Einundzwanzigstes Kapitel
Tags darauf traf ein sehr herzlich gehaltenes Telegramm ihrer Freundin ein. Vom Exemplar nichts. Da ließ sich Mariclée von einem jungen Ehepaar auf ein paar Tage nach Haslemere entführen und machte die Freitag auf Montag Mode mit. Sie war mit der übrigens sehr hübschen Frau von früher her sehr gut bekannt, eine jener Amerikanerinnen, vor deren triumphierender Mitgift die Türen der Londoner Salons sich wie magisch in ihren Angeln drehen. Mariclée war ganz zufällig auf der Straße mit ihr zusammengetroffen, und nun fuhr sie in Charles Street vor, duldete keine Absage, keinen Widerspruch und keine Bedenken, sondern half ihr eilig zusammenpacken, um sie gleich in ihrem Auto mitzunehmen. Dabei machte sie bestürmende Augen, wie ein Kind. Ihr Teint war sehr matt, und eine rote Locke, die sich unter ihrer seidenen Haube gelöst hatte, hing ihr ins Gesicht. Mariclée, die sehr oft nicht wußte, was sie selber wollte, ließ sich überrumpeln. Einesteils graute ihr wieder vor der Einsamkeit, eine Unterbrechung und eine andere Umgebung war ihr willkommen. Sie schärfte beim Abschied der alten Klara ein wohl auf ihre Briefe zu achten (sie ließ sich keinen nachsenden, aus Angst, er könnte verloren gehen), am Samstag gedachte sie sie unter irgendeinem Vorwand anzurufen, Sonntag kam sowieso keine Post, und am Montag früh würde sie ja zurückkehren.
So fuhr sie denn mit.
London lag bald hinter ihnen. Ein rauschender Wind wehte von der Hampsteader Heide herüber, und den fernen Tiefen entstiegen blaue und violette Wolkenbänke. Himmel und Erde schienen sich auf dieser Insel näher anzugehen als andernorts. Mariclée, in ihre Wagenecke gedrückt, machte sich die Bemerkungen über ihr müdes Aussehen wohl zu nutze, indem sie nichts sprach. So war sie allein. Die Straße, die sie fuhren, drang in einen starken Wald und als wieder das offene Land vor ihnen lag, war die Welt von der ersten Pracht der Dämmerung wie neu umhangen. Mariclée nahm sie losgelösten Sinnes und in ungestörter Einsamkeit, als wäre sie ein Flieger, in sich auf. Selbst wenn sie etwas sagte oder sagen hörte, drang es nicht bis zu ihr, so sehr hatte sich ihr Kontakt mit der Natur verstärkt. Es war, als tauschte sie Blicke mit den Dingen, die sie sah. Ein reiner Himmel überhing die Hürden, und gerade vor ihr, flimmerte da nicht die silberne Sichel des Neumonds zu ihrer Linken und traf sie wie ein unerwarteter Gruß? . . . .
In dem Hause ihrer stürmischen Freundin fand sie eine sehr lebensfrohe Gesellschaft vor und plauderte an diesem Abend mit Männern, die einhergingen und sich hielten wie Götter, und sich glichen wie Brüder. Es war seltsam, wie gut sich Mariclée mit solchen Leuten vertrug, und wie leicht sie selbst auf ein Weilchen die Nachdenklichkeit von sich zu bannen und dieselbe Geste anzunehmen wußte wie diese Menschen, die über alle Güter dieser Welt verfügten und von den Slums wußten, wie man von der Milchstraße weiß. Aber während sie sich selbst auf ihrer Bühne bewegte, merkte sie plötzlich, wie schmal sie war; und sie maß sie, so oft sie sie selber beschritt, mit einem halb überlegenen, halb abenteuerlichen Gefühl, weil sie über ihre Ein- und Ausgänge so wohl orientiert war und über die Pfade, die abseits von ihr führten, und in welcher Richtung eine gewisse Folterkammer der Sorgen lag, deren Schatten nicht bis zu dieser Bühne gelangten. Denn nicht einmal die Kulissen derselben durften diese Bevorzugten in der Regel betreten, sondern waren streng an die paar glänzenden Bretter gewiesen, um als ein Blendwerk für andere heraußen zu stehen. Sie erkannte auch, warum das Geld nun einmal alles andere war wie ein Lebenselixir, so daß sich im Verkehr mit den sehr reich Geborenen leicht eine gewisse Dürftigkeit ergab, indem ja ein ganzes Paradies bitterer und süßer, vornehmer und ergreifender, feiner, edler, komischer und kurzweiliger Dinge bei ihnen wegfiel, und man sie mit ihnen nicht besprach, weil sie nichts davon wissen und sie in ihrem gemütlichen wie in ihren gemütsvollen Nuancen nicht verstünden. Und Mariclée, die auf ihre Armut doch so erbittert war, wurde stets von einer stolzen Neidlosigkeit überkommen, wo sie sich mit Millionären zusammengeworfen sah, als sei es irgendwie vornehmer, ihnen nicht zuzugehören.
An diesem Abend tanzte, rauchte, lachte und flirtete sie, schwirrte mit federleichten Schritten über den Saal und brachte es zustande und es tat ihr wohl, sich in ein anderes Wesen hineinzuträumen und zu vergessen, wer sie war. Unter den Gästen befand sich eine junge Frau in einem fabelhaften blauen Atlaskleid, mit schwarzen Reflexen wie hineingemalt. Sie pflegte von Freitag auf Montag ihrem alternden Gatten auszureißen und hatte die an sich recht simple Methode ein Achselband, das sich nie verschob, zurechtzurücken und eine Locke, die sich niemals löste, aus der Stirn zu streichen. In absehbarer Zeit würde sie ja diese Geste verlernen müssen. Infolge der schönen Dinge aber, auf die sie deutete, war sie vorläufig noch berückend. Mariclée, die an ihr vorübertanzte, fing einen unvorsichtigen, verheißungsvollen, um Erfüllungen wissenden Blick auf, folgte im Fluge seiner Richtung und sah zwei andere Augen, die sich füllten wie das Herz einer Nelke, ein Hin und wieder, blitzartig schnell und nicht einzuholen.
„Solche Blicke zu werfen!“ dachte die tanzende Mariclée. Warum hatte sie sich um diese Kunst betrügen lassen, sie, die niemand etwas schuldete? Der Wortlaut der Zeitungsnotiz brauste jetzt wieder in ihren Ohren. Was war da noch zu hoffen? — Vielleicht trug man ihn die Treppen auf und nieder, wie vergangenes Jahr. Vielleicht hatte man ihm ihren Brief nicht nachgesandt, vielleicht war er zu krank ihn zu lesen.
Sie warf sich in einen Stuhl und ihr Partner setzte sich zu ihr. Er war ihr Tischherr gewesen und sein Äußeres hatte sie mehr frappiert als seine Worte. Wenn nur unsere deutschen Männer so aussähen! dachte sie. Welche Gestalt, welche Zeichnung. Er erzählte ihr jetzt vom Burenkrieg und daß er so viele Kameraden dort verlor. Und er haßte die Deutschen.
Mariclée schüttelte den Kopf. „Woher stammt unsere heutige Unrast, unser die ganze Welt umspannendes Heimweh?“ seufzte sie. „Halbheit ist überall und rückständig sind wir alle. Auf die Dauer ist heute jeder Ort verschlagen und dem Gefühl entlegen.“
„Oh!“ räumte er auf. „I dont find that at all.“
Mariclée lachte und sah ihm ins Gesicht.
Aber wo war die Dame in dem schweren Atlaskleid, das flammende Blau mit den schwarzen Reflexen fehlte im Bilde wie der starre Guß des Rockes, glatt wie Erz, der ihre edlen Maße besang.
Der Saal lag im Erdgeschoß, ein paar weit auslaufende, breite Marmorstufen führten direkt in den Park, das Wetter war so milde, daß die Flügeltüren offenstanden.
„Sie haben die berühmte Fontäne im Park noch nicht gesehen?“ sagte ihr Partner nach einer Weile, „darf ich sie Ihnen zeigen?“
„Jetzt?“ rief sie erstaunt. „Es ist ja dunkel.“
Sie glaubte ein leises Befremden in seinen Augen zu lesen, und weil ihr nichts so verhaßt war, als für eine Naive zu gelten: „Wo ist sie denn?“ setzte sie schnell hinzu.
„Wollen wir gehen?“ fragte er. Und Mariclée nahm ihren Umhang, der irgendwo in der Ecke des Saales lag. Er war von breiten Bändern wie ein Schäferhut gehalten und sie warf ihn über ihre schöne Achsel. Wie sie, halb ihrem Begleiter zugewandt, die Stufen hinunterging, hoben sich ihre Umrisse mit verräterischer Leichtigkeit von der hell erleuchteten Türe ab. Denn der kühne Mangel an Gewicht und Schwere, der ihr inneres Wesen kennzeichnete, lag auch in ihren Linien. Sie drangen jetzt in die stillen Alleen ein, und wovon hätten sie gesprochen, wenn nicht von Liebe. Mariclée, die sich sehr gerne über dieses Thema unterhielt, äußerte mit ihrer modulierten Stimme Dinge, die sie nie geäußert und nie gedacht und die sehr durchdacht und kundig klangen. Den Brunnen hörte man schon rauschen. Er lag in einem weiten flachen Rasenviertel, und ein hoher Strahl, den er emporsandte, fiel müßig plätschernd zurück. Das Merkwürdige daran war sein effektvolles à l’italienne, in einer offenen Balustrade mündendes Bassin, und daß man wie aus einer Waldespforte unerwartet zu ihm trat.
Aber noch unerwarteter war der Anblick, der sich ihnen hier darbot; ein zweites Paar: die Dame im schweren Atlaskleid, die sich küssen ließ. Mariclée wollte zurücktreten, aber die beiden verfolgten schon ihren Weg weiter in den Park sichtlich ohne eine Ahnung, daß man sie gesehen hatte.
„Ich bin froh,“ sagte Mariclée leise, „daß wir keine Störenfriede gewesen sind.“ Eigentlich hatte sie große Lust zu lachen. Er indessen lachte nicht, noch sprach er, und sein Gesicht schien schärfer und lebendiger geworden. Da graute ihr. Es war, als zögen sich eiserne Maschen um ihr Herz, und als senkte sich ein unsichtbares Visier über ihre umschatteten Züge. Aber zum Unglück versah sie sich der Putten nicht, die an den Eckstufen der Balustrade kauerten, glitt aus und wäre gefallen, hätte sie nicht ein starker, schnell bereiter Arm gehalten. Sie fand ihr Gleichgewicht sogleich wieder, aber statt ihr seine Stütze zu entziehen, trat er härter an sie heran und drückte sie an sich. Da, im Nu sich bäumend, wandte sie ihm, ohne ein Wort zu sagen, ein Antlitz zu, das für sich selber sprach, grau, fahl und schroff, wie eine Bergesfurche, einen Blick voll Abneigung, ja voll Haß. Und er ließ sie los, als wäre sie eine Schlange.
Aber Mariclée hatte sich schon gefaßt.
„Ein Springbrunnen ist doch wirklich nicht der geeignete Platz,“ sagte sie mit erkünsteltem Spott; „daß es uns ginge, wie den beiden vorhin, die unsere Schritte nicht hörten. Was dächte man!?“
„Was dachten wir?“ sagte er.
„Aber da war doch anzunehmen“ . . . . . sie brach schnell ab. „Ich bin die wildfremde, gestern erst Gekommene. Ist das deutsch? würde man fragen, ja schlimmer: man würde lachen.“
Sie konnte ihm doch nicht gestehen, daß sie selber es war, der solche Dinge, über die sie so schön theoretisieren konnte, in der Praxis unmöglich erschienen, weil sie durch ihr Geschick von je darum betrogen wurde und sie unwiederbringlich hinter ihr lagen, ohne daß sie sie je erfuhr.
„Wollen wir gehen?“ fragte er.
Aber Mariclée hatte jetzt Augen wie ein Luchs. Bevor sie mit ihm durch diese schwarze enge Waldespforte weiterzog, mußte sie ihm etwas Geschicktes, Trennendes zu sagen finden. Aber die rechten Worte standen ihr nicht zu Gebote.
Aus dem Rasen-Viereck stach eine weiße Steinbank hervor. Ein wenig hinkend, als könnte dies ihre Kontenance verstärken, ging sie darauf zu.
„Bleiben wir doch einen Augenblick,“ schlug sie vor. Von ihrer Abneigung, ihrem schnell bereiten Haß wußte sie nichts mehr. Sie begriff so wohl, daß man mit diesem Manne ein paar Tage, ein paar Wochen, ein paar Monate glückliche Zeiten lebte, und daß man ihm nicht widerstand. Es ging ihr nur wie an jenem Tage bei Selfridge: aus irgendeinem Grunde durfte sie wieder nicht mittun und mußte vom Tanzboden herab.
So wenig subtil er war, hatte ein Etwas in ihrer Haltung sein Mißtrauen doch erregt.
„Haben Sie jemandem die Treue geschworen?“ fragte er mit leisem Hohne. „O ich bin selbst die Hintergangene!“ lachte Mariclée. „Meine Moralitäten haben keine moralische Basis.“
Zwischen den schwarzen Tannen sahen die Sterne mit fast böser, fast bedrohlicher Nähe herab.
„Ungeliebt hinabzufahren,“ ja das war ihr schwermütiges Verlangen geworden. Aber warum log sie und machte sich schlecht? als sei es schmählich zur Treue an sich selbst gezwungen zu sein? Sie atmete auf, als jetzt unter der dunklen Waldespforte die Dame im Atlaskleid mit ihrem Gefährten sichtbar wurde. Etwas eilig rief und winkte sie ihnen von ihrer Bank aus zu.
„Hatte ich nicht recht?“ sagte sie dann leise. „Wer bürgt uns, daß sie uns die Diskretion vergolten hätten, die ihnen von uns widerfahren wird?“ und sie sah ihn mit einem trügerischen Lächeln an, als sei ihr nur die Gelegenheit nicht günstig genug gewesen.
Aber auch die Dame war sehr froh um die Begegnung. Es machte sich doch viel besser zu viert zurückzukehren!