II.

Schlug das Seelchen seine Flügelein,

barg sein trauerndes Gesicht hinein,

weinte leis und bang und bitterschwer:

Wenn ich doch zu Haus, zu Hause wär!

Kam die Lieb’ des Wegs und rührt es sacht:

Grüß dich Gott, ich habe dein gedacht!

Hob das Seelchen sein verweint Gesicht,

weil sie sprach, wie man zu Hause spricht.

Nahm die Lieb’ das Seelchen in den Arm,

hüllt’ es in des Mantels Falten warm,

sprach: Wir sind vom Himmel, du und ich,

armes Seelchen, komm, ich trage dich!

Spannt’ das Seelchen seine Schwingen aus:

Liebe du, du bist mir Heim und Haus!

Liebe, bleib mir Trost und Weggeleit!

Sprach die Liebe: bis in Ewigkeit!

Wenn man es genau untersucht hätte, so hätte er vielleicht auch ein wenig Heimweh gehabt, oder vielleicht nennt man es bei Männern anders. Es war aber doch, da es schon ein wenig gegen das Frühjahr hin ging, und es mit dem Hals nicht so vorwärts wollte, wie er gedacht hatte, so etwas.

»Du, Holder,« sagte Ellen, »ich habe dich furchtbar lieb. Ich habe dich so lieb – bis wo der Himmel anfängt.«

»So,« sagte er, »das ist aber hoch hinauf.«

Da war es ihr auf einmal nicht genug.

»Nein, noch höher hinauf,« sagte sie. »So hoch wie der liebe Gott ist.«

Davon mußte er nun notwendig ein bißchen abzwicken. »So hoch hinauf kann man nicht,« bemerkte er.

»Aber bis wo dem lieben Gott sein Kopf anfängt,« sagte sie. Mehr wollte sie nicht abgeben. Da ließ er’s; später, dachte er, werde es sich schon ausgleichen.

Die Sonne sank tiefer und tiefer.

Schon nahte sie sich dem Wasserspiegel. Er sah still in ihr goldenes Licht und über die beschienenen Fluten hin.

Da fühlte er, wie sich das Händchen da in seiner Hand so krampfhaft festhielt und als er in Ellens Gesicht sah, da war es angstvoll und die Augen sahen ihn hilfeflehend an.

Er sah, es ging ihr um die Sonne. Sie hatte sie noch nie ins Wasser tauchen gesehen.

Aber er wollte ihr nichts sagen; er war ein Pädagog; sie sollte es nur erleben. Er hielt aber doch das Händchen ein wenig fester als zuvor, zum Zeichen, daß er im Notfall auch noch da sei. Und sie sank und sank; da war sie nun am Wasser, und leise, leise glitt sie hinab.

Da brach Ellen das zitternde Schweigen.

»O, sie fällt ins Wasser, sie fällt ins Wasser,« rief sie in so jammervollem Tone, daß ein Stein hätte trösten müssen.

Er war aber härter als ein Stein und schwieg.

Da wurde es dunkler und dunkler; nur noch ein goldenes Auge sah über die Fluten hin, dann erlosch auch dieses, da eilten die purpurnen Wellen so verlassen und klagend zum Ufer hin. »O, jetzt haben wir keine Sonne mehr,« klagte sie.

»O, jetzt ist sie hinuntergefallen, jetzt haben wir keine Sonne mehr,« jammerte Ellen.

Da trat ihr Freund in den Riß, denn jetzt war es Zeit dazu.

Und er sagte, daß sie nicht hinuntergefallen sei und daß sie morgen wieder komme. Denn dort hinten, ganz weit hinten, sagte er, die braunen Kinder, zu denen die Schiffe hinfahren, die müßten doch auch Sonne haben, nicht?

Da wurde das Gesichtlein wieder froh, aber erst, als er ganz sicher versprochen hatte, daß sie wieder komme und daß sie, Ellen, in aller Frühe zu ihm kommen dürfe und mit ihm sehen, wie die Sonne aufstehe.

Das tat sie denn auch. Ein Fingerlein pochte an seine Tür, als die Luft draußen noch grau war und er noch im Bett. Dann, als das Fingerlein keine Antwort bekam, wurde eine kleine Faust zum Klopfen geschickt.

»Ja?«

»Ich will sehen, wie die Sonne aufsteht.«

»Sie ist noch weit, sie ist erst in Chiavari, sie muß noch hinter dem Berg heraufsteigen.«

»Du, Holder.«

»Ja?«

»Laß mich herein. Ich geh’ derweil auf deine Terrasse hinaus, dann sag’ ich dir, wenn sie kommt.«

Da mußte er sie doch hereinlassen.

»Wer hat dich denn geweckt, Ellen?«

»Niemand, ich bin selber aufgewacht.«

»Wer hat dich denn angezogen?«

»Selber.«

Es war vielleicht darnach, aber das war den zwei Freunden einerlei, die gleich hernach miteinander draußen standen und ihre Augen ausschickten, ob sie die Sonne kommen sehen.

Das Meer war auch noch nicht recht aufgewacht. Es warf sich plätschernd herum und wollte zu sich kommen.

»Du, Holder, was sagt es?«

»Es sagt: Mutter gib mir einen Kuß, sonst friert’s mich.«

»Wer ist die Mutter?«

»Die Frau Sonne.«

Da schoß auf einmal ein goldener Strahl wie aus einem Hinterhalt hinter dem Berg hervor, dann noch einer, dann viele.

Dort drunten am Meer macht die Sonne keine langen Vorbereitungen. Sie kommt auf einmal und dann ist sie da.

Da nahm sie sie alle in die Arme wie eine rechte Mutter, alle ihre Kinder: den Mann und das Kind, und die Gärten und das Meer. Da breiteten sie sich alle ihr entgegen und glänzten auf, so froh waren sie. Vielleicht war das Kind am frohesten, weil es gestern abend am meisten getrauert hatte. Die andern, das Meer und die Bäume, die hatten sie schon öfter gehen und kommen gesehen, sie wußten schon, wie sie es mit ihnen halte und daß immer wieder ein Aufgang komme nach dem Niedergang.


Holder ging allein in der Welt herum. Er kam von einem weiten Spaziergang zurück und hatte einen großen Blumenstrauß in der Hand. Den wollte er nach Hause schicken, er sollte seine Schwester an ihrem Geburtstag grüßen. Langsam bog er in den Garten ein.

Es ging vielerlei in ihm um.

Die Wintergäste fingen an, abzureisen, vorgestern waren einige gegangen, und gestern wieder. Heute, das wußte er, reiste ein Ehepaar, an das er sich einigermaßen angeschlossen hatte. Es tat ihm nun doch auch leid. Er brauchte lange, bis er sich den Menschen auftat, aber wenn es dann geschah, so war es auch nicht nur so obendrauf. Er hatte so gar keine Eintagsfliegennatur. Nun hatte er nach und nach an diesen allen teilgenommen, die da um ihn her lebten, litten und sich freuten.

Er hatte gesehen, daß sie alle ihre Schicksale in und mit sich trugen, daß das Verschiedene an ihnen doch viel mehr zufällig und äußerlich war, und daß sie alle Menschenherzen hatten, die nach Leben, Liebe und Gemeinschaft verlangten, daß sie oft Wunden zudeckten, wo sie lachten und feine, herzliche Züge an sich trugen, wo er zuvor nur Oberflächlichkeit und leichten Sinn gesehen hatte.

Einer von ihnen war gestorben, der lag nun draußen auf dem kleinen Friedhof am Berge, den Pinien und Zypressen beschatteten und zu dem das Meer, das sich an den Felsen brach, sein ewiges, großes Schlummerlied heraufsang.

Und zwei junge Menschen hatten sich gefunden, um immer miteinander zu gehen. Sie waren krank angekommen, und gesund geworden, und nun lag das Leben vor ihnen in leuchtender Fülle und sie wollten es fassen und halten und eines in des andern Augen das Meer, das große Meer mitnehmen.

Das war so schön, frohe Menschen froh zu sehen. So ganz von tief unten herauf froh, wie diese es waren.

Das war das Schönste, was man sehen konnte, schöner als Rosen- und Nelkengärten, schöner als Sonne, Meer und Land.

Ueberhaupt, das mit dem schönen Land.

Er hatte es genossen, das mußte man sagen. Er hatte es mit allen Sinnen in sich hineingenommen. Aber nun hatte er plötzlich genug davon. Es war doch schließlich immer dasselbe. So ein farbenfrohes Leuchten, Glänzen, Blühen war schön, wenn es vorher trüb, dunkel und kalt, wenn es Winter gewesen war. Er hatte es wieder mit dem Dichten. Unterwegs, auf dem Gang ins Nervital, hatte er sich bei dem schönen Land erkundigt, ob es denn sonst nichts habe

als üppige Glut und Füll’?

kein zartes Knospen und Werden.

kein Fragen, ob’s auf Erden

wieder lenzen will

nach langem Winterharm?

und nirgends Bäume im Garten

die ihres Frühlings warten

mit ausgestrecktem Arm?

Er sah es so deutlich vor sich, wie es nun zu Hause war: linder, goldener Sonnenschein auf wintermüden Gassen, da und dort noch ein Fleckchen Schnee, und an geschützten Stellen schon die Veilchen, und Amselgesang auf kahlem Geäst, dem im währenden Singen ein lichter grüner Schleier sich wob.

»Du, Ellen, ich muß dir etwas sagen.«

Denn sie war soeben durchs Mauerpförtchen herein von der Strandpromenade her auf ihn zugerannt.

»Ja, was?«

Aber er mußte sie vorher betrachten. Sie hatte ein hellblaues Seidenkleidchen an und eine weißseidene Schärpe, und hatte einen großen, weißen Spitzenhut auf.

»Geputzt wie ein Affe,« dachte er plötzlich grimmig, obgleich sie freilich hübsch genug aussah.

»Da sieh, Holder,« und sie zeigte ihm mit Wichtigkeit ein Schmuckstück, das sie um das runde, weiche Ärmchen trug.

Es war eine kleine Eidechse aus grünem Email mit zwei winzigen roten Rubinäuglein.

»Fein, gelt? Ich habe es von dem Onkel, der immer mit Mammi geht. Und er schenkt mir morgen eine Dose, die kann man aufziehen, dann macht sie Musik. Und heut mittag darf ich mit dem Onkel und mit Mammi ausfahren in einem Wagen, der hat rote Samtpolster. Das ist fein, nicht? Ich bin so froh, bist du auch so froh, Holder?«

Ja, sie war so froh über ein bißchen Freundlichkeit und Mitgenommenwerden, und er hätte ihr am liebsten das Armband genommen und ins Meer geworfen, so zornig war er.

Er sagte gar nichts.

Aber sie merkte es heute nicht gleich, daß er verstimmt sei. Sie war zu froh dazu.

»Meine Mammi ist schön, gelt?« sagte sie. »Dort unten kommt sie. Sie hat ein schönes Kleid an und lacht, und sie hat zu mir gesagt: ›Du bist ein süßer, kleiner Schneck.‹ Gelt, das freut dich auch, wenn deine Mammi so zu dir sagt?«

Aber er wollte jetzt nicht sehen, wie schön Mammi sei. Er wollte jetzt nichts von Mammi wissen.

»Komm, wir gehen da hinüber,« sagte er. »Wir setzen uns ins Rosenrondell, dann sag’ ich dir etwas.«

Ja, das wollte sie gern, sie machte ihre großen Augen; was er wohl sagen wollte?

»Denk einmal, als ich heute morgen aufwachte, da ist vor meinem Fenster alles dick voll mit Schwalben gesessen. Auf der Terrasse, auf der Dachrinne, auf den Telegraphendrähten. Sie sind übers Meer her gekommen und jetzt gehen sie heim. Sie sind schon wieder fortgeflogen, sie haben nur hier ein wenig ausgeruht.«

»Heim, wo ist das?« Sie riß die Augen mächtig auf.

»Heim ist in Deutschland, am Neckar und am Rhein und im Schwarzwald, und auch in Bühringen.«

Denn Bühringen lag im Schwarzwald.

»Da haben sie ihre Nester an den Häusern unter den Dächern.«

»Ja, du, Holder, bei uns auch, am Stall und an der Waschküche. Der Andres hat gesagt – mhm, man dürfe sie nicht fortjagen und die Katze dürfe sie nicht fressen, weil es Schwalben sind.«

»Und als sie mich gesehen haben, da haben sie angefangen zu schwatzen, alle durcheinander.«

»Was haben sie denn gesagt?«

»Sie haben gesagt: ›Wir sind so froh, daß wir heimkommen. Daheim, da fangen jetzt die Bäume an zu blühen, und der Schnee ist fort, und es gibt Veilchen, und viele tausend Mücklein fliegen in der Sonne herum, die fangen wir alle.‹ Da habe ich gesagt: ›Nehmet auch einen Gruß mit an Ellens Papa, weil er so allein ist, und sie komme bald nach, sie wolle dann mit ihm Maiblumen holen im Bühringer Wald, die seien jetzt bald offen.‹«

Sie nickte ernsthaft mit dem Kopf und ihr glückliches Gesichtlein beschattete sich.

Er kam sich schändlich vor. Mußte er denn mit Gewalt das Heimweh heraufrufen, das ein wenig geschlafen hatte? Er meinte freilich, dieses Heimweh gehöre gar nicht anders kuriert als durchs Heimkommen.

Der »Onkel, der immer mit Mammi ging«, der kurierte es mit Armbändern und Spieldosen.

Da kam nun Mammi den schmalen Gartenweg herab. Sie suchte ihre Tochter und sah ja freilich schön aus. Was man so schön heißt.

Sie kam so groß und schlank und blond daher in ihrem leichten, hellen Seidenkleid und unter dem großen, federngeschmückten Hut.

Ja, und sie lachte, ganz wie Ellen gesagt hatte. Aber ihm gefiel das Lachen nicht, es war, als ob sie etwas damit verscheuche oder zudecke, das sie jetzt nicht hören und nicht sehen wolle.

»Ah, siehe da, der Herr Kandidat,« sagte sie fröhlich. »Sie haben mir meine Tochter entführt. Ha ha. Sagen Sie, haben wir nicht herrliches Wetter jetzt und ist es nicht schön hier?«

»Mammi,« rief Ellen, »er hat die Schwalben gesehen. Sie sind heimgeflogen und er hat einen Gruß an Papa gesagt. Mammi, wann gehen wir heim?«

Aber davon wollte Mammi jetzt nicht reden.

Sie zog die Augenbrauen zusammen und gab keine Antwort.

»Das hat mir gerade gefehlt,« sagte sie und brach eine voll erblühte gelbe Rose vom Strauch, »sie paßt so gut hierher an meinen Gürtel. Haben Sie vielleicht eine Stecknadel, Herr Kandidat?«

Das hatte er, fast wider seinen Willen.

»Ach,« sagte sie, plötzlich seufzend, und ließ sich ihm gegenüber auf der runden Steinbank nieder, »es ist nicht immer leicht, gut zu sein.«

Was war das nun wieder?

»Ihnen fällt es wohl immer leicht? Sie sind so ernsthaft und pflichtgetreu und gehen so geradeaus Ihren Weg. Man könnte Sie beneiden.«

»So, woher wissen Sie denn das?« Er fragte es fast grob.

»Ach, das sieht man doch. So – so unverdorben und so geordnet.«

Es ärgerte ihn, denn gar zu tugendsam wollte er doch auch nicht erscheinen, obgleich nichts gegen ihre Worte zu sagen war.

»Das bin ich nun leider nicht,« seufzte sie.

»Aber ich kann auch nicht anders sein, als ich bin.«

So? er hatte schon lang einiges gegen sie in sich angesammelt. Es konnte eine schöne Rede geben, wenn er sie losließ. Das wäre ja recht bequem, einfach: ich kann auch nicht anders sein – er fing an, sich zu besinnen, wie er anfangen wollte, da sagte sie, als habe sie seine Gedanken gelesen:

»Nein, nein, Sie müssen nichts sagen, Sie kennen mich nicht genug dazu. Sehen Sie, das Kind hat recht, Sie haben wirklich etwas von meinem Mann. Nun machen Sie dasselbe Gesicht wie er, wenn er unzufrieden mit mir ist. Dann liebe ich ihn gar nicht.«

Sie sah plötzlich sehr ernsthaft aus. »Ich möchte nicht, daß die guten Menschen schlecht von mir denken. Das tut mir leid, aber sie wissen vielleicht nicht, wie es ist, wenn man in ganz anderer Luft geboren und erzogen ist.«

Er sagte nichts, es war ihm so sonderbar, daß sie ihn nun so plötzlich zum Beichtvater machte, und doch war es ihm, als rufe etwas aus ihr heraus, das nach Verstehen und Verzeihen verlange, und er wollte sie hören.

Er saß ganz still da und war auch ein wenig verlegen, und sie war dankbar, daß er nicht redete und sagte, als müsse sie es aus sich herausschaffen: »Haben Sie eine Heimat gehabt, in der Sie immer wohnten und gut und sicher aufgehoben waren? Nun, ich ging auf Reisen, als ich drei Jahre alt war, weil mein Vater den Ort nicht mehr sehen wollte, an dem meine Mutter starb. Immer in Pensionen, bald im Norden, bald im Süden. Kennen Sie das? O, wir waren sehr vergnügt, mein Vater und ich.

Alle Leute kannten mich immer als sehr vergnügt. Einmal war ich des Lachens überdrüssig, da weinte ich eines Abends für mich allein. Es war auf einer Veranda am Vierwaldstättersee. Vielleicht war es, weil mein Vater kurz vorher gestorben war. Oder ich weiß nicht warum. Das sah einer, für den es eigentlich nicht bestimmt war, und er meinte, er sehe nun etwas von meinem eigentlichen Ich, und das Lachen sei nur obendrauf. Vielleicht meinte ich es damals auch, und kurzum, ich heiratete ihn und wir waren sehr verliebt ineinander, wie mir scheint. Es kam mir hübsch vor, so auf dem Lande zu leben in einem grünumrankten Hause, und einen solch ernsthaften, biederen Mann zu haben. Aber wissen Sie, wie es allmählich wurde?

Wie ein Käfig, in dem ein lustiger, farbiger Vogel sitzt und den ein Bär bewacht. Der Bär ist gut und der Käfig ist gut und der Vogel ist in seiner Art auch nicht schlimm, sie passen nur nicht zusammen. Das ist das Ganze.«

Sie hatte, während sie sprach, drei oder vier Rosen zerpflückt, es lag eine Menge gelber, schimmernder Blätter auf dem Rasen. »O sehen Sie, das Kind,« unterbrach sie sich plötzlich, »was es für Augen macht. Ganz große. Ellen, mach andere Augen. Sie hat natürlich alles gehört.«

»Das Kind haben Sie vorhin nicht mit aufgezählt«, sagte er trocken.

»Welchen Platz geben Sie dem? gehört es zum Vogel oder zum Bären?«

Da beugte sie sich rasch herunter und küßte es heftig, drei- oder viermal, aber eine Antwort gab sie nicht.

»Das Kind gehört heim.« Nun war es ihm, als ob er seine ganze Rede gehalten hätte, denn sonst wußte er eigentlich nichts zu sagen und darum stand er auf und schickte sich zum Gehen an. Er hatte immer noch seine Blumen in der Hand, die wollte er nun einpacken.

»Ja, ja,« sagte sie und sah aus, als suche sie etwas in weiter Ferne. »Er hängt furchtbar an Ellen und auch an mir. Es ist nicht leicht, das läßt sich aber nicht ändern. Man kann nicht aus seiner Haut heraus, er nicht und ich nicht. Das ist überall so. Glauben Sie, Sie kennen die Welt noch nicht. Es ist nicht immer alles so glatt im Leben.« Sie schüttelte sich, wie um aus Träumen zu kommen und sagte leichthin: »Es ist nur gut, Kinder fühlen das noch nicht so, sie sind überall zu Hause.

Komm, Ellen, gib deiner armen Mammi einen Kuß.«

So besonders hochachtungsvoll war der Blick nicht, mit dem er sie betrachtete, als er nun den Hut zog und ging.

»Sie versteht so viel von ihrem Kind, als eine Kuh von einem Eichhörnchen«, brummte er vor sich hin und zertrat mit breitem Stiefelabsatz eine kleine Kröte, die über den Weg hüpfte. Das hatte er nicht gewollt. Er blieb bedauernd stehen, aber es war nun schon so. So etwas kleines ist schnell zertreten.


Am andern Tag machte er eine Wanderung ins Land hinein. Er ging den ganzen Tag, kehrte in kleinen, verräucherten Wirtshäusern ein, half einer dunkeläugigen Magd Fische in Öl backen, trank tiefroten Chianti aus dem strohumflochtenen Fiasko dazu, redete mit Fischern und Bauern, so gut es sein schlechtes Italienisch hergab, ließ sich von der Sonne durchscheinen und fing im Wandern an, zu singen und zu jodeln. Als sich das der Hals gutwillig gefallen ließ, war es ihm, als müsse er nun schleunigst umwenden und nach Hause fahren, denn nun war er ja gesund. Er blieb aber doch in einem Wirtshaus, das einsam in einem engen, schmalen Taleinschnitt unter alten Olivenbäumen stand, übernacht, fand dort eine Hochzeit, hörte bis spät in die Nacht hinein eine Musik von Dudelsack und Flöten und sah sich die Paare auf dem Steinboden vor dem Hause im Tanze drehen. Dann schlief er tief in den Vormittag hinein und als er erwachte, fielen ihm eine Menge Dinge ein, die er vorgestern hatte der Frau Hermelink sagen wollen. Lange, überzeugende Sätze, die alle darauf hinausliefen, daß es nicht so sehr darauf ankomme, ob das Leben angenehm sei oder nicht, wenn man nur seine Pflicht tue. Und daß man mit einigem guten Willen viel machen könne. Und noch mehreres. Er dachte, sie habe ja doch auch ihre guten Seiten und sie habe ihn ein paarmal fast gerührt. Und sie scheine einen guten Mann zu haben, mit dem sich doch leben lassen müsse. Das sagte er ihr alles in Gedanken, denn in Gedanken war er manchmal recht beredt und verstand sich gut auszudrücken.

Aber als er da lag und ihm die Sonne ins Bett schien, da waren die beiden, die Mammi und das Kind, schon unterwegs. Sie fuhren auf einem Dampfer nach dem Süden und die Spieldose stand auf der Bank neben Ellen und spielte: »o du lieber Augustin« und Ellen sagte zu dem Onkel, der sie ihr geschenkt hatte: »das ist der Frau Eidechse ihr Lieblingslied«. Da lachte er und Mammi lachte auch, und weil sie beide so fröhlich waren, lachte Ellen auch mit. Sie wußte nicht, daß Mammi sich verlaufen hatte und den Heimweg nach Bühringen nicht mehr suchen wollte und daß sie selber als ein heimatloses Kind mit auf Reisen ging. Sie sah nur das Heut, das war voll Sonne.


Er nahm Abschied von Haus und Garten und Meer und zuletzt auch von Schwester Clementine.

Er hatte sie immer ein wenig im Verdacht gehabt, daß ihr gütiges Lächeln Herablassung sei und hatte sich stolz und mannhaft dagegen betragen. Aber schließlich hatte er doch nicht mehr ganz dagegen angehen können, daß sie immer so blieb: liebenswürdig und fein und vornehm; – allerdings schien sie zu wissen, daß sie das alles sei, aber dafür konnte sie wohl nichts und er hatte es ihr verziehen und gedacht, schließlich habe sie sich auch nicht selbst zur Gräfin gemacht und es können nicht alle Menschen gleich sein.

Zwar die schlanke weiße Hand, die sie ihm zum Abschied reichte, küßte er nicht, obgleich er gestern den französischen Rechtsanwalt so hatte tun sehen. Aber er drückte sie mit seiner ganzen neuerrungenen Kraft und sah mit ehrlichem Dank in das schöne Gesicht. Es habe schmerzlich darin gezuckt, dachte er nachher und wunderte sich, daß es ihr leid zu tun schien, daß er gehe. »Sieh’ da, echtes menschliches Gefühl,« dachte er und wußte ja freilich nicht, daß sie ihre Hand besah, als sie ins Haus zurückging. Sie hatte einen breiten roten Streifen.


Nun war er zu Hause. Er hatte es alles so gefunden, wie er erwartet hatte: blühende Wiesen, neubestellte Gärten und Äcker, Lerchen, die sich in die Luft schwangen und freilich auch viele, viele Spatzen, die sich lärmend umhertrieben und vor ausgelassener Daseinsfreude schrieen. Er ging durch die Dorfgasse, die nach dem Filial führte, in dem er Unterricht zu geben hatte und mußte sich zugeben, daß sie sehr aufgeweicht sei und ein Bauer sagte ihm, daß das im Frühjahr so die ersten paar Wochen nach dem Schneegang immer so sei. Und es fielen ihm die leuchtend weißen, glatten Straßen ein, die er dort unten gegangen war. Kinder sprangen herbei und gaben ihm die Hände und er mußte an ein anderes kleines Händchen denken, das nicht so klebrig, aber mindestens ebenso vertrauensvoll gewesen war. Wo mochte es sein? was wurde aus ihm? wer nahm es in seine Hand?

Es war ihm nicht leicht zumute, als er daran dachte.

Er meinte, er hätte es vielleicht festhalten sollen, beschützen, entführen – er wußte selbst nicht, was.

Vielleicht hätte er der Mutter mehr sagen sollen; sie hatte ja sonderbarerweise eine Art von Vertrauen zu ihm.

Denn, hilf Himmel, was machte sie wohl aus dem Kinde?

Sie führte es in der Welt herum, weil sie selber rastlos war, sie lehrte es, zu lachen, wenn sein Herzlein weinte und lehrte es, die Heimat zu vergessen über der Fremde, die Armbänder hatte und Spieldosen und Schmeicheleien statt Liebe.

Er dachte an den einsamen Mann dort in Bühringen und meinte, er hätte ihnen allen helfen sollen. Aber er wußte ja freilich nicht, wie, und sie waren ihm nun auch aus der Hand gegangen, er konnte sie nicht mehr finden. Da brannte etwas in ihm, daß man Menschenkinder müsse ins Leben hineingehen lassen, das sie verderben wolle. Er wußte plötzlich, daß ihrer viele seien, die in Gefahr und in der Fremde seien. Und er wußte, daß eine Liebe in ihm sei, die ihnen helfen wollte und die doch in sich selbst arm und machtlos dazu sei. Er sah die Menschen vor sich, die Großen und die Kleinen, die auf ihn warteten, daß er ihnen etwas bringe, das ihnen zum Leben und zum Werden helfe.

Sie hatten alle auf einmal Ellens Gesicht und Augen und sagten, – die Kleinen: wir wollen Menschen werden, denke daran – die Großen: wir sind einmal Kinder gewesen. Vergiß es nicht! – Unterdem war er an den letzten Häusern vorbei und ins Freie gekommen, da, wo sich von der Landstraße aus der Blick ins Tal auftat. Rechts hatte er hellen Buchenwald und links ging es in die Tiefe hinunter. Das Tal war noch voll von wallenden Morgennebeln, es war wie ein Meer, und darüber segelten im blassen Blau des Himmels ein paar lichte Wolken. Da dachte er an das Meer, das er im Süden gesehen hatte und wußte, daß alle die Wasser, die in den Nebeln und in den Wolken waren, in die große Flut heimkehren würden, wenn sie ihren Kreislauf hinter sich hatten.

Und er dachte auch an das Meer, das er im Traum gesehen hatte, und dachte, wenn einer sei, aus dessen Willen heraus alles geflossen sei, was da webe, so müsse es ihn ja nicht ruhen lassen, bis auch die letzte Welle seines Wesens, die er in ein Menschenkind hinein geschaffen habe, nach allem Irren in ihren Ozean zurückgefunden habe.

Und es ward ihm im Ausschreiten groß und froh zumute.