fragte:

»Ist etwas passiert mit deinem Mann?«

Therese wehrte schluchzend.

»Nicht mit meinem Mann ... O nein ... der ist auf der Wallfahrt schon seit drei Tagen.«

»Auf der Wallfahrt, sagst du?«

»Ja ... er meint, daß man ihn vielleicht doch gesund beten kann.«

»Wen?«

»Den Buben.«

An das Kind hatte Maria nicht gedacht. Etwas erleichtert folgte sie Therese in die Stube. Neben den zwei großen Betten stand ein kleines Bett, und Maria blickte traurig und neugierig auf das blasse, abgezehrte Kindergesicht. Dann versuchte sie, Therese zu trösten.

»Er sieht doch gar nicht so krank aus. Warum glaubst du, daß er stirbt?«

Aber Therese schüttelte weinend mit dem Kopfe.

»Du weißt nicht, was ich schon mitgemacht habe. Gleich am Anfang ... ich lag sechs Tage in Schmerzen, und als er dann endlich da war, glaubte kein Mensch, daß er am Leben bleiben wird. Wie ein alter Mann sah er aus und wollte nicht trinken. Aber ich habe ihn doch ganz langsam weitergebracht, und eine Zeitlang glaubte sogar der Doktor, daß er davonkommen wird. Aber dann kam der Husten ... schon über ein Vierteljahr jetzt ... Ein furchtbarer Husten. Er wird ganz blau dabei und bricht Blut. Und so oft der Anfall vorbei ist, wundert sich der Doktor, daß er noch lebt. Aber er sagt, es kann jeden Tag sein ...«

Sie schluchzte aufs neue. Maria hatte aufmerksam zugehört.

»Was ist das für ein Husten, Maria?«

»Das weiß niemand. Auch der Doktor nicht. Er sagt, er findet ihn nicht in seinem Buch, und es sieht beinahe aus ...«

Maria streichelte ihre Hand.

»Wie sieht es aus?«

Darauf nahm Therese einen Anlauf und sagte scheu:

»... als ob er verhext wäre ...«

Sie zitterten beide, als es ausgesprochen war, und schwiegen lange.

Plötzlich fuhr Therese auf. Der Kleine hatte sich gerührt, hatte seine knöchernen, wachsgelben Händchen in die Höhe gestreckt, zu Fäustchen geballt und an das Gesicht gedrückt. Dann begann die kleine Brust zu keuchen und zu würgen. Da riß ihn Therese aus dem Bettchen, und nun folgte ein so gräßlicher Hustenanfall, daß Maria ihre Hände in ihre Haare grub und sich abwandte, weil sie nicht mit ansehen konnte, wie der kleine Körper geschnellt wurde, und wie Schaum und Schleim und Blut aus dem Mündlein floß. Noch lange, nachdem es vorüber war, wagte Maria sich nicht umzudrehen, und als sie endlich wieder hinschaute, lag der Kleine im Bettchen, und die Mutter beugte sich qualvoll über ihn. Plötzlich schrie sie laut auf.

»Er stirbt! O heilige Jungfrau, er stirbt!«

Dann warf sie sich neben dem Bett auf den Boden, und Maria stand, von Grauen geschüttelt, daneben. Der Kleine schluckte und verdrehte die Augen.

»Die Kerzen!« wimmerte Therese, »... die geweihten Kerzen ...!«

Aufs Geratewohl stürzte Maria an den Schrank und wühlte unter den weißen, saubergefalteten Linnen. Endlich fand sie die Kerzen, entzündete sie mit stark zitternden Händen, und der gelbe Schein der Wachslichte leuchtete feierlich durch den Raum. Aber während Maria die Kerzen entzündete, hatte sie einen Gedanken.

»Mußte denn der Kleine sterben?«

Sie stand eine Weile mit gesenktem Kopf und dachte nach.

»Höre, Therese!« sie glitt auf den Boden neben die Weinende und rüttelte sie an den Schultern, »... steh auf und gib acht auf den Kleinen. Er darf nicht sterben ... hörst du, Therese? ... drei Stunden mußt du schaun, daß er lebt ...«

Therese hob verständnislos die tränengefüllten Augen.

»Was meinst du?«

Maria hüllte sich schon in ihr Umhangtuch.

»Ich geh zur Geisler Toni. O ... du weißt nicht, wie ich sie bitten werde. Auf den Knien werde ich sie bitten, daß sie den Fluch zurücknimmt ...«

Da senkte die stolze Therese tief gedemütigt den Kopf und flehte:

»Ja, bitte sie ... und sage ihr, der Hof und alles, was wir haben, gehört ihr, wenn sie es tut ...«

Maria nickte hastig, warf noch einen Blick auf den Kleinen, der noch immer so eigenartig schluckte, und stand dann draußen in der frostklaren Luft.

»Drei Stunden,« murmelte sie, »drei Stunden ...« und sie hob die Röcke hoch, um besser laufen zu können, denn laufen mußte sie, wenn sie in drei Stunden dort sein wollte. Die Geisler-Hütte stand irgendwo dort drüben ... als Kind war sie oft daran vorbeigekommen, wenn sie nach Kampenn in die Schule ging ... ja, irgendwo dort drüben mußte sie sein ...

Atemlos, immer nur das Kind vor Augen, hastete Maria talwärts. Sie glitt oft aus und versank bis zu den Knien im Schnee, aber sie war verschneite Wege gewohnt und lief unverdrossen weiter.

Nach einiger Zeit aber wurden ihr die Röcke schwer und begannen unter ihren Füßen zu klirren. Das waren die Ränder, die, vom Schnee feucht geworden, zu Eis erstarrten. Und weil sie nicht nur schwer waren, sondern auch bei jedem Schritt schmerzhaft um ihre Beine schlugen, blieb sie stehen, um einen Augenblick auszuruhen.

Da merkte sie nun, daß sie schon lange gelaufen sein mußte. Erstens, weil ihre Knie vor Frost und Müdigkeit zitterten, und zweitens, weil es schon dunkel war. Dunkel ... und sie hatte die Laterne vergessen.

»Barmherziger Gott!«

Sie krampfte die Finger ineinander und stand unschlüssig da. Zurückgehen ...? Unmöglich! Wer weiß, wie lange das Kind noch lebt ... Jede Minute war kostbar ... aber dann, was tun? In der Dunkelheit weitergehen? ... Ja, es war das einzige. Vielleicht kam sie bei einem Haus vorbei, oder vielleicht kam der Mond ...

Sie raffte die klirrenden Röcke zusammen, bog die beeisten Zweige zurück und drang weiter in den weglosen Wald. Dabei dachte sie:

»Nach dem Wald muß eine große Wiese kommen, und jenseits der Wiese muß es sein. Sie werden auch, trotzdem sie arme Leute sind, ein Lämpchen brennen, und das Licht muß man schon von weitem sehen.«

Mit neuer Kraft strebte sie vorwärts. Aber der Wald nahm kein Ende. Unaufhörlich schlugen ihr die beeisten Zweige ins Gesicht, und die eine Hand, die sie tastend von sich streckte, griff Bäume, immer Bäume. Dazu wurden ihr die Röcke unerträglich schwer.

Das Licht ...! Mein Gott! wo war das Licht ...?!

Sie riß die Augen weit auf und versuchte, durch das Dunkel zu dringen. Und da sprangen Lichter auf, rote, tanzende Lichter, und ein Schwindel fuhr in ihren Kopf, und wie kalte Hände griff etwas an ihr Herz ...

Da ließ sie ihre Röcke los und taumelte.

»Das Kind ... das Kind ... Herr, hilf ...!«

Und er half. Ein Licht, ein wirkliches Licht tauchte auf, kam näher und näher, und Maria sah, daß es eine Laterne war, die ein Mann trug. Sie sah nur immer auf das Licht, nicht auf den Mann, darum erkannte sie ihn erst, als er ganz nahe war. Da schluchzte sie auf, und der Mann stellte die Laterne erschrocken in den Schnee.

»Maria!« sagte er. Dann hob er sie behutsam in die Höhe, stützte sie mit seinen jungen, starken Armen, und die Wärme seines Leibes durchströmte sie. Eine Weile gab sie sich dem wohltuenden Gefühle hin, dann aber erinnerte sie sich an alles, was geschehen war, und sie löste sich aus seinen Armen. Er gab sie sofort frei, hielt sie aber noch an den Händen und sah ihr besorgt in das Gesicht.

Sie aber wandte die Augen fort und sagte hastig:

»Ich danke Euch, Josef ... aber ich muß noch weiter. Könntet Ihr mir wohl Eure Laterne borgen?«

Er hob sie augenblicklich aus dem Schnee und reichte sie ihr.

»Wohin wollt Ihr, Maria?«

»Zur Geisler Toni.«

»Da seid Ihr aber nicht recht. Gerade entgegengesetzt wohnt sie. Wenn Ihr wollt, werde ich mit Euch kommen. Ich kenne einen ganz kurzen Weg.«

Sie nickte, und weil er weiter nichts fragte, sagte sie auch nichts. Er trug die Laterne, und sie hielt sich dicht hinter ihm.

Nach ungefähr einer halben Stunde merkte sie, daß der Wald aufhörte und die Wiese begann. Von drüben leuchtete schwach und klein ein zittriges Licht. Er wies bezeichnend darnach, und sie sagte hastig, wie zuvor: »Es ist gut jetzt ... ich danke Euch, Josef.«

Dann eilte sie voran über die Wiese.

Aber es war doch keine Kleinigkeit, sich in der Dunkelheit mit dem fremden Haus zurechtzufinden. Sie mußte alle vier Wände entlangtasten, ehe sie die Türe fand. Endlich griff sie die kalte, eisumspannte Klinke. Das Licht, das ihr über die Wiese geleuchtet hatte, stand auf einem Tisch und beleuchtete in seinem nächsten Umkreis eine große, schwere Bibel und ein altes Mütterlein. Als Maria eintrat, hob das Mütterlein den Kopf und blickte auf den späten Gast mit großen, klugen Augen. Maria trat in den Lichtkreis des Lämpchens und sagte erregt:

»Verzeiht, Mutter Geisler, ich möchte mit der Toni reden.«

Da kreuzte die Alte ihre gefurchten Hände über die Bibel und antwortete ein wenig barsch und ein wenig spöttisch:

»Ihr habt einen weiten Weg gemacht, Maria Klausen, aber Ihr habt ihn umsonst gemacht.«

Maria verwand den Spott der wohlbekannten Worte und sagte flehend:

»Seid barmherzig, Mutter Geisler, ich muß mit der Toni reden.«

»Aber Ihr könnt nicht, ...« und dann voll heimlichem Stolz, »... sie dient in Innsbruck beim Rabenwirt.«

Maria schluchzte auf.

»Dann gibts ein Unglück ... meiner Schwester Kind liegt im Sterben, und nur die Toni kann es ändern, wenn sie den Fluch zurücknimmt ...«

Da stand die Alte auf und sagte zürnend:

»Schämt Ihr Euch nicht, Maria Klausen? ... Was Ihr da redet, ist eine schwere Sünde. Leichtfertig mag die Toni sein, aber mit dem Teufel hat sie nichts zu tun ...,« sie schlug das Kreuz ..., »verlaß uns nicht, o Herr ...! Wenn Eurer Schwester Kind krank ist, so ist das Gottes Wille, und jeder Mensch wird bezeugen können, daß es eine natürliche Krankheit ist.«

Maria war beschämt und eingeschüchtert, aber nun sagte sie rasch und weinend:

»Das ist es ja eben, Mutter Geisler. Es ist keine natürliche Krankheit. So ein furchtbarer Husten ist es, daß ihm das Blut bei Mund und Nase läuft. Der Doktor weiß auch nicht, was es ist. Er sagt, es steht in keinem Buch ...«

Die Alte lächelte verächtlich.

»Der Doktor ...! hört mir auf mit ihm. Das glaube ich gerne, daß er nicht weiß, was es ist, und daß vieles nicht in seinen Büchern steht, was der liebe Herrgott tut ... geht und schämt Euch ...! Aber nein! damit Ihr nicht etwa denkt, daß wir unfreundliche Leute sind, die nachtragen und Übles nicht vergessen können, will ich Euch eine Salbe mitgeben, die Ihr probieren sollt. Sie hat schon vielen geholfen. Reibt damit das Kind nach jedem Hustenanfall von oben bis unten ein und tragt ihn fleißig in der frischen Luft herum.«

Nach diesen Worten erhob sie sich, trat an einen arg zerfallenen Schrank, suchte unter den Dosen und Döschen und nahm endlich einen weißen Tiegel heraus, den sie Maria überreichte.

Maria aber überkam plötzlich ein mächtiges Zutrauen zu den klugen Augen der alten Frau. Sie nahm den Tiegel mit einem hastigen »Vergelt's Gott« und tastete sich hinaus.

Die Dunkelheit, die draußen herrschte, brachte ihr Josef in Erinnerung. Er stand jenseits der Wiese, genau an der Stelle, wo sie ihn stehen ließ, und das Licht seiner Laterne leuchtete zu ihr herüber. Ein tiefes, leidloses Glücksgefühl stieg plötzlich in ihr auf. »Wie gut der Josef war ...«

Aber sie sagte kein Wort zu ihm, als sie drüben war, und er trug schweigend die Laterne hinter ihr. Den ganzen Weg redeten sie kein einziges Wort, und Josef fragte nichts, selbst nicht an der Wegeswende, wo Maria statt nach rechts zum Klausenhof, nach links abbog. Gegen Mitternacht erreichten sie Theresens Anwesen. Er blieb beim Tor stehen und hob die Laterne hoch, um ihr in den Hof zu leuchten. Sie wollte stehen bleiben und ihm danken. Aber plötzlich trieb sie die Angst um das Kind oder sonst etwas ... So nickte sie nur und ging hinein. Kaum war sie drinnen, dachte sie mit heftigem Herzklopfen an das Bild, das sie in der Stube vorfinden würde. Der Kleine war vielleicht schon tot, Therese krank vor Gram und Kummer. Sie griff nach dem weißen Tiegel in ihrer Tasche und öffnete die Türe. An der Wand zwischen den Fenstern hing eine brennende, halbverdeckte Lampe, aber die geweihten Kerzen waren ausgelöscht, und Therese saß beim Bettchen. Sie legte, als Maria eintrat, zum Zeichen des Schweigens ihren Finger an den Mund, und Maria wußte sofort aus ihren Mienen, daß der Kleine noch nicht gestorben war, sondern schlief. Ohne ihre nassen Kleider abzulegen kauerte sie sich neben Therese, berichtete in Flüstertönen über ihren Besuch bei Mutter Geisler und zeigte endlich den weißen Tiegel. Therese schien anfangs enttäuscht zu sein, dann aber sagte sie:

»Der Kleine hat die vielen Stunden, die du fort warst, nicht gehustet. Das ist ein gutes Zeichen, und ich glaubte schon, die Toni hat's gemacht. Aber jetzt muß ich denken, daß es die Wallfahrt ist ... der heiligen Jungfrau sei gedankt ...!«

Sie schwieg und schaute sinnend auf den Kleinen.

Doch der Hustenanfall, den Therese so fürchtete, kam diese Nacht noch ein paarmal. Aber jedesmal, wenn er vorbei war, rieb Maria das kleine Körperchen mit der grünen Salbe aus dem weißen Tiegel, und den nächsten Morgen trug sie das Kind trotz der Kälte und dem ungläubigen Kopfschütteln Theresens hinaus in die klare Winterluft.

Über eine Woche blieb sie bei Therese und tat unverdrossen nach dem Rat der alten Mutter Geisler. Und als am Samstag ihr Schwager von der Wallfahrt kam, glaubte er und auch Therese, die Himmelsmutter habe den Jungen so frisch gemacht.

Maria aber hatte darüber ihre eigenen Gedanken.

Wo sie ging und wo sie stand, sah sie die klugen Augen der alten Frau, und manchmal meinte sie, alles Weh müsse gut werden unter ihr.

Dann fiel ihr immer Stephan ein und sein zerfahrenes, unglückliches Geschick. Gab es da einen Ausweg? ...

Er liebte ein Mädchen, das er schon seit Jahr und Tag nicht mehr gesehen hatte, das seit Jahr und Tag nicht mehr an ihn dachte. Und wenn auch ...! Würde so eine Feine, so eine Verwöhnte, wie es dieses Mädchen war, auf einen Bauernhof ziehen? Winter und Sommer da oben bleiben? Butter rühren? Eier zählen? und sich mit hartköpfigen Knechten und derben Mägden mischen? ...

Freilich, es gab verschiedene Dinge in der Welt. Unten in Bozen zum Beispiel hatte vor ungefähr sechs Jahren eine reiche Lehrerstochter auch einen Bauer geheiratet. Und war ein Übel daraus geworden? ... Nicht daß man wüßte. Der Hof stand noch an derselben Stelle, nur ein wenig ausgebaut und hergerichtet. Und drinnen, so hörte man, war es auch nur ein wenig anders geworden. So zum Beispiel stand die Bäuerin später auf als andere Bäuerinnen und nahm ihre Mahlzeiten nicht mit den Knechten, sondern allein mit dem Bauer. Und ging nicht in blaugefärbten Kleidern herum, sondern trug auch an Wochentagen eine lila Samtbluse. Das hatte Maria oft genug gehört, und es war sicher keine Verleumdung. Nun, und war der Bauer vielleicht unglücklich deswegen? Kaum. Denn ganz Bozen weiß, wie er an seinem Weibe hängt und daß er nie in die Lauben geht, ohne irgendetwas Hübsches für sie zu kaufen. Die Händler kennen ihn schon und reiben sich die Hände, wenn er kommt, denn er kauft, ohne zu feilschen, und nimmt nur das Teuerste: seidene Taschentücher, echte Schildpattnadeln und Glücksringe ...

Aber noch während sie an all das dachte, schüttelte Maria unwillig den Kopf. Mochte es auf dem Hof in Bozen zugehen, wie es wolle, im Klausenhof konnte man so etwas nicht brauchen. Was würde die Mutter zu so einer Wirtschaft sagen? Das ging also nicht.

Gab es aber einen anderen Ausweg? ... Allerdings, einen gab es noch ... Doch es gab ihr einen Ruck, und sie sträubte sich, daran zu denken. Den Hof hergeben ... Aber nein! das konnte Stephan nie tun. Den alten Klausenhof in andere Hände geben ... was würde der Vater dazu sagen? ... Da blieb nur eines: Stephan mußte die Städterin vergessen.

Aber dann dachte sie an ihr eigenes Geschick. An den fremden Mann – für sie, trotzdem sie nun seinen Namen wußte, noch immer der namenlose, märchenhafte Fremdling – und sah ein, daß weder sie noch Stephan je vergessen konnten.

Und wieder flogen ihre Gedanken zu Mutter Geisler, zu den klugen Augen und dem weißen Scheitel ... Mutter Geisler, die wußte vielleicht Rat. Immer mehr drängte sich dieser Glaube bei ihr auf, und als sie am Sonntag von Therese und ihrem Manne Abschied nahm, schlug sie nicht den Weg zum Klausenhof ein, sondern ging die entgegengesetzte Richtung hinunter nach Kampenn. Dieses Mal hatte sie keine Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden, und früher als sie selbst dachte, stand sie vor der Hütte am Rand der breiten Wiese.

Die Alte war nicht im mindesten erstaunt, als sie den Besuch gewahrte, aber sie nickte freundlich und sagte:

»Das ist schön, daß Ihr kommt, Maria Klausen.«

Dann wischte sie mit ihrer großen, peinlich sauberen Schürze über einen Stuhl und stellte ihn ihr hin. Maria aber schämte sich plötzlich, daß sie, die Klausentochter, um Rat und Hilfe in die armselige Geislerhütte kam, und um ihre wahren Gefühle zu verbergen, übersah sie den Stuhl, den ihr die Alte hingestellt hatte, und sagte rasch und ein wenig hochmütig:

»Ich bin nur gekommen, um Euch zu fragen, wieviel die Salbe kostet.«

Die Alte schaute sie ruhig an.

»Meint Ihr denn, sie hat geholfen?«

»Ja ... ganz sicher. Der Kleine ist beinahe schon gesund.«

»Dann höret, Maria Klausen. Da gibt es jetzt zwei Dinge. Entweder der Herrgott hat das Kind gesund gemacht, und dann braucht Ihr mir nichts zu bezahlen. Oder meine Salbe hat geholfen, und da mögt Ihr mir ja ehrlich sagen, ob Ihr trotz Eurer schönen Höfe und Eurer endlosen Wiesen Geld genug habt, für den Buben zu zahlen, was er Euch wert dünket.«

Und nachdem sie das gesagt hatte, machte sie sich beim Herde zu schaffen, als ob niemand da wäre. Maria aber gingen diese Worte wie scharfe Messer ins Gewissen. Sie schämte sich nun ihres falschen Hochmutes, der sie zu der häßlichen Frage verleitet hatte, und zerknirscht wollte sie aus der Stube gehen.

Da aber wandte sich die Alte um, senkte ihre großen, wunderbaren Augen voll in Marias Augen und sagte ernst und freundlich:

»Und sonst wolltet Ihr nichts fragen?«

Da errötete Maria über und über, setzte sich in den Stuhl, haschte nach der alten, runzeligen Hand, die an der sauberen Schürze niederhing, und sagte:

»Doch ... doch ... ich wollte Euch fragen, Mutter Geisler, was Ihr von einer Bäuerin haltet, die nach den Leuten aufsteht, nicht mit ihnen ißt und ihre Sonntagskleider an Wochentagen trägt?«

Atemlos, verwirrt hatte sie geredet, und als sie jetzt schwieg, empfand sie das Gefühl, als wäre ein großer Lärm gewesen, den sie verursacht hatte. Mutter Geisler aber sagte:

»Das ist eine leichte Frage und braucht nur eine leichte Antwort. Aber ich will Euch eine kleine Geschichte erzählen:

Zu einem Einsiedel kam einmal eine Bäuerin und klagte ihm, daß seit dem Tode ihres Mannes alles abwärts gehe. Da gab er ihr ein kleines Kästchen und sagte, sie müsse dieses Kästchen ein ganzes Jahr lang zwölfmal bei Tage und zwölfmal bei Nacht in alle Winkel des Hauses tragen, darauf werde es sicher besser gehen. Die Bäuerin glaubte dem frommen Mann und trug richtig das Kästchen zwölfmal bei Tage und zwölfmal bei Nacht im ganzen Haus herum. Da fand sie schon in der ersten Nacht die Knechte im Keller beim Wein, und in der Küche schmorten sich die Mägde gelbe Eierkuchen ... fangt Ihr an, etwas zu merken? ...«

»Ja, Mutter Geisler ... der Einsiedel meinte, sie müsse sich kümmern ... Tag und Nacht um die Leute und die Wirtschaft kümmern.«

Die Alte nickte, und Maria dachte an den zweiten Ausweg.

»Seid nicht böse, Mutter Geisler ... ich möchte Euch noch etwas fragen, was würdet Ihr tun, wenn Ihr einen Hof hättet ... ich meine schon von altersher ... einen Hof, den Eure Väter gehabt haben, den sie Euch übergeben haben, daß Ihr ihn betreuet und die Namen und die Art der Väter weiter zwischen seine Wände pflanzet ... und wenn es Euch plötzlich einfiele, daß Ihr etwas anderes möchtet ... ich weiß nicht was ... aber etwas anderes ... vielleicht sogar den Hof hergeben ... was würdet Ihr da tun, Mutter Geisler ...?«

Jetzt antwortete die Alte nicht so rasch wie vorhin, sondern redete langsam und mit Bedacht.

»Das ist keine leichte Frage. Vieles müßte geprüft und erwogen werden. Aber eines deucht mir ganz klar: Wo ein Hof ist, muß ein Bauer sein. Der Bauer gehört zum Hof ... und da gibt's noch ein Sprichwort, das heißt: Schuster bleib bei deinem Leisten ...«

Sie schwieg, und Maria fielen plötzlich auch die Worte ein, die Therese an ihrem Hochzeitstag gesagt hatte:

»Der Klausenhof ist kein gewöhnlicher Hof. Ich glaube, im ganzen Lande gibt es keinen, den man damit vergleichen könnte. Und wenn man denkt, wie er gehalten wurde ... vom Vater, vom Großvater und von den andern ... Und jedes von uns tat sein Teil daran und ist ein Teil davon ...«

Nein! es gab keinen Ausweg. Armer Stephan ...

Sie stand auf und drückte der alten Frau fest beide Hände.

»Ihr seid so stolz und wollt kein Geld. Aber wenn Ihr doch einmal etwas brauchen solltet, so vergeßt nicht, daß Ihr im Klausenhof immer willkommen seid ... und dann noch etwas,« sie zögerte, und es dauerte lange, »... sagt der Toni, wenn Ihr sie wiederseht, ich und Therese, und wir alle schicken ihr einen Gruß.«

Und ohne eine Antwort abzuwarten eilte sie hinaus.