Zweiundzwanzigstes Kapitel
Das große, luftige Turmzimmer, welches Mariclée in diesem Hause bewohnte, hatte sie gleich auf den ersten Blick merkwürdig angeheimelt. Irgendwie hatte es Stimmung, man wußte nicht warum. Von der schönen Landschaft allein, mit welcher der weitausspringende Erker gleichsam in unmittelbarem Kontakte stand, konnte sie nicht herrühren, denn die blumigen Vorhänge waren jetzt zugezogen, und doch behielt das Zimmer seinen eigentümlichen Zauber. Mariclée öffnete die Fenster und stieß die Läden zurück. In London hing die Nacht so totenstill, man fühlte nur die unbewegte, vom Ruße ewig durchsickerte Luft. Wie strömte sie hier! Wie rauschte der Nachtwind auf weiten Flügeln einher! Oder war es der Morgenwind? Man trennte sich so spät in diesem Schlosse. Selbst jetzt saßen unten noch einige beisammen, ein greller Lichtstrahl ergoß sich vom Saale aus über den Rasen und den sandigen Vorplatz und Stimmen drangen herauf. Smartness war hier das Hausgesetz; das einzige, auf das es ankam. Smartness bis zum Point d’Honneur, bis zur fixen Idee. Es war schon fast nicht mehr smart, so smart zu sein; aber für ein oder das andere Mal, von Freitag auf Montag fand Mariclée ein solches Leben unterhaltlich und wert gekannt, wenn auch nicht gelebt zu werden. — Auf ihrem Bette lagen, wie üblich, wieder eine Anzahl Bücher, und gewohnheitsmäßig versuchte sie zu lesen, streckte aber alsbald den Arm nach der zierlich umschirmten Lampe aus, um sie auszudrehen, und schlief augenblicklich ein.
Plötzlich, wie auf einen inneren Stoß hin, und von einem leisen, unerklärlichen Schrecken erfüllt, riß sie die Augen auf. Sie lag jetzt im Dunkeln, den Blick auf die weite Sternenbahn, die vor den offenen Erkerfenstern still feierlich vorüberzog. Und in der Ferne, und schon wie abgekehrt, der wissende, erbleichte Mond.
Sie war so schläfrig gewesen. Warum war sie so schnell erwacht? des kühlen Luftzuges wegen, den sie spürte? O nein! — ihre Wangen, ihre Hände fieberten. Welch holder Dämon war an ihr Lager hingetreten und hatte ein Bild entfacht, entschwundene Hoffnung wieder zu beseelen? Ein Bild: weiter nichts. Aber Mariclée war etwas von einer Sibylle; und es konnte nicht anders sein, als daß die Gabe zu träumen in ihr erstarken durfte und jener „leere Raum“, den es nicht gibt, in ihr entstand, der allein sich eignet, den Reflex des Künftigen und jene vorausgeworfenen Schatten aufzunehmen, welche als die sicheren Herolde den Dingen vorauseilen, die noch nicht geschehen und schon unentrinnbar sind. Aber das Bild? — — Das Bild war einfach ein Riesenleuchter gewesen, aus welchem unvermittelt, ohne daß eine Kerze darin stak, eine Flamme aufschlug, warm, grell und ohne Rauch. Diese Feuergarbe aber war es, deren beglückender Hauch Mariclées kummervolles Herz zum Stocken brachte, daß sie leise aufgeschreckt den Atem anhielt und erwachte.
Aber sie überdachte nichts, denn der Schlaf hielt sie jetzt im Banne. Das Grün, Braun und Grau war noch ein und dieselbe nächtliche Wand: unsichtbar fiel der hohe Brunnenstrahl hernieder, und Baum und Hügel hoben sich von der dunklen Luft nicht ab. Nur die Umrisse der Putten und der Statuen des Gartens fingen schon an, sachte um ihr Dasein zu ringen, wie das Weiß der Wände in Mariclées luftigem Zimmer, das weiße Kleid, das vom Stuhle hing und ihr weißes Bett. Und plötzlich, wie bei einer Puppe, die, aufgerichtet, ihre Lider zurückschlägt, standen wieder ihre Augen auf einen inneren geheimnisvollen Ruck hin offen. Sie sah ihre Hand, die mit geisterhafter Blässe von der weißen Decke herabhing. Sie war kalt von der Luft, aber es hatte noch eine andere Bewandtnis mit ihr. Welches Band? welche Erinnerung? Und dann? was weiter? . . . . . aber sie brauchte nicht lange zu suchen. Soeben hatte sie Rosen in Menge gehalten, diese Hand, die jetzt so leer herabhing, und sich nach Rosenstöcken ausgestreckt und nach Rosen gegriffen, die sich nicht wehrten, sondern deren lange Stiele ihr gleichsam in die Finger folgten, daß diese sie schon gepflückt hielten, bevor sie sie noch brachen. Es waren langstielige, halb erschlossene, heftige Rosen, wie die, welche Mariclée vor zwei Tagen in einem Londoner Schaufenster bewundert hatte. Mit der Linken hielt sie einen großen Busch solcher Rosen an ihr Herz, während die Rechte, die jetzt so leer von der Decke herabhing, immerzu nach neuen roten, dornenlosen Rosen griff und noch ganz erfüllt schien von ihrer Blätterfülle, ihrem Atem, ihrer duftenden Seele, so lebendig war das Bild, so wesenhaft jene Rosen gewesen. Und jetzt durchlief ein Schauer Mariclées Adern. „Ich werde ihn sehen,“ dachte sie, und schloß die Augen, wie um noch einmal zu dem entschwundenen Pfade zwischen den geträumten Rosenstöcken zurückzufinden. Draußen aber ballten sich jetzt die Schatten und schoben zusammen wie zum Streit und begannen den Rückzug. Die Wipfel spürten schon die Helle des nahenden Tages, der Steg unterschied sich vom Strauche, und die Wege kannten sich wieder aus.
Da zum dritten Male taten sich vor Mariclée die hörnenen Tore des Traumes, die uralten, mitleidig auf, sie einzulassen, und wiesen sie zu einem Flusse hin, der unter einem sonnigen Himmel seinen blau leuchtenden Strom in Eile dahintrieb. Sie aber ging bange und traurig am Ufer entlang, ohne den Grund ihrer Schwermut zu wissen. Dennoch ging sie leichten Fußes ihren schönen Pfad. Weiße Wolken überzogen die Sonne und tönten das Licht zu jener seelenvollen, süßen, herben, holden Fülle ab, mit der nur ein österreichischer oder deutscher Himmel Wege, Wälder, eine Tanne, einen Felsen überhängt. Und immerzu steigerte sich das magische Leben der Landschaft. Mit einem Male verengte sich der grünende Pfad, ein Strauch fing sich an ihr Kleid und hielt sie zurück. Sie wandte sich, um ihn loszumachen, da hingen an den Spitzen der nackten braunen Hecke kleine goldgelbe Strahlenblumen von einem so balsamischen Duft, daß sie leise erschreckend den Atem anhielt und erwachte.
Zugleich aber fielen jetzt die Fesseln des Schlafes von ihr; sie fuhr empor und stürzte ans Fenster und grüßte mit weiten Augen den silbernen Himmel, das Herz von Hoffnung so geschwellt, daß es hinaustrieb mitten in ein glückliches Meer. —
Es war einer jener strahlend schönen Tage, wie sie der September mitunter zur Nachfeier des Sommers noch aufbringt. Während die Gäste, um Golf zu spielen, sich ziemlich nach allen Richtungen entfernten, nahm Mariclée den Augenblick wahr, schlich sich davon und zog die leere, sonnenbeschienene Landstraße hinab, um mit ihren drei Träumen allein zu sein; denn sie hallten noch so mächtig in ihr nach, daß sie in ihnen wie in einer Wolke einherging. Die warme, rauchlose Flamme, die aus dem Leuchter schlug, wellte in ihr empor, und sie dachte an die Rosen, den Fluß und die braune Hecke mit den kleinen, balsamisch duftenden Blüten. Im Sarntal hatte es einmal ein Fluß so eilig gehabt, sie erinnerte sich wohl. Und weißes Geball hatte sich immerzu vor die Sonne gestellt und mit ihrem Lichte gespielt.
Wie man sich manchmal an einem Wochentage mit der Empfindung trägt, daß es Sonntag sei, so war ihr an diesem Septembermorgen immer, als sei es März; Ende März, in der Gegend von Meran. Dort sprossen solche gelben Strahlenblüten an den Spitzen der Hecken; und Mariclée hielt inne vor einem Strauch, den eine laute Biene umsummte; ihr war, als müßten sie hier hervorbrechen, goldgelb, balsamisch und mit derselben Plötzlichkeit wie in der vergangenen Nacht. Aber der Strauch war welk, seine Blätter still und müde und bereit zu fallen; — es war ein Mißton mitten in ihrer Stimmung voll seltsamer Weihe, als sie sich darauf besann. „O Gott!“ dachte sie erschrocken, „wie bin ich von der Wirklichkeit verlassen!“ — Aber dann fand sie oder besser verlor sich wieder. Die Sonne, vor welcher die Hirngespinste der Nacht bis in den fernsten Winkel des Gedächtnisses spurlos zu verwehen und verblassen pflegen, schlug die ihrigen nicht in Flucht. Vielmehr traten sie jetzt mit der Schärfe und Deutlichkeit des Schattenrisses hervor.
Wie sie da im mittäglichen Schein einsam ihres Weges zog, dachte sie glücklichen Herzens an ein Wiedersehen, und es war für sie ausgemacht, daß es nahe bevorstand. Nichts beirrte sie in dem Glauben. Es machte sie nicht stutzig, daß sie es in ihrer gegenwärtigen Verfassung so schlecht ertrug, mit Menschen zusammen zu sein und ihre Stimmen zu hören oder mit ihnen zu sprechen. — Als sie jetzt eine Gruppe, die ihr vom Schlosse zu sein schien, von ferne auftauchen sah, machte sie eilig kehrt, bevor sie von ihr erblickt werden konnte.
„Wem laufen Sie denn davon?“ rief ihr da eine lachende Stimme zu. Und das Liebespaar der Fontäne, das unbemerkt hinter ihr hergegangen war, vertrat ihr den Weg. Die Dame trug jetzt ein luftiges Strandkleid, und er, mit weißen Schuhen und einem lichtgrauen Hut, hatte sich ihr nicht minder hochsommerlich angepaßt.
„Ich wollte es nur mit jenem Wäldchen versuchen,“ erklärte Mariclée, „es wird wirklich zu heiß auf der Straße.“ Und sie deutete auf einen schattigen Weg, der dem Parke zuzulaufen schien und den beiden im Rücken lag; denn sie dachte nicht anders, als daß es ihnen auch nur willkommen wäre, allein weiter zu gehen; die aber nahmen sie sofort, wie auf Verabredung, in ihre Mitte. (Es machte sich doch viel besser, zu dritt wieder aufzutauchen!)
„Nein! uns entwischen Sie nicht!“ rief die Dame im Strandkleid. Und jetzt regnete es auf Mariclée neugierige Fragen ein, die sich natürlich alle auf die Deutschen und Deutschland bezogen. Da zäumte sie ihr stets gewilltes Paradepferd und predigte über ihren im ganzen Lande mit Zischen aufgenommenen Text, auf dem sie immer beharrte: Die Liebe der Deutschen für England. Auf die Wahrheit dieses Textes kam es ihr auch gar nicht an, sondern auf die für sie unumstößliche Tatsache, daß unsere nationalen Eigentümlichkeiten sich zu sehr zugespitzt hatten, um eine weitere Steigerung zuzulassen. So konnte man vor allen Dingen nicht mehr französischer, nicht mehr englischer werden . . . . . . Mariclée suchte die Zukunft Europas nicht auf dem Wasser, sondern im Blut. War es denkbar, daß in einem täglich kleiner werdenden Erdteil stammverwandte Völker, deren so geteilte Qualitäten der endlichen Kreuzung dringend bedurften, allen Ernstes daran dachten, sich zu bekriegen?
Es war jedoch, als trieben die Beiden ein neues Spiel mit ihrer Leidenschaft, indem sie als Variante ihres gegenseitigen Interesses ein gemeinsames vom Zaune brachen. Mariclée war zu dünn besaitet, um es nicht herauszufühlen; sie kam sich zwischen den Beiden vor wie der Block unter dem Schaukelbrett und mit einem Male ließ sie los, hörte auf, den unbewegten Mittelpunkt zu bilden, störte das Gleichgewicht und unterbrach das Spiel. Plötzlich aufblickend, ergriff sie den Arm der Dame, hing sich ein und sagte nichts mehr. Sie fühlte sich heimisch zwischen diesen Beiden und es lag nun einmal nicht in ihr zu moralisieren. Den Nächsten auf seine Moralität hin zu prüfen war ein Unterfangen, für das ihr Talent und Interesse gleicherweise fehlten. Die Moralität des anderen war alles, nur kein Standpunkt. Wie seine Lunge, sein Pulsschlag oder seine Post, war sie nur für ihn selbst unendlich wichtig und existierte nur für ihn. Sein Glück aber, das Glück, wo immer sie es gewahrte, das existierte auch für sie, mit dem hielt sie Gemeinschaft, und das steckte sie an. Denn das Glück, während es währte, hatte geradezu etwas, das der Zeit zu gebieten schien und sie irgendwie gänzlich überbot, so daß ihr Herz sich daran fangen konnte und seinen Rhythmen hingab.
Auf der Schattenseite des Hauses warteten indes ein paar Gäste, in tiefen Korbstühlen vergraben, auf die Rückkehr der anderen und sahen lächelnd das seltsame Trio einherziehen.
„Cornelia und mein Vetter, die schon wieder von dem deutschen Mädchen nach Hause gebracht werden,“ bemerkte eine Dame. „Es ist doch zu spaßhaft für Worte!“
„Sie hat eben eine Mission,“ sagte ein Herr; „verirrte Schafe zu suchen und heimzutragen; das ist doch sehr schön.“
„Arme Cornelia!“ lachte eine Dritte. „Warum stieß sie das Fräulein nicht in den Bach?“
Mariclée übersah von weitem die Situation.
„Ich wurde gefunden und in die Mitte genommen,“ verkündete sie.
„Sie rissen mir aus,“ sagte jetzt ihr gestriger Partner verbindlich, doch ohne sich um sie zu bemühen.
„Nein, Sie ließen mich im Stich,“ gab sie lächelnd zurück. Sie wußte ganz gut, daß sie es mit ihm verdorben hatte.