2.

Nun gingen wieder ein paar Jahre hin. In gleichem Schritt und Tritt wie die früheren gingen sie dahin, und der alte Grau ging mit ihnen im alten Trott. Werktags in die Fabrik, Sonntags manchmal zu einer der Töchter oder zu den Söhnen. Es war nur ein wenig weit dahin, wo sie wohnten, und es waren enge Wohnungen in menschengefüllten Häusern, wo eine Familie dicht an der anderen wohnte bis unters Dach hinauf. Wo sie einander in die Töpfe sahen und in die Familienangelegenheiten einredeten. Das war nicht recht seine Sache.

»Wenn ich jung wäre,« sagte er, »ich zöge aufs Land. Da kann man für sich sein, und der Weg tut den Männern nichts, im Gegenteil.« Er hatte so die Meinung, die Frauen könnten dann daheim bleiben, die Kinder und das Hauswesen versorgen und noch ein Stück Land dazu anpflanzen. Und dabei stand ihm seine Anne vor Augen, die das so gemacht hatte. Es war doch eine schöne Zeit gewesen mit ihr. Aber so wollten die Kinder nicht. Sie wollten lieber Stadtleute sein, und das Rechenexempel des Alten stimmte ihnen nicht. Wenn zwei verdienen, gibt’s doch mehr aus, als wenn nur eins verdient. Und für die Kinder gibt’s allerlei Unterkunft, Krippen und Kinderschulen und nachher die Volksschule. Und die Gasse ist auch da. Es war ein mühseliges Leben, das sie führten, noch viel mühseliger, als es die Anne einst gehabt hatte. Aber sie konnten Kleider tragen wie die Vornehmen, am Sonntag wenigstens, und so hie und da zu einem Vergnügen reichte es auch. Nein, sie verstanden einander nicht so recht, die jüngere Generation und der Alte. So kamen sie nicht so oft zusammen, es war einfacher so. Mit den Enkeln probierte er’s hie und da; er hatte ein anschlußbedürftiges Herz, und es gab warme Stellen darin. Er brachte ihnen Brezeln mit oder Äpfel, und am Ostertag Zuckerhasen. Dafür waren sie auch sehr empfänglich. Nur mit der Unterhaltung wollte es nicht so recht fort. Sie rissen sich los und rannten mit ihren Schätzen auf die Gasse, sobald sie konnten. So war er sehr allein, innerlich und äußerlich. Aber es war etwas mit ihm gegangen, all die Zeit daher. Er behielt es ganz allein für sich. Die anderen hätten ihn einen Narren gescholten, wenn sie es gewußt hätten, oder, was noch schlimmer wäre, sie hätten ihn gezwungen, Kapital daraus zu schlagen. So blieb es sein Geheimnis. Er hatte nicht besonders viele Fertigkeiten erworben in seinem Leben, aber zu schweigen hatte er wohl gelernt. So viele Jahre in dem betäubenden Lärm der Maschinenhalle, und auf den einsamen Gängen hin und her, und in der stillen Kammer am Abend, da wird einer in sich hinein geschlossen. Und nun trieb und lebte da innen etwas ganz Neues. Etwas, das ihn manchmal vor sich hinlächeln machte. Das sah merkwürdig genug aus auf seinem zerarbeiteten Gesicht. Wie wenn ein Sonnenstrahl auf einem alten Weidenstumpf liegt; man weiß nicht, was auf einmal so besonders Schönes an dem verwitterten Strunk ist. Die anderen Arbeiter sahen es und lachten. »Er kommt in die zweite Kindheit,« sagten sie. Das war auch wahr, sie wußten nur nicht wie.

Der Alte hatte seinen Nachhauseweg etwas geändert. Der neue Weg war ein wenig weiter, aber das tat nichts. Er führte ein Stück weit über leere Bauplätze, zwischen Schutthaufen und wuchernden Brennesseln. Das war so am Rand der Stadt, die einen Ring um den andern um sich herum schloß. Links unten lag in einer Senkung die Vorstadt, und dahin führte ein schmales Weglein zwischen hohen, dunklen Hecken an alten, wohlgepflegten Gärten vorbei. Einer dieser Gärten war’s, um den er den Umweg machte. Es stand ein Haus darin, wie in beinah’ allen, man sah aber hier nur die Rückseite und auch die durch die Bäume halb verhüllt. Eine Veranda, ein paar grüne Fensterläden, ein Stück weiße Wand und ein Schieferdach. Es war nichts Besonderes daran. Nur, seine Tochter wohnte darin. Der Vater war am Anfang nicht oft diesen Weg gegangen, nur so hie und da, von seinen suchenden Gedanken unwillkürlich hingezogen. Der Garten lag meist leer und still; einmal war an einem Sonntagnachmittag allerlei fröhliche Gesellschaft unter den Bäumen zu sehen gewesen, Lachen und Plaudern und lichte Kleider, Hängematten zwischen den Bäumen; er ging leise weiter. Das war nichts für ihn. Er hatte auch seine Frau Prinzipalin nicht entdecken können. An einem warmen Sommerabend hatte er sie gesehen. Das Licht brannte in der Veranda, es warf einen milden Schein in den Garten hinaus. Und zwei Menschen standen in seiner Helle, eng aneinander geschmiegt. Die Frau trug ein helles, fließendes Gewand, sie sah mit Lächeln zu ihrem Gatten auf; er redete irgend etwas zu ihr, das konnte man aber nicht verstehen. Dann setzten sie sich an den Tisch unter der Lampe. Der Alte drängte sein Gesicht an die Zweige der Hecke und lugte durch den Spalt; das war wohl ein liebliches Bild, das er sah. Aber es gab noch ein viel lieblicheres, das brachte der nächste Frühling, und damals erst fing er an, solch eine dauernde Vorliebe für den stillen, grünen Weg zwischen den Hecken zu fassen. Im Mai war es; die Luft war voll Vogelgesang und die Bäume voll Blüten. Den alten Grau kam es wieder einmal an, durch die Hecke zu sehen. Er war lange nicht dagewesen, es war ja nichts zu holen für ihn, es war nur so hie und da ein Blick in eine fremde Welt, an der nur sein Herz teilhatte.

Es war dem Hause seines Brotherrn ein Sohn geboren, er wußte es wohl, es war schon längere Wochen her. Aber er konnte nicht denken, etwas von ihm zu sehen, und eigentlich, danach verlangte den Alten auch nicht. Nur, wie es ihr ginge, der jungen Mutter, das hätte er gern gewußt. Er mochte niemanden im Geschäft fragen, denn die Neckereien hätten sonst von vorn angefangen. Daran dachte er, als er durch die grünen Zweige sah, den weißen Kiesweg hinauf, der nach dem Hause führte. Da kam sie selber hinter einer Gruppe von blühenden Syringenbüschen hervor aus einem Seitenweg; sie trug ihr Kindlein auf dem Arm und wiegte es sachte und summte ein leises Liedchen dazu. Sie war voller und stattlicher geworden, seit er sie als Braut gesehen hatte, und hatte so weiche, mütterliche Züge, und aus den Augen leuchtete es. Der alte Grau hatte noch nie so etwas Schönes gesehen, oder ja, schon lange, lange. Das war ihm damals auch schön vorgekommen, damals, als die Anne seinen Georg auf dem Arm gehalten hatte. Er ließ den Zweig fahren, an dem er sich hielt, und rutschte, seinen Standpunkt verlierend, in den Graben. Das gab ein knackendes, stolperndes Geräusch, und die Hecke schütterte etwas. Die junge Frau sah danach hin und dann kam sie vollends näher.

Da rappelte sich der alte Mann auf. Er sah nicht gefährlich aus, es war nichts zu erschrecken an ihm, wenngleich es etwas verwunderlich war, daß er sich so an der Hecke zu schaffen machte. Sie erschrak auch nicht, er hatte so ein gutes, wunderliches Gesicht; und jetzt holte er seinen alten Filz aus dem Graben und wollte ganz verlegen weitergehen. »Suchten Sie hier etwas?« fragte sie freundlich. – »Ich? Nein, ich, ich wollte nur, ich habe da nur so ein bißchen hereingesehen.« Er brachte es stolpernd heraus. Das Herz schlug ihm bis an den Hals herauf. Und dann kam eine Kühnheit über ihn. »Das Kind,« sagte er, »wenn ich das ein bißchen ansehen dürfte.« Seine Stimme zitterte, er war doch ein schwacher, alter Mann.

Da war die junge Frau stolz und froh wie eine Königin. Das war ja doch natürlich, daß er ihr Kind sehen wollte, das war ja wohl wert, daß man durch die dichtesten Hecken sah. Das war ja auch ein Prinz, den man sehen lassen konnte. Sie lüftete das Schleiertuch und ließ den Alten in all’ die Pracht des zarten, rosigen Kindergesichtchens schauen und sah selbst andächtig mit hinein. »Sie haben gewiß auch Enkelkinder?« fragte sie, als sie den Schleier wieder zuzog. Ja, das habe er, ja, und er danke auch schön, sagte er, und dann stapfte er davon.

Damit hatte es angefangen, das Geheimnis, von dem vorher die Rede war, das, was den Alten so vor sich hinlächeln ließ, so oft es ihm einfiel. Denn nun hatte er wahrhaftig noch auf seine alten Tage eine stille Liebe, eine ganz langsam wachsende, verschwiegene, um die »niemand nichts wußte«, ganz wie es im Volkslied heißt, daß eine heimliche Liebe sein müsse. Die ging nun mit ihm und stellte mit ihm an, was sie wollte, und zimmerte sich irgendwo in seinem Herzen einen ganz luftigen, hellen, warmen Raum, und da hauste sie.

Der Gegenstand seiner Liebe wußte lange nichts von ihr, wie das so hie und da zu gehen pflegt. Er lag im Kinderwagen und spielte mit seinen Händchen, und dann wuchs er nach und nach heraus und machte im nächsten Frühling seine ersten Schritte auf strammen, rundlichen Beinchen, und hatte um diese Zeit einen steil aufstrebenden, braunen Haarschopf über der Stirn. Ein Wunderkind war er nicht, er brauchte zu allem seine gehörige Zeit, wie das rechtens war. Eines Tags, als er mit zwei Jahren schon selbständig durch den Garten marschierte, fiel er über sein Schuhband auf den Kiesweg, rollte wie eine Kugel ein paar Schritte weiter und blieb mit mörderischem Geschrei nicht weit von der Hecke liegen, hinter der gerade der alte Grau stand und seinen Augenschmaus nach dem Mittagessen hielt. Dem zitterte sein altes Herz, und wenn er nur gewußt hätte, wie das zu machen sei, so wäre er über die Hecke gestiegen trotz der Dornen, die sie trug, oder durch eine Ritze gekrochen. Aber das war weder möglich noch nötig. Eine helle Stimme rief von der Bank her, die in dem Syringengebüsch stand: »Aber so steh doch auf, mein Bub. Komm zur Mutter. Mutter kann nicht kommen, und Willy kann selber aufstehen.« Dort drinnen saß die junge Frau und hatte die kleine Schwester auf dem Schoß, die so winzig in den Kissen lag, wie der Alte den Buben an jenem ersten Tag gesehen hatte.

Da stand der kleine Kegel auf, wischte sich mit den Fäusten die Augen und trollte zur Mutter. Er wußte immer noch nichts von seinem alten Liebhaber da draußen. Das dauerte noch eine gute Weile. Aber einmal, er trug schon die ersten Höschen, da rollte ihm sein neuer, feuerroter Ball durch die Hecke und fiel in den Graben, der jenseits von ihr sich hinzog, und er wollte gerade anfangen, sich seinem Schmerz hinzugeben. Da tauchte ein altes, runzeliges Männergesicht über der Hecke auf. »Nun wein’ nur nicht, Büblein,« sagte der Mann. »Ich hol’ ihn dir schon;« er bückte sich. »Siehst du, da ist er schon, da hast du ihn.« Der Kleine griff begierig nach dem Ball; der Alte keuchte ein wenig von dem starken Bücken. »Was tust du da, Mann?« fragte Willy und legte die Hände samt dem Ball auf den Rücken. »Ich? O, nichts, ich geh’ ins Geschäft,« sagte der Alte. »Mein Vater geht auch ins Geschäft,« sagte Willy sachverständig. Er war ein strammer, kleiner Kerl geworden. Niemand war weit und breit um den Weg, da dachte der alte Grau nicht an seine Schüchternheit. Das Herz ging ihm über. »So, nun gibst du mir noch eine Hand,« sagte er, eh’ er ging. »Ich hab dir auch deinen Ball geholt.« Durch eine schmale Ritze in der Hecke kam ein vertrauensvolles Kinderhändchen und legte sich weich und warm in die harte Hand des Alten. Und dann schieden die Freunde, jeder in seiner Art beglückt. Nun waren sie miteinander bekannt geworden, man konnte gar nicht wissen, was alles noch im ferneren Verlauf ihrer Freundschaft liegen würde; das würde wohl alles von selbst kommen.