Neunundzwanzigstes Kapitel

Frau Therese hatte Einquartierung bekommen.

Alle seine Leute und alle seine Tiere – die Katze ausgenommen – hatte ihr Stephan gebracht. Da gab es Arbeit in dreifacher Fülle. Maria stand Therese treulich bei, und auch Stephans Gesinde tat das seine. Aber es war nicht sehr viel, denn Stephan kundschaftete nach Bauernhäusern, die Knechte und Mägde brauchten, und schickte bald den einen, bald den andern, um sein Büchel zu zeigen.

Und als der letzte Knecht und die letzte Magd versorgt war, führte Stephan lange Reden mit Therese, wobei sie oft zornig und unwirsch wurde; und zum Schluß doch immer nachgeben mußte, weil Stephan kein Strichelchen von dem Gesagten änderte, was da war, daß er den Klausenhof nicht mehr aufbauen lassen werde und daß er überhaupt aus der Gegend gehe ... nach Wien vielleicht.

Und eines Tages kam ein alter Advokat aus Bozen, der das Vermögen der Klausen in drei gleiche Teile teilte. Da erwarb Therese alle Wiesen, Felder und Hänge, die nah und fern zum Klausenhof gehörten, und Stephan und Maria erhielten viel bares Geld.

Nun war alles geordnet, und nur eines blieb Stephan noch zu ordnen. Und es war höchste Zeit dazu, denn die grünen Fensterläden an den Villen auf den Höhen schlossen sich einer nach dem andern. Aber noch mußte er warten, bis die Anzüge aus Innsbruck kamen. Allerfeinste Anzüge, die er sich bestellt hatte, denn in dem lümmelhaften Bauerngewand – kurze Joppe, kurze Hose – konnte er um kein Mädchen freien. So vergingen die Tage, und es ereignete sich nichts Besonderes. Nur einmal wurde die Gleichmäßigkeit der Woche unterbrochen, und das war, als eines Nachmittags ganz unerwartet der Josef kam. Vor einiger Zeit war ihm seine Mutter gestorben, und da mochte ihn wohl Trauer und Einsamkeit zu den alten Freunden getrieben haben. Vielleicht! denn noch hatte er kein Wort über die Mutter oder über die Einsamkeit gesagt und nur über den Wald und sein Gewehr und die früheren Zeiten geredet. Aber voll Vorsicht und Schonung, damit niemand wehmütig zumute würde. Und dabei sah er manches Mal auf Maria, die es aber gar nicht merkte, denn sie nähte an einem Höschen für Theresens kleinen Schatz. Aber trotzdem sie sehr eifrig nähte, wurde das Höschen doch so schnell nicht fertig, denn sie nähte ganz verkehrt und merkte es auch nicht. Und nach einer Weile saßen sie gar allein, da Therese anderswo zu tun hatte und Stephan auch plötzlich verschwunden war. Nun hätte Josef eigentlich sagen können, warum er gekommen sei, denn vielleicht war es nur etwas für Maria. Aber ein feiner Instinkt hielt ihn davor zurück. War es die Blässe ihrer Züge? war es das Zittern ihrer Hände? Er wußte es nicht.

Nur daß Wunden in Frauenherzen wie Wunden in Blüten sind ... so verheerend und so schwer heilbar, wußte er. Darum verschwieg er, warum er eigentlich gekommen war, und redete weiter über den Wald und über die früheren Zeiten. Aber etwas in Marias scheu gesenkten Augen gab ihm Glauben und Gewähr für die Zukunft ...

– – Endlich kamen auch Stephans Kleider aus Innsbruck.

Keuchend und schwitzend brachte sie der alte Briefträger herauf, und Stephan gab ihm selig ein reichliches Trinkgeld. Dann ging er mit dem schweren Pack in die Kammer, die ihm Therese eingeräumt hatte, und probierte. Er suchte den feinsten und schönsten Anzug heraus. Darin wollte er bei ihrer stolzen Mutter um sie bitten. Aber der Anzug paßte nicht. Er war ihm zu kurz und zu eng, und als er sich in dem kleinen Spiegel besah, gefiel er sich nicht. Mißmutig zog er ihn wieder aus und probierte den nächsten. Dann den nächsten ... dann den nächsten ...

Aber es paßte keiner, und er warf sie endlich zornig auf den Tisch. Dann schlüpfte er wieder in sein Bauerngewand – kurze Joppe, kurze Hose – und machte sich mit einer trotzigen Falte zwischen den Brauen auf den Weg. Er war halt ein Bauer, und das wird sich nicht leugnen lassen, auch in Wien nicht. Aber wer weiß ...?

Fröhlich und sicher, immer nur des Augenblicks gedenkend, da Margarete ihre Wangen an seine Finger legte, ging er zwischen den steilaufsteigenden Wäldern dahin. Plötzlich aber blieb er stehen und spürte einen heftigen Schreck und konnte doch die Blicke nicht wenden von dem, was ihn so erschreckte.

Es waren unter Fichten und Lärchen drei ragende Türme mit leuchtenden goldenen Spitzen. Eine unendliche Bangigkeit überfiel ihn, und wie ein Wahnsinn erschien ihm, was er schon getan hatte und was er noch tun wollte. Seinen Hof hatte er angezündet, und ein feines Mädchen ging er freien ... er ein Bauer, im Bauerngewand ...

Zerknirscht und verzweifelt hockte er sich auf einen Stein und dachte an die Anzüge aus Innsbruck. Bald aber merkte er, daß es eine schmähliche Schwäche war, die ihn da im Angesicht der Villa überfallen hatte, und um sich Mut zu machen, langte er mit den Armen nach links und rechts und rupfte alle Blümlein aus der Erde, deren er habhaft werden konnte. Und weil das noch immer nichts half, er merkte es an dem Zittern seiner Knie, fing er zu singen an und sang:

»Wenn der Müller fesch is'
Glei' trau' i' ma z'wetten
Paßta wia a Prinz
In de zwo goldnan Betten.«

Das sang er drei- viermal hintereinander, und weil er glaubte, nun sei es genug, stand er auf. Aber seine Knie zitterten noch stärker als vorher. Da hockte er sich wieder auf den Stein und dachte nun wieder an die Anzüge aus Innsbruck. Und wie er noch so dachte, rauschte es plötzlich hinter ihm, und als er aufblickte, stand Margarete neben dem Stein. Aber nicht wie an jenem Abend im Feld, weich und verschwommen, beinahe unkenntlich unter einem Nebel, sondern deutlich und greifbar und untrüglich wahr. Nur der Schalk, der früher in ihren Augen spielte, war nicht da. Blaß und tiefernst war ihr liebes Gesicht, und in sein Herz quoll plötzliche Sorge. Er stand rasch auf, aber nun stand er sicher und fest, und der Mut, der ihm vorhin nicht kommen wollte, kam jetzt mit tausendfacher, todesverachtender Stärke ...

Und während er den Weg nach der Villa einschlug und Margarete sich gehorsam neben ihm hielt, sagte er:

»Ich weiß jetzt das Ende, Margarete. Soll ich es dir erzählen?«

Aber sie wurde nur noch blässer und schüttelte hastig den Kopf. »Nein ... nein ... ich weiß es ja schon ... nur von selbst hätte es kommen sollen ...« und weil sie sah, daß er jäh erblaßte, faßte sie schnell seine Hand ... »aber ich bin nicht böse ... nur stolz, daß du mich so liebst ...«

Darauf schwiegen sie.

Als sie aber vor dem Tor der Villa standen, sagte Margarete ganz wie damals ihr Scheinbild auf dem Felde:

»Mein Vater ist ein schlichter Mann, der dich lieb haben wird. Nur meine Mutter ist ein wenig stolz, und es wird einen kleinen Kampf mit ihr geben. Aber ich fürchte mich nicht, wenn du dich nicht fürchtest.«

Stephan aber fürchtete sich nicht.

Stephan war bereit ... bereit zum Bösesten und Besten, und gemeinsam stiegen sie über die breite teppichbelegte Treppe.

Ende

Im gleichen Verlag ist erschienen:

Stromaufwärts

Aus einem Frauenleben
von
Angela Langer

Zweite Auflage. Geheftet 3 Mark, in Leinen 4 Mark.

Aus kümmerlichster Existenz, ohne fremde Hilfe, mit eigener Kraft, die durch alle Hemmungen sich sieghaft bewährt, ringt sich eine Frau zu eigener geistiger Freiheit und zu selbständigem Menschentum. Nur wenige Schimmer zagen Glücks mischen sich in dies unsäglich schwere Werden, aus dem wie ein Triumph weiblicher Hoheit das Ende aufstrahlt: da in dieser einfachen Frau von selbst die Religion des Lebens aufdämmert, das sie bis in die letzten Tiefen gütig versteht. Aus schmerzlichem, wehem Erleben wächst hier eine innere Klarheit, die das Leben überwand, um es sich neu zu schaffen. Dies Buch redet in seiner Schlichtheit die ergreifendste Sprache, die seit langer langer Zeit eine Frau für das gefunden hat, was sie erlebte, was sie litt.

(Badische Neueste Nachrichten, Mannheim)

Die ganze Geschichte ist eingetaucht in die Kraft des vollen Erlebnisses. Man liest mit großer Bewegung ein schweres und an Zartheiten und Schönheiten reiches Stück Frauenleben, das nicht am Schreibtisch erfunden sein kann, sondern zum mindesten auf genauer Kenntnis nicht einfacher Lebensgänge beruht. Es ist ein edel empfundenes, schönes Buch, eben deshalb, weil es beweist, daß der Realismus durchaus nicht den Hochsinn seelischer Empfindungen verhindert.

(Kölnische Zeitung)

Dies Buch ist gewiß nicht typisch. Ein Mensch mit so starker künstlerischer Anlage, so reicher Phantasie und solchem Drang nach Erkenntnis des Lebens dürfte sich unter den einfachen Dienstmädchen, wie es die Verfasserin war, nicht allzu häufig finden, so wenig häufig wie irgendeine andere ausgeprägte geistige Besonderheit. Aber mit ergreifender Gewalt packt uns dabei doch wieder der Gedanke, wie unendliche seelische Kräfte, welche Fülle heißen Lebensverlangens in der stumpfen Einförmigkeit des Daseins für die Mehrzahl der Menschen ungenutzt verdorren mögen.

(Sozialistische Monatshefte, Berlin)

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig