Sechstes Kapitel

Stephan und Maria verbargen sich etwas. Sie vermieden sogar, soviel es ging, allein miteinander zu sein, und wenn es einmal nicht anders möglich war, dann sprachen sie, in hastigem Eifer die gleichen Dinge wiederholend, über die Knechte, die Ernten, die Mutter und Therese. Aber kein Wort über die Villa und die neuen, fremden Menschen, deren Kommen sie mit Spannung und Groll erwartet hatten. Und nun waren diese Menschen schon so lange da, und beide wußten es, und keines sagte es dem andern ...

Maria nicht, weil sie einen Mann gesehen hatte mit dunklen, merkwürdigen Augen, der sie grüßte, als ob sie eine Gräfin wäre, und mit ihr über fremde, traumhafte Dinge redete, wenn er sie im Garten oder im Walde traf ... und Stephan nicht, weil er einmal in dämmeriger Abendstunde einem Wagen nachgegangen war, einem Wagen und einer Hand, zu der er sich seither Augen, Mund und Haare nach dem Bild der Gottesmutter, das er in Innsbruck sah, geschaffen hatte. Und wenn er vom Felde heimging, dachte er nicht mehr wie früher an Maria oder an den Vater, sondern an die Gottesmutter ... und doch wieder nicht an die Gottesmutter, sondern an ein Mägdlein mit langen, blonden Haaren und tiefen, scheuen Blicken ... Und eine Unruhe war über ihn gekommen wie über den Wald, wenn die ersten Frühlingsstürme auf dampfenden Rossen durch die alten Tannen reiten, und ein Getöse war in sein Blut gekommen, wie wenn ein starker, breiter Strom sich schwer auf starren Felsen bricht ... So kam es, daß er übersah, wie Marias Eifer abnahm. Daß sie nimmer aufsprang, wenn er abends heimkam, sondern sitzen blieb und auf den Weg hinausstarrte ... daß sie oft mitten in der Arbeit innehielt, die Hände noch in der Luft, den Kopf gesenkt, gerade als ob sie lauschte ... vielleicht nach einer Stimme, vielleicht nach einem Schritt, vielleicht nach Gedanken, die plötzlich aus dem Herzen steigen, ein rasches Licht ins Auge tragen und lautlos wieder gehen ... übersah, wie sie höher wurde, merkwürdig reifte und erblühte gleich einer Blume oder Frucht, die nach lauen Tagen plötzlich die Sommersonne spürt und alle ihre Blätter breitet ... übersah, wie sie edel wurde in Schritt und Gebärde, wie ein Zauber sie mit leuchtenden Fäden umspann, bis sie wie etwas Fremdes, Fernes in den niedren Stuben stand ... Das alles übersah Stephan. Er wurde schwer und verträumt, wie alle Klausen waren, wenn sie die Liebe packte, denn Stephan liebte, liebte in einer wundersamen, wesenlosen Weise, wie kein Klausen je geliebt hatte ...