3.
Der alte Grau konnte wohl solch ein freundliches Lichtlein auf seinem Weg brauchen. Er war sonst nicht eben freundlich, sein Weg, noch weniger als früher. Über den Gewerben hing eine Stockung, da und dort wurden Leute entlassen, Streiks schwebten in der Luft; wohin man kam, war die Stimmung sorgenvoll, mürrisch und düster. Durch die Fabriksäle wisperte es, auch in der Bruckmannschen Gießerei: »Im Herbst sollen mindestens fünfzig Mann entlassen werden; es sind keine Aufträge da.« Die jungen, kräftigen Leute ging das nicht so in erster Linie an; aber die alten, verbrauchteren Kräfte, die man in besseren Zeiten leicht ersetzen konnte. Unter ihnen würde man zuerst aufräumen. Der Chef ging mit wuchtigen, sicheren Schritten einher, wenn man ihn einmal zu Gesicht bekam. Wie einer, der sein Schiff schon zu steuern weiß, sah er aus.
»Natürlich,« sagten die Arbeiter, »sein Geld und seiner Frau ihres, das läßt ihn schon sicher auftreten. Aber unsereiner.« Es ging manches sorgenvolle Gesicht aus dem Fabrikhof. Der alte Grau war auch in trüben Gedanken. Er konnte sich nicht recht vorstellen, was aus ihm würde, wenn er entlassen werden sollte. Wie auf die Straße gesetzt würde er dann sein. Nicht nur des täglichen Brotes wegen erschien ihm das so. Wo sollte er denn sein, als in der Fabrik? Da war er sein Lebenlang gewesen. Er hatte schon einen Notpfennig. Aber wo war er denn daheim? Sollte er in seiner Kammer sitzen? Oder im Wirtshaus? Oder den Kindern zur Last fallen? Das lag alles auf ihm. Er war auch so müde, die Füße zitterten ihm so sehr. Aber er dachte nicht, daß es ihm gut und nötig wäre, auszuruhen, er fürchtete sich nur vor allem Neuen. Den alten Trott zu gehen, bis – ja bis es ganz zu Ende wäre, das begehrte er, sonst nichts. Oder doch, ja, sonst noch etwas. Jeden Tag das frische Kindergesicht zu sehen, das sich so unbegreiflich tief in sein altes Herz eingeschlichen hatte. Es war, als sei der Junge die Gabe seiner Tochter an ihn. Als dürfe er ihr nicht nahe stehen, ihr nicht, aber dem Kind. Er konnte sich das nicht so klar machen, er hatte mehr Instinkte, als Gedanken.
So kam der Herbst heran. Die Akazien im Fabrikhof wurden kahl, der Wind fegte die gelben Blättchen auf Haufen zusammen. Manch ein Familienvater sah mit verlangenden Augen nach den Kohlenvorräten, die der Schuppen neben dem Kesselhaus barg; wie nach einem Schatz, durch den man Wärme und Behagen ins Haus bannen konnte den ganzen, kalten Winter lang, sah er danach hin.
Und dann kam es. Zwanzig zuerst wurden entlassen. Darunter war Grau noch nicht. Dann wieder zwanzig. Da traf es ihn auch. Ganz betäubt steckte er seine letzte Löhnung in die Tasche und wickelte seine öligen, zerrissenen Arbeitskleider in ein grobes Stück Papier. Nun mußte er gehen. Nun war er vierzig Jahre hier im Haus gewesen.
»Na, Grau,« sagte der Werkführer. »Für Sie ist’s nicht so schlimm. Altersrente bekommen Sie ja anstandslos, und etwas hinter sich haben Sie ja sicherlich.« Er klopfte dem Alten auf die Schulter. Er konnte ja nichts dafür. »Es sind halt schwere Zeiten; andere sind, die trifft’s härter.« – »Ja, ja,« der Alte nickte. »Ja, ja. Das ist denn nicht anders.« Er fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und sah in den Hof hinaus. Dort, durch das Eingangstor, kam eben Frau Bruckmann herein. Was wußte sie von der Not des Alten? Sie sah frisch aus, taghell und fröhlich. Und vornehm sah sie aus in dem dunkelroten Tuchkostüm. Den Alten durchzuckte es: »Nun geh hin zu ihr. Nun sag ihr alles, ihr allein. Sie läßt dich dann nicht fortschicken.« Und wieder vermischte sich ihr Bild mit dem seiner Anne. Er wußte ja nicht mehr recht, was er tat, und was er wollte. Er tat ein paar Schritte nach ihr hin, die eben dem Comptoir ihres Gatten zuging. Da blieb sie stehen. Der Alte kam ihr bekannt vor, vielleicht kam ihr jener Frühlingsmorgen in den Sinn, wo sie ihm das Kind gezeigt hatte. »Wünschen Sie etwas?« sagte sie freundlich. »Ja, das heißt, ich, ich bin heut entlassen. Ich wollte gern – ich muß –« er stockte und verwirrte sich gänzlich. Die hellen Tropfen standen ihm auf der Stirn. Da tat er die Hand vors Gesicht in Scham und Not. »Grau, sind Sie denn rein unklug?« sagte der Werkführer, der eben vorbeiging und glaubte, der Alte wolle die Prinzipalin anbetteln oder sich bei ihr über seine Entlassung beschweren. »Nein, lassen Sie ihn,« sagte Frau Bruckmann. »Er hat irgend einen Wunsch, ich kann ihm vielleicht helfen.« Aber Grau ging stumm in die Halle zurück, und nach einer Weile kam er mit seinem Bündel heraus. Da war die junge Frau nicht mehr da. Sie hatte sich inzwischen belehren lassen, daß hier kein Notfall vorliege und daß der alte Mann jetzt schon zuweilen ein wenig kindisch sei.
Der ging seinen Weg mit zitternden Knieen. »Ach, lieber Gott,« sagte er, als er durch den Heckenweg schritt, »leicht ist’s nicht, ich weiß nicht, wie das werden soll. Aber ich hab’s nicht sagen können, ich kann’s ihr auch nicht antun. Und ’s ist doch mein Fleisch und Blut.«
An dem Heckenzaun des Bruckmannschen Anwesens hantierte ein Gärtner mit der Schere. Ein schmales Pförtchen nach dem Weg hin stand offen. Der Gärtner kannte den Alten, er wohnte in seiner Nähe. »Tag,« sagte er, »’s ist windig heut, nicht?« Grau nickte nur, es war ihm einerlei, ob es windig sei. Dort in der Schaukel saß sein Augentrost und ließ die Beine in die Luft fliegen. Aber nun sah er ihn. »Wart’, ich komme,« rief er mit seinem hellen Stimmchen, und dann hielt er die Schaukel so schnell als möglich an und rannte den Kiesweg herab. Die beiden waren sehr gute Freunde geworden den Sommer über. Sie hatten sich über die Hecke hinüber verschiedentlich unterhalten, und noch vorgestern hatte ihm Willy einen großen, dunkelroten Apfel geschenkt. Der stand nun zu Haus auf der Kommode und war des Alten Stolz. Heut sah ihm Willy erwartungsvoll auf die Hände. »Was hast du in dem Paket?« fragte er zögernd. Denn sein alter Freund hatte ihm etwas versprochen. »Ich bring dir aber auch etwas mit,« hatte er gesagt, als er den Apfel annahm. »Wart mal, was kann ich denn?« Und dann war ihm aus vergangenen Tagen ein ganz herrliches Spielzeug eingefallen. »Ich bring’ dir eine Windfuchtel mit,« hatte er gesagt. Nun stand dem Willy die Windfuchtel als das größte Kleinod vor der Seele. Ob sie wohl in dem Paket verborgen war? »Ach nein.« Der Alte war beschämt. Er hatte nicht mehr an das versprochene Spielzeug gedacht vor lauter Herzensschwere. »Ich mach’ dir’s, mein Bub. Zu Haus in meiner Kammer, da mach’ ich dir’s,« sagte er. Willy war ein wenig enttäuscht; warten war nicht seine starke Seite. »Wo ist das, wo ist deine Kammer?« fragte er. »Machst du’s heut noch? Bringst du mir’s?« Das war ein bißchen viel auf einmal gefragt, der Alte konnte nicht so schnell nachkommen. »Dort, den Weg hinunter,« sagte er, und zeigte mit der Hand hin. »Wo die Häuser anfangen, dann in ein Gäßle hinein, und dann linker Hand das Haus mit dem Dachreiter, das ist’s.« Ein Haus mit einem Dachreiter. Das gab neuen Stoff zu Fragen und zu schwerfälligen Antworten. Der Gärtner schüttelte den Kopf. »Jetzt nimmt mich’s doch auch Wunder, was die zwei aneinander haben.« Dann ging der alte Grau davon, und Willy hüpfte wieder nach seiner Schaukel zurück.
Es kamen ein paar Regentage, an denen der Sturm im Garten hauste und dürre Zweige von den Bäumen riß. Klein-Willy war bei Mutter und Schwester in der Stube und sah nicht den alten Mann, der geduldig und sehnsüchtig harrte, ob kein kleiner Bub’ an das Heckenpförtchen komme, und endlich naß und durchblasen wieder fortging. Er kam einige Tage hintereinander, dann nicht mehr. Es hätte seinem hungrigen Herzen wohlgetan, wenn er gehört hätte, wie oft im Zimmer droben ein ungeduldiger, kleiner Bub’ von seinem Spielzeug weglief: »Mutter, nun laß mich nur ein einziges bißchen hinaus. Nun hat er die Windfuchtel und ich muß sie holen.« Aber er konnte es nicht hören. Er trug das Spielzeug, das er mit vieler Mühe selbst verfertigt hatte, sorglich unter dem Rock nach Haus, damit es ja nicht Schaden leide, und blies zu Haus mit aller Kraft seiner alten Lungen auf die Rädchen von Glanzpapier, daß sie lustig schnurrten, und gedachte morgen wieder hinzugehen und zu warten. Was sollte er auch sonst tun? Aber es kam wieder ein Morgen, da lag er im Bett und in seiner alten Lunge pfiff und schnurrte es auch so, als ob sie zum Abmarsch zu blasen gedenke. Und das schien ja auch so zu sein. Der Doktor kam, die Hausfrau holte ihn, und schrieb ein Rezept und schüttelte den Kopf, als er mit der Hausfrau draußen war. »Da ist nichts zu wollen. Gänzlich verbrauchte Kräfte, es gibt eine Lungenlähmung. Hat er wohl Verwandte?« Ja, das hatte er. Eine der Töchter kam, sie versäumte zwei Taglöhne um den Vater und pflegte ihn, so gut sie es verstand. Er war auch so mild und weich. »Aber recht bei sich ist er nicht,« sagte die Tochter, als am Abend die anderen kamen. »Immer redet er vor sich hin. Von einem kleinen Buben, ich weiß nicht, von welchem. Man muß ihm dieser Tage einmal die Kinder bringen, das wird’s sein.« Es war ihnen allen auch ernst zumute, sie konnten es nur nicht so zeigen. »Laß ihm nichts abgehen,« sagten sie. »Champagner, wenn’s sein muß. Wiewohl, helfen wird’s nichts.« Dann gingen sie wieder.
»Was ist das denn für ein Spielzeug, nach dem der Junge immer verlangt? Und für ein ›braver Mann‹? Kauf ihm doch etwas Anderes, Margarete, daß er zufrieden ist,« sagte Herr Bruckmann, ehe er ins Geschäft ging. Der Regen hatte aufgehört und die Luft war windstill. »Hörst du, Willy, ich bringe dir etwas mit. Möchtest du eine Lokomotive haben? Oder magnetische Entchen, die du auf einer Waschschüssel schwimmen lassen kannst?« fragte der Vater beim Gehen. Aber Willy fragte nichts nach dem allen. Eine Windfuchtel hatte ihm sein alter Freund versprochen, und eine Windfuchtel war das Allerbegehrenswerteste, das es nur geben konnte. Aber der alte Grau kam nicht an die Hecke, so oft auch sein Liebling an diesem Tag nach ihm aussah. »Mutter, ich weiß, wo der brave Mann wohnt,« sagte Willy am Nachmittag. »Es ist ein Reiter auf seinem Haus, er hat mir’s gesagt.« – »Wenn er den alten Grau meint,« sagte der Gärtner, der gerade in der Nähe war, »der kommt nicht mehr. Der ist schwer krank. Er ist dieser Tage ein paarmal dagewesen. Weiß kein Mensch, warum er so an dem Willy hängt. Aber jetzt ist er krank und kommt nicht mehr davon. Das hat ihm vollends den Treff gegeben, daß er entlassen worden ist. So wie der an unserem Haus hängt, ’s ist nicht zu glauben.«
Da stand vor der jungen Frau wieder das verstörte, bittende Greisengesicht von neulich und rührte ihr weiches Herz noch einmal. »Mutter, laß mich hinlaufen, bitte. Mutter, ich finde gut den Weg, ich komme gleich wieder,« bettelte Willy, immer wieder. Da faßte sie einen raschen Entschluß. Er war nicht so ungeheuerlich, wie er ihr selbst vorkam, sie war so etwas nur gar nicht gewöhnt. Aber nun tat sie es doch. »Wir gehen zusammen hin, Willy, und besuchen deinen braven Mann,« sagte sie. Und dann schritten sie selbander den Heckenweg hinunter, den der alte Grau so oft mit verlangendem Herzen gegangen war und suchten in der Vorstadtstraße das Haus mit dem Dachreiter und traten in die Kammer des Alten ein. Der saß, von Kissen gestützt, im Bett, und atmete schwer. Ein Lächeln ging über sein Gesicht, als er die beiden sah. Nun kamen sie zu ihm, nun sollte er doch noch teil an ihnen haben. Es war ihm, als habe er lange auf diese Stunde gewartet. Es war auch hohe Zeit, daß sie kamen, denn nun ging er davon und war fürder nicht mehr alt und einsam. Das Fenster war ein wenig geöffnet, und in dem leichten Luftzug, der dadurch entstand, drehten sich die roten und blauen Rädchen des Kinderspielzeugs, des letzten Werks, das seine alten Hände vollbracht hatten.
»Mutter, das ist sie. Das ist die Windfuchtel,« rief Willy und streckte verlangend die Hände danach aus. Es war eine junge Frau in der Stube, die kam etwas verlegen und mit Staunen den Besuchern entgegen. »Das ist eine Ehr’, daß sie selber kommen,« sagte sie. Da standen die beiden Schwestern, die nichts voneinander wußten, einen Augenblick nebeneinander. Sie waren einander nicht ähnlich, ihr Lebensweg war zu verschieden gewesen. Aber dem Alten war es doch, als könne er nun der Anne sagen, daß sie alle einmal zusammenkommen. Es vermischte sich alles wunderlich in seinem schwachen Kopf, und nun streckte er die Hand aus und strich der feinen, jungen Frau übers Gesicht. »Du Kind,« sagte er, »jetzt bist du doch noch gekommen. Wir gehören doch zusammen. Ich sag’s auch der Mutter. Ich bin immer still gewesen, aber jetzt muß ich’s sagen.« Es lag ein froher Ausdruck auf seinem Gesicht. »Das Kind,« sagte er noch einmal, »das Kleinste.« Frau Bruckmann war einen Augenblick erschreckt zusammengezuckt unter der liebkosenden Berührung des Alten. Sie kam ihr so unerwartet. Aber dann faßte sie sich; sie war tapfer und liebevollen Herzens und sah freundlich in das alte Gesicht. »Ach, entschuldigen Sie nur,« sagte die junge Arbeiterfrau in großer Verlegenheit, »der Vater redet irre, er weiß nicht mehr recht, was er tut und sagt. Nehmen Sie’s nur nicht übel.« Nein, das tat sie nicht. Es war ihr so wunderbar zumute, so ernst und feierlich, und so warm dabei. »Komm her, Willy,« sagte sie, »gib deinem braven Mann die Hand. Er geht weit fort, er kommt nun nicht mehr zu dir.« Der Kleine hatte nur eine Hand frei, in der anderen trug er das Spielzeug; wie eine Fahne trug er es. Aber die eine Hand, die streckte er seinem alten Freund willig hin; das hatte er vordem oft getan. »Warum gehst du fort?« fragte er. »Wo gehst du hin?« Aber der alte Mann redete nicht mehr mit ihm. Er lag müde in den Kissen und lächelte und atmete mit einem Male so leis’ und still. »Komm, Willy, er will schlafen,« sagte die Mutter, »nun laß uns wieder nach Hause gehen.«
Und dann gingen sie nach Hause, und der alte Grau ging auch nach Hause. Mehr ist nicht von ihm zu sagen. Vielleicht hat jetzt seine schweigsame Seele reden gelernt. Vielleicht hat er der Anne alles erzählt, und sie warten nun gemeinsam, bis die andern nachkommen, alle, auch das Kind.