Dreiundzwanzigstes Kapitel
Auf dem Marmortisch in Grosvenorstreet lagen am Montag morgen eine Anzahl Briefe und Zeitungen. Aber die alte Klara hätte ebensogut sagen können: „No letters, Madam“, denn das Exemplar hatte kein Zeichen gegeben.
Mariclée suchte sich weiszumachen, daß ihr Mut deshalb nicht gesunken sei. Und nur noch wenige Tage, dann würde es sich ja zeigen; — dann war der Dreißigste. — So lange und keine Stunde länger würde sie sich gedulden.
Zum luncheon hatten sie zwei Dollarprinzessinnen eingeladen. — Ach nein. Dafür dankte sie. Sie wollte ein paar Zeilen schreiben und sie dann hinüberschicken. Das war zunächst ihre Beschäftigung. Und dann? Ja, was wollte sie dann tun? Daran hatte sie nicht gedacht. Sie hatte nicht weiter als an den Marmortisch gedacht und an den Brief, den sie darauf zu finden hoffte und der nicht gekommen war. Ja, wohin sollte sie nun fliehen vor der Ungewißheit, die sie verfolgte? Wie weit würden sie ihre Füße tragen in den Wüstensand der Verlassenheit, dem sie sich anheimstellte?
War es nicht wieder ein Palliativ, sich den kreischenden Stimmen der Multi-Millionärinnen auszusetzen, statt dem höhnisch grellen Widerhall der Wirklichkeit, der anfing, gegen ihre drei Träume so mächtig zu detonieren? Darauf durfte sie jetzt nicht hören. Nein! Sparsam mußte sie jetzt mit ihren Kräften umgehen. Schon schmerzte sie das Tageslicht, schon wandelte sich ihr Herz wie zu einem heißen Stein; das alte Fieber brach von neuem aus; und Asche, Asche mußte sie nun unermüdlich auf ihre Sorge, ihre Zweifel, ihre brennenden Gedanken schütten.
Sie zog sich um und eilte etwas verspätet ins Ritzhotel, in dem die zwei Dollarprinzessinnen wohnten. Die eine war die Tochter eines immens reichen amerikanischen Schlächters, und um ihre soziale Stellung hätte sie manche bayrische Standesherrin beneiden können. Die zwei Damen warteten schon in der Halle, in Gesellschaft eines englischen Offiziers und eines Herrn aus dem Gefolge des Königs, beide sympathisch, unwissend und schön. Indes, — ob geistvoll, ob borniert, im Ritz spielte das keine Rolle, alles war fürs Auge. Die Sinne waren eingelullt wie von Musik angesichts der Leute, die wie heimlich beleuchtete Schatten hier vorüberzogen. Diese Frauensilhouetten so stilisiert, so künstlich, daß tief hineingesetzte, gewagte, ja selbst häßliche Hüte auf diesen einzig auf den Effekt hergerichteten Köpfen einen erhöhten, fast ein wenig perversen Charme gewannen, und das Hohe, das Erhabene, das in seiner edlen Glätte Erhebende war hier der Boden des Lebens; vom deutschen Gedankenhimmel war man hier fern genug, und auf ihn verzichtete man. Auch Mariclée war es da auf ein Weilchen immer, als ob sie ihn nicht vermißte.
So verlief denn ihr Essen recht beschaulich, und sie zog dann noch mit in das Atelier eines jener Modemaler, schlecht und recht, wie es deren zu allen Zeiten und in allen Ländern gibt, um ein Kinderporträt, das eben Furore machte, anzusehen. Es stellte ein kleines Mädchen dar und war ein richtiges Salonstück, hübsch, gefällig und wertlos.
„Ist sie reich?“ flüsterte einer der Herren.
„Aber sehen Sie doch ihre Haarschleife an!“ erwiderte Mariclée, „nur die Bandenden einer Millionärin halten sich so steil aufrecht.“ —
„Dann will ich auf sie warten,“ erklärte er.
Die Dollarprinzessinnen hatten sich indes in ein Gespräch vertieft, über das alles andere vergessen war. Die eine hatte nämlich in Bondstreet einen wundervollen Schlafrock entdeckt; und die andere wollte ihn auch. Der Preis war für die eine der Prinzessinnen (deren Vater kein Schlächter war) denn doch zu hoch, und so einigten sie sich als gute Freundinnen, daß die eine ihn kaufen wollte, die andere ihn kopieren dürfte. Um wie viel billiger als das Original die Kopie sich belaufen würde, rechneten sie nun auf Schilling und Pence mit einer Präzision und einem Eifer aus, der Mariclée überraschte und verdroß. Sie war noch immer so naiv, bei reichen Leuten eine ihrem Vermögen entsprechende Distanz ihres Zahlensinnes vorauszusetzen, ja diese Distanz recht eigentlich als ihr vornehmstes und beneidenswertes Privilegium anzuerkennen. Sie war deshalb starr über eine so kleinkrämerhafte Genauigkeit und plötzlich von einem solchen Überdruß und Ekel vor diesen gesättigten und tellerflachen Existenzen überkommen, einer Scham, in dieser profanen Bilderwerkstatt mit diesen Müßiggängern herumzustehen, daß sie das Zusammensein mit ihnen nicht mehr ertrug und ihnen ganz abrupt unter irgendeinem Vorwand ausriß.
Es war noch früh am Nachmittag. Wohin wollte sie nun? und was war stark genug, ihr eine Ablenkung zu schaffen? Zu Hause konnte sie nicht bleiben, sie mußte ihren Gedanken aus dem Weg. Wie sie da ihre Treppe emporstieg und ihr Spiegelbild ihr entgegentrat, wußte sie’s; heute oder nie würde sie die Fahrt nach Whitechapel unternehmen. Oft schon hatte sie sich ein Herz zu diesem Gange fassen wollen und es immer wieder aufgeschoben. Sie lief auf ihr Zimmer, warf sich rasch in einen dunklen, kurzen Rock und einen Mantel, nahm einen Stock und stürmte wieder davon. Mariclées sich Umziehen war sehr leicht ein sich Verkleiden; wer sie vorhin im Ritz gesehen, hätte sie kaum wiedererkannt in dem weltfremden Wesen, das mit großen, entschlossenen Schritten wie ein Seminarist einherging. Sie bestieg das Dach eines Omnibusses, fuhr erst Piccadilly und die schönen Stadtteile entlang, dann in die City und hinein in eine immer gedrängtere, einzig vom Trafik überfüllte, drückende Welt. Sie wogte, grau in grau, in den sich häufenden Gassen, wie eine im engen Bett hochtreibende Flut.
Auf einem düsteren Platze machte der Omnibus kehrt, und Mariclée mußte umsteigen. Während sie auf einen anderen wartete, verfinsterte sich der Himmel, und es fing an zu regnen. Ein Gefühl unendlicher Verlassenheit senkte sich wie ein Nebel auf sie herab. Ein Überdruß hatte sie hierher getrieben. Aber welchen Becher hielt sie sich jetzo hin? Und alle Warnungen ihrer Freunde, ja nicht allein eine solche Gegend aufzusuchen, fielen ihr nunmehr aufs Herz. Aber die Dinge waren nun einmal da, damit man seine Schlüsse daraus zöge, und was für einen Sinn hätte das hier umzukehren? Suchte sie nicht Kontraste, mußte sie nicht eine Ablenkung haben? — Als ein hoher Wagen einherpolterte, stieg sie rasch ein, aber schon dachte sie an ihr Haus in Grosvenorstreet, wo die alte Klara für sie sorgte und sie hegte, wie an den Olymp. Es stiegen jetzt seltsame, äußerst schmutzige Leute ein, polnische Juden, schwatzende Frauen mit großen Ohrringen, ohne Hut, nicht frisiert und schmierig. Und auch die Bevölkerung schien eine ganz andere, viel dunklere geworden. Die Straße, auf die sie jetzt hinaussah, dünkte ihr der richtige Übergang zu dem Orte, zu dem sie fuhr. Sie war sehr breit, mit niederen trostlosen Häusern. Zwei Hansoms, obwohl schon alt und abgedankt, nahmen sich wie degradiert hier aus; und überall mündeten von dieser Straße aus, schwarzen Schlünden gleich, finstere Gäßchen, eng wie zwischen den Lagunen. Jetzt mußte bald die Brücke kommen, denn sie hatte sich eingebildet, Whitechapel läge von der übrigen Welt durch eine Brücke getrennt. Aber da hielt der Wagen, und da stand schon „Whitechapel“, der berüchtigte Name, in grellen Lettern an allen Ecken zu lesen. Es hatte nichts Schreckliches, es war nur schrecklich durch seine Öde; alles Heitere, alles Behagliche verwiesen. Die Häuser zogen sich in schmählicher Gleichförmigkeit wie Reihen von Sträflingen hin. Warum dieser unwürdige Stempel einer ganzen Stadt aufgedrückt? wie ehrlos war eine solche Unfreudigkeit! Welchen Sinn hatte das? Sie blickte umher, unschlüssig, wohin sie sich wenden sollte, und ging dann eine der finsteren Gassen hinab. Doch bevor sie noch ein Dutzend Häuser entlang gegangen war, hielt sie inne; auch ohne die Warnungen ihrer Freunde hätte sie hier gezögert und wäre umgekehrt. Das Herz schlug ihr im Halse; sie erkannte ihre Unvorsichtigkeit. Selbst von Schutzmännern schienen diese höllischen Gassen gemieden. Ein Stoß, und man verschwand auf immer in einem dieser schwarzen, hohläugigen Eingänge. Ein Weib mit einem großen Bündel im Arm hatte sie schon erspäht und trat aus einem Winkel hervor. Wie vor einem Abgrund trat sie jetzt zurück; es saßen ihr mit einem Male tausend Augen im Kopfe, und sie merkte die Gefahr. Sie lief nicht, ihre Füße waren wie Blei, sondern mit angestrengten Schritten und nur einen einzigen Gedanken im Kopf steuerte sie wieder dem Rande der breiten Straße zu, hielt sich an deren Ecke wie an einem Geländer fest und sah dann, denn hier glaubte sie sich geborgen, wieder hinab. Zwei Männer schlappten einher, so ganz in ihr elendiges Gespräch vertieft, daß sie nicht aufblickten und Mariclée sie ungestört betrachten konnte. Der eine horchte gespannt, der andere gestikulierte, unsäglich geschäftig, in einem Anzug, der viel zu lang an den Beinen, viel zu kurz an den Ärmeln war, und die Gliedmaßen der beiden, ihre Schritte, die Art, wie sie ihre Daumen, ihre Finger, ihre Lippen bewegten, wie sie lachten, ihre tierisch scharfen und zugleich verblödeten Augen, alles war infam. Mußte man nicht an einen Riß in der Gattung glauben, der solche Menschen vom Menschen schied? Indes war das Weib mit dem großen Bündel im Arm auf Mariclée zugekommen und bettelte sie an. Sie gab ihm schnell einen Penny und rückte weiter weg; allein es hielt sich an ihrer Seite. Da warf Mariclée einen Blick auf das Bündel, aus dem ein sechs bis acht Monate altes Kind zufrieden hervorsah. Dieser Anblick aber war es, vor dem sie alsbald die Flucht ergriff und wie in sinnloser Angst einem Omnibus zulief, der gerade einherfuhr. An jenen beiden Männern war etwas grotesk Harmloses im Vergleich, und lieber hätte sie noch einen ganzen Troß solch niedriger Subjekte einhergehen, wie dieses Kind einhertragen sehen. Allein das Weib mit seiner Teufelsbrut folgte ihr schnell auf den Fersen, löste mit ihrem Penny eine Fahrkarte und setzte sich neben sie, als gehörten sie zusammen. Voll Ekel zog Mariclée ihren Rock straffer um ihre Knie, aber dann fielen ihre Blicke wieder auf das entsetzliche Kind, dessen kaum ans Licht gebrachte Züge auch nicht einen Hauch von Unschuld umwehte, das sich vielmehr mit jedem Atemzuge an eine Welt der Verruchtheit und der Verbrechen festzusaugen schien. Diese rüsselhafte Nase, dieses bestialische Kinn behaupteten sich schon mit einer wüsten Sicherheit, als schmiede es ein viel festerer Ring als andere kleine Lebewesen an die Kette der Erscheinungen.
Ein Haß auf dies widerliche Stück Fleisch, ein Verlangen, die Erde davon zu säubern, edle Mütter zu rächen, sei’s nur, um wieder freier atmen zu können, erfüllte sie ganz. Wie duldeten wir die Schmach, solche Kreaturen als unseresgleichen ans Licht hervorkriechen, zeugen zu lassen? Und plötzlich von neuem gebannt, vertiefte sie sich wieder in den Anblick dieser Fleisch gewordenen Gemeinheit, in der ein ewiger Gedanke mit verwegener Deutlichkeit nach Äußerung rang; denn ein abertausendjähriger Funke hatte sich hier zu neuem Leben entzündet. Ja, an solchen Eltern hatte sein verworfenes Feuer Nahrung, seinen niedrigen Herd erzwingen müssen. Denn Blut war Alles. — Die furchtbare Verantwortung für das, was es war, lastete schwerer auf diesem Kinde als auf dem Weib, das es zur Welt gebracht, und schaudernd erfaßte da Mariclée allen Makel der Geburt. —
Das Weib indessen, für Gedankenübertragung nicht empfänglich, wollte den Ausflug an ihrer Seite noch weiter ausdehnen und verlangte wieder einen Penny. Sie aber, in der Verwirrung, der Empörung, gab dem Kondukteur ein Zeichen, der es auf der Stelle auswies, und so stieß sie es von sich.