Dreizehntes Kapitel
Stephan hatte Mühe, sich zurechtzufinden.
Er war den Weg schon seit Jahren nicht mehr gegangen und hatte schon als Knabe seine Not damit ... als Knabe, wo er doch so oft und so gern zur Mühle ging.
Sie lag irgendwo auf der anderen Seite des Berges, eingesenkt in Steingeröll und Fichtenschlünden. Manchmal blieb er stehen, trocknete sich den Schweiß von der Stirne und säuberte mit einem großen Taschentuch an seinen Beinkleidern. Ein plötzlicher Südwind hatte den Schnee an den Hängen geweicht, daß er brockenweise heruntertaumelte und als schmutziges Wasser über die Pfade kroch. Und heiß war es. Erstickend heiß. Stephan hätte am liebsten das seidene Halstüchlein herabgenommen, aber seine Mutter hatte gesagt, es schicke sich nicht, ohne ein seidenes Halstüchlein zu freien ... und sie sollten nichts auszusetzen haben an ihm, der Müller und die Müllerin. Sollten nichts davon merken, daß er lesen und schreiben konnte und so viele Jahre in Innsbruck in der Schule saß. Ein Bauer wollte er sein, ein richtiger Bauer, der kein Anrecht hat auf ein Mädchen mit weißen Händen und goldenem Haar ... Zum Teufel auch! Er wäre ausgeglitten und erhaschte noch glücklich den Zipfel einer Tanne. Der Weg ging auch so steil ab, war so glitschrig, daß man förmlich schauen mußte, wohin man trat. Und ringsum senkten sich schwere Lüfte nieder, stauten sich graue Massen auf ... Regen ...
War das ein gutes Zeichen, wenn man freien ging?
Warum denn nicht? ... er würde gut sein gegen Agnes. Ihr nie ein böses Wort sagen und freie Hand lassen in allem was die Wirtschaft anbetraf. Das war ein Zug an allen Klausen, daß sie gut waren gegen Frauen ..., wenn auch einmal einer, irgendeiner, aber sicher nicht der Adalbert, die ganz alten Knechte erzählten es öfters, seine Mutter vor den Pflug spannte und hinter ihr mit der Peitsche schritt ... weiß Gott, wie das eigentlich war. Aber sein Vater war gut gegen seine Frau, hatte sie in Ehren gehalten, und er würde Agnes auch in Ehren halten. Ja, lebenslänglich in Ehren halten ... Etwas wie Stolz kam über ihn, und er eilte rascher vorwärts in plötzlicher Ungeduld. Dann blieb er wieder einmal stehen, zupfte an dem seidenen Halstuch und säuberte an seinen Beinkleidern. Vor ihm öffnete sich ein zerklüftetes Gesenke, tief unten, versteckt zwischen Felsen und Fichten, stand ein bemoostes Dach, und ein frischer, brauner Bach sprang um zwei große, hölzerne Räder. Aber die Räder standen still, denn es war Sonntag ... Freier-Sonntag.
Stephan wurde feierlich zumute, und mit dem Hute in der Hand strebte er der Tiefe zu. Manchmal blieb er stehen, um zu schauen, ob man ihn vielleicht gesehen habe und ihm entgegenkam. Aber es zeigte sich niemand. Der ganze Grund war wie verzaubert, so menschenlos, so seltsam still.
»In Ehren halten,« sagte Stephan leise, »lebenslänglich in Ehren halten.«
Dann schrak er plötzlich heftig zusammen.
Unten schlugen die Hunde an, kläfften und heulten und rissen wild an ihren Ketten. »Herrgott!« aber was gab es da zu erschrecken? Er war doch kein Dieb. Er war der Klausenbauer, der freien kam ... Kein Klausenbauer freite noch umsonst. Die Türen taten sich von selbst auf, wenn er kam. Ja, alle Türen ...!
Und Stephan kniff die Lippen ein und schaute starr nach einer Richtung. Nach einer Richtung, wo auf der anderen Seite des Berges unter Tannen und Lärchen eine Villa stand, eine Villa mit Erkern und Gesimsen, mit Bildern und mit Sprüchen und mit einer Tür, die sich ihm nie auftun würde ... nie ... nie ...
»Nein, so eine Freude,« sagte der alte Müller, der im säuberlichen Sonntagsanzug jetzt aus der Türe trat. »Ihr habt wohl Korn zum Mahlen, junger Klausen?«
»Ja ..., auch Korn zum Mahlen.«
»Also noch etwas. Das ist schön. Aber kommt herein, Ihr seid ja schon eine Ewigkeit nicht dagewesen.«
Und der Alte machte die Türe weit auf, stolz auf den Besuch, den er mitbrachte. Sie schritten an den kläffenden Hunden vorbei, über einen sauber gehaltenen Hof, in dem die Müllerin stand und beflissen grüßte. Und als sie in die traulich durchwärmte, wohlaufgeräumte Wohnstube traten, kamen höflich knixend die beiden älteren Töchter, kam, freudig erschrocken und schelmisch grüßend Agnes, das lieblichste Müllerkind.
Hei, wie groß sie geworden war!
Sie reichte ihm die runde, braune Hand, und während er sie einen Augenblick drückte, dachte er:
»In Ehren halten ...«
Dann setzte er sich neben den weißhaarigen Alten und ließ es sich gefallen, daß die vier Frauen hin und her liefen, um ihm Weißbrot und Kaffee zu richten. Das beste Tuch, die beste Schale, alles Beste aus dem Schrank, der Truhe ... und plötzlich kam er sich all der Sorge, all der Ehre unwert vor. Was wollte er denn hier? Rasch und gefällig lief Agnes hin und wieder, brachte Brot und Wein, brachte Fleisch und Butter, legte Scheite auf das Feuer, zündete die Lampe an, zog die Vorhänge zu und tat tausend liebe Dinge. Aber alles sacht und leise, kaum daß man es bemerkte. Und Stephan dachte:
»Wie geschickt sie ist ... wie flink sie ist. Wie die Mutter sich freuen wird ..., wie der Vater sich gefreut hätte ...«
Er wurde mit einem Male ernst.
»Rauchen Sie nicht?« fragte die Müllerin.
»Ja.«
Agnes reichte ihm Feuer mit leise zitternder Hand, und als er ihr im Scheine des aufflackernden Zündholzes in die Augen sah, scheuten ihre Blicke in den seinen. Das machte ihn stolz und traurig zugleich.
»Wenn es nur schon gesagt wäre ...«
Aber so oft er den Mund dazu aufmachen wollte, legte sich etwas auf seine Brust, setzte sich etwas auf seine Zunge, klammerte sich etwas um seine Kehle, und weit hinten tauchte eine Villa auf, mit Erkern und Gesimsen ...
»Was ist es denn?« fragte der Müller, als der Schmaus vorüber war und die vier Frauen gerade in der Küche waren, »das Ihr noch möchtet außer dem Korn?«
Und zu seinem allergrößten Schrecken sagte Stephan:
»Die große Wiese, Herr Müller, die Ihr schon so lange feil habt.«
Dann kam eine solche Beschämung über ihn, daß er nimmer wagte, Agnes anzuschauen, als sie wieder in die Stube trat. Der Müller aber freute sich über das Angebot und redete eindringlich über die schöne Wiese und den niederen Preis. Spät am Abend brach Stephan auf, und als er in den Hof kam, sah er, daß es schneite.
Gott sei Dank, kein Regen, sondern Schnee! Weicher, fester, flaumiger Schnee. Schnee ... in langen Streifen niederrieselnd ... in weißen Schleiern niederwehend. In weißen Schleiern, wie sie Mädchen tragen ... wie sie blonde Mädchen tragen ... Gott sei Dank! Und alle Beschämung von vorhin verlor sich in einem aufbrausenden Dankesgefühl, und als er gegen Mitternacht an die Villa kam, drückte er sein frostdurchglühtes Gesicht an die kalte, steinerne Wand ... Gott sei Dank! ...
Plötzlich stutzte er. Ihm gegenüber lag der Klausenhof, und aus einem Fenster drang Licht. Was war das? Sie warteten auf ihn ..., die Mutter ..., Maria ...
Er hatte die beiden vergessen. Was werden die jetzt sagen, wenn sie es erfahren ...? Jäh ernüchtert, widerwillig, unschlüssig ging er weiter ... Aber war das nicht seine eigene, seine eigenste Sache? ...
Halb trotzig, halb verlegen, trat er endlich in die Stube.
Die Mutter und Maria saßen in ihren schwarzen Sonntagskleidern, der Tisch war mit Blumen geschmückt, die einfachen Möbel machten einen festlichen Eindruck. Es war offenbar, sie hatten das alles für den Abend hergerichtet, um diesen Abend zu feiern ...
Maria trat ihm entgegen, blaß und gefaßt wie eine Braut, und die Mutter wollte schluchzen. Da nahm er die alte Frau fest um die Mitte und sagte:
»Laß gut sein, Mutter. Es wird nichts daraus.«
Sie dachte an einen Korb, aber das stand im Widerspruch zu seinen strahlenden Augen, und sie konnte ihn nicht begreifen.
»Und es ist doch so, Mutter. Ich ... ich hab mich nicht getraut ...«
Nun schluchzte sie wirklich, aber aus Freude, daß sie ihren Jungen noch eine Weile behalten durfte, aus erlöster Mutterfreude, und noch immer schluchzend sagte sie:
»Du Bub, du lieber, dummer Bub.«
Nur Maria sagte nichts. Sie stand beim Fenster und blickte auf die Bäume, die im Schnee und Mondlicht drüben im Wald die Villa säumten. Die Villa, die das Schicksal der Klausen wurde, einmal, und dann noch einmal durch ein fremdes Mädchen, durch einen fremden Mann ... Und während sich ihr Gehirn abmühte, ein paar Worte für Stephan zu finden, dachte sie: »Es kann nimmer gut werden mit den Klausen.«