Vierzehntes Kapitel
Und es ward nimmer gut.
Das merkte nicht nur Maria, das merkte auch Stephan, merkte es am allerdeutlichsten, wenn er sich nach der Rückseite des Hauses unter die langen Fänge der Windmühle schlich und mit einem alten Fernrohr, das noch aus Innsbruck stammte, den Weg nach Bozen hinauf und hinunter sah. Den steilen, steinigen, fünf Stunden langen Weg, den der Postbote aus Bozen einige Male im Jahre heraufkroch, um den Steuerzettel oder einen anderen dienstlichen Wisch im Klausenhofe abzugeben. Ja, immer nur dienstliche Sachen! Die Verwandten und Bekannten der Klausen waren ja nicht eben gewandt im Lesen und Schreiben. Auch Therese nicht, die nur öfters einen Knecht zu der Mutter sandte mit der Botschaft, daß es ihr gut ginge und daß Maria doch einmal kommen möge.
Immer nur dienstliche Sachen! ... und doch schlich sich Stephan jeden Tag nach der Rückseite des Hauses unter die langen Fänge der Windmühle und schaute mit seinem alten Fernglas den Weg nach Bozen hinauf und hinab. Aber die Steuern waren wohl noch immer nicht fällig, denn der Postbote kam nicht, so eifrig Stephan auch schaute, so sehr er das Fernglas auch drehte ... Und voll tiefer Beschämung ging er jedesmal in das Haus zurück und nahm sich vor, nie wieder auszuschauen. Aber den nächsten Morgen stand er doch draußen, an der Rückseite des Hauses, unter den langen Fängen der Windmühle ...
Da geschah es jetzt aber schon ein paarmal, daß er einen tiefen Schreck erlebte. Maria stand auch dort. Genau an derselben Stelle, wo er immer zu stehen pflegte, wo man den Weg am besten überschauen konnte. Mit straffgespanntem, weit vorgeneigtem Oberkörper, die Augen mit den Händen gegen den blendenden Schnee geschützt, schaute sie den Weg hinab, schaute starr hinab und suchte ...
Stephan war jedesmal schnell zurückgetreten, noch ehe sie ihn bemerken konnte, und ging schließlich nur mehr auf Ausguck, wenn er Maria dringendst im Haus beschäftigt wußte. Aber es dünkte ihn eine lächerliche, wahnsinnige Sache, daß sie, ohne es einander zu verraten, auf ein und dasselbe warteten, von dem sie beide wußten, daß es nie kommen würde, auf eine Nachricht aus dem fernen, schönen, prachtumrauschten Wien ...
Und die Stadt, die sie früher manchmal nennen hörten, ohne sich etwas dabei zu denken, wurde ihren Herzen der Mittelpunkt brennendsten Verlangens, sehnsüchtigster Träume ...
Wien! Du wunderbares, märchenhaftes, weitentrücktes Wien! ...
Und nach und nach wurde ihnen die Heimat enge, die Heimat mit den Bergen ringsherum, die alle Aussicht wehrten in die Ferne. O du Ferne! du glänzende, glückliche Ferne! ...
Vergrämt, verdrossen, mit äußerster Anstrengung gingen sie ihrer Arbeit nach. Wie böse Geister versanken die Novembernächte, wie böse Fragen kamen die Dezembertage ... Wenn nur Weihnachten erst vorüber wäre ...! Weihnachten, das sie sonst so festlich in innigster Eintracht begangen hatten und das sie diesmal fürchten mußten, wegen der Klüfte, wegen der Fremde, die der Sommer, ein einziger kurzer Sommer, unter sie getragen hatte. Und je näher das Fest der Freude, das Fest der Liebe kam, desto mehr wurde der Wunsch in ihnen rege, sich einander anzuvertrauen, einander alles zu sagen, miteinander alles zu tragen ...
Aber so oft sie damit anfangen wollten, färbten sich ihre Wangen, stockte ihnen der Atem, versagten ihre Zungen ...
Nein! es geht nicht. Es geht nicht! ...
Und Maria beugte sich tiefer über ihren Rocken, und Stephan beugte sich tiefer über sein Buch ...
So war das auch am Vortag des 24. Dezember. Die ganze Woche hatten sie es auf diesen letzten Tag verschoben. Erst für den Morgen, dann für den Mittag, dann für den Abend, und jetzt saßen sie sich gegenüber, mühten sich zu reden und konnten nicht. Aber als Maria der Faden wieder riß, und er riß heute unzählige Male, dachte sie: »Es muß sein.«
Und ohne den Faden anzudrehen, lehnte sie sich in ihren Sessel zurück und sagte:
»Stephan ...«
Er hob unsicher den Kopf.
»... ich wollte dir sagen, Stephan ...« und nach einer blitzschnellen Vorstellung von kreisförmig sich drehenden Bildern, lächerlichen, unseligen, unmöglichen Bildern ... »daß ich morgen gerne zu Therese ginge ...«
Dankbar, befreit atmete Stephan auf.
»Ja ... warum denn nicht?«
Sie lächelte bitter. »Warum denn nicht?« fragte er ...
Weil Weihnachtstag ist, könnte sie sagen, und weil wir nie auseinander waren am Weihnachtstag, und weil ...
Aber sie war zu müde, zu gleichgültig, um etwas zu sagen.
Schweigend drehte sie den Faden an, und Stephan fiel plötzlich ein, daß er draußen etwas nachschauen müsse. Eilig erhob er sich. Draußen hatte sich ein scharfer, schneidender Wind erhoben, der von den Bergen niederfuhr und wütend gegen den Hof prallte. Aber rückwärts, an der Scheune, stand die Windmühle, kampflustig, kampfgerüstet, wartend wie ein Recke auf den andern, und gleich darauf wälzten sich Wind und Mühle in heulender Umarmung. Stephan stand neben dem kleinen, matterleuchteten Fenster, und unwillkürlich blickte er hinein. Da sah er, daß Maria weitvornüber gebeugt im Stuhle saß, die Arme auf dem Schoß, den Kopf auf den Armen, und manchmal ging ein Stoß durch ihren Körper, ein Stoß, als ob sie weinte ...
Da schaute er weg und schaute hinüber zu der Villa. Sie stand unter den schneegebeugten Fichten, weißbehangen, bläulichschimmernd, wie ein leibgewordnes Märchen ...
Aber Stephan dachte an den Vater, wie er blutüberströmt im Bette lag, an Maria, wie sie in der Stube saß und weinte, an sein eigenes grimmes Weh, und plötzlich hob er die Arme wie in einer mächtigen Verzweiflung und sagte:
»Du Unglückshaus!«