Vierundzwanzigstes Kapitel
Im Klausenhof herrschte, seit Stephan wieder da war, musterhafte Ordnung. Die alte Zucht, die sich in den letzten Monaten stark gelockert hatte, kam wieder zum Vorschein, und das war nicht zu wundern, denn Stephan ging an Unachtsamkeiten nimmer mit verträumtem Blick vorbei, sondern sah das kleinste Vergehen und verfiel selbst über unbedeutende Dinge in eine sinnlose Wut. Das Gesinde duckte sich scheu zusammen, wenn es den jungen Bauer nur von weitem sah, und der neue Knecht fürchtete ihn, daß er zu zittern begann wie ein grausam geprügelter Hund.
Das hatte seinen guten Grund.
Stephan hatte ihn einmal bei der Flasche ertappt.
Das war ein furchtbarer Auftritt gewesen, und einen Augenblick sah es aus, als wollte er den Säufer erwürgen. Dann aber ließ er ihn los, wie von Ekel geschüttelt, und gab ihm nur einen Stoß. Aber der sandte ihn sausend bis zu den Schweineställen, und seither trug er den Kopf verbunden und rührte selbst den halben Liter Wein nicht an, der ihm von Rechts wegen jeden Tag zukam.
»Herrgott! die Kraft, die dieser junge Riese in seinen Fäusten trug ... Nein, mit dem war nicht zu spaßen ...!«
Auch Maria zitterte, wenn sie seine Stimme im Hof oder in den Ställen donnern hörte, und dachte immer:
»Der Vater war auch streng ... aber so ... so nicht ... Freilich hatte er recht, denn das waren Schädel, die man suchen mußte ...«
Aber sie empfand doch geheime Angst vor ihm und kam sich manchmal vor wie eine von den Mägden. Ja, sie begann zu beben, so oft er in die Küche kam, selbst wenn er gut und sanft redete, denn immer war etwas in seinen Augen, das früher nicht da war, etwas Böses, Wehes.
Das alles wurde viel ärger mit den ersten Frühlingstagen, und Maria kam aus der Angst und dem Herzklopfen nicht mehr heraus. »Es gibt ein Unglück,« dachte sie hundertmal. »Es gibt ein Unglück.« Und sie erinnerte sich an Geschichten, die sie gehört und gelesen hatte von Leuten, die andere im Jähzorn erschlugen.
Eines Morgens aber war Stephan fort. Ohne Gruß, ohne Weisung war er wieder gegangen, und Maria glaubte zu wissen, wohin. Hinauf zur Alm, woher die vielen Schneebäche kamen, daß das ganze Land rauschte. Hinauf zur Alm, wo man besser atmen konnte, wenn einem Zorn und Weh in der Kehle stak. O! es war leicht, so etwas zu tun. Einfach davonzugehen und Pflicht und Arbeit dazulassen ...
Aber bald dachte sie wieder weicher und versöhnlicher.
Hatte er nicht recht ...? Warum sich quälen ...? Wenn ihm leichter wird da oben, so mag er in Gottes Namen oben bleiben. Immer konnte es doch nicht dauern. Einmal wird es vorübergehen, und dann wird er ihr dankbar sein, daß sie seinen verlassenen Hof durchgehalten hatte ...
Und sie fand den Leuten gegenüber neue Ausreden für Stephans Verschwinden und war noch einmal so unermüdlich, so umsichtig als vorher. Aber müde wurde sie jetzt manchesmal. So müde. Dann umspannte sie den alten Hof mit leidvoll-mütterlichen Blicken und streichelte die grauen, rissigen Mauern. Ja, er war ein wunderbarer Hof ... aber so eine Bürde ... O so eine Bürde ...!
Bald nach Ostern erlebte Maria einen neuen großen Schreck. Drüben in der schönen Villa wurden eines Morgens die Fensterläden geöffnet. Da verlor sie plötzlich allen Mut. Wenn die Fremden wiederkamen ... die Fremde wiederkam ... konnte es da jemals gut werden ...?
Und eine Woche später kam über die schlechte steinige Bergstraße eine vornehme Kutsche gefahren. Ein Mann mit hohem Hut und gelben Knöpfen lenkte die Pferde, und grünseidene Vorhänge verhüllten das Innere des Wagens. Da aber weinte Maria, denn nun dachte sie an des eigenen Herzens unerfülltes Harren ...