Ellen

Er stand am Meer und sah darüber hinaus, so weit er konnte. Es war ihm so unbegreiflich zumute. Das hatte er sich jahrelang gewünscht, einmal ans Meer zu kommen, es gab kaum eine Zeit, da er es nicht gewünscht hätte.

Einmal, in einer schweren Krankheit, hatte er einen Traum davon gehabt, daß er mitten in einer großen, leuchtenden Flut schwimme, mit starken, vorwärtstreibenden Stößen auf ein unendlich strahlendes, leuchtendes Ziel zu. Das Ziel hatte er nicht erreicht und auch nicht deutlich gesehen, aber er hatte immer, durch die Jahre hindurch, so oft ihm der Traum einfiel, das atemraubend starke Gefühl wieder bekommen, das ihn damals erfüllt hatte: Unendlichkeit! Unendlichkeit! Er hätte es hundertmal vor sich hinsagen können, das eine Wort, und immer wieder hätte es ihn getragen wie damals, auf großen, leuchtenden Wogen in eine unnennbar große Weite.

Damals hatte er das Meer noch nicht gesehen, aber natürlich wurde von jetzt an der Trieb nur noch viel stärker, es zu sehen, denn sonst war ja nichts in seiner Umgebung, das auch nur von ferne an jenes uferlos Große herangereicht hätte. Nun war sein Wunsch erfüllt. Aber er war ja freilich anders erfüllt, als er sich gedacht hatte. Das geht meistens so. Er hatte auch jetzt gerade etwas anderes gewollt: in ein Amt eintreten, arbeiten, weiter studieren daneben, es gab noch so vieles, das man nicht wußte und doch wissen sollte. Er war Theologe und hatte das erste Examen hinter sich.

Da kam ein Halsleiden und da mußte er nach dem Süden. Das mußte er, denn sonst konnte seine Stimme ganz verloren gehen, und dann?

Und so stand er denn jetzt am Meer und sah darüber hinaus.

Aber es war doch ganz anders, als er es sich gedacht hatte.

Es lag vor ihm, wie etwas Riesiges, Unfaßbares, es war grau und groß und schwer. Unendlich, ja, das war es auch, es floß hinten mit dem Horizont zusammen, der war auch grau und groß. Unten Wellen und oben Wellen; aber es war eine andere Art von Unendlichkeit. Von weit, weit draußen herein kamen die Wellen, in langen Reihen, immer eine Reihe hinter der andern.

So kamen sie rastlos daher, unablässig, unablässig drängten sie ans Ufer, warfen sich mit ausgebreiteten Armen an die Felsen und rauschten laut auf. Es war, als ob sie erzählten, daß sie da draußen das nicht gefunden hätten, was sie suchten, und das konnte er begreifen, denn es ging ihm hier am Ufer ebenso. Aber dann mußten sie doch wieder hinaus und noch einmal suchen, und das verstand er wohl auch, denn auch er suchte fortwährend etwas, das er sich vom Meer versprochen hatte.

Es kam jemand die Stufen herunter, die in den Felsen gehauen waren, und stellte sich neben ihn auf die lange, schmale Klippe, die sich ins Meer hineinstreckte.

»So einsam?« fragte eine Stimme. Da sah er sich um.

Es war eine große, schlanke, vornehme Frau, die zu ihm gekommen war. Sie hatte ein gütiges, helles Gesicht mit etwas Leuchtendem darin und sie trug die Tracht der Johanniterinnen. Er hatte sie noch nie gesehen, denn er war erst gestern abend angekommen; aber er wußte, wer sie sei: Schwester Clementine, die Besitzerin der weißen Villa, in der er wohnte.

Die Villa lag oben gegen Sant Ilario hin. Sie lag in einem großen Garten und der Garten erstreckte sich bis ans Meer. Man war gewissermaßen noch im Garten, wenn man hier auf dieser Klippe stand. Denn man kam durch ein Mauerpförtchen auf den Felsen und auf die Klippen heraus, niemand konnte sonst daheraus kommen, als die Gäste der Villa. So war es begreiflich, daß Schwester Clementine sich hier als Gastgeberin fühlte, auch in bezug auf das Meer, das man von ihren Klippen aus sah.

»Nicht wahr?« fragte sie und wies über das Meer hin und hatte ein ermutigendes Lächeln und Zunicken für ihn.

Da verstand er, daß er nun etwas Bewunderndes sagen sollte. Aber das konnte er nicht. Er fühlte sich bedrückt und klein, sonst nichts. Das da draußen, das war ihm so fremd und so groß. Und er sagte etwas kleinlaut, daß er den Eindruck noch nicht recht bewältigt habe, er könne noch nichts darüber sagen.

Da meinte sie, und sagte ihm das auch mit einem immer noch gütigen Lächeln, daß er wohl stark in den Nerven herunter sei, denn sonst hätte er doch wohl Augen für die Schönheit des Meeres. Aber das werde ja noch kommen.

»Das hoffe ich auch, Frau Gräfin.«

Und sie sagte, daß er sie nur Schwester Clementine nennen solle, denn das sei sie hier, und für die Patienten vor allem, und sie habe nun zu tun und müsse ins Haus zurückkehren, sie habe ihn nur begrüßen wollen und sie wünsche, daß er sich hier gut erhole.

»Ja, das hoffe ich auch, Frau – Schwester Clementine.«

Da ging sie mit einem anmutigen Neigen des Kopfes davon. Er sah sie noch die Stufen hinansteigen, fein und schlank und vornehm. Sie war eine deutsche Gräfin, aber das wollte sie ja hier nicht sein. Sie war es aber dennoch, das ließ sich nicht ändern, und es zeigte sich auch in dem gütigen Lächeln und in allen ihren Bewegungen.

Da wandte er sich wieder dem Meere zu. Daran hatte sich inzwischen nichts geändert, es rauschte noch ebenso grau, groß und schwer ans Ufer heran, wie zuvor. Er wurde nicht eher damit fertig, als bis er das, was ihm so gewaltig auflag, in Worte faßte, die freilich nur ein Stammeln von etwas ganz Großem waren. Aber das schadete ja nichts, er fühlte sich dennoch befreit durch diese Verse:

»Da ist es nun. Und ich, ich steh daran,

stumm, regungslos, allein. Am Meer allein.

Und meine Seele hebt zu suchen an

und geht dann wieder still in sich hinein.

Das bist du, Meer, das meine Sehnsucht war,

das ich von ferne durstig lang gegrüßt?

Bin ich so herzensarm, so geistesbar,

daß mir sich deine Schönheit nicht erschließt?

In breiten Wogen flutest du daher

so urgewaltig und so grenzenlos.

Grau hängt der Himmel drüber, wolkenschwer.

Ich kann nichts fassen, kann verstummen bloß.

Ich bin zu klein, du großer Ozean,

dem Riesenpulsschlag, der dich senkt und hebt.

Rühr, daß ich sehe, meine Augen an,

du Geist, der ob den Wassern waltend webt.«


»Ich wünsche dir, daß du guten Anschluß findest«, hatte seine Schwester gesagt, als sie ihn an die Bahn begleitet hatte.

Sie stand so frisch und einfach da und hatte so viel Liebe für ihn in den braunen Augen, und es war ihm, als ob er sie am liebsten selbst mitnähme, dann hätte er den erwünschten Anschluß gleich bei sich. Aber das ging nicht an. Sie mußte zu Hause bleiben und die alte Mutter versorgen, deren Jüngste, Einziggebliebene sie war. Und, ja, das Geld hätte auch nicht für zwei gereicht, um es ganz deutlich zu sagen.

Da war er nun darauf angewiesen, sich seinen Anschluß selber zu suchen. Es ging nicht so überaus schnell damit. Er war wohl etwas schwerfällig, das war er in den meisten Dingen.

Schwabe und Tübinger Stiftler und Theologe. Das konnte allein schon zur Erklärung dieses Umstands genügen, aber er war ja freilich doch wohl besonders wenig rasch beweglich in geistigen oder seelischen Dingen, also auch im Anschluß an die Menschen.

Die andern, die hier umher gingen, die waren so unbegreiflich gewandt. Sie kamen an und stellten sich einander vor und da fanden sie sogleich, daß sie da und da auch schon gewesen waren, also am selben Orte mit den andern und da konnte die Unterhaltung sogleich losgehen. »Ach, was Sie sagen! München? da waren wir letzten Winter auch. Sagen Sie, haben Sie die Ausstellung der Sezession gesehen? Mein Mann war drin, ich nicht. Ich halte mich in München immer an die Schackgalerie, da habe ich nun so meine Freunde.«

Dieses und ähnliches sagten sie zueinander und wurden rasch bekannt.

Und sie sprachen vom Wetter, das konnte sehr gut und sehr ausgiebig als Einleitung dienen, und von ihren Krankheiten. Denn sie waren alle mehr oder weniger krank oder begleiteten ein Krankes oder hatten eine Krankheit hinter sich, davon konnte man im Notfall stundenlang reden.

Er hatte es auch einmal versucht, zum Donnerwetter, er war doch auch nicht stumm geboren.

Da war eine sehr nette Dame, eine Rheinländerin, die heiteren Gemütes war, groß und blond und ein wenig üppig, sie war angenehm anzusehen.

Sie setzte sich beim Frühstück neben ihn und sagte, indem sie sich Tee einschenkte: »Sie sind eben erst angekommen, Herr Kandidat?« Ja, das hatte sie doch sehen können, wo sollte er denn sonst seither gesteckt sein? »Ja, gestern,« sagte er und wartete auf eine neue Anrede. Die kam auch.

»Sie sind Ihrer Gesundheit wegen hier?«

»Ja«, sagte er, der Wahrheit gemäß.

Das war ein vielversprechender Anfang, es gefiel ihm ganz gut, hier zu sitzen und sich mit der netten Dame zu unterhalten. Sie fragte denn auch nach einer Weile, ob es gestattet sei, das Fenster ein wenig zu öffnen, es sei doch so warm draußen, – ha ha, – im Dezember. Wenn man bedenke, wie es um diese Zeit zu Hause sei. Sie habe einen Brief: das reinste Sudelwetter sei am Rhein. Da hätte er nun vom Rhein mit ihr reden können, der war seine große Liebe, seit er einmal sonnige Sommertage an seinen Ufern verwandert hatte. Darüber hätte er viel sagen können. Das hätte er auch getan, wenn sie ihm Zeit gelassen hätte, einen Anfang zu finden. Aber sie stand nach kurzem Warten auf und öffnete das Fenster selber, das hätte ja eigentlich er tun sollen. Aber nun war es schon zu spät. Sie sah ein wenig spöttisch aus dabei. Das meinte er vielleicht nur, aber es hatte doch die Wirkung auf ihn, daß er die Unterhaltung abbrach und sein Frühstück stumm verzehrte.

Dann sprach er ein paar Tage lang nur wenig. Schließlich eilte er ja nicht so sehr mit dem Bekanntwerden, man konnte das ja alles an sich herankommen lassen.

Allerdings, die andern sahen doch recht vergnügt aus und hatten fortwährend etwas zu reden und zu lachen und manche auch zu jammern.

Aber es konnten nicht alle gleich sein.

Da geschah es, am fünften Tag seiner Anwesenheit, daß richtig sein Anschluß an ihn herankam.

Er hatte in der Nacht vorher, gerade vor dem Einschlafen, als ihm das Meer mit gedämpftem Rauschen sein Schlaflied sang, Pferdegetrappel und Räderrollen und dazu Menschenstimmen vor der Villa gehört, und hatte noch gedacht: da kommen Neue. Und es hatte gerade noch zu einem dankbaren Umdrehen im Bett gereicht: daß er es nicht war, der da neu ankam. Denn neu ankommen, das war das Unangenehmste, das hatte er eben erst überstanden. Dann schlief er schon.

Als er am Morgen zum Frühstück kam, saß ein kleines Mädchen an dem Tisch, an dem er gewöhnlich zu sitzen pflegte, ungefähr gegenüber von seinem Platz. Es sah ihn wohlgefällig an, als er sich in seiner Nähe niederließ und betrachtete ihn eine Zeitlang aufmerksam, indem es die Augen über den Tassenrand hin zu ihm hinüber schweifen ließ. Er hörte ein regelmäßiges, behagliches Schlucken und ein kleines Schnaufen dazwischen und dann war die Tasse leer und stand auf dem Tisch.

»Du siehst aus, wie mein Papa. Nicht ganz, bloß ein bißchen,« sagte das Kind.

»So?« sagte er.

»Ja, aber mein Papa hat einen ganzen Bart und du hast bloß einen halben. Unten am Mund hat er auch einen, nicht bloß oben.«

Ja, da könne er nichts dafür, da sei ihm noch keiner gewachsen.

»O, das tut nichts,« tröstete sie. »Aber an den Augen, da siehst du so aus, wie mein Papa. Da hast du auch eine Brille. Das wäre doch schön, wenn er auch da wäre, nicht?«

Aber er war zu gewissenhaft, um das ohne weiteres zuzugeben, er sagte, er kenne ja ihren Papa nicht, da könne er es nicht wissen.

Das mußte sie zugeben, dafür fing sie aber an, von ihm zu erzählen, weil er ihr so leid tat, daß er ihren Papa nicht kannte.

Es sei ein Doktor und mache die kranken Leute gesund, und er sei jetzt so allein, bloß die Margret sei bei ihm und der Andres.

Der Andres, der versorge die Freya und den Wotan. Das seien doch natürlich die Pferde.

Denn er hatte gefragt, wer denn das sei, die Freya und der Wotan.

Und den Barry versorge der Andres auch.

»Das ist ein großer, schwarzer Hund,« setzte sie rasch hinzu, denn sie hatte gesehen, daß ihr Zuhörer belehrungsbedürftig sei.

Die Margret versorge bloß den Papa, sie sei die Köchin.

Er interessierte sich sehr für alles, er war ganz ernsthaft bei der Sache.

Das gefiel ihr gut, es schien, der Papa war auch so.

Ob er auch ein Papa sei, fragte sie. Aber das mußte er verneinen.

Sie war vier Jahre alt. Er hätte sie für fünf gehalten, aber sie wußte es genau, daß sie fünf werde, wenn es im Bühringer Wald Maiblumen gebe. Die suche sie mit dem Papa und dann bekomme sie einen Kranz davon aufgesetzt. Da einigten sie sich also auf viereinhalb, denn jetzt war Dezember. Sie hatte große, runde, braune Augen und kurzgeschnittene braune Haare und war nicht ohne weiteres das, was man ein anmutiges Kind nennt.

Obgleich, ja, sie erschien ihm dennoch als das netteste Kind, das er je gesehen habe. Da konnte er sie jetzt wohl auch nach ihrem Namen fragen.

Sie heiße Ellen, sagte sie. Aber der Papa sage immer Schnirks oder Buzi oder Schneck oder sonst so was zu ihr.

»So, ja wer nennt dich denn dann Ellen?«

»O, meine Mammi.«

Da kam es denn zutage, daß sie auch noch eine Mutter habe, die sie Mammi hieß. Der Bericht war aber kurz und ohne sonderliche Wärme gegeben.

»Die Mammi ist noch oben und schläft.«

Also war sie mit der Mutter gekommen, ja natürlich, das hatte er ja doch nicht denken können, daß dieses Kind etwa allein hier sei.

Es war ihm einen Augenblick lang ein unangenehmes Gefühl, daß noch jemand zu ihr gehöre. Es war so nett gewesen, sich allein mit ihr zu unterhalten. Aber schließlich konnte er nicht verlangen, daß das immer so sei.

»Hast du auch eine Mammi?« fragte sie.

Ja, das hatte er, aber er nannte die seinige nicht Mammi, er sagte Mutter zu ihr.

»Wie sagt sie denn zu dir?«

Da mußte er bekennen, daß sie meistens Holder zu ihm sage, obgleich er Reinhold getauft sei. Er war ihr einziger Sohn bei fünf Töchtern und da äußerte sich die Liebe nun eben so, daß sie Holder sagte.

»Dann will ich auch Holder zu dir sagen,« entschied sich Ellen.

Das war ihm zwar ein wenig peinlich, wenn er an die Gesellschaft dachte. Drei Damen und ein Herr waren nach und nach schon zum Frühstück gekommen und sahen mit einigem Staunen, wie angeregt sich der stille Schwabe mit dem neuangekommenen Kinde unterhielt.

Nicht daß sie ihn für irgend beschränkt gehalten hätten; sie sahen ihn im Gegenteil mit seinem vierkantigen Kopf und dem bedeutungsvollen Schweigen für einen heimlichen Denker und Weisen an, aber darum konnten sie nun doch staunen, daß er so aufgetaut war.

Er gab sich aber schnell einen innerlichen Ruck und beschloß in der angenehmen Wärme, in der er sich eben befand, nichts danach zu fragen, was »die ganze Bande« dazu sage, wie das Kind ihn nenne.

Es war vielleicht nicht schön von ihm, daß er die völlig harmlose und ehrenwerte Gesellschaft in der Villa eine Bande hieß.

Aber man muß doch auch bedenken, daß er bis vor ganz kurzem noch Student gewesen war, und daß ihn die viel größere Redegewandtheit der – andern Stämme die Tage daher nicht wenig bedrückt hatte.

Im Grunde meinte er es mit allen Menschen gut, er konnte es nur nicht immer so von sich geben.

Indem kam eine Frau herein, von der niemand hätte denken sollen, daß sie Ellens Mutter sei. Sie war es aber dennoch und sie kam sofort auf Ellen zu, da entstand eine kleine Morgenbegrüßung, die aber schnell erledigt war.

»Hoffentlich hast du den Herrn nicht gestört!«

Nein, das habe sie nicht, gar nicht, und der Herr heiße Holder und er sehe doch ein bißchen aus wie der Papa, nicht?

Diese Erwähnung war ihr nicht so besonders angenehm, das konnte man gleich sehen, indessen faßte sie sich schnell und sagte: »Entschuldigen Sie, mein Herr, das Kind ist so furchtbar lebhaft, es kommt auf Dinge, die kein Mensch denken sollte. Übrigens –« sie sah ihn erwartungsvoll an, da sagte er, sich halb erhebend: »Döttling« und setzte sich wieder.

»Frau Hermelink,« sagte sie und sah ein wenig erstaunt aus.

Dies war das einzige Wort gewesen, das er gesprochen hatte, sie war das nicht gewöhnt. Indessen nahm sie mit einer ganz leichten Neigung des Kopfes, die vielleicht »Sie gestatten« oder so etwas heißen sollte, Platz neben Ellen und begann ihr Frühstück.

Da konnte er sie nun betrachten. Er tat das hinter der Zeitung hervor, die soeben angekommen war.

Sie war groß, schmal gebaut und halbblond. Vielleicht war sie hübsch, das konnte er nicht so schnell feststellen, jedenfalls ungewöhnlich konnte man sie ohne weiteres heißen.

Sie hatte ein schmales, längliches Gesicht, »rassig«, dachte er, es waren so ganz bestimmte, festgeprägte Züge, die sie wohl gerade in dieser Form ererbt hatte. Die Augen, die schienen persönlicher Besitz zu sein, nicht in ihrem harten Blau, das gehörte mit zum guten Erbteil, sondern in dem seltsamen Feuer, das in ihnen lag. Es war kein helles, stilles Brennen, es war ein unruhiges Flackern und Umhersuchen.

Sie hatte ein großes, nordisches Schmuckstück vorn an dem Ausschnitt ihres Kleides stecken. Norwegerin? dachte er.


Er war nun längst eingelebt und hatte es alles gründlich in Besitz genommen, Haus, Garten, Land und Meer.

Das mit dem Meer ging nun aus einer andern Melodie:

»Augen, o ihr Augen mein,

seid ihr neu geboren?

stromgleich zieht die Schönheit ein

zu euch beiden Toren.

Bin bis oben angefüllt

von dem goldnen Blinken,

und ihr wollt noch ungestillt

trinken, trinken, trinken?«

Er konnte es nicht lassen, noch mehr Verse darüber zu machen, in denen er nun diese seine Augen aufforderte, es genug sein zu lassen, da er ja unmöglich alle die Pracht in sich fassen könne, –

»all’ den Duft und Glast und Schein,

der mir heut begegnet,«

und endete mit dem Ausruf, der seine Freunde nicht an ihm verwundert hätte:

»Augen, o ihr Augen mein,

seid ihr so gesegnet?«

Denn wenn er einmal warm wurde, so wurde er es gleich recht, »wie ein buchenes Scheit, wenn es ins Glühen kommt,« hatte nicht unrichtig ein Bundesbruder einmal gesagt.

Nicht, daß er seinen Meertraum erfüllt gesehen hätte. Der lag tief verborgen in seinem Innern, er wußte jetzt gerade selber nichts von ihm, oder doch höchstens das, daß es ein ganz, ganz anderes Meer sei, das er damals gesehen hatte, eines, das vielleicht einmal in ganz hoher oder tiefer Stunde sich wieder vor ihm ausbreiten würde, aber nicht hier, nicht jetzt.

Er lag ausgestreckt auf einer der Uferklippen und las Ellen seine Verse vor. Ellen saß neben ihm und hatte das Schürzchen voller Kieselsteine. Die Kieselsteine waren rund und glatt gespült vom Wasser, die Verse verstand sie natürlich nicht.

»Ist das nicht schön, Ellen?« fragte er.

»Doch,« sagte sie überzeugt, denn er machte ein so frohes Gesicht dazu, und das gefiel ihr gut.

Sie verstanden sich vorzüglich miteinander und sie brauchten eigentlich sonst niemand zum Vergnügtsein.

Zwar hatte er längst seine Scheu vor den Hausgenossen abgelegt und manchmal unterhielt er sich ganz nett mit diesem und jenem, aber im Grunde war er doch am liebsten mit Ellen zusammen und sie hatte es mit ihm gerade so.

Mammi brachte keine Störung in ihren Verkehr.

Sie seufzte viel, daß es so furchtbar langweilig sei, aber das hatte sie in Bühringen auch getan. Dann war Ellen immer zum Papa gegangen und hatte sich in seiner Studierstube ein eigenes Haus aus Büchern erbaut, in dem er sie dann besuchte, oder sie war bei Margret in der Küche oder bei Andres und Wotan und Freya im Stall.

Und hier war sie bei Holder, das war der ganze Unterschied.

Sie ging mit ihm an die Klippen hinunter, da sahen sie die Fischerboote weit draußen liegen und sahen die Segel in der Sonne glänzen. Oder sie sahen einen Dampfer von Genua herkommen und ruhig seine große Bahn ziehen und wieder verschwinden. Dann mußte Holder erzählen, wohin er fahre und wie es dort sei, wo er hinkomme. Von braunen Kindern erzählte er da, und von Palmenwäldern und Affen.

Palmen gab es zwar auch hier; sie gingen dahin, wo sie am schönsten und höchsten standen, in einen wunderbaren Garten, der einem Marchese gehörte. Der Marchese war fort, das war er meistens, er lebte lieber in großen Städten als hier.

Da gingen sie unter den Palmen herum und in den Orangen- und Zitronengärten, und zwischen Rosenhecken, die ganz voller Blüten standen, und sahen das weiße Haus, das so still dazwischen lag, und taten, als ob es ihnen gehöre.

»Grüß Gott, Fräulein Ellen, ich möchte gern in unser Haus hinein.«

»Grüß Gott, Herr Holder, ich habe keinen Schlüssel.«

»Dann müssen wir warten, bis unsere Magd kommt. Wo ist sie denn?«

»Sie ist auf dem Markt und holt etwas zu essen.«

»Was holt sie denn?«

»Orangen und Schokolade.«

Da sagte er, er möchte auch noch einen Rettich dazu, und sie rief in das Olivenwäldchen hinein: »Minna, bringen Sie auch noch einen Rettich mit.«

Ganz wie zu Hause waren sie da, und das geschah dem Marchese ganz recht, daß sie in seinem Garten wie zu Hause waren, warum zog er auch immer in der Welt herum?

Sie setzten sich auf eine weiße Bank, die stand ganz im Grünen, aber gerade davor waren die Hecken so ausgeschnitten, daß man ein großes Stück blauen Meeres vor sich sah. Denn seit die Sonne schien und der Himmel blau war, sah das Meer auch blau aus. Ganz blau und still, nur am Rande hatte es kleine, weiße Wellchen, die plätscherten leise, es war, wie gelacht. Er sagte es zu Ellen, da hörte sie es auch, und natürlich lachten sie dann alle beide zur Gesellschaft mit.

Manchmal ging er auch allein fort, etwa mit einem Buch in der Tasche oder unter dem Arm. Dann setzte er sich irgendwohin und wollte lesen. Aber gewöhnlich war es viel zu schön ringsumher, als daß er seine Gedanken beisammen behalten hätte, oder es kamen Leute vorbei, die ihn fragten, warum er hier so allein sitze und was er denn studiere. »Was, Kirchenrecht? hier am Meer?« Da verstummten die Leute meistens, halb aus Respekt und halb aus Bedauern mit ihm, daß er hier sitze und den Kopf über schwere Bücher hinneige.

Er hatte sich vorgenommen, die Zeit gut auszunützen, es waren da so viele Lücken in seinen Kenntnissen. Aber es war doch nicht viel anzufangen. Vielleicht konnte er sie auch anderweitig ausnützen. Und schließlich, ja, da kam etwas wie Leichtsinn über ihn: mußte denn immer alles nützlich sein?

Da ging er mit langen Schritten ins Haus zurück und in seine Stube, dort waren noch viele Bücher, auch Goethe und Mörike und Konrad Ferdinand Meyer. Er hatte sie alle mitgeschleppt, denn er konnte nicht ohne Bücher sein. Aber jetzt sagte er mit einer Verbeugung: »Unterhalten Sie sich gut, meine Herrschaften,« und ging wieder ins Freie.

Er wollte auf die Strandpromenade gehen, da waren viele Menschen, die gingen hin und her, und hörten auf die Musik, die in einem Pavillon spielte, und unterhielten sich dabei.

Das konnte er doch auch einmal tun.

Aber als er durch den Garten ging, sah er Ellen allein unter einer kleinen Lorbeerhecke sitzen und ganz gerade vor sich hinsehen. Sie hatte ein so ernstes Gesicht, daß es gar nicht auszuhalten war an einem viereinhalbjährigen Kind, und dann seufzte sie tief auf.

Das letztere durfte aber auf gar keinen Fall sein, das hatte sie vielleicht von ihrer Mutter angenommen?

»Was ist mit dir, Ellen, warum sitzt du so da und seufzest?«

»Ich seufze nicht, ich denke an meinen Papa.«

»So, und warum muß man denn dabei so betrübt aussehen?«

»Ich sehe nicht betrübt aus, ich möchte nur, daß er da wäre.

Er ist ganz allein, und ich bin auch ganz allein.«

Da ging es ihm durchs Herz. Das durfte ja doch nicht sein.

Aber er machte noch einen Versuch zum Hinauskommen, denn sein Sinn stand jetzt gerade nach der Strandpromenade.

»Du bist doch nicht allein, Ellen, du hast doch deine Mammi!«

Da wurde das liebe Kindergesicht irgendwie hart oder herb.

»Meine Mammi hat gesagt, ich sei ein unnützes Kind, weil ich sie immer etwas gefragt habe. Hat deine Mammi auch so zu dir gesagt, als du noch klein warest?«

Nein, das hatte sie freilich nicht getan, das Herz schmolz ihm hin; er war doch kein Unmensch gegen so ein Kind.

»Wo ist sie denn?« fragte er, und machte im Geist eine Faust nach ihr hin.

»O, droben, sie hat gesagt: ich kann dich jetzt nicht brauchen.«

Er wußte schon, wie es da war.

Er hatte einmal droben angeklopft, weil sie ihn ausdrücklich dazu ermuntert hatte. Sie wollte ihm etwas zeigen, er wußte jetzt nicht mehr, was es gewesen war.

»Sie sind immer so nett gegen meine Tochter, da müssen wir doch auch ein wenig bekannt werden, nicht?«

Ja, also, da hatte er angeklopft.

»Herein.«

Da lag sie auf dem Sofa und rauchte Zigaretten. Ein feiner, bläulicher Rauch erfüllte das ganze Zimmer.

Sie winkte ihm anmutig zu mit ihrer schönen, weißen Hand.

»Ach, wie hübsch, daß Sie kommen. Bitte, machen Sie sich’s behaglich.«

So ganz behaglich wurde es ihm aber dennoch nicht.

»Sie bedienen sich selbst, nicht wahr? hier ist Kognak und Chartreuse, und hier sind die Zigaretten. – Was, Sie rauchen nicht? wegen Ihres Halsleidens? ist das so schlimm? wissen Sie, man kann auch zu gewissenhaft sein.

Sehen Sie, mir ist zum Beispiel beides verboten, Rauchen und der Kognak.

Mein Mann ist selbst Arzt und er sagt, es schade meinen Nerven.

Aber er ist ein Hüne, ha, ha, Sie sollten ihn sehen, groß und breit, eigentlich ein stattlicher Mann, er gefiel mir gleich so gut, weil er so stattlich war. Aber was weiß er davon, wie es ist, wenn man sich abgespannt fühlt? Gerade wenn ich abgespannt bin, dann habe ich solche Sehnsucht nach der Auffrischung, die in dem beidem liegt.

Und gleich wird mir wohler, wenn ich es habe.

Ich finde, man muß sich selbst zu behandeln verstehen. Nicht?«

Aber ihm ging es nicht so. Er hatte so manche gute Pfeife mit seinen Freunden verraucht, er wollte aber jetzt gesund werden und sonst gar nichts, also ließ er es. Fertig.

Das sagte er ihr auch. Sie sah ihn belustigt an.

»Ich finde das amüsant,« sagte sie.

»Ha ha, mein Mann würde entzückt von Ihren Ansichten sein. Wie doch die Menschen verschieden sind.«

Dann gähnte sie ein weniges hinter der Hand, die mit vielen Ringen geschmückt war.

»Ich finde es so schrecklich langweilig hier,« sagte sie klagend.

»Diese Hausordnung mit den frühen Mahlzeiten und der frühen Schlußstunde am Abend. Und dann, es ist ja nichts los, aber auch gar nichts. Ich wollte an einen größeren Platz gehen, aber mein Mann wollte es nicht. Er ist solch ein Tyrann. Und dabei bin ich nicht eigentlich krank, es sind nur die Nerven. Ich war immer so entsetzlich verstimmt in letzter Zeit. Er sagt, ich müsse Ruhe haben und nicht zu vielerlei Eindrücke. Und dabei ist es gerade die Ruhe, die mich tötet.«

Das konnte er nicht so recht verstehen. Sie schickte doch Ellen immer von sich fort, weil sie Ruhe brauchte. Aber es war wohl eine andere Art von Unruhe, die sie suchte.

Er kam sich plötzlich ein wenig beichtväterlich vor. Er hatte ja gerade ins Vikariat treten wollen, als die Krankheit kam. Freilich, er hätte zu Bauern gesollt, auf ein Albdorf, er kannte den Pfarrer schon, zu dem er sollte. Dies hier war anders.

»Haben Sie etwas Gutes zu lesen?« fragte er. »Das ist manchmal auch ein gutes Hilfsmittel fürs Gemüt.«

Er dachte, er wolle ihr Bücher leihen, er überschlug schnell seinen Vorrat.

»Ach ja, ich lese eigentlich ziemlich viel,« sagte sie.

»Aber schließlich, was hat man denn?

Die Franzosen, ja, und dann die Russen, Turgenjeff und Gorki und Dostojewski.

Wissen Sie sonst noch etwas?«

Da sagte er, ob sie denn Wilhelm Raabe nicht kenne und Gottfried Keller, und Mörike und –, er besann sich einen Augenblick, weil ihm so viele auf einmal einfielen, die er ihr sagen wollte, er sah wie in einen Garten hinein und wußte nicht, was zuerst brechen, – da lachte sie ihm hell dazwischen hinein.

Sie legte die Hände an die Ohren, aber so, daß man die kleinen Diamanten noch sah, die in den hübschen Ohrläppchen steckten.

»Ach, hören Sie auf,« rief sie, »das können Sie einem doch nicht im Ernst zumuten, daß man das liest. Überhaupt, die Deutschen, was haben sie denn? Sie sind so langweilig, zahm und langweilig, das sind sie.«

Da fühlte er, daß er grob werden müsse und brach die Sitzung ziemlich kurz ab. Vielleicht war er es auch geworden, das kann man bei ihm nicht sicher wissen. Jedenfalls ließ er die hübsche Frau, denn das war sie trotz alledem, in einigem Staunen zurück.

Ja, also so lag sie jetzt jedenfalls auch da oben, es war ihm, als ob er durch die Wände sähe.

»Komm, Ellen,« sagte er. »Wir gehen spazieren, wir brauchen sonst niemand dazu.«

Da gingen sie zuerst durch die lange, schmale Hauptstraße von Nervi hin, an den vielen Läden vorbei und beredeten, was sie alles kaufen wollten, wenn sie Geld hätten, und machten aus, wenn einmal das Geldschiff komme, dann sollten alle, die sie zu Haus gelassen hätten, etwas ganz Schönes kriegen und außerdem Ellen noch ein Eselsfuhrwerk.

»Kommt es denn einmal?« fragte Ellen, und er sagte, daß man so etwas nie ganz gewiß wissen könne, daß sie aber nun zuerst die Frau Eidechse besuchen wollten.

Die Frau Eidechse wohnte in einer Mauerritze, ganz weit draußen an der Strandmauer, da, wo der rote stachelige Kaktus blühte hoch über dem Meer.

Sie mußten durch ein schmales Gäßchen hinunter, das war links und rechts aus hohen, steinernen Gartenmauern gebildet. Oben sahen die dunkelgrünen Zypressen und Pinien und die silberigen Olivenbäume herüber, was aber sonst noch dahinter war, das konnte kein Mensch wissen. Das war das Allergeheimnisvollste, was es geben konnte, so ein Garten hinter einer steinernen Mauer.

Sie gingen aber schnell durch das Gäßchen hindurch, sie wollten es gar nicht wissen, was dahinter sei, denn von unten her glänzte schon das Meer herauf.

Da lag es in der Sonne und da lag auch die Strandmauer.

»Guten Tag, Frau Eidechse, Sie werden höflich zu einem Konzert eingeladen,« sagte er.

Sie war aber nirgends sichtbar.

»Sie hat noch im Haus zu tun bei den Kindern. Ist auch gut, so fangen wir einmal an.«

Da fing er an zu pfeifen. Denn pfeifen, das konnte er trotz des Halsleidens, das schadete nichts. Er hatte sich darin zu einer gewissen Virtuosität ausgebildet. »Was soll ich pfeifen, Ellen?«

Sie kannte sein Repertoire gut. »O du lieber Augustin,« sagte sie unverweilt.

Da pfiff er: »O du lieber Augustin.«

Ellen bekam glänzende Augen.

Nicht wegen des Pfeifens, sondern weil nach kurzem Zögern die Frau Eidechse richtig aus ihrem Mauerloch herausschwänzelte.

Sie hatte ein grünes Kleid an und Goldbörtchen über den Rücken herunter, und ihre schwarzen Äuglein funkelten lebhaft.

»Grüß Gott, Frau Eidechse, ist das nicht schön? Wo haben Sie denn Ihren Herrn Eidechserich?«

»Ach, der wird bald kommen, er ist auf den Berg gegangen zum Mückenfang.«

Ellen sagte nachher, diese Antwort habe Holder gegeben, aber er sagte, die Eidechse habe es selber getan auf eidechsisch, da konnte sie nicht streiten.

Das Publikum wurde unruhig, drehte den Kopf hin und her und wackelte mit dem Schwanz, so mußte er weiter pfeifen.

Als das Lied aus war, zog sich die Frau Eidechse zurück.

Da pfiff er auf Ellens Wunsch: »Weißt du, wie viel Sternlein stehen?« alle drei Verse. Aber die Eidechse kam nicht mehr.

Er versuchte es nochmals mit dem »lieben Augustin«, und siehe, da war sie gleich wieder zur Stelle. Da stellten sie es nun fest, daß »O du lieber Augustin« ihr Leiblied sei. Und das bekam sie nun immer zu hören, so oft sie zum Besuch da heraus kamen.


Es war merkwürdig: neuerdings bekam Mammi manchmal Anfälle von großer Zärtlichkeit für Ellen.

Dann konnte sie sich plötzlich im Garten auf dem Gras niederlassen und beide Arme nach ihr ausbreiten. Aber Ellen war das nicht gewohnt und kam darum nicht so schnell dahineingeflogen, wie Mammi wohl erwartet hatte. Dann sagte sie klagend: »Ellen, hast du denn deine arme Mammi gar nicht lieb?« und küßte sie viele Male, auf den Mund, in die Augen, auf die Stirn, und drückte sie fest in die Arme.

Und Ellen mußte sagen, daß sie die Mammi lieb habe. Das tat sie auch, sie tat es aber ein wenig zögernd, ernst und still.

Und Mammi sagte, das Kind müsse mehr unter Menschen kommen, und putzte sich selbst und Ellen schön heraus, so daß sie beide sehr wohl in den nächsten Umkreis des Musikpavillons paßten, und ging mit ihr dort spazieren.

Das tat sie einige Male. Da wurde sie eines Tags von einem Herrn, der gleichfalls dort spazieren ging, gefragt, ob gnädige Frau vielleicht Norwegerin sei, sie trage so wundervollen nordischen Schmuck, und sie sagte: ja, wenigstens von Geburt und Erziehung.

Und es fand sich, daß der Herr auch schon »da oben« gewesen war und auch sonst schon an allerlei Orten, die sie kannte, es gab wundervoll viel zu reden darüber und über noch vieles andere, an diesem Tag, und am folgenden noch mehr, und so immer fort.

Mammi erholte sich zusehends, wurde auch im Hause lebhaft und gesprächig und fand, daß ihr Mann doch damit recht gehabt habe, daß er ihr viel frische Luft und Bewegung verordnet habe.

Besonders auch Segelpartieen bekamen ihr gut, aber natürlich konnte sie dabei das Kind nicht mitnehmen, es war wohl überhaupt besser, wenn es regelmäßig lebte, es war oft nicht so ganz wohl in letzter Zeit.

Das fand Holder auch. Er sah, daß es an Heimweh litt. Es war merkwürdig an so einem Kinde, aber es sehnte sich wahrhaftig immer nach seinem Vater. Und es wußte, der Vater sehne sich auch nach ihm. Er hatte oft an einem inneren Grimm zu würgen.

Da ging sie nun wieder im gelben Leinenkleid mit dem silbernen Gürtel, strich dem Kind übers Haar: »Adieu, Kleines, geh artig zu Bett, hörst du? Mammi hat Schokolade für dich.« Weg war sie.

Als ob es dem Kind um Schokolade gegangen wäre.

Sah sie denn nicht, daß es Hunger litt nach Liebe, nach Daheimsein? Nein, das sah sie nicht.

Er aber sah es. Heute früh hatte er ein Lied gefunden; es stand in einer Zeitschrift und hieß: Das frierende Seelchen.

Das ging ihm heute den ganzen Tag durch den Sinn. Es schien so sehr für Ellen zu passen.

Wenn ich nur wüßt’, wo der Heimweg wär!

Was bin ich nicht geblieben?

Suchen muß ich, hin und her

bläst ein Wind, und mich schauert sehr,

irgendwer hat mich vertrieben.

Irgendwo, weiß ich, bin ich zu Haus,

aber wo, wer kann’s sagen?

Flüglein hab ich, und breit’ sie aus,

fänd’ ich nur aus der Welt hinaus,

wollt’ ich nimmer klagen.

Bin ein armes, verirrtes Kind,

such in dem Lärm der Gassen,

horche hinein in den wehenden Wind,

ob ich nirgends die Töne find’,

die ich zu Haus verlassen.

Hie und da nur ein leises Getön,

ein Wort, ein Streifchen Sonne,

ein lieber Blick, ein feines Verstehn,

dann muß ich wieder suchen gehn

nach meiner Heimatwonne.

»Komm, Ellen.« Er nahm sie mit sich ans Meer hinunter. Artig zu Bett gehen, das konnte sie noch lang. Jetzt lag die Sonne noch über dem Wasser, es war ein wundervoller Abend. Weithin lagen die Berge am Ufer rotgolden beschienen, die weißen Villen glänzten und Fenster leuchteten in der Abendsonne. Fischer fuhren hinaus und sangen in ihrem Boot, und irgendwoher kamen fröhliche Stimmen, Gelächter und Jubel. Und so ein Kind sollte nicht froh sein?

Auch hatte das Gedicht nämlich noch einen zweiten Teil gehabt, der ihn heut besonders rührte. Vielleicht wäre ihm Ellens bekümmertes Gesichtchen sonst nicht so besonders aufgefallen.

Er verhöhnte sich selbst damit, daß sie ihm nur als Objekt für seine lyrische Stimmung diene, aber das mochte sein, wie es wollte, darum freute es ihn doch, daß sie nun da unten neben ihm saß und ihr kleines Händchen in seine große Hand schob. Da sagte er es richtig noch einmal in Gedanken vor sich hin: