Fünftes Kapitel
Frau von Kletten fror. Sie gab Befehl, sämtliche Zimmer zu heizen, und breitete sich überdies ein warmes Tuch um die Schultern. Dann legte sie sich auf den weichen Plüschdiwan, schloß ermüdet die Augen und dachte nach, warum in aller Welt sie eigentlich hergekommen war. Nach einer Weile fiel es ihr ein. Richtig, wegen Margarete. Sie war in den letzten Jahren so überzart geworden, irgendein Arzt hatte etwas von den Bergen gesagt, und der gute, ängstliche Papa hatte sofort eine Villa bauen lassen, eine Villa mitten im Wald, 1300 Meter hoch ... gräßlich!
Sie schüttelte sich, gähnte, rückte die seidenen Kissen bequemer und versuchte zu schlafen. Plötzlich aber kam ihr eine neue Sorge. Leichtsinnig wie alle jungen Mädchen saßen ihre Kinder sicher draußen auf dem Balkon, in dünnen Batistkleidern. Seufzend streckte sie die Hand nach der Klingel aus, besann sich aber auf halbem Weg und stand auf, um selbst nach ihnen zu sehen. Sie fand die Mädchen auf dem breiten Hauptbalkon und, wie sie vermutete, in dünnen, weißen Kleidern. Fröstelnd trat sie zu ihnen und sah prüfend auf die jungen, frischen Gesichter.
»Friert euch nicht, Kinder?«
»Aber Mama, wir sitzen die ganze Zeit in der Sonne.«
»Ohne Hut und Schirm, das sollt ihr eben nicht.«
Nun lachte Frida, die Älteste, und sagte:
»Dafür mußt du Hugo schelten. Er hat es uns erlaubt.«
Scherzhaft mit dem Finger drohend, wandte sich Frau von Kletten jetzt an den jungen, eleganten Mann, der lang und nachlässig im bequemsten Sessel lag.
»Sie bringen mich noch um meine Töchter, lieber Hugo.«
Ein feiner Doppelsinn lag in ihren Worten, und er machte eine komische Gebärde des Entsetzens.
»Doch nicht um beide, gnädige Frau.«
Margarete, zart und blond, erhob sich und legte ihre Arme schmeichelnd um die Mutter.
»Ist es nicht gottvoll hier oben, Mama?«
»Im Sommer, Kind, und bei schönem Wetter, aber im Winter muß es direkt gräßlich sein.«
»Im Winter wohnt ja auch niemand hier.«
Hugo von Rotenau lächelte spöttisch.
»Glauben Sie vielleicht, die Bauern ziehen mit ihren Kühen in die Stadt?«
»Aber es sind doch keine Bauern da.«
»Doch, dort drüben das große, weiße Haus ist ein Bauernhaus.«
»Sind noch mehr da?«
»Nein, das ist das einzige.«
»Wer wird soviel über Bauernhäuser reden,« sagte Frau von Kletten. »Wie finden Sie die Gegend, lieber Hugo?«
»Unvergleichlich schön.«
»Und wie lange werden Sie diese unvergleichliche Schönheit ertragen können?«
»Bis ich ihrer müde bin.«
»Dann dürfen wir mit Ihrer Gesellschaft nicht für lange rechnen.«
»Nein« ... und er zündete sich eine Zigarette an.
Frida reichte ihm jetzt ihr Fernglas.
»Wollen Sie uns nicht sagen, bitte, wo der Rosengarten liegt?«
Er wies das Glas zurück.
»Danke, ich habe gute Augen ... dort geradeaus, die drei Zinken.«
Margarete blickte ebenfalls nach der Richtung und sagte lebhaft:
»Ja, das wollte ich auch schon wissen. Aber woher rührt eigentlich dieser schöne, merkwürdige Name?«
Hugo von Rotenau zuckte gleichgültig mit den Achseln.
»Das weiß ich nicht.«
Dann wandte er sich Frau von Kletten zu, die sich inzwischen gesetzt hatte, und ohne sich weiter um die Mädchen zu kümmern, begann er, aus einer seiner blitzartigen, unergründlichen Launen heraus, über die Kunst zu reden. Er redete mit weicher, gedämpfter Stimme und sagte:
»Wie die Natur erst reizvoll wird, wenn der Mensch kommt und sein Menschenauge sie reizvoll findet, so wird das Kunstwerk erst lebendig, wenn der Beschauer kommt mit seiner Phantasie. So habe ich zum Beispiel vor einiger Zeit ein Bild gesehen, das mich interessierte, weil es ohne den Menschen – ich meine, ohne den richtigen Menschen – gänzlich belanglos wird. Bitte, stellen Sie sich es vor ... Ein ärmliches Zimmer, im Vordergrund ein paar Arbeitsleute in Sonntagskleidern. Weiter nach hinten eine offene Tür. Links und rechts davon Grabkränze. Im anderen Raum Kerzenlicht und die Ecke eines Sarges ... Nichts weiter ... Das ganze Bild wartet. Wartet auf jemand, der da kommt und sagt: ›Es ist die Mutter, die dort drinnen liegt.‹ Ja, sicher, es ist die Mutter. Man merkt, wie sie zu dem Raum gehört, noch da ist und doch schon fehlt. Verlassen steht der Rocken in der Ecke, aber ihre alten Hände schweben schattenhaft darüber. Die Blumen an den Fenstern atmen leise und trinken das letzte Wasser, das sie ihnen gab. Das ganze Stübchen ist voll Liebe. Ihr ganzes Leben hat sie hier zugebracht. Alles hat sie hier gelitten ... Ihre Kinder wurden da geboren, ihren Mann trug man von da hinaus ... Wie müde Vögel flattern ihre Schmerzen durch den Raum. Hinter der Türe hängt ihr Werkelkleid, das sie auszog für den Feiertag ... sie dachte nicht, daß er so lang sein würde ... Das starre Bild wird warm und regt sich unter dem Zauberkuß der Phantasie. Was aber wird daraus, wenn einer kommt, der vorbeigeht und sagt: ›Jemand ist gestorben.‹«
»Wie hübsch Sie reden,« sagte Frau von Kletten. Aber sie dachte: »Wie taktlos er ist. Er redet von Grabkränzen und Särgen, wo er weiß, daß ich die Toten fürchte. Nein, er ist kein Mann für meine Kinder.« Und um den Gegenstand des Gespräches zu wechseln, fragte sie: »Was war das für ein Flieger, der letzte Woche abstürzte?«
»Ich weiß es nicht.«
»Interessieren Sie sich denn nicht für Aviatik?«
»Sehr.«
»Dann? ...«
»Aber nicht für Unfälle.«
»Warum nicht?«
»Weil es nicht meine Gewohnheit ist.«
»Aber das eine gehört zum andern.«
»Ja.«
»Sie sind hartherzig,« sagte Frau von Kletten. Aber sie dachte: »Er ist nüchtern und praktisch, gerade wie es das Leben verlangt. Der einzig richtige Mann für meine Frida.«
Dann stand sie auf und sah sich nach den Mädchen um. Die waren fort.
»Also auf Wiedersehen,« sagte sie und reichte ihm die Hand, die er artig küßte. Als sie fort war, zündete er sich eine neue Zigarette an, und während er sie in langsamen Zügen rauchte, schaute er hinab auf die Wiesen, wo eine Schar Männer das erste Heu mähte. Sie boten ein schönes Bild, und der vornehme Müßiggänger auf dem Balkon betrachtete mit Künstlerblick und Künstlersinn, wie die nackten, braunen Arme in weichen, langen Linien die blitzenden Sensen führten und ein Strich Gras nach dem andern lautlos niedersank. Seine besondere Aufmerksamkeit aber galt einem jungen Mann. Er schied sich von den andern durch seine ungezwungene Haltung und seinen hohen, stolzen Wuchs ...
Und Hugo von Rotenau dachte: »Leicht wie ein Spielzeug handhabt er die Sense, und jede Gebärde verrät den Herrn. Wie stolz er sich trägt und wie vollkommen er ist. Ich habe nicht gewußt, daß es solche Geschöpfe gibt ... wenn ich einmal am Ende meines Ichs anlange und fühle, daß ich einen Menschen brauche, möchte ich diesen Knaben um seine Freundschaft bitten ...«
Und als hätte er plötzlich einen Gedanken bekommen, der ihm früher fremd war, sprach er laut und deutlich:
»Am Ende meines Ichs ... was da heißen soll, wenn das Herz leer wird und von dem Witz, der Weisheit und der Güte der andern leben will.«
Er warf die Zigarette weg und sprang auf. Sein Gesicht war gleichmütig wie immer, nur seine Lider lagen ein wenig schwer über den Augen. Kein Mensch hätte ihm angesehen, daß er erregt war, daß ihn eine tolle Furcht erfüllte, die Furcht des Einsamen, dem bangt um seine Einsamkeit ... Er verließ das Haus und wanderte durch den Wald. Kühl und feucht, mit hängenden Zweigen, standen die Lärchen links und rechts. Er griff in ihre langen, grünen Haare, und nun dachte er an Frauen, an die eine, die er geliebt hatte und doch auch gehen ließ wie all die andern, weil er allein sein wollte ... Ihr Name – einer von den wenigen Frauennamen, die er behalten hatte von all den Namen, die er schon kannte, lag plötzlich in der Luft, und dann kam sie selbst mit der Abendröte auf den Wimpern und den Wangen ... »Vera«, sagte er, obwohl er genau wußte, daß es unmöglich Vera sein konnte. Dann wartete er mit angehaltenem Atem und ließ sie vorübergehen. Ruhig und stolz, mit einer leisen Falte zwischen den Brauen, schritt das fremde Mädchen an ihm vorbei. Sie ging den Weg zum Bauernhaus, und als sie hinunter an die Wiese kam, trat der junge Mann zu ihr, den er vorhin bewundert hatte. Da merkte er an Gang und Haltung, daß sie Geschwister waren. Hugo von Rotenau blickte ihnen eine Weile nach, dann setzte er seinen Spaziergang fort. Auf dem Heimweg aber machte er einen weiten Bogen um die Villa, kam beim Bauernhaus vorbei und sah das Mädchen noch einmal. Sie stand im Garten unter einem Feld von großen, gelben Blumen. Da zog er tief den Hut und grüßte sie.